Bienzle und der Mord im Park – Tatort 309 #Crimetime 919 #Tatort #Stuttgart #Bienzle #SWR #Tod #Park

Crimetime 919 - Titelfoto © SWR

Die Fauna im Park ist gefährdet

Die Flora auch, wie man eingangs sieht, als ein Obdachloser in ein Blumenbeet hinein ermordet wurde. Nach „Bienzle und der Tod im Weinberg“ ist der Mord im Park erst die zweite Folge des langjährigen Stuttgarter Ermittlers, die wir für den Wahlberliner rezensieren (1). Aber es geht voran, denn bis zum ersten Beitrag über diesen nicht unumstrittenen Kommissar hat es 170 Rezensionen gedauert, von dort bis zum  zweiten nur 38.

Wir ertappen uns dabei, dass wir genau so schreiben, wie man es den Ländle-Tatorten mit Dietz-Werner Steck gerne unterstellt – trocken und faktisch, konventionell. Wir machen auch gleich so weiter. Es handelt sich beim Mord im Park um einen der frühen – den vierten. Gemäß Ranking des Tatort-Fundus gehört die Folge ans obere Ende des unteren Drittels aus allen 25 Fällen vom Bienzle Ernschd. Ob wir sie auch dort ansiedeln, ergibt sich aus der -> Rezension.

Handlung

In Stuttgart geht ein Mörder um, der es auf jene abgesehen hat, die am äußersten Rand unserer Gesellschaft leben – die Obdachlosen und Penner. Unter Bienzles Leitung wird eine Sonderkommission eingerichtet, nachdem im Schloßpark die dritte Leiche gefunden wird. Hanna Mader, eine ehrgeizige SOKO-Beamtin, wird ihm zur Seite gestellt.

Während Bienzle bei den Obdachlosen Ermittlungen durchführt, wird er Zeuge eines weiteren Mordversuchs an der Pennerin Anne. Gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Horlacher gelingt es Bienzle, den mutmaßlichen „Pennermörder“ zu stellen. Andreas Kerbel, ein Computerfreak, hat über Monate den Park beobachtet und das Verhalten der Penner und der ermittelnden Polizei in seinem Computer festgehalten. Dennoch leugnet Kerbel, der Täter zu sein.
Während der weiteren Aufklärungsarbeit treffen Bienzle und sein Assistent Göchter auf Charlotte Fink, eine unangepaßte junge Frau, die im Milieu als „Luxuspennerin“ gilt. Nicht einmal ihr Bruder, der immer wieder mit zwei Freunden bei ihr auftaucht, kann sie dazu überreden, wieder nach Hause zurückzukommen.

Horlacher wird indessen immer auffälliger durch seinen zunehmenden Alkoholgenuß und seine abfälligen Bemerkungen über Penner. Im Laufe der Ermittlungen stellt sich heraus, daß er ein heimliches Verhältnis mit Charlotte hat. Aber gerade sie ist es, die den Verdacht auf Horlacher lenkt. Obwohl weitere Indizien dafür sprechen, will Bienzle nicht glauben, daß sein Freund der Täter ist.

Rezension

Dabei ist es ein pralles Fernsehstück, voller schräger Plattemacher, betrunkener Polizisten, soziopathischer Computerfreaks, gewalttätiger Jugendlicher – mittendrin statt nur dabei ist Bienzle, der einen Hund bekommt, beinahe einen alkoholsüchtigen Kollegen verliert und sich sozial so deutlich äußert, wie wir das sonst vor allem von der Nordkollegin Lürsen kennen – die sich aber deutlich mehr oder echter echauffiert als der in sich ruhende Schwabe.

Dieser Tatort ist etwas untypisch für den Stuttgarter Hauptkommissar, vorliegendes Milieu wird in Schwaben nicht so häufig thematisiert. Auch die deutlichen Worte findet Ernst Bienzle milieugemäß, obwohl wir ihn mittlerweile als durchaus generell engagiert kennen. Allerdings, wenn man genau hinschaut – er kommentiert nicht die gesellschaftlichen Tatbestände, sondern gibt die Ansicht kund, dass ein Menschenleben im Park für ihn nicht weniger wert ist als eines im Schloss. Das lässt ihn fraglos sympathisch wirken, aber eher im christlichen Sinn (ein Mann der Nächstenliebe, das kommt an einer Stelle wörtlich zum Ausdruck) als sozialrevolutionär.

In jeder freien Gesellschaft muss es Menschen geben, die aus dem Raster fallen und in einer Form ganz unten ankommen. Die freie Gesellschaft ist gehalten, diesen Menschen Angebote zu machen und sie auf Wunsch zu reintegrieren. Doch sie kann ihnen nicht vorschreiben, dies zu tun. Sie kann sich interessieren und sollte es, aber sie kann nicht jedermann zu einer bestimmten, nach ihren stets vorhandenen Maßstäben konformen Lebensweise zwingen. Deswegen sind wir vorsichtig damit, Obdachlosigkeit generell als Ausdruck sozialer Kälte zu apostrophieren, sofern sie nicht überhand nimmt und überwiegend auf wirtschaftliche Not zurückzuführen ist. Es sind Einzelschicksale zu betrachten, das macht auch „Bienzle und der Mord im Park“ deutlich.

Würde man die Gehsteige, Fußgängerzonen und Parks „sauber“ halten wollen, müsste man Zwänge errichten, die einer Demokratie fremd sind. Bis hin zum Arbeitslager, das der türkische Taxifahrer vorschlägt, aus dessen Wagen Bienzle vorzeitig aussteigt, weil er frische Luft braucht. Man merkt, 1995 war die Welt noch differenziert. Man durfte einen Immigranten so darstellen, dass er mehr schwäbisch-schafferlemäßig rüberkommt als alle Schwaben im Film – und nebenbei neonazimäßig in seinen Ansichten wirkt. Für uns ist es keine Frage, dass mit einfachen Tätigkeiten zu einem gewissen Erfolg gelangte Immigranten so denken können. Es ist psychologisch häufig zu beobachten, dieses sich nach unten abgrenzen, wenn sich so bemüht, um den Weg in die Mitte der Gesellschaft zu finden.

Wir, die arbeiten, wir sind die Guten und dann gibt es noch die Schmarotzer. Man merkt, 1995 war die Welt noch undifferenziert. Denn so verläuft eine traditionelle gesellschaftliche Grenzlinie, die sich durch den Tatort 309 zieht. Dabei sind Obdachlose dies am wenigsten, weil sie kaum Ressourcen verbrauchen und nicht einmal die Ansprüche stellen, die sie selbst im unsozialen Hartz IV-Jahr 2013 noch haben. Als „Bienzle und der Mord im Park“ entstand, gab es noch keine 7 Millionen auf SGB II-Hilfe angewiesene Menschen in Deutschland und noch nicht die Unschärfen von heute: Zum Beispiel in Vollzeit Erwerbstätige, die so wenig verdienen, dass sie trotzdem staatliche Zuschüsse beantragen müssen, um über die Runden zu kommen, weil man dieses unsägliche Lohndumping von Seiten der Politik nicht nur zugelassen, sondern gefördert hat (dessen Folgen man jetzt ebenso mühsam wie systemfremd durch die Einführung des Mindestlohns mindern will – es war einmal eine Auszeichnung für Deutschland, dass es einen solchen Mindestlohn nicht nötig hatte).

Diese Entwicklung der jüngsten Zeit hat den Wert und den Stolz auf die Erwerbsarbeit mittlerweile gemindert und sorgt für eine moralische und motivationsseitige Erosion im Bereich der weniger gut ausgestatteten Jobs (und davon gibt es trotz offiziell sinkender Arbeitslosenzahlen immer mehr, auch als Ersatz für bessere Arbeit). Dazu kommt, dass es heute wegen der Hartz IV-Regelungen schnell passieren kann, dass jemand in die Überschuldung kommt und vielleicht sogar seine Bleibe verliert – wie die exemplarische „Pennerin“, die Bienzle auf einer Parkbank ihre Geschichte erzählen darf.

Weil die spürbar eindeutigeren  Verhältnisse von 1995 schon so sehr Vergangenheit sind, verblüfft die lehrbuchmäßige Ausarbeitung der Grenzen zwischen Erwerbstätigen, sozial Integrierten und Obdachlosen, die im Film gezeigt wird. Man ist es nicht mehr gewöhnt, dass die alten Fronten, die wir sozusagen als Kinder erzählt bekamen – unsere Eltern waren die Fleißigen, versteht sich – in diesem Film noch einmal so lebendig werden. Aber Tatorte sind auch sozialhistorische Dokumente, über die mittlerweile richtiggehend geforscht wird.

Es gibt in „Bienzle und der Tod im Park“ ein zweites Thema, dem viel Raum gegeben wird  – den Alkoholismus. Teilweise in Überlappung mit der Obdachlosigkeit, am prägnantesten aber anhand des Polizisten Horlacher, der seinerseits wieder ein solcher Pennerhasser ist, dass er sogar in Verdacht kommt, der Serientäter zu sein, der Obdachlose mit Benzin übergießt und anzündet – bis er sich selbst als Berber verkleidet, um in einer Art Verzweiflungsaktion endlich rauszubekommen, wer die wirklichen Täter sind, nämlich wildgewordene Wohlstandsjugendliche, die es  einfach witzig finden, Menschen als lebende Fackeln rumlaufen zu sehen. Ein Mädchen aus diesen Kreisen hingegen macht auf obdachlos, ebenfalls aus Langeweile. Obdachlosigkeit als Attitüde.

Dass Bienzle zwar menschlich und im christlichen Sinn nächstenliebend ist, haben wir geschrieben, aber man sieht auch das konservative Element. Das darf nicht fehlen: Auf dem Sofa philosophiert er darüber, dass eine Erziehung nicht so liberal sein dürfe, dass jemand Menschen abfackelt, weil er sich als Kind mal an der Ofenplatte verbrannt hat. Abgesehen davon, dass diese Argumentation komplett unlogisch ist, wird nicht im Unklaren gelassen, woher vieles Übel kommt. Von Eltern, die zu lasch sind und sich zu wenig kümmern.

Leider unterläuft den Tatortmachern auch eine Lässigkeit, die ein schräges Licht aufs Ganze wirft – der saufende Polizist Horlacher, der außerdem noch ein Typ mit äußerst rechten Ansichten ist, wird am Ende problemlos im Dienst behalten und sein Freund Bienzle verliert kein Wort darüber, dass Horlacher eine viel jüngere Freundin hat, die sich das Obdachlosenmilieu als Protestsetting gewählt hat, der Kollege aber dieses Milieu so schrecklich verabscheut. Bienzle erklärt das damit, dass gerade absturzgefährdete Menschen wie Horlacher am deutlichsten auf Abgrenzung setzen – um die eigenen Gespenster zu vertreiben. Das können wir sogar nachvollziehen, aber da hätten wir uns von Bienzle am Ende ein paar deutlichere Worte gewünscht, wo er doch sonst dieses Mal viel Klartext spricht. Nicht zuletzt wäre es ja auch möglich, dass der Kollege die Ermittlungen durch Preisgabe der Polizeistrategie an die Luxus-Obdachlose Charlotte behindert.

Dem ist allerdings nicht so. Vielmehr erhalten die ausführenden Täter ihre Hinweise vom Mittäter und geistigen Anführer Andreas Kerbel (haha, ein Banker!), der mittels EDV nicht nur das Park-Szenario genau erfasst, sondern auch noch ein Computerspiel generiert, in dem Obdachlose in Flammen aufgehen. Bürotechnik-historisch ist dieser Part wundervoll. Die allabendliche Direkt-Übersendung von Daten an die Bank, die dem fiesesten von allen Charakteren sein Alibi bezüglich der Morde gibt, war wohl eine frühe Internetverbindung – oder ein bankeigenes Leitungswerk.

Finale

In „Bienzle und der Mord im Park“ wimmelt es so sehr von Botschaften (eine weitere: Achtung, Computerfreak – mangelnde Empathie im Anmarsch!) und dargestellten Sozialtatbeständen, dass wir noch gar nicht dazu gekommen sind, den Film als Tatort zu bewerten. Normal, um es kurz zu machen. Ein Whodunnit, bei dem wir die Täter zwischenzeitlich schon auf dem Schirm hatten, uns aber verführen ließen, den Spuren von Bienzle zu folgen. Die Figuren mögen überzeichnet sein und teilweise etwas hölzern gespielt, die Handlung hätte man heute wohl weniger mit Dialog untermalt und die Charaktere mehr zeigen als sagen lassen. Das wäre wirkungsvoller gewesen und spannender, aber rein nach dem „Show, don’t tell-Prinzip“ waren die Bienzle-Tatortfolgen nicht gestrickt. Das führt dazu, dass wir, mit den modernen Tatorten vertraut, einen Mangel an Bildsprache und Symbolik und auch an Aktionselementen konstatieren, dafür von den manchmal überdeutlichen Dialogen genervt sind. Dennoch ist dies „Bienzle und der Tod im Park“ kein schlechter Tatort.

7/10

© 2021, 2015, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Bezogen auf die ursprüngliche Publikation im „ersten“ Wahlberliner als TatortAnthologie Nr. 208.

Verschlagwortet: AlkoholmissbrauchBenzinBerber, Bienzle und der Mord im Park, ComputerfreakDie WeltGemeinschaft and GesellschaftNächstenliebeObdachloseParkPennerTatortTatort 309Tatort StuttgartTrunksucht   

Hauptkommissar Ernst Bienzle – Dietz Werner Steck
Computerexpertin Hanna Mader – Sissy Höfferer
Polizeipräsident – Elert Bode
Kommissar Arthur Horlacher – Wolf-Dietrich Sprenger
seine Ehefrau Doris Horlacher – Ruth Wohlschlegel
Täter Andreas Kerbel – André Hennicke
Hannelore Schmiedinger – Rita Russeck
Peter Fink – Marco Hofschneider
Charlotte Fink – Claudia Schmutzler
Alfons Schierle – Walter Schultheiß
Günter Gächter – Rüdiger Wandel
Nestele – Oscar Heiler
Mägerle – Martin Schleker
Mike – Zacharias Preen
Axel – Fabian Harloff
Anna – Anke Hartwig
u.a.

Drehbuch – Felix Huby
Regie – Dieter Schlotterbeck
Kamera – Hans Schalk, Wolfgang Breuning
Szenenbild – Stefan Schaaf
Musik – Büdi Siebert

 

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