Und tot bist du – Polizeiruf 110 Episode 154 #Crimetime 918 #Polizeiruf #Polizeiruf 110 #Halle #Beck #Kleinert #MDR #dutot

Crimetime 918 - Titelfoto © MDR

Das Grausame im Dorf und das grausame Dorf

Die Krimireihe „Polizeiruf 110“ hat eine weitaus komplexere Historie als das seit 1970 ununterbrochen laufende Parallelformat „Tatort“. Daher gibt es auch mehr „Marksteine“. Nicht nur wegen des Themas ist „Und tot bist du“ ein solcher Markstein. Die Nr. 154 war auch der erste Polizeiruf, der nach der Pause neu auf den Schirm kam, die von Ende 1991 bis Mitte 1993 dauerte. Der produzierende MDR war der erste Sender, der sich entschloss, die Tradition fortzusetzen, die nicht mit der DDR endete, aber doch knapp zwei Jahre später in Frage stand. Heute muss man schreiben: Ein Glücksfall, dass weitergemacht wurde, denn manchmal ist der Polizeiruf der bessere Tatort. Ist auch der erste Polizeiruf nach der kritischen Pause besser als die Tatorte der frühen 1990er? Dies und mehr klären wir in der -> Rezension.

Handlung (1)

In einer ruhigen Kleinstadt Sachsen-Anhalts wird die achtjährige Sandy ermordet. Daraufhin werden die Kommissare Beck und Kleinert aus Halle mit den Ermittlungen beauftragt, geraten jedoch in Konflikt mit dem Polizisten Großkopf, der vor Ort mit den Ermittlungen begonnen hat. Erst nach einer Weile ermitteln alle drei im Team. Beck und Kleinert wird bereits zu Beginn Herr Förster als Täter präsentiert. Er hatte in der Stadt Kinder fotografiert, Sandy vom Spielplatz gelockt und war mit ihr Eisessen gegangen. Auch im Wohnhaus, in dem Sandys Leiche gefunden wurde, war er vor der Tat gesehen worden. Für die örtliche Presse steht Förster als Täter fest, doch lassen die Ermittler ihn laufen, da die Bilder seiner Kamera zeigen, dass er zum Tatzeitraum nicht in der Nähe des Tatorts war.

Die Bürger der Kleinstadt reagieren fassungslos, vertrauen der Polizeiarbeit nicht mehr und gründen eine Bürgerwehr, um ihre Kinder zu schützen. Die Ermittler folgen unterdessen einer anderen Spur. Der junge Peter, der bei seinem Vater im Spielzeugladen arbeitet, hat am Tattag den Bauarbeiter Hartmann vom Boden des Hauses rennen sehen, wo auch Sandys Leiche gefunden wurde. Als die Ermittler Hartmann befragen wollen, flieht er. Bald stellt sich heraus, dass Hartmann einst wegen Exhibitionismus vor Kindern im Gefängnis gesessen hat und im Fall eines weiteren ungeklärten Kindermordes, der sich vor 18 Monaten zugetragen hat, verdächtig war, auch wenn man ihm nichts nachweisen konnte. In Hartmanns Keller findet sich ein Fernrohr, das einem der Hausbewohner aus dem Dachbodenspind gestohlen wurde. Da Hartmann verschwunden bleibt, kann er zur Tat nicht befragt werden. Die örtliche Zeitung jedoch präsentiert ihn als Serienmörder und Hartmanns Frau und Kind werden von der Bürgerwehr bedroht. Hartmanns Aufenthaltsort kann ermittelt und der Mann verhaftet werden. Er bestreitet die Tat.

In der Bürgerwehr ist auch Peters Vater aktiv. Er sieht eines Tages, wie Peter ein Mädchen, das im Laden Spielsachen gekauft hat, unsittlich berührt. Er ahnt, dass Peter etwas mit den Morden zu tun hat, versucht jedoch nur, ihn nicht mehr unbeaufsichtigt zu lassen. An einem Nachmittag erscheint das Mädchen Ulrike im Spielzeugladen und Peter verspricht, ihm die mitgebrachte Puppe zu reparieren. Ulrike wird von dem verwirrten Udo, der einst den Tod seiner Tochter verschuldet hat, zu einem Waldstück gebracht, wo sie verschwindet. Die Eltern beginnen bald darauf, nach Ulrike zu suchen. Udo bringt die Ermittler zu der Stelle, an der Ulrike in den Wald gerannt ist. Kurz darauf wird die Leiche des Mädchens gefunden. Die Ermittler erfahren, dass Hartmann als Täter nicht infrage kommt, da er zum Tatzeitpunkt bereits verhaftet war. Beck ist sich sicher, dass alle drei Morde auf das Konto eines Täters gehen. Der Täter und die Opfer müssen sich gekannt haben. Zudem muss der Täter freien Zugang zum Wohnhaus gehabt haben, in dem Sandys Leiche gefunden wurde, da die Haustür unbeschädigt war. Infrage kommt daher nur noch Peter Hempel, der damals zu Besuch bei seiner Großmutter war. Peter sagt aus, dass Ulrike mit der Puppe bei ihm war, er das Spielzeug jedoch sofort reparieren konnte. Es stellt sich jedoch heraus, dass Ulrike ohne Puppe das Geschäft verlassen hat, die Puppenrückgabe also beispielsweise auch im Waldstück hätte erfolgen können. Peter flieht und sein Vater kann ihn stellen, als er gerade ein weiteres Mädchen töten will. Beck und Kleinert sind kurz darauf vor Ort und nehmen Peter fest.

