Ein Bild von einem Mörder – Polizeiruf 110 Episode 262 #Crimetime 923 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #MDR #Bild #Mörder

Crimetime 923 - Titelfoto © MDR

Kalt wie Eis, passt in die Zeit

Zu diesem Fazit kommen Schmücke und Schneider am Ende des 262. Polizeirufs. Zu blöd, dass man bluffen muss, weil man nichts in der Hand hat, gegenüber der Person, die kalt ist wie Eis. Aber die Cop-WG, die ist doch eigentlich okay, besonders, wenn man Mitte 50 ist. Was es sonst zum Film zu schreiben gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Kommissar Schmücke ist gerade auf Wohnungssuche, als auf dem Hochhaus gegenüber Lothar Michalke in den Tod springt. Obwohl Schmücke rechtzeitig auf dem Dach ankam, konnte er den Selbstmord nicht verhindern. Der verzweifelte Familienvater sah keinen anderen Ausweg, nachdem seine Frau ihn mit den Kindern verlassen wollte. Sie hatte ein Foto gefunden, das ihren Mann mit einer anderen Frau beim Liebesspiel zeigt.

Obwohl Schmücke diese Familientragödie noch immer nahe geht, muss er sich um einen neuen Fall kümmern. Der Freyburger Winzer Werner Braumüller wurde in der Nähe eines alten Steinbruchs tot aufgefunden. Die Todesumstände sind sehr mysteriös. Er wurde mit einer Armbrust in den Kopf geschossen. Picknickutensilien lassen auf ein Stelldichein mit einer Frau schließen. Das führt die Kommissare Schmücke und Schneider zum Waldhotel Zur Mühle, wo Braumüller ein Doppelzimmer gebucht hatte und mit „seiner“ Frau abgestiegen war. Die Kommissare bemerken sehr schnell, dass Braumüllers Picknickgast nicht seine Ehefrau war, sondern eine Geliebte. Als sie Margot Braumüller darauf ansprechen, gibt sie ohne Umschweife zu, von den Liebschaften ihres Mannes zu wissen.

Anhand von Braumüllers Handyverbindungen stoßen die Ermittler auf Eva Brenner, die nach kurzem Leugnen die Affäre mit Braumüller zugibt. So gerät Brenners Ehemann unter Verdacht, den Liebhaber seiner Frau getötet zu haben. Da er tatsächlich in der Nähe des Tatortes war, weil er seiner Frau nachspionierte, bringt ihn das in ernsthafte Schwierigkeiten. Zumal er ein Sportgeschäft besitzt, in dem man auch eine Armbrust kaufen kann.

Unerwartet erhält Schmücke einen Anruf von seinem ehemaligen Kollegen Thomas Grawe, der mittlerweile als Privatdetektiv arbeitet. Er hatte vom Mord an Braumüller erfahren und setzt die Kommissare davon in Kenntnis, dass er vor kurzem von Frau Braumüller beauftragt wurde, ihren Mann zu überwachen. Dabei ist auch er auf Eva Brenner gestoßen, die sich heimlich auch mit anderen Männern getroffen hatte. Als Schmücke und Schneider hier nachhaken, finden sie heraus, dass Malte Brenner seine Frau auf vermögende Männer „angesetzt“ hatte. So konnte er kompromittierende Fotos machen, die betroffenen Männer erpressen und so seine angespannte finanzielle Situation verbessern. Schmücke und Schneider ahnen nicht, dass Brenner so bei seinen Fotos auch eine Aufnahme gelungen ist, die im alten Steinbruch den Mörder Braumüllers zeigt. Mit diesem Foto versucht Brenner den Täter zu erpressen und bezahlt dies mit dem Leben. Im Laptop des Opfers findet die Kriminaltechnikerin die Fotos von Brenners „Kunden“, auf der Fred Limbach, ein Freund der Familie Braumüller, zu sehen ist. Bei seiner Festnahme gibt er zu, Brenner erschossen zu haben, weil er ihn erpressen wollte. Er hätte aus Liebe zu „seiner“ Margot den Ehemann aus dem Weg geräumt. Angestiftet habe sie ihn angeblich nicht.

Margot Braumüller ist die Alleinerbin des Vermögens und musste befürchten, dass die letzte Liebschaft ihre Mannes doch ernsterer Natur war, als die übrigen. Im Falle einer Scheidung würde sie durch den Ehevertrag leer ausgehen.

Zu Eva Brenners Kunden gehörte unter vielen anderen auch Lothar Michalke.

