Sein Leben in meiner Gewalt (The Offence, GB 1973) #Filmfest 358

Filmfest 358 A

Jenseits von James Bond

Im Original heißt der Film „The Offence“ und ist damit vieldeutig betitelt, der deutsche Verleih hat die Interpretationsspielräume zugunsten einer Situationsbeschreibung – ein Tatverdächtiger in der Gewalt eines Polizisten – aufgegeben. Die allgemeine Deutung des Wortes „offence“, wie sie im amerikanischen und britischen Englisch gebräuchlich ist, entspricht dem deutschen Wort „Beleidigung“.

Tatsächlich ist es so, dass es in dem Film viel um Beleidigung geht – unter anderem beleidigen sich der mutmaßliche Kinderschänder Baxter (Ian Bannen) und der Polizeisergeant Johnson (Sean Connery) gegen Ende des Films, im Zuge der Auflösung, mehrmals gegenseitig. Aber auch das Verhältnis von Johnson zu seiner Ehefrau (Vivien Merchant) ist von Demütigungen seinerseits gekennzeichnet, ein weiteres, von verbaler Gewalt nicht  freies Spannungsverhältnis ergibt sich, als intern gegen Johnson ermittelt wird, zu dem hochrangingen Polizeioffizier Cartwright  (Trevor Howard), der diese Ermittlung leitet. Wie es weitergeht, steht in der Handlungsangabe, wie der Film ist, in der -> Rezension.

Handlung (1)

Der britische Detektiv Johnson arbeitet seit 20 Jahren bei der Polizei. Seine Arbeit scheint ihn zu vereinnahmen. Er hat in seiner Polizeikarriere sehr viele Morde, Leichen, Vergewaltigungen und Sexualmorde gesehen. Nun muss er – bislang erfolglos – in einer Reihe von Vergewaltigungen von Kindern ermitteln. Drei Kinder wurden bereits misshandelt, so dass die Polizei die Schulen in der Umgebung überwachen lässt, was Johnson gar nicht für sinnvoll hält.

Später wird ein Mädchen vermisst, welches kurz darauf durch eine groß angelegte Suchaktion von Johnson in einem nahe gelegenen Wald gefunden wird. Sie wurde ebenfalls vergewaltigt. Johnson begleitet sie ins Krankenhaus, doch er bekommt keine Informationen von ihr, weil das Mädchen ruhig gestellt wird. Auf der Polizeiwache meldet sich zwar eine Zeugin, die das Mädchen mit einem Mann gesehen hat, ihn aber nicht besonders gut beschreiben kann. Auch eine Befragung eines Polizeispitzels bringt keine neuen Erkenntnisse.

Dann greift die Polizei einen Mann auf, der sich als Kenneth Baxter vorstellt. Er fiel durch zielloses Herumtorkeln durch die Straßen mit beschmutzter Kleidung auf. Baxter schweigt beim Verhör aber beharrlich, wodurch Johnson die Nerven verliert und ihn so brutal zusammenschlägt, dass er ins Krankenhaus muss. Daraufhin wird Johnson suspendiert.

Auf der Fahrt nach Hause kommen ihm die Erinnerungen an seine Erlebnisse von 20 Jahren Polizeidienst hoch. Zu Hause trinkt er gläserweise Whisky und erzählt widerwillig seiner Frau Maureen, was passiert ist. Dabei dreht er erneut durch und fängt aus Frust über seine schlimmen Erlebnisse an zu schreien und beleidigt seine Frau aufs Schlimmste.

Da Baxter inzwischen verstirbt, wird Johnson in die Polizeiwache zurück gerufen, wo er von Detective Superintendent Cartwright verhört wird. So muss er erneut die ganze Geschichte erzählen und man erfährt weitere Einzelheiten des Verhörs.