Rezension

Einerseits ist deutlich sichtbar, dass man die Kontinuität wahren wollte. Mit Hauptkommissar Günter Beck ist eine bekannte Größe als leitender Ermittler tätig, die im November 1988 eingeführt wurde und hier ihren siebten Fall löst. Einen Monat nach der Premiere von „Tot bist du“ verstarb der Darsteller eines Ermittlers der ersten Stunde, Jürgen Frohriep (Oberleutnant, Oberkommissar Hübner), 1994 dann Peter Borgelt (Oberleutnant, Hauptmann, Hauptkommissar Fuchs). Allerdings hatten beide in ihren späten Fällen schon Thomas Grawe (Andreas Schmidt-Schaller) und Lutz Zimmermann (Lutz Riemann) den Vortritt bei der aktiven Arbeit vor Ort gelassen. Grawe war noch bis 1995 tätig, Zimmermann nur bis 1991 – wohl auch deswegen, weil eine Stasi-Verstrickung des Darstellers öffentlich wurde. Das traf auch auf Andreas-Schmidt-Schaller zu, kam aber erst viel später ans Tageslicht.

Der Respekt vor der Staatsmacht, der auch auf Einschüchterung beruhte, ist jedenfalls weg: „Ihr habt uns nichts mehr zu sagen“, heißt es an einer Stelle in „Und tot bist du“. Kinder werden ermordet. Der Mob tobt. Die Polizei ist auf beklemmende Weise in der Defensive. Welche Haltung nimmt der Film ein? Er wurde von Routinier Thomas Jacob inszeniert, dessen Karriere in der Reihe schon 1976 begann und erst 2004 endet, er war einer jener Filmschaffenden, die nach der Wende ihre Karriere fortsetzen konnten. Seine Arbeiten haben wir recht unterschiedlich bewertet, was natürlich auch der unterschiedlichen Qualität der Drehbüchern geschuldet ist, die nicht durch einen sehr ausgeprägten Individualstil „geheilt“ werden konnten. Eines kann man nicht sagen: Dass er mit „Und tot bist du“ irgendwem gefallen will. Das ist ein sehr offensiver und zum Nachdenken herausfordernder Film, zu dem Jacob das Drehbuch gleich selbst verfasst hat (zusammen mit Barbara Schön).

Wir müssen uns ins Jahr 1993 versetzen, in dem grausame Kindermorde im Westpendant Tatort noch kaum gezeigt wurden und gleichzeitig darauf hinweisen, dass der Polizeiruf diesbezüglich schon eine längere Tradition hatte. Generell wurden psychisch erkrankte Serienmörder dort weitaus früher, intensiver und auch kundiger dargestellt. Diese Tendenz blieb dem Polizeiruf erhalten und besteht bis heute fort: Die Seele des Täters auszuleuchten, ist eine der Stärken dieser Reihe. Möglich gemacht unter anderem dadurch, dass die Drehbuchautoren nicht gezwungen sind, gleich zu Beginn eine Leiche zu präsentieren und von dort aus einen oft umständlich wirkenden Whodunit zu konstruieren. Allerdings: „Und tot bist du“ ist ein Whodunit. Mit Einschränkungen und gleichzeitig als Thriller konzipiert. Man ahnt, „er“ wird wieder töten. Man ahnt auch recht früh, wer es ist und wartet sehnsüchtig darauf, dass die beiden Ermittler aus Halle es auch herausbekommen. Die Aufregung der Eltern ist nachvollziehbar. Die immanente Gewalt in der Gesellschaft sagt einiges darüber aus, wie solche Mörder gemacht werden.