Rezension

Die unergründliche Weisheit der Ausstrahlungsreihenfolge wollte es, dass wir zwei Filme von Thomas Jacob in Folge zu besprechen haben, zuletzt war es „Und tot bist du“, der erste Polizeiruf, der nach der „kritischen Pause“ herauskam, die von Ende 1991 bis Mitte 1993 dauerte. Damals musste erst geklärt werden, ob die Reihe fortgeführt wird. Nun sind wir elf Jahre weiter. Kommissar Beck, der in „Und tot bist du“ ermittelte, ist längst im Ruhestand, Schmücke und Schneider beherrschen die Mordkommission von Halle, unterstützt durch „Röschen“ Roswitha Weigand. Allerdings hat Altermittler Thomas Grawe, Angehöriger der „zweiten Generation“, die noch in der DDR startete, ein Comeback: Als gutsituierter Privatdetektiv, der den beiden Kommissaren einen guten Hinweis gibt.

Mitte der 2000er bedeutet auch: Schmücke wurde schon von Edith aus der Wohnung geschmissen und ist bei Schneider eingezogen und obwohl Schneider vom dominanten Verhalten seines Kollegen genervt ist, der auch zuhause den Chef spielt, stellen die beiden während eines Bettkantengesprächs fest: Die WG empfiehlt sich doch für Herren in mittleren Jahren, die nicht immer von vorne mit der schwierigen Beziehungsarbeit anfangen wollen – gegen die Einsamkeit. Da mag durchaus etwas dran sein. Besonders, wenn an die kaputten oder seltsamen Ehen zum Maßstab nimmt, die nicht nur in diesem Polizeiruf Nr. 262 gezeigt werden und die Anlass für Verbrechen aller Art sind, nach der Wende meist für Tötungsdelikte.

Der Titel ist leider verräterisch: Nur eine Figur betätigt sich in diesem Film als Maler, also kommt nur diese als Mörder in Betracht. Doppeldeutigkeit wird dadurch hergestellt, dass ein Beobachter von diesem Mörder ein Foto schießt und dieser noch einmal töten muss, um die daraus folgende Erpressung abzuwenden. Es ist nicht das erste Mal, dass wir auch dies sehen: Menschen erpressen andere Menschen mit Fotos in eindeutigen Stellungen. Das kann man natürlich nur mit Personen machen, die gebunden sind und wirklich etwas verbergen wollen. Offenbar war 2003 die finanzielle Substanz der Mittelschicht noch beachtlich, denn diese Masche scheint zu funktionieren – bis jemand sich vom Dach eines Hochhauses stürzt und verstirbt, obwohl die Feuerwehr rechtzeitig da ist und ein Sprungtuch bereithält. Derjenige hätte nicht zahlen können und sein Leben war kaputt.

Treue und Berechnung spielen in dem Film eine große Rolle. Untreu sind wohl alle oder fast alle, aber nur wenige verstehen es, daraus beachtliche finanzielle Vorteile zu ziehen. Dennoch: Man soll vorsichtig sein mit Eheverträgen, die bei Scheidung dazu führen, dass eine Seite alles behält, was sie mitgebracht hat, im Todesfall jedoch ein Testament dem Ehepartner dieses Alles überträgt. Abzüglich eventueller Pflichtanteile natürlich und sofern keiner der eher seltenen Fälle von gültiger Enterbung der Pflichtteilsberechtigten vorliegt. Die vorliegende Kombination führt dazu, dass eine eiskalt berechnende Frau ihren Mann umbringen lässt. Von einem Anbeter, sodass es nicht mal etwas kostet. Künstler! So weltfremd!

Der Maler glaubt nicht einmal den beiden Kommissaren, als sie ihm sagen, er sei ausgenutzt worden und kann sich die Eiskalte wirklich darauf verlassen, dass er niemals aussagen wird, er sei von ihr angestiftet worden? Der Anschein wird in der Schlussszene erweckt. Der Maler ist andererseits ein außergewöhnlicher Typ, der auch die Armbrust zu führen weiß, was zuvor nicht einmal angedeutet wird. Trotzdem hatten wir uns mangels weiterer in Frage kommender Figuren auf ihn festgelegt. Die Alternative wäre der Herr Brenner gewesen, aber, wie Schmücke richtig anmerkt: Mordet der Inhaber eines Verkaufsladens für Armbrüste mit einer Armbrust? Sicher, die Eiskalte, wenn ihr Alibi geplatzt wäre, aber für ein wackeliges Alibi ist sie zu clever, das Gefühl hatte sich bewahrheitet.