2020-08-14 Filmfest ARezension

Im britischen Englisch bedeutet „offence“ aber auch schlicht „Verbrechen“ oder „Vergehen“ und natürlich handelt der gleichnamige Film auch davon: Um ausgeführte Verbrechen an Kindern und um die Verbrechen, die sich als Phantasien in den Köpfen von Männern abspielen und um die Gewalt, die sich unvermittelt und nach jahrelangen Frustrationen Bahn bricht. Eine weitere Übersetzung besonders des britischen Gebrauchs von „offence“ ist „Angriff“. Viele Jahre lang ist die Integrität des Polizisten Johnson Angriffen ausgesetzt. Seine Tätigkeit wird als grausig dargestellt und als hochgradig desillusionierend. Der Idealismus, den der junge Johnson sicher hatte, als er zur Kriminalpolizei ging, ist einer Bunkermentalität gewichen, die ihn vor den täglichen Angriffen auf seine Psyche schützen soll – es aber letztlich nicht kann, wie wir im Film sehen.

Der Film selbst, basierend auf einem Bühnenstück, ist eine Herausforderung. Regisseur Sidney Lumethatte sich im Jahr 1972 längst unsterblich gemacht – mit seinem ersten Kinospielfilm „Twelve Angry Men“ / „Die zwölf Geschworenen“ (1957), der heute noch zu den besten der besten Filme aller Zeiten zählt. Dass Lumet ein Meister filmischen Erzählens und der Schauspielerführung ist, beweist er auch in „The Offence“, der hochspannend geraten ist und sehr suggestiv – allerdings auch formal nicht ganz einheitlich. Sean Connery gibt kurz nach dem Ende seiner Tätigkeit als James Bond mit „Diamantenfieber“ (1971) eine fantastische, zeitweilig irritierende Vorstellung als Polizist Johnson, auch die Darstellung von Ian Bannen als vermutlicher Sexualtraftäter ist großartig. Trevor Howard, einer der großen des britischen Kinos, hat mehrere gute Szenen.

„The Offence“ basiert auf einem Bühnenstück von John Hopkins, der auch das Drehbuch schrieb. Offenbar mit anderem Akzent, denn gemäß Kritik ist im Film der Aspekt des Psychothrillers deutlich hervorgehoben, der gesellschaftliche Kontext, der für die Gewaltorgien von Sexualstraftätern verantwortlich ist, sei hingegen ausgeblendet. Wir finden, dass er immerhin angedeutet wurde – besonders im Verhältnis von Johnson zu seiner Frau, die er dominiert und diskriminiert, aber auch in den Gesprächen  zwischen den Männern (Johnson-Baxter, Cartwright-Johnson), in denen es um emotionales Kräftemessen und um gesellschaftliche Hierarchien geht.

1972 lag in der Ära des New Hollywood, und auch der britische Film war auf der Höhe der Zeit. Vor allem der Beginn von „The Offence“ ist formal so angelegt, dass er hochdramatisch wirkt. Die quälenden Zeitlupen der Anfangssequenz, in welche der Vorspann integriert ist, dann aber auch die Außenaufnahmen, in denen Eltern ihre Kinder von der Schule abholen. Es geschieht erst einmal nichts Spektakuläres, aber jede Einstellung vermittelt Hochspannung.

Weite, karge und wenig attraktive Landschaften, dann seelenlose Bürohäuser, dazwischen Nahaufnahmen von dezidiert und alles andere als erfüllt dreinblickenden Gesichtern. Äußere Tatbestände als Spiegel einer Welt reduzierter Emotionen. Heute würde man das auch noch so zeigen, aber kaum so suggestiv, und das ist im Grunde schade, denn speziell vom ersten Drittel des Films können sich Regisseure und Kameraleute noch immer abschauen, wie man jenseits der Bildsthetik und des Plots den Zuschauer eng ans Geschehen bindet und „Tension“ erzeugt und gleichzeitig Seelenlandschaften durch Settings darstellt. Im Verlauf wird der Film dialogorientiert, man kann auch sagen, er mündet in immer heftigere verbale Duelle mit dem Höhepunkt des – dann auch wörtlichen – Schlagabtausches zwischen Johnson und Baxter auf dem Polizeirevier. Das ist ebenfalls gut gemacht, aber nicht so ungewöhnlich.

Für die damalige Zeit ist die Darstellung von Gewaltstraftaten und inneren Vorgängen in einem Polizisten ganz gewiss offensiv. Uns fiel beim Anschauen von „The Offence“ der Vergleich mit Alfred Hitchcocks „Frenzy“ ein, der etwa zeitgleich entstand und ebenfalls das Subjekt von Sexualstraftaten (hier: an erwachsenen Frauen) behandelt.

Die Filmstile sind sehr unterschiedlich und wir empfinden die Art, wie in „The Offence“ an diese schwierige Thematik herangegangen wird, wesentlich moderner und hintergründiger, weil viel Subtext auf grundlegende Verwerfungen und Strukturen in unserer Gesellschaft und in unseren Seelen zielt, während Hitchcocks Thriller – allerdings sehr effektvoll – einen exorbitanten Einzeltäter beleuchtet und formal klassischer ist. Vivien Merchant spielt übrigen in beiden Filmen die Ehefrau eines Polizisten.

Wenn wir in das eintauchen, was in „The Offence“ erzählt wird, merken wir, dass wir nicht, wie bei Hitchcock, fasziniert, aber auch distanziert, einem Einzelsubjekt bei der grausigen Ausführung von Morden zuschauen, in „The Offence“ wird kein Verbrechen in seiner Ausführung gezeigt. Lediglich die Ergebnisse, geschändete, in manchen Fällen auch ermordete Frauen und Mädchen, werden immer wieder in kurzen Einblendungen und einmal auch in einer längeren Szene gezeigt, die ein Schlaglicht auf den Polizisten Johnson wirft – mehr als auf den vermutlichen Täter Baxter. Es wird im Übrigen nie geklärt, ob Baxter wirklich der Schänder ist, Johnson ist sich dessen aber sicher und viele Indizien sprechen dafür. Diese Ungewissheit passt aber zu der verstörenden Atmosphäre des Films – man kann sich nie sicher sein.

Man kann sich vor allem nie sicher sein, wie man selbst strukturiert ist. Im Allgemeinen ist man ein braver, möglicherweise sogar sehr angesehener Bürger, hat Familie und einen guten Job, wie Kenneth Baxter, der Mann aus der Mittelschicht, der gesellschaftlich über dem Polizisten Johnson steht, weshalb sich ein Teil der Aggressionen von Johnson auch daraus speist – er meint, die Leute mit Geld können sich alles erlauben. Gerade im Kontext von Sexualstraftaten dürfte das eher nicht der Fall sein, in vielen anderen Zusammenhängen stimmt es natürlich auch heute noch. Allerdings kommt es selten vor, dass Sexualstraftäter aus gehobenen Schichten stammen, was die gehobenen Schichten aber nicht zivilisierter macht, denn dort sind eher Wirtschaftsdelikte und Betrügereien großen Stils angesiedelt, die ebenfalls für erhebliche materielle und soziale Schäden sorgen.

Repression ist ein Stichwort. Macht und Ohnmacht. Der Ermittler lässt durchblicken, dass er allein aufgrund seiner Position den einfachen Polizisten Johnson fertig machen kann. Johnson und Baxter schauen einander gegenseitig in die Seele und wechseln ihre Positionen von Macht und Ohnmacht. Dazu kommt, dass Johnson in zwanzig Dienstjahren Vieles gesehen hat, dem er in ohnmächtiger Wut gegenüberstand. Manche Ohnmacht ist tatsächlich zeitgebunden.

Seit es die DNA-Analyse gibt und seit diese immer mehr verfeinert wird, so dass selbst uralte Fälle noch einmal aufgerollt und ausermittelt werden können, hat sich etwas Grundlegendes verändert. Die Polizei klärt fast jedes Verbrechen am Menschen auf, und dadurch wirkt sie nicht mehr so ohnmächtig wie in „The Offence“, wo sie sich auf recht eindeutige, aber eben nicht als Beweis taugliche Indizien stützen muss und dadurch auf ein Geständnis angewiesen ist. Im Film wird daraus ein Katz- und Maus-Spiel von hoher Intensität.

Psychologisch fanden wir Aktion und Reaktion der an Gesprächsduellen Beteiligten nicht immer komplett stimmig, aber selbstverständlich haben auch wir eine subjektive Wahrnehmung und zudem war diese Art des Seelenstriptease, wie er hier gezeigt wird, in den frühen 70ern noch in der Entwicklung. Der Ansatz ist old school, geboren in den schwülen Hollywood-Melodramen der 50er Jahre, die psychologisierend daherkamen und in denen Menschen in langen Dialogen Einblicke in ihr Inneres gaben, in den Topfilmen unterstützt durch das method acting von Stars wie Marlon Brando, James Dean und Paul Newman. Die behandelten Sujets und die seelisch wie körperlich aggressive Stimmung deuten schon auf Krimis und deren Inhalte und Darstellungsformen hin, wie sie mittlerweile üblich geworden sind.

Jenseits der Polizeiarbeit und ihrer mittlerweile durch Technik und Wissenschaft verbesserten Möglichkeiten agiert der Film aber auch mit den allgemeinen Gefühlen von Macht und Ohnmacht, die jeder kennt. Nur, wer im täglichen Leben keinen nennenswerten Konflikten ausgesetzt ist oder in einer so gehobenen Stellung, dass er stets die Machtposition innehat – was in unserer komplexen Welt kaum vorkommt – kennt dieses Wechselspiel nicht. Der Normalbürger weiß um beide Situationen, er kann sich gegen vieles wehren und auch einiges bestimmen, aber zum Beispiel gegenüber der Staatsmacht, wie sie von Polizisten, aber auch von anderen Beamten und Angestellten aller Art verkörpert wird, ist er häufig in der ohnmächtigen Position, ohne sich eines Vergehens bewusst zu sein und ohne, dass seinem Gerechtigkeits- oder Selbstwertgefühl Genüge getan wird. Zeitweise ist der Zuschauer deshalb auf der Seite von Baxter, weil Johnson austickt, sehr wohl im Bewusstsein um die Macht, die ihm seine Stellung verleiht und die er faktisch ausnutzt, ohne dass er dazu legitimiert wäre, den Gefangenen unter Einsatz von Gewalt zu verhören.

Das gehört zu den Elementen des Films, die es uns nicht leicht machen sollen – Partei zu ergreifen. Letztlich versteht man Johnson, ist sogar bereit, ihn zu entschuldigen, aber der Film macht klar, wie fragil die gute Ordnung der Dinge und der formale Schutz derjenigen stets ist, die sich in der Gewalt anderer befinden. Johnson macht Baxter auch deutlich, dass er ihm etwas von dem heimzahlen will, was Kinder fühlen, wenn sie von Baxter bedrängt werden. Letztlich zahlt er ihm alles heim, was sich in zwanzig Dienstjahren in Situationen eigener Hilflosigkeit angestaut hat.

Mit der Zeit können solche Frustrationen entstehen, die sich eines Tages Bahn brechen, wenn ein einzelnes Ereignis dafür sorgt, dass die zivilisationsbedingte Hemmschwelle vor Gewaltanwendung überschritten wird. Da aber nur selten diejenigen, die unter Repression leiden, sich gegen diejenigen wenden, die Repression ausüben, in Form eines Rachefeldzuges, trifft es eher jene, die sich wiederum nicht gegen einen solchermaßen frustrierten Menschen wehren können, und das sind leider oftmals Kinder und körperlich unterlegene Frauen. Zudem sorgte eine Gesellschaft, in der körperliche Gewaltanwendung gegenüber – eigenen – Kindern sogar gesetzlich legitimiert war, auch dafür, dass Täterpersönlichkeiten entstanden, bei denen Gewalt als Ausdrucksmittel innerer Spannungen ein Grundtatbestand war.

Wir schrieben den letzten Satz zwar im Imperfekt, sind jedoch überzeugt davon, dass durch eine höhere Sensibilisierung für Gewaltt im körperlichen und psychischen Sinn, wie sie mittlerweile erreicht ist, noch nicht alle Ursachen für Gewalt beseitigt sind. Verbale Repression, wie sie im Film besonders der Polizist Johnson ausübt, gegenüber seiner Frau und gegenüber dem Verdächtigen Baxter, ist immer noch ein gängiges Mittel, auf subtilere Art Strukturen von Macht und Ohnmacht aufzubauen. „The Offence“, verstanden als „Angriff“ oder „Beleidigung“ zeigt dies auf sehr eindringliche Art.

Wie die Positionen in dieser Struktur wechseln, das hat Sidney Lumet durch die Erzählweise des Films sehr deutlich werden lassen. Vor allem der Polizist Johnson muss miterleben, wie er vom Jäger zum Gejagten wird und wie über ihn ebenso ermittelt und seitens Cartwright ebenso befunden wird, wie er es zuvor gegenüber Baxter tut, eine wunderbar spiegelbildliche Plotanlage, die neben den formalen Meriten der Anfangssequenzen und dem nichtchronologischen Aufbau von der Meisterschaft kündet, mit der Lumet zumindest seine besseren Filme erzählt, und zu diesen zählen wir „The Offence“.

Ist heute alles anders? Es ist ein wenig subtiler geworden, zum Beispiel würde man verstehen, warum Johnson ausrastet, auch ohne die direkte Kausalität der Verbalinjurie seitens des offenbar schizophrenen Baxter. Außerdem können Polizisten jederzeit ärztliche Hilfe beanspruchen, wenn die Arbeitsrolle sie überfordert. Erziehung hat sich verändert, nie war die Gesellschaft für viele zwischemenschliche Belange mehr sensibilisiert als heute. Dem steht aber gegenüber, dass die äußeren Anforderungen, der Leistungsdruck, das Gefühl des ausgeliefert seins an globale Mächte immer mehr zunehmen. Gewalt in den Städten, in den Familien und in Fußballstadien sind alles andere als Phänomene von gestern und sie drücken für jedermann sichtbar aus, dass sich positive und negative Entwicklungen der letzten Jahrzehnte höchstens die Waage halten. Wir meinen deshalb, „The Offence“ ist immer noch aktuell, denn täglich kommt es zu Beleidigungen, Angriffen und es gibt immer noch Kindersc händer, auch wenn die Gefahr, entdeckt zu werden, heute sehr hoch ist.

Zwanghafte Persönlichkeiten, die sich dieser Gefahr aussetzen oder, wie schon der Mörder „M“ in Fritz Langs Klassiker, darauf bestehen, dass sie nicht anders können, sich der Gefahr also aussetzen müssen, sind nicht ausgestorben. Kenneth Baxter wird in „The Offence“ weniger getrieben dargestellt, was ihn besonders unsympathisch macht, doch dass man ihm diese wenig fassbare Persönlichkeit gegeben hat, erhöht die Spannung und Irritation und macht uns sehr greifbar, dass in nächster Nähe jemand leben kann, der ganz ähnlich tickt, ohne dass wir uns vorwerfen müssen, unübersehbare Zeichen für gefährlich abweichendes Verhalten missachtet zu haben.

Dass Sean Connery einen solchen Typ würde spielen können wie den Polizisten Johnson, das war bereits in Alfred Hitchcocks „Marnie“ (1964) zu erkennen, als er seine Frau, darf man annehmen, vergewaltigen wollte – wasmit Sidney Lumet wirkt er dann in „The Hill“ (1965) zusammen. Es ist nie Connerys Spezialität geworden, brutale Grenzgänger zu geben, aber aus dem Bond-Käfig zu entfliehen, war schon vor „The Offence“ sein Bestreben, und es hat sich aus  heutiger Sicht gelohnt. Mit schütterem Haupthaar, aber hochintensivem Blick, gibt er einen Mann, dessen Leidenschaft kaum zu verbergen ist und dessen Explosivität glaubwürdig wirkt.

Dass er als Polizist schon zwanzig Dienstjahre auf dem geraden Rücken hat, ohne es zu mehr als einem Sergeanten (im englischen Polizeibetrieb ist das weniger als ein Inspektor) gebracht zu haben, das wirkt angesichts seiner in jedem Moment spürbaren, mächtigen Präsenz und der Tatsache, dass er in einer Szene von einem Vorgesetzten als derjenige apostrophiert wird, der „immer etwas anzubieten“ hat, etwas seltsam. Für uns ist er gerade nicht der Typ, der nie vorwärts kommt, den Cartwright in ihm zu erkennen glaubt. Mit großem Engagement viel erreichen oder sich schon zu einem früheren Zeitpunkt aus dem Rennen kicken, wie er es hier durch den schlussendlichen Totschlag an dem Verdächtigen Baxter tut, das entspricht wohl eher seinem latent explosiven Charakte – das Dunkle, Hintergründige, das seine Augen und die starken Brauen vermitteln, wird hier noch durch einen mächtigen Schnurrbart gesteigert, den er als smarter Bond nie getragen hätte.

Für die Dialogsätze seiner Mitdarsteller und die Tatsache der u. e. etwas lang geratenen Dienstzeit kann aber Connery nichts, und auch nicht dafür, dass er gemäß Drehbuch eine Frau geheiratet hat, die er selbst als hässlich bezeichnet, um sie für seinen Frust zu demütigen. Wenn es etwas gibt, was Connerys Leistung beeinträchtigt, dann, dass man ihn zu gut als James Bond kennt, dass man seine Optik, Statur und Präsenz nicht einem Mann zurechnet, der sich auf diese Weise ins absolute mittlere Mittelmaß begibt und dort zwanzig Jahre lang herumstolpert, bis es zum – in dem Kontext allerdings  besonders verständlichen – Ausbruch der angestauten Gefühle kommt.

Finale

Wer die neuartige, raue Filmsprache der frühen 70er Jahre des 20. Jahrhunderts mag, wer „French Connection“ oder „Dirty Harry“ schätzt, der wird schnell Ähnlichkeiten mit „The Offence“ finden, Sean Connery als Antiheld ist mindestens so faszinierend wie als immer noch bester Bond aller Zeiten.

Nicht alles ist perfekt und es ist weniger perfekt als die üppigen Melodramen der zu  Ende gegangenen klassischen Hollywood-Epoche zu ihrer Glanzzeit waren, aber sehr direkt, brutal und ähnlich, wie es auch die Autorenfilmer der Zeit verstanden, geht es nicht darum, sich dem Publikum mit gepflegtem Ambiente und schönen Menschen anzubiedern und hundertprozentige Identifikationsfiguren zu schaffen, sondern darum, das Nachdenken über das, was in uns wirkt und was uns antreibt, zu fördern.

Der Film behandelt nicht nur die heute noch aktuelle Frage, wie mit Sexualstraftätern zu verfahren sei und zeigt uns Polizeigewalt in einer nicht regelkonformen Verhörsituation, sondern auch das Thema Burnout, das man begrifflich gesehen in den 70er Jahren noch gar nicht kannte. Ausgebrannt sein, das zeigt uns Connery, muss nicht immer darin enden, dass man einfach nicht mehr kann, sondern kann auch zu einer finalen Eruption führen, einem letztmaligen Aufbegehren jenseits jeder Selbstkontrolle und Selbstachtung.

Auch wenn „The Offence“ nicht ganz frei von Schwächen ist, wirkt er auch heute noch direkt aufs Gemüt und macht uns stellenweise atemlos. Die Action ist in den Charakteren angelegt, und das freut denjenigen, der gute Figuren mag, weit mehr als eine nervtötend inflationäre Anhäufung von Special Effects. 

80/100

© 2021, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke


(1) Wikipedia

Regie Sidney Lumet
Drehbuch John Hopkins
Produktion Denis O’Dell
Musik Harrison Birtwistle
Kamera Gerry Fisher
Schnitt John Victor Smith
Besetzung

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