Tatsächlich? Nachdem wir wissen, der Kinderfotograf ist es nicht, der Exhibitionist ist es nicht, kommen wir auf den wirklichen Täter und es gibt im Grunde nichts, was ihn zu diesen Taten qualifiziert. Er wirkt sehr weich, sammelt Puppen, lebt in einem Laden für Kinderspielzeug, der von seinem Vater geführt wird, ein Familientraditionsgeschäft, die Mutter ist tot oder abgewandert. Wir haben gar nicht mehr im Kopf, welcher Fall vorliegt, aber es ist nicht das Gleiche. Der Vater wird später plötzlich auf eine Weise aggressiv, die man unterschiedlich deuten kann: Hält er die Erkenntnis nicht aus, dass sein Sohn ein Kindermörder sein könnte und richtet sich gegen andere oder ist die latente Aggressivität auch gegenüber seinem Sohn schon ausgebrochen, wird im Film aber nicht gezeigt, weil entsprechende Vorkommnisse in der Vergangenheit liegen?

Eine schlüssige Erklärung dafür, warum der junge Mann so ist, wie er ist, wird nicht gegeben und vielleicht ist das besser, als wenn zu viel Küchenpsychologie à la Hitchcock betrieben wird. Denn es ist nicht immer alles so leicht zu erklären, was geschieht und wie Menschen gestrickt sind. Die Gründe sind vielfältig und führen bis zur Diskussion darüber, ob es das „Mörder-Gen“ gibt. Nach unserer Ansicht gibt es das nicht, aber selbstverständlich haben schon Kinder unterschiedliche Persönlichkeiten und bei manchen sind die aggressiven Anteile hoch und müssen kanalisiert werden. Nur – man merkte es Peter Hempel doch nicht an. Sein Vater ist offenbar nicht der Typ, der etwas merkt, in dieser Spielzeugladenwelt, in der so viele Kinder ein- und ausgehen.

Vor allem der zweite Tod des Mädchens Ulrike ist schrecklich, weil man als Zuschauer Zeit hatte, sie kennenzulernen und ihre unverkrampfte, selbstbewusste Art macht sie zur Sympathieträgerin. Wir sind auch deshalb schockiert gewesen, weil wir davon ausgingen, dass man 1993 das Muster noch gewahrt haben sollte, das besagt: Nach einem grausamen Mord wird die zweite Person, die in Gefahr gerät, noch gerade gerettet. Es ist aber erst das „dritte Kind“, das von der Polizei noch rechtzeitig geschützt werden kann. Der Ärger über die umständlichen, langsamen Ermittlungen und gleichermaßen über die Bürgerwehr, die offenbart, wie roh viele Dorfbewohner sind, wie sehr sie fähig wären, Selbstjustiz zu üben, lässt es nicht zu, dass man sich in den Film einfindet und sich mit ihm einrichtet. So hatten es sich die Macher, insbesondere der Regisseur-Autor sicher auch gedacht. Jede Haltung, die man einnehmen kann, offenbart Schwächen und Fragwürdigkeiten.

Finale

Heutzutage erliegen die Macher solcher Filme der Versuchung, Gewalt an Kindern zu exploitieren, um den Rechtsstaat anzugreifen, davon ist 1993 noch nichts zu sehen, und das ist gut so, denn was geschehen würde, wenn man dem Mob freien Lauf ließe, sieht man ebenfalls. Ein Plädoyer für die schwierige Arbeit der Kripo in einer Umbruchzeit kann man deutlich herauslesen. Der Verlust an Autorität und an Macht führt dazu, dass Beck gegen die Bürgerwehr seine Dienstwaffe ziehen muss. Vermutlich war der Poizeiruf Nr. 154 auch der erste Polizeiruf, der eine solche „Selbstschutz“-Truppe zeigt. Das wäre zu DDR-Zeiten undenkbar gewesen, vielmehr wurde herausgestellt, welch enormen Aufwand die Polizei betreibt, wenn ein Kind vermisst wird. Dieser Aufwand wird in „Und tot bist du“ zwar nicht vergessen, aber eher am Rande gezeigt. Der Akzent liegt auf den düsteren Eigenschaften der Menschen und der daraus resultierenden beklemmenden Atmosphäre. Deswegen ist der Film auch visuell so gestaltet, dass er die Enge des Dorfes und einen Mangel an hellen Sonnentagen suggeriert.

Furchtbar fanden wir die Musik, wie bei vielen Krimis aus den 1980ern und 1990ern, aber im Verlauf stellt sich heraus, dass die nervige Dissonanz, die sie ausstrahlt, durchaus sinnvoll ist, auch wenn man das Geschehen heute anders untermalen würde. Kritikwürdig ist sicher, dass beim ersten Mord nicht früher herausgearbeitet wurde, dass jemand mit Zugang zum Haus der Täter gewesen sein muss, da die Tür nicht gewaltsam geöffnet wurde, aber diese späte Erkenntnis dient, wie meist in solchen Fällen, dazu, die Spannung über 90 Minuten aufrechtzuerhalten.

8/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Thomas Jacob
Drehbuch Barbara Schön
Thomas Jacob
Produktion Werner Uwe Kraft
Musik Arnold Fritzsch
Hartmut Behrsing
Kamera Werner Helbig
Schnitt Silvia Hebel
Besetzung

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