The Intruder (El prófugo, AR / MX 2020) | 3 Empfehlungen | #Filmfest 359

Filmfest 359 B

El prófugo (internationaler Titel: The Intruder, dt. „Der Eindringling“) ist ein argentinischmexikanischer Spielfilm von Natalia Meta aus dem Jahr 2020, der seine Weltpremiere am 21. Februar 2020 im Wettbewerb bei den 70. Internationalen Filmfestspielen Berlin[1] feierte. Der Thriller, für den die Regisseurin auch das Drehbuch verfasste, orientiert sich frei an dem Schauerroman El mal menor von C. E. Feiling aus dem Jahr 1996. Erzählt wird die Geschichte einer Frau (dargestellt von Érica Rivas), die heimgesucht wird von Alpträumen und surrealen Wahrnehmungsstörungen.[2] (1)

2020-10-08-filmfest-bEs gibt mindestens drei Gründe, warum wir heute mal wieder eine B-Rezension bringen. Es kam zuletzt (zu) selten vor. Es geht darum, Filme anderer Länder vorzustellen, für die wir vermutlich keine  chronologische Bestückung des Filmfests entlang früherer Arbeiten machen können (bisher läuft diese für die USA, für Deutschland und Frankreich ist sie vorgesehen), und drittens lief der Film auf der Berlinale 2020, der vorerst letzten echten Live-Berlinale.

Das vierte von drei Argumenten: Es ist ein Film noir, und von diesem Genre, gerne auch eingebettet in ein Crossover, scheinen die Argentinier etwas zu verstehen, wie in einer der Kritiken nachzulesen ist und was ich anhand eines vor einiger Zeit gesehenen Darkroom-Thrillers, in dem es um eine Frau, einen Liebhaber und alte Nazis ging – wenn mir der Titel bloß einfallen wollte oder ich ihn rechercheweise gefunden hätte, dann müsste ich nicht diesen umständlichen Satz bauen. Whatever:

Carlo Chatrian, künstlerischer Leiter der Berlinale, hob bei der offiziellen Vorstellung des Wettbewerbs Ende Januar 2020 die starke Schauspielleistung von Érica Rivas hervor. Ebenfalls stehe „das Universum der Klänge im Mittelpunkt“. Es handle sich bei El prófugo um einen „Noir-“, und damit um einen Genrefilm, der weitere Themen wie Geschlechtergrenzen und „wie wir andere Menschen wahrnehmen und sie uns wahrnehmen“ anspreche, so Chatrian.[7]

Ein erster Trailer zum Film, der als „psycho-sexueller fantastischer Thriller“ beworben wird, wurde kurz nach der Berlinale-Pressekonferenz veröffentlicht.[4] Das US-amerikanische Branchenmagazin Variety zog daraufhin Vergleiche zu den Werken von Roman Polański und Brian De Palma. Regisseurin Meta schere sich in ihrer Inszenierung nicht um Naturalismus und präsentiere in dem Trailer einen „überragenden visuellen Stil“, hinter dem die „gänzend polierte“ Kamera von Bárbara Álvarez aus Uruguay stehe. Sowohl Mord in Buenos Aires als auch El prófugo besäßen eine „sehr breite Farbpalette“ und ließen sich wie die Filme De Palmas nicht vollständig in eine Genrekategorie einordnen.[4]

Bei den Vergleichen hat man also recht hoch gegriffen, obwohl nicht alle Menschen, die ins Kino gehen, Brian de Palmas Filme schätzen und auch nicht alle von ihnen die jüngeren Werke von Roman Polanski.

Argentinier machen schon interessante Filme, wie ich auf diversen Festivals mittlerweile feststellen durfte. Filme, die sich einer klaren Genre-Definition entziehen und gerne schwarzen Humor mit Psychothriller- oder Horror-Sujets vereinen. „El prófugo“ von Natalia Meta reiht sich hier wunderbar ein. (…) Geschickt hält die Regisseurin in ihrem zweiten Langfilm die Zuseher bei Laune, indem sie humorvolle Einlagen mit Momenten diffuser Bedrohung abwechselt. Am Ende ist man vielleicht keinen Deut schlauer, aber wurde zumindest eineinhalb Stunden lang gut unterhalten. Und das ist doch schon mal was. (2)

Der Kritiker vergibt 6/10 und der Metascore für den Film liegt bei 66/100, allerdings auf der Basis von nur vier Rezensionen. Das IMDb-Publikum reagiert mit 5,4/10 verhalten auf dieses Werk.

Inés ist Synchronsprecherin und singt in einem Chor in Buenos Aires. Nach einem traumatischen Erlebnis im Urlaub leidet sie an Schlaflosigkeit und wird von heftigen Albträumen heimgesucht. Im Synchronstudio zeichnen die Mikrofone sonderbare Töne auf, die scheinbar direkt von ihren Stimmbändern kommen. Die Töne stören die Synchronisation und gefährden auch ihre Stellung im Chor. (…) Tagesaufnahmen und helle Räume weichen zunehmend Nachtszenen und lichtarmer Architektur, während Natalie Meta ihre Protagonistin in einen psychosexuellen Albtraum stürzt. Sardonischer Witz und ein geschärfter Blick für repressive Sozialdynamik machen ihren doppelbödigen Mystery-Krimi zu einer psychologisch und dramaturgisch gleichsam verschachtelten Parabel. Die ersetzt konventionelle Schockszenen durch konfuse Angst vor einem Grauen, das sich in symphonischer Dissonanz und elektronischen Störungen manifestiert. Der Horror ist hier nicht das Andere, sondern das Verinnerlichte, das nach außen drängt. (3)

Die Bewertung liegt in diesem Fall bei 6,5/10. Es ergibt sich für mich noch ein Bezug, und zwar zu dem US-Film „The Intruder“ von 1962, dem wohl ambitioniertesten Werk von Roger Corman, das viel dämonischer wirkt als seine Horrorfilme,  zumal Captain Kirk (William Shatner) darin in einer unglaublich negativen Rolle zu sehen ist. Aber wir sind wieder zurück in der Beinahe-Gegenwart, bei der Berlinale 2020, wo „El prófugo“ im Wettbewerb lief.

TH

(1) oder kursiv ohne Nummerierung: Wikipedia
(2) Der Filmkürbis
(3) Moviebreak.de

Regie Natalia Meta
Drehbuch Natalia Meta
Produktion Benjamín Doménech,
Santiago Gallelli,
Matias Roveda
Musik Luciano Azzigotti
Kamera Bárbara Álvarez
Schnitt Eliane Katz
Besetzung

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