Tod vor Scharhörn – Tatort 461 #Crimetime 924 #Tatort #Hamburg #Stoever #Brockmöller #NDR #Scharhörn #Tod #ByebyeTatört

Crimetime 924 - Titelfoto © NDR, M. Sawhney

 Bye Bye Tatört

Sicher werden noch viele Tatorte der singenden, swingenden Cops Paul Stoever (Manfred Krug) und Peter Brockmöller (Charles Brauer) wiederholt werden.

Dennoch war eine besondere Abschiedsstimmung angesagt, als die beiden mit einem Ozeandampfer-Matte-Painting davonfuhren, das nicht an aktuelle Kreuzfahrtschiffe, sondern an die „United States“ erinnert, welche 1952 das Blaue Band gewann und seither hält.

Unter allen Team, die nicht mehr aktuell ermitteln, sind Stoever und Brockmöller die einzigen Träger eines königlich-belgischen Ordens, weil sie die besten Herausfinder in Hamburg sind. Oder war das Humbug? Egal, so losgelöst, witzig und schräg wie in diesem letzten Fall waren die beiden selten. Hier zeigen sie noch einmal alles, was sie in 15 Jahren Dienstzeit (Stoever, Brockmöller kam etwas später hinzu) entwickelt haben und was sie wirken lässt wie ein altes Ehepaar, dessen beide Hälften einander in herzlicher Flapsigkeit zugetan sind.

Mit der Zahl 41 halten sie bzw. hält Stoever elf Jahre nach Dienstende noch immer den zweiten Platz in der Rubrik „inaktive Ermittlerteams mit den meisten Folgen“. 2007, nach deren Demission, wurden sie vom Leipzig-Duo Ehrlicher / Kain überholt, die auf 45 Folgen kommen.

Von noch aktiven Kriminalern sind einige bereits weiter (Batic, Leitmayr in München; Odenthal, Kopper in Ludwigshafen; Ballauf, Schenk in Köln), doch die müssen ja erst einmal in den Ruhestand gehen, um die musikalischen Nordlichter weiter nach hinten zu schieben.

Wenn man das Ranking der Nutzergemeinde vom „Tatort-Fundus“ zugrunde legt, ist die Abschiedsvorstellung der beiden Charakterköpfe auch einer ihrer besten Tatorte. Die Handlung betreffend, empfinden wir das nicht unbedingt so, wohl aber sind die Figuren skurril und die hervorragende Spiellaune der Nebendarsteller, insbesondere aber der besten Herausfinder an der Schwelle zur Rente machen Freude. Mehr in der -> Rezension.

Handlung

Der gewaltsame Tod eines Kollegen macht den Kommissaren Stoever und Brockmöller in ihrem letzten Fall zu schaffen: Helmut Weckwört, zu dessen Pensionierung die Kommissare eben noch ein Ständchen geübt hatten, liegt erschossen in einem Straßengraben. Es sieht nach Raubmord aus.

In Weckwörts Umfeld stoßen die Kommissare schnell auf einige Überraschungen: Weckwörts Ehefrau Margot, wesentlich jünger als ihr verstorbener Mann, scheint mit dem Tod ihres Mannes sehr gefasst umzugehen. Weckwörts unehelicher Sohn, zu dem er ein sehr enges Verhältnis hatte, fährt zur See und scheint in privaten Schwierigkeiten zu stecken. Stoever und Brockmöller überprüfen zunächst die letzten Fälle, die Weckwört bearbeitet hat. Dabei stoßen sie auf eine anonyme Anzeige bei einer Firma für Seekarten.

Parallel zu den Ermittlungen der Kommissare spielen sich auf den Hamburger Inseln Neuwerk und Scharhörn seltsame Dinge ab: Der alte Inselarbeiter Helms beobachtet, dass ein dunkelhäutiger Junge sich in den Dünen versteckt. Helms behält seine Entdeckung für sich, spürt dem Jungen aber hinterher. Woher kommt der Junge und was will er auf der Insel? 

2021-02-04 Crimetime 2021Rezension

Schöne Natur an der Waterkant, eine Stimmung zwischen heiterem Ausklingen einer legendären Epoche und Melancholie, ein plötzlicher Tod im Polizeimilieu, eine seltsame Geschichte von ausgesetzten bzw. über Bord geworfenen blinden Passagieren, vermengt mit einem möglichen familiären Szenario, das ungefähr ist „Tod vor Scharhörn“.

Es ist ganz offensichtlich, dass die Handlung etwas zu überfrachtet ist, wenn man bedenkt, dass mindestens ein Drittel der Spielzeit gar nicht für sie, sondern für Abschiedsmomente und –dialoge gebraucht wird. Man wäre besser beraten gewesen, für diesen Zweck einen etwas übersichtlicheren Plot zu basteln. Nicht, dass man überhaupt nicht mitkäme, aber man muss sich aufs wendungsreiche Kriminalgeschehen zu sehr konzentrieren, um Stoever und Brocki so richtig genießen zu können.

Trotzdem ist „Tod vor Scharhörn“ eine adäquate, von langer Hand vorbereitete letzte Folge, die zwei individuelle und hoch unterhaltsame Typen würdigt. Dass andere Kommissare nicht solche famosen Abgänge geschrieben bekamen, lag wohl daran, dass sie entweder keine Ära prägten oder zu plötzlich ausstiegen, als dass man bereits geplante oder gar schon gedrehte Projekte noch einmal wesentlich hätte ändern können. Die Hamburger sind aber planungsaffin, wie sich zuletzt auch an der Folge „Die Ballade von Cenk und Valerie“ gezeigt hat, dem letzten Film mit dem noch aktuellen Sonderermittler Cenk Batu (Mehmet Kurtulus). Auch in diesem Fall musste der Abschied recht lange vorher bekannt gewesen sein, sonst hätte man nicht einen darauf abgestimmten Tatort drehen können.

