Die chinesische Methode – Tatort 251 #Crimetime 925 #Tatort #München #Batic #Leitmayr #BR #Methode #chinesisch

Crimetime 925 - Titelfoto © BR 

Der Fisch stinkt vom Kopf

 
In dem Tatort „Die chinesische Methode“ ermitteln die beiden Hauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Franz Udo Wachtveitl) im chinesischen Milieu in München, wo sie nur mithilfe eines raffinierten Tricks dem Mörder eines chinesischen Studenten auf die Schliche kommen (Tatort-Fans).
 
Eines verspreche ich an dieser Stelle: Langweilig wird es nicht, mit „Die chinesische Methode“. Warum der Film trotzdem (siehe Vorschau) von den Fans trotzdem nicht unbedingt als herausragend angesehen wird, spüren wir in der -> Rezension nach.
 
Handlung

Die chinesische Methode der Schutzgelderpressung ist subtiler, aber dennoch nicht weniger wirkungsvoll als das, was die beiden Kommissare Batic und Leitmayr bislang gewöhnt waren. Mitten in München stoßen sie auf eine in sich geschlossene chinesische Gesellschaft, deren Gesetze sie nur langsam durchschauen. Im bunten Getümmel eines feuchtfröhlichen Faschingsfestes wird ein chinesischer Student von einem Maskierten erstochen.
 
Wie sich herausstellt, war der Ermordete ein kleines Rädchen im Getriebe einer machtvollen Gruppe von chinesischen Schutzgelderpressern, die die China-restaurants der Stadt kontrollieren und systematisch ausnehmen. Ihre Methode scheint auf den ersten Blick beinahe harmlos: Fast schon im legalen Rahmen werden exotische Zierfische an die chinesischen Lokale ?vermietet?. Obgleich sich kaum ein Lokal ohne das obligatorische Aquarium finden läßt und es zu offensichtlichen Gewalttätigkeiten von seiten der Erpresser kommt, ist kein einziger Chinese zu einer Aussage bereit. Die Restaurantbesitzer verschanzen sich hinter der Maske distanzierter Höflichkeit und vorgeblicher Ahnungslosigkeit. Das Hauptinteresse der Kommissare richtet sich schließlich auf Chow, den zwielichtigen Chinesen, in dem sie den Kopf der Schutzgeldmafia vermuten. Doch Beweise fehlen.


Rezension

„Nicht ganz fern der Realität, wie das Bonusmaterial der DVD zeigt“, schreibt ein Nutzer des Tatort-Fundus, aber darf man die Realität zeigen, wenn sie dadurch auf Klischees zugespitzt wirkt? Seit ich ab und zu einen Ausflug nach Hanoi mache, das liegt übrigens in Berlin, kommt mir die Vorstellung der Menschen mit chinesischem Migrationshintergrund, ihre Art sich auszudrücken und zu denken betreffend, eher realistisch vor als ohne diese neuesten Eindrücke, auch wenn „Hanoi“, dem Namen entsprechend, eher von Menschen vietnamesischer und mittelasiatischer Herkunft dominiert wird. Der Duft Südostasiens ist dort jedenfalls sehr präsent und geht weit über das hinaus, was an Kräutern und Gewürzen zu erstehen ist. Ob jemand die Sprache des Drehbuchs „verifiziert“, also die Dialoge der Chinesen im Film an deren tatsächliche Ausdrucksweise angepasst hat, ist mir nicht bekannt, es wirkt jedenfalls genau so, wie man es sich vorstellt, nämlich höflicher bei uns, aber was hinten rauskommt, ist genauso brutal wie überall sonst: Wo die Gesetze nicht greifen, gilt das Prinzip der Stärke und der gnadenlosen Ausbeutung und wo die Gesetze an diese Realität angepasst werden, wie bei uns in den 2000ern, geht viel Menschlichkeit verloren. Die ethische Distanz zwischen staatlichem Handeln und dem, was in der OK passiert, vermindert sich fortlaufend, und da hilft auch keine Aufwertung des Sprachlichen.

Von Letzterer war man 1991 ohnehin noch etwas entfernt und es ist so witzig, die beiden München-Ermittler Batic und Leitmayr, die inzwischen einen langen Weg gegangen sind, in einem ihrer ersten Filme zu sehen. In diesem dritten Fall war auch Carlo Menzinger (Michael Fitz) erstmals dabei – und alle drei zusammen versuchen, auf eine Art humorvoll zu sein, an der man noch viele Jahre feilen musste, bis sie die spätere Mischung aus Wurschtigkeit und Engagement erreichte. Es ist auch nicht so, dass Michael Fitz sich von Beginn an als Großschauspieler hervortut, er wirkt genauso sehr noch grün hinter den Ohren wie die beiden anderen, wobei auch in „Die chinesische Methode“ sichtbar wird, dass Miroslav Nemec damals etwas weiter war als der Kollege Udo Wachtveitl. Deswegen bekommt er auch  hier die wichtigen Momente, zum Beispiel die der kulturellen Annäherung, geschenkt, zumal er selbst der erste Tatort-Cop mit unverschleiertem Migrationshintergrund war.

