Wie angelt man sich einen Millionär? (How to Marry a Millionaire, USA 1953) #Filmfest 363

Filmfest 363 A

Wie ist das Leben auf dem Gipfel der Welt?

Wie angelt man sich einen Millionär? (Originaltitel: How to Marry a Millionaire) ist eine US-amerikanische Filmkomödie aus dem Jahr 1953 mit Lauren Bacall, Betty Grable und Marilyn Monroe in den Hauptrollen. Regie führte Jean Negulesco. Der Film über drei Fotomodelle, die sich einen reichen Mann angeln wollen, sich am Ende aber doch für die Liebe entscheiden, wartet mit einer Starbesetzung auf. Er enthält zahlreiche Anspielungen auf vorangegangene Filme der Hauptdarstellerinnen und erhielt gute Kritiken. (1)

Handlung

Die Fotomodelle Pola, Tütü und Tschicki sind in New York auf der Suche nach einem Ehemann. Einzige Voraussetzung ist, dass die Kandidaten sehr reich sein müssen. Die Freundinnen mieten sich ein Luxus-Appartement an, um eventuellen Heiratskandidaten ein passendes Ambiente bieten zu können. Aber die Männer, die sie kennenlernen, sind entweder schon verheiratet oder entsprechen mit ihrem Aussehen nicht den Vorstellungen der Damen. Bald wird das Geld knapp und das Appartement immer leerer, weil die Möbel nach und nach ins Pfandhaus wandern (erster Abschnitt der Inhaltsangabe in der Wikipedia).

Rezension

CinemaScope! Alles an diesem (gemäß Premierendatum) zweiten Ultra-Breitwandfilm ist großzügig bis verschwenderisch. Das Starpotenzial der Damen, die Interior Settings und vor allem die gefilmte Berglandschaft in Maine. In HD-Auflösung und restauriert glänzen vor allem die Außenbilder in einer Qualität, die in etwa heutiges Niveau hat. Die künstlich-gleichmäßige Beleuchtung der Innenszenen, besonders bei Großaufnahmen, wird heute nicht mehr verwendet, stärkt aber den glamouröse Flair des Films.

Mit Sicherheit ist „How to Marry a Millionaire“ eines der technisch versiertesten Kinostücke bis zum Entstehungszeitpunkt und eines der opulentesten. Wir haben uns gewundert, dass der Film nicht für den Kamera-Oscar (Abteilung Farbfilm) nominiert war (2). Die große Ouvertüre mit Studio-Orchester, welches das Publikum in die Möglichkeiten des Breitwandfilms einführen soll, ist in der von uns gesehenen Version ans Ende des Films gestellt und gekürzt worden. Es wäre heute unvorstellbar, einen Film so beginnen zu lassen, aber es zeigt, wie sensationell das neue Kinoformat vermarktet und aufgenommen wurde.

In der Tat war es zusammen mit dem etwa gleichzeitig aufkommenden Stereoton die letzte große technische Innovation des Mediums Film – wenn man von 3D absieht (das es interessanterweise genau in jenen Jahren schon einmal gab, sich damals aber nicht durchgesetzt hat) und sich auf das beschränkt, was Zuschauer deutlich wahrnehmen können. Der technische Sprung, den das Kino in den 1950ern noch einmal machte, war dem Fernsehen geschuldet, das den Filmstudios zunehmen zu schaffen  machte – und ganz richtig, das Breitwandformat wirkte auf den damaligen, eher kleinen Heimbildschirmen wirklich mickerig, oder man musste rechts und links kappen, sodass Personen oft abgeschnitten wirkten. Auch im heutigen Fernsehformat von 16:9 haben die Breitwandfilme noch oben und unten jene schwarzen Balken, die davon künden, dass Kino im Kino immer noch am besten ist.

Inhaltlich kann der Film nicht mit seiner Ausstattung und dem luxuriösen Bildformat mithalten, da haben zeitgenössische Kritiker, die den Aufwand für eine so seichte Story unangemessen fanden, sicherlich recht. Außerdem kann man sich an dieser Geschichte auch stören, was die Sicht auf Frauen und den Kapitalismus angeht und entdecken, dass ein solches Glamourprodukt eben doch hintergründig ist, weil manipulativ.

Wir sehen also drei hübsche Damen, die sich vorgenommen haben, drei reiche Herren zu ehelichen, angestiftet von der eher herb wirkenden Tschiki (im Original „Schatze“) in Person von Lauren Bacall, die tatsächlich als Model gearbeitet hat, bevor sie zum Film und sogleich zu Humphrey Bogart ging. Wir lernen als erstes, dass es um 1950 für eine Frau wohl der einzige Weg zum Geld war, sich an einen Typ zu hängen, den man zwar nicht liebt und der möglicherweise viel zu alt ist, der aber diese Einkäufe bei Bergdorff erlaubt. Heute würde man das Ich-kauf-mich-glücklich-Syndrom nennen. Dieser banale Materialismus wird bis zum Ende des Films quasi nicht zurückgenommen, auch wenn zwei der drei Models nicht das große Ziel erreichen. Eine heiratet wirklich aus Liebe einen Förster, den sie auf einer Tour mit einem verheirateten Reichen kennenlernt, die andere einen Typ, der seinem Geld hinterherjagt und seinerseits von den Finanzbehörden gejagt wird und allgemein jemand ist, der Schwierigkeiten anzuziehen scheint.

Nur Tschiki kriegt tatsächlich einen Millionär – weil sie einem Millionär entsagt, als sie erkennt, dass Geld allein nicht glücklich macht. Das muss man sich vorstellen: Der Lottogewinn kommt, als man sich entschlossen hat, nicht mehr Lotto zu spielen, weil man es als wahrscheinliches Verlustgeschäft identifiziert hat. Man hat es kommen sehen, weil Tschiki nicht von diesem Brookman lassen konnte, obwohl sie den Texas-Ölmann-und-Rinderbaron ehelichen wollte. Man kann nicht alles haben? Warum eigentlich nicht? Das ist die durchaus obszöne Botschaft, die vor allem durch die nominelle Hauptfigur Tschiki und deren Schicksal transportiert wird und die über das dominiert, was wir bei den anderen Mädels sehen.  Als am Ende Brookman diese Rolle mit Tausend-Dollar-Noten auf den Tisch der Hamburger-Bude legt und dem Imbissbsitzer eine der Noten hinlegt mit der Bemerkung „Der Rest ist für Sie“, das ist im Grunde prolligstes Angebertum und konterkariert die unzweifelhafte Eleganz des Films ziemlich grob. Der Eindruck drängt sich auf, dass die Macher des Films hinter der Komödie auch eine kleine Persiflage versteckt haben.

Wir sind aber nicht im Jahr 2014, in dem sich jedem, der halbwegs denken kann, zeigt, dass wir uns überlegen müssen, ob wir weiter in dieser Welt leben wollen oder weiter hemmungslos konsumieren, bis die Welt demnächst alle ist, sondern mehr als sechzig Jahre zurück. Und was kann man einem Land ankreiden, das seinen damals ultimativen Lebensstil propagiert, auch und gerade im Film, in dem man alles noch einmal edler darstellen konnte, als es die Wirklichkeit des Landes auf der Höhe seiner Macht und seines Reichtums ohnehin hergab? Kein Mensch dachte damals an Mäßigung und das Streben nach Geld mühsam und durchaus mit einem Augenzwinkern damit zu verkleistern,  dass man die eine oder andere Frau in die Wälder ausrücken lässt, wo ebenfalls niemand hungern muss und die grandiose Natur für gewisse Einschränkungen entschädigt täuscht nicht über die grundsätzlich hoch affirmative Haltung zum American Way of Life hinwegtäuschen. Und zu dieser Zeit, in der alles immer größer und schicker wurde, passt auch das Breitwandformat ausgezeichnet.

Es geht aber dennoch um das „Wie“ des Strebens. Es geht nicht in der Art, wie Lauren Bacall als „Tschiki“ es durchzieht. So kalt und berechnend wirkt sie abschreckend und die abrupte Wendung am Schluss kann dies nicht heilen. Eine abschreckende Hauptfigur ist durchaus ein Problem, denn man stelle sich vor, sie wäre ein ähnlicher Charakter wie Pola (Marylin Monroe) oder Tütü (im Original „Loco“), gespielt von Betty Grable. Es waren übrigens ihre Szenen in den Bergen, die uns von füheren Sichtungen des Films noch am deutlichsten präsent waren, es war ihre Geschichte, die wir noch im Kopf hatten, während wir nicht mehr wussten, wie die Sache mit Pola ausging und wie der zwischenzeitliche Verlauf von Tschikis Aktivitäten war. Es ist ja auch reizend, wie sie am meisten dieses Hollywood-Märchen von Liebe statt Geld spielen darf, vor der überaus pittoresken Bergkulisse, unterwegs in einem gelborangenen Schneemobil.

Polas Weg mit dem Typ mit der Klappe über dem rechten Auge, von dem man bis zum Schluss nicht erfährt, was er eigentlich treibt und die von ihrer Kurzsichtigkeit zum richtigen Mann geleitet wird, indem sie ins falsche Flugzeug einsteigt, ist der am wenigsten prägnante Part, aber Marylin mit ihrem Charme macht das mehr als wett. Man kennt diese Eitelkeit, die zum Beispiel dazu führen kann, dass man die Brille nicht aufsetzt und Bücher verkehrt hält und gegen Wände rennt, wo man Türen vermutet. Außerdem ist sie ein positiver, reizender Mensch. Dieses Leuchten von innen, das sie auf der Leinwand ausstrahlen konnte, war mindestens so viel wert wie ihre Kurven, denn kurvenreiche Mädchen gab es immer schon genug, und nicht alle von ihnen wurden, ohne je eine Schauspielausbildung erhalten z haben, Superstars (Marylin Monroe ging erst nach den Anfangserfolgen nach New York, um Unterricht zu nehmen).

Der Plot hat mindestens ein Loch, das größer ist als die Löcher auf dem Golfplatz, auf dem Tom Brookman möglicherweise spielt, der ja immer einen Golfschläger zur Hand hat. Tschiki kennt sich so gut mit allen Millionären des Landes aus, da hätte sie auch bei dem Namen Brookman hellhörig werden müssen, egal, ob der Namensträger immer im Schlips kommt oder dies gar nicht mehr nötig hat. Dafür tritt er bei einer Modenschau wieder mit Golfschläger auf, was wirklich etwas albern wirkt, aber auch zeigt, wie exklusiv dieser Sport damals noch war, wenn man das dafür notwendige Spielgerät wie ein Statussymbol mit sich herumtragen konnte – zumindest im Film.

Die Modenschau, die Brookman sich anschaut, „Überraschung am Nachmittag“ lässt er sich zweimal vorführen, weil das Kleid von Tschiki getragen wird, ist sicher einer der Höhepunkte des Films, auch wegen der witzigen Kleider – ob in ihnen Ironie liegt oder nicht, konnten wir nicht entscheiden, aber zumindest „Überraschung am Nachmittag“ ist durchaus schick und der Name spielt darauf an, dass Tschiki sehr überrascht war, Tom Brookman als Besteller einer Exklusiv-Vorführung eines exklusiven Modesalons zu sehen. Er hingegen war nicht überrascht, denn nur ihretwegen lässt er diese Show inszenieren.

Finale

Wenn man sich Filme wie „How to Marry a Millionaire“ heute anschaut, kann man das auf die naive Art tun, indem man sich an den tollen Show-Werten der Stars und der Szenerie erfreut, man kann ihn aber auch als Zeitdokument wahrnehmen, und das macht ihn nicht schlechter. Vor allem, wenn man Marylin Monroe in der Blüte ihrer wenigen Jahre sieht, hat dies alles aber auch einen melancholischen Einschlag: Während der Flugzeugszene, in der sie besonders süß wirkt, mussten wir daran denken, dass sie neun Jahre später bereits verstarb, zugrunde gerichtet von dem Glamour, den sie in „Wie angelt man sich einen Millionär“ verkörpert und dem Job, den sie hier mit solcher Leichtigkeit erledigt, dass es eine Freude ist, dabei zuzuschauen. Sie muss gar nicht viel spielen, um der Leitstern des Films zu sein.

Anspielungen enthält dieses Werk übrigens auch, zum Beispiel auf Marylins ersten Hit „Gentlemen prefer Blondes“ aus demselben Jahr, was die Diamantenmomente angeht („Diamonds Are a Girls Best Friends“ sang sie dort) und vermutlich auf einen früheren Film von Bacall, in dem ihre Figur mit einem Tankwart liiert war, so sehr, wie hier darauf herumgeritten wird – allerdings haben wir dieses Werk nicht identifizieren können. Betty Grable war in den 1940ern ein begehrter Musicalstar, aber ihre Filme kennen wir kaum, daher können wir nicht verorten, ob es zu ihnen Bezüge gibt.

Wir haben in der IMDb nachgeschaut, um die Meinung des heutigen Publikums zu ermitteln, dabei fiel auf, dass der Film von Frauen überdurchschnittlich viel besser bewertet wurde als von Männern. Die Damen von heute träumen eben immer noch denselben Traum oder davon, diesen Traum loslassen zu können. Ein wenig Lästern muss an dieser Stelle schon sein. Man kann aber auch die Humorlosigkeit der Männer in Regress nehmen, die weder reich sind, noch gut aussehen.

69/100

© 2021, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

  1. Wikipedia
  2. Wohl aber „The Robe“, ebenfalls aus dem Haus 20th Century Fox, der zwar später gedreht wurde, aber vor „How to Marry a Millionaire“ uraufgeführt wurde und deshalb gemeinhin als erster Breitwandfilm gilt. 1953 waren die Oscars für die Kamera-Arbeit noch in Schwarzweiß und Farbe unterteilt, was angesichts der Tatsache, dass vor allem ernstere Filme in der stark abweichenden und in der Regel noch intimen 1,37:1-S/W-Ästhetik daherkamen, durchaus sinnvoll war.
Regie Jean Negulesco
Drehbuch Nunnally Johnson
Produktion Nunnally Johnson
Musik Cyril J. Mockridge
Kamera Joseph MacDonald
Schnitt Louis R. Loeffler
Besetzung

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