Anhand dieser beiden Abschiede, zwischen denen elf Jahre liegen, sieht man in etwa, was sich maximal ändern konnte. Als Stoever startete, war sein sehr dezidierter und stets das Geschehen kommentierender Typ noch etwas Neues, als Brockmöller und er abgingen, hatte sich das Umfeld gewandelt und viele der heute noch tätigen Ermittler hatten der Serie neue Impulse gegeben. Der Start des Köln-Duos 1996/97 war beispielsweise ein Meilenstein, was das moderne Filmen angeht, dagegen wirkten die swinging cops schon sehr traditionell und die Erzählweise ihrer Fälle war es ebenfalls. Doch die beiden waren Teil eines Konzeptes, an dem man dankenswerterweise festgehalten hat bis zum Schluss. Sie waren sicher das humorvollste Team an deutschen Tatorten, bis ein Jahr nach Dienstende die Münster-Tatorte starteten.

Letztere haben bereits Kultstatus, aber ob es gelingt, sie über 15 Jahre zu ziehen, ohne dass es endgültig abflacht – die Tendenz dazu kann man derzeit wahrnehmen – ist für uns noch nicht sicher. Bei Stoever und Brockmöller war das anders. Die meisten ihrer Fälle waren nicht so spektakulär wie zum Beispiel die von Cenk Batu, waren ohne große Effekte und experimentfrei erzählt, aber sie haben bis zum Ende immer wieder für gute Unterhaltung gesorgt.

Aus den Nebenrollen ragt Anne Bennent als Ehefrau Wegwört heraus. Die überwiegend als Theaterschauspielerin tätige Schwester von David Bennent („Die Blechtrommel“) zieht in ihren Szenen sofort das Interesse auf sich, interpretiert ihre Rolle so, dass diese Ehefrau undurchschaubar und irritierend auf den Zuschauer wirkt und damit für Spannung in einem Film sorgt, der trotz mehrerer, leider nicht sehr zielgenauer Schüsse auf ein Herzhäuschen eher zu den gemütlichen Tatorten zählt.

Mit ihr interagiert Anna Thalbach. Das Duell der beiden Frauen um die Versicherungspolice des toten Polizeikollegen Wegwört war für uns ein Teil der oben erwähnten durch Charaktere erzeugten Spannung, ihre Darstellung konnte allerdings nicht so prägnant sein, weil ihre Rolle es nicht zuließ – es gibt aber einige Stellen, da spürt man die Fähigkeit zu wesentlich mehr.

Finale

Ein Abschied von langjährigen Weggefährten ist ein ergreifender Moment und sollte nicht durch zu viele Worte gestört werden, daher halten wir die Rezension am unteren, kurzen Rand des Möglichen. Ohnehin haben wir uns dieses Mal mehr mit dem Team beschäftigt als mit dem Fall. Wir hätten gerne eine umfassende Retrospektive zu den beiden Hamburg-Cops geschrieben, aber dazu fehlen uns noch zu viele Folgen der beiden.  Zum Beispiel der Film, der nach Meinung der Tatortgemeinde (Nutzerrangliste des Tatort-Fundus) als deren bester gilt: „Undercover-Camping“.

Die Schlussszene mit den beiden als Entertainer auf einem Kreuzfahrtschiff gehört für uns zu den ikonischen Szenen der Tatortgeschichte, die wir auf einer Alltime-High-DVD zeigen würden. Die beiden als Liberace-Verschnitt mit mächtigen Haarteilen, die sie um etliches jünger aussehen lassen und im Mittelpunkt einer urlaubenden Gemeinde, die – sic! – unterhalten werden möchte, das hat etwas zum Schmunzeln

Wir erinnern uns auch daran, dass es nach der Wende auch in Berlin einen Jazzliebhaber in Kommisarsgestalt gab – den Franz Markowitz, gespielt von Günter Lamprecht. Ein Zeitgenosse der Hamburger – und auch daran sieht man, wie relativ alles ist. Im Vergleich zu den beiden war Markowitz noch einmal „klassischer“, aber auch zeitloser. Jazz kann ganz verschiedene Stimmungen transportieren, das stellen wir anhand des Städte-Ermittler-Vergleichs auch fest.

Mit großem Dank an die Entertainer unter den Tatortkommissaren sagen wir:

Bye, bye, Paul, bye, bye, Peter, bye, bye, swinging Tatört.

7,5/10

© 2021, 2013, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Stoever – Manfred Krug
Kommissar Brockmöller – Charles Brauer
Margot – Anne Bennent
Stefan Struve – Kurt Hart
Malte Lehmann – Ulrich Gebauer
Helmut Weckwört – Hans Peter Hallwachs
Sönke Riedel – Jan Anders
Behrens – Horst Krause
Susanne Riedel – Anna Thalbach
u.a.

Drehbuch – Raimund Weber
Regie – Jürgen Bretzinger
Produktion – Kerstin Ramcke
Redaktion – Doris J. Heinze
Kamera – Hartmut E. Lange
Schnitt – Inge Bohmann
Szenenbild – Hans Zillmann
Musik – Klaus Doldinger
Kostüme – Rautgundis Beutel
Ton – Frank Ahrens, Frode Garshol

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