Da lag ich wohl richtig, als ich die Stäbchen-Szene als Titelfoto für die Vorschau ausgewählt hatte, denn da steckt noch etwas mehr dahinter, als nur, dass Batic versucht, „sich zu assimilieren“. In dieser Szene erreicht der Film seine größte Dichte und spielt auf tatsächlich humorvolle Weise auf den linkischen Umgang von Europäern mit damals noch als sehr fremd geltenden Kulturen. Es ist alles einen Tick derber dargestellt, als man das heute tun würde, aber der Film hat auch Momente, die ihn liebenswert machen.

Der eigentliche Plot trägt dazu wenig bei. Es ist eine der grausamsten Handlungen, die es bis dahin im Tatortformat wohl gegeben hat und da wird eben doch Brutalität ethnisch konnotiert – es gibt keine Gefangenen, wenn der Fischverleih nicht so funktioniert, wie er soll. Wohingegen die eigentlichen Verursacher des Fischkopfkapitalismus schon damals nur hin und wieder in Erscheinung treten, wenn die Probleme zu groß werden und sogar in der Familie Ausfälle und Fehlleistungen zu beklagen sind. Dann schwebt schon mal der Clanboss aus London ein und schaut, dass die Dinge sich wieder richten und die Umsätze wieder steigen.

Besonders übergriffig ist im politischen Sinn die Idee, dass die Polizei die chinesischen Restaurantbesitzer zur Kooperation gegen die Mafia zwingen will, indem sie mit der Lebensmittelaufsicht droht, weil bei wirklich jedem dieser Restaurants Mängel zu beklagen sind. Es ist leider tatsächlich so, dass asiatische Gastronomen zuweilen nicht auf der Kammspitze der Hygienewelle reiten, obwohl Südostasiaten vor Corona die einzigen waren, die ich in der Öffentlichkeit mit Schutzmasken gesehen habe. Trotzdem muss es gemäß der Realität um Fälle gehen und um Nicht-Fälle, also um jene, die sich an die Auflagen halten und daher zumindest nicht auf der hier gezeigten Schiene erpressbar sind. Allerdings hat die Vereinigung der chinesischen Gastronomen in München dann doch mehr Angst vor der Mafia als vor der Schließung der Restaurants und sie werden geschlossen und der Umsatz der Zierfischverleiher sinkt, weil diejenigen, welche die Fische gegen Geld geliehen haben, nicht mehr zahlen kann. Zum Ausgleich werden keine Hunde mehr gekocht. Beim Anschauen dieser Szene wird wohl nicht nur ausgewiesenen Tierfreunden schwummerig geworden sein. Dass diese nicht im Wege der allgemeinen Reinigung von alten Tatorten von allzu schlimmen Momenten nicht rausgenommen wurde, plottechnisch ginge das, ohne dass man den Film nicht mehr verstehen würde, ist interessant. Aber da der BR meines Wissens nicht einen einzigen Giftschrank-Tatort produziert hat, zeigt man diesen 259. Tatort zwar selten und hält ihn nicht in der ARD-Mediathek vor, aber wenn er mal kommt, dann vollständig. Ich habe mal ein wenig recherchiert und dies gefunden:

(…) Die deutsche Polizei ist machtlos: „Niemand traut sich zur Polizei“ (…). Selbst wenn vermutlich ein Großteil der Chinarestaurant-Besitzer in Deutschland Schutzgeld zahlen muss. „Oft werden die Restaurantbesitzer einfach verpflichtet, jeden Monat neue Fische für ihr Aquarium zu kaufen“, erklärt Kerner. „Und so ein normaler Goldfisch kostet dann durchaus schon mal 1000 Euro.“