Ein Mangel von „Ein Bild von einem Mörder“ ist sicher der „Nachbrenner“. Nach dem eigentlichen Ende des Falles, also nach der Überführung des Malers, versuchen Schmücke und Schneider noch, die Frau, die profitiert, dranzukriegen und stellen sich dabei, gelinde gesagt, dilettantisch an. Einerseits wirkt das ehrenhaft, weil sie nicht mit einem Trick arbeiten, etwa zu suggerieren, der Maler habe bereits gegen seine Angebetete ausgesagt, andererseits nützt ein solcher Trick nur in Filmen, die den Rechtsstaat nicht ernst nehmen. Ansonsten ist dies ein „Normalkrimi“, der relativ schnell eine Leiche hervorbringt, wenn auch nicht sofort zu Beginn, wie üblicherweise in den Tatorten.

Als Whodunit hat er bei uns nur bis zum Moment getaugt, als der Maler so auffällig unauffällig ins Bild gesetzt wurde und damit war auch die Spannung weitgehend raus, denn bezüglich der Motive blieb nur offen, ob die nunmehr Restaurantbesitzerin aus Eifersucht oder aus finanziellem Kalkül gehandelt hatte – und ob die Brenners sich tatsächlich trennen wollten. Da gibt es einen weiteren Knackpunkt. Der Vorsatz der Frau, dies zu tun, wirkt ernsthaft, trotzdem macht sie zugunsten ihres Mannes bei den gefährlichen Sex-Erpressungen mit, damit dieser sich finanziell etwas erholen kann.

Auch zu diesem Film hat Thomas Jacob das Drehbuch verfasst und sich dafür eine Co-Autorin gesucht, die gleiche Konstellation wie bei „Und tot bist du“. Es fällt auf, dass er versucht, die Realität nicht allzusehr zu biegen, dass genau deshalb aber die Drehbücher etwas gequält wirken, 2004 fällt das noch mehr auf als 1993, denn die Kriminaltechnik muss immer ziemlich langsam sein, damit die Ermittlungen durch sie nicht zu sehr beschleunigt werden. Besonders gilt das für die DNA-Analyse, die im Realleben nicht so lange dauert, wie es hier gezeigt wird. Die verbesserten Methoden, Handys, die überall funktionieren, das sind leider Gegebenheiten, die neue Ansätze bei der Erstellung des Spannungsbogens erfordern, wenn man einen Whodunit macht, bei dem alles schön der Reihe gehen soll. Manche Autoren lassen z. B. kriminaltechnische Aspekte mittlerweile fast ganz weg und wenn dem Publikum nicht auffällt, dass im Vergleich zur Realität eine wichtige Abweichung vorliegt, haben die Macher schon gewonnen. Sowas wollte Thomas Jacob im Jahr 2004 noch nicht und nicht nur durch seine Inszenierungen fuhr sich in jenen Jahren der Halle-Polizeiruf plotseiteig ziemlich fest.

Finale

Aber die beiden sympathischen Kommissare konnten trotzdem das Publikum einigermaßen binden und hatten eine Fangemeinde – ganz anders als der heutige Magedeburg-Polizeiruf, der Nachfolger der Halle-Schiene des MDR, der den Zuschauern überhaupt keinen Platz bietet, an dem er emotional ankern kann, weil man vor allem die leitende Ermittlerin Brasch so sperrig wie möglich gezeichnet hat. In den letzten Jahren wurden Schmücke und Schneider durch die junge Kollegin Nora Lindner ergänzt (Isabell Gerschke), diese Figur hätte man nach dem Abgang der beiden Herren, deren Darsteller in der Tat das Pensionsalter erreicht hatten, nach unserer Ansicht weiterentwickeln sollen, ob mit oder ohne Brasch als Emittlungspartnerin.

„Ein Bild von einem Maler“ ist recht konventionell, aber er nervt nicht, was wir nicht allen Filmen der beiden Hallenser Kommissare aus dieser Phase, Mitte der 2000er, behaupten können. Dass letzteres nicht der Fall ist, könnte durchaus dem sicheren Gespür des Routiniers Thomas Jacob für die Tonlage zu verdanken sein: Die beiden wirken nicht so abgeschieden wohllaunig wie in manch anderer Produktion, zumal nach dem Freitod, den Schmücke nicht verhindern konnte. Die Kälte der Zeit scheint heute nochmal eine ganz andere zu sein, wenn man die Inszenierungen vergleicht, mit denen der MDR seiner Sachsen-Anhalt-Schiene ausstattet.

7/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Thomas Jacob
Drehbuch Lise Reiner-Brast,
Thomas Jacob
Produktion Susanne Wolfram,
Musik Axel Donner
Kamera Thomas Plenert
Schnitt Claudia Fröhlich
Besetzung

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