Abgesehen davon, dass hier eine Verkaufsvariante beschrieben wird, die Vermietung ist natürlich noch ressourcenschonender, scheint dieser Artikel aus dem Jahr 2008 zu bestätigen, was im Film gezeigt wird. Nun sind wir im Jahr 2021. Die DW beschreibt ein Szenario, in dem 2 bis 3 Prozent der Weltwirtschaftsleistung von der OK erbracht wird. Inzwischen hatten wir eine Bankenkrise mit erheblichem Umwälzungseffekt und die Coronakrise verstärkt die Fehlentwicklung noch einmal. In Berlin dürfte der Anteil der illegalen oder unterflächigen Wirtschaft aktuell zweistellig sein und der Bezirk, bei dem man mindestens eine 20 vor dem Prozentkomma vermuten darf, liegt nur wenige Straßenzüge entfernt. Was dort geschieht, hat immer stärkere Auswirkungen auch auf uns. Dass Deutschland eine Drehscheibe für die OK ist, und zwar in vielen Branchen und alle denkbaren Ethnien betreffend, ist bekannt und es ist ausgesprochen unzureichend, dass nur hin und wieder „Hanoi“ mit einer Großrazzia bedacht wird, weil man sich von Seiten der Exekutive dort noch hintraut. Ein echter Durchgriff würde zum Beispiel erhebliche Rückgänge beim Umsatz mit Luxusgütern bedeuten, ganz abgesehen von den Unannehmlichkeiten, die besonders radikale Mafiaorganisationen bereiten können, die sich schon in die vorgebliche legale Wirtschaft hinein verästelt haben.

Finale

Man kann einen Film von vor 30 Jahren zum Thema OK nicht ganz bewerten, als sei er gerade erst gedreht worden und es gibt Darstellungen aus den 2010ern, in denen auf eine moderne, nicht rassistische, gleichermaßen deutliche Weise gezeigt wird, was man auch in „Die chinesische Methode“ schon angedeutet bekommt: Der eigentliche Fall wird zwar gelöst, die Strafe folgt auf dem Fuß, aber nicht von der Judikative verhängt, sondern „innerhalb der Familie“. In neueren Tatorten wird nicht bloß angedeutet, dass man zwar oft kleiner – sic! – Fische habhaft wird, aber die Strukturen dadurch nicht zerschlagen werden. Im Grunde ist es der Markt. Wo ein Markt vorhanden ist, wie zum Beispiel der Handel mit illegalen Drogen, da gibt es welche, die ihn bedienen. Und jetzt ziehen Sie bitte mal von den meist günstigen Preisen asiatischer, italienischer und anderer Restaurants noch die Schutzgeldzahlungen ab. Dann wissen Sie, wie sehr die Restaurantbesitzer und ihre Familien rackern müssen, um sich wirklich etwas aufzubauen. Es ist mithin ein Akt der Solidarität und der Gerechtigkeit, diese Strukturen nicht als eine Art von schützenswerter Kulturfolkolore anzusehen, sondern als das, was sie sind: Eine besonders brutale Form von Rechtlosigkeit, die unzählige Menschen in Angst hält.

7/10

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

2021-02-02 Tatort 251 DIe chinesische Methode Batic Leitmayr BR MünchenVorschau
 
Die beschriebene Methode erinnert ein wenig daran, wie China heute insgesamt vorgeht: Erpressung durch „Kooperation“ und „Wirtschaftshilfe“ bzw. Länder auf diese Weise von sich abhängig machen. Trotzdem handelt es sich, wie bei den mafiösen Erpressern der China-Restaurants, um Strukturen, nicht um Communitys oder Milieus. Im Fall der chinesischen Expansionsstrategie um die neue, offensive, aber bisher nicht militärische Vorgehensweise der KPCh im globalen Machtpoker.

Letztere wird aber immer mal wieder geprobt, wie man am zunehmend aggressiven Auftreten des neuen Imperiums im südchinesischen Meer sieht.
Und die Münchner? Zeitgenössische Meinungen über Tatorte wie diesen würde mich sehr interessieren. Die nebenstehende Tabelle, ein Ausschnitt aus dem Batic-Leitmayr-Ranking des Tatort-Fundus, belegt, dass die heutigen Silberfüchse es anfangs nicht so einfach hatten.
 
Es dauerte bis zum legendären 12. Tatort namens „Frau Bu lacht“, bis Ivo und Franz mal eine Wertung von mehr als 7/10 bekamen, wieder fünf Filme bis zu einer weiteren 7+x, erst mit den Fällen 20 und 21 kann man aus heutiger Sicht die beiden als endgültig etabliert betrachten.
 
Freilich ist das der aktuelle Stand und die Liste des Fundus gibt es außerdem erst seit ca. 2000. Der dritte München-Tatort mit den beiden namens „Die chinesische Methode“ kam schon 1992 heraus. Aber auch im Vergleich zu Episoden mit Vorgänger Lenz (Helmut Fischer) sind die ersten Filme mit den beiden „Neuen“ nicht sonderlich hoch bepunktet. Die 1990er Jahre waren ohnehin schwierig für das Format, das sich zunächst qualitativ seitwärts entwickelte und, von den 1970ern aus betrachtet, sogar nachgelassen hatte.
 
Insofern verwundert es nicht, dass es auch um Glaubensfragen ging. Zum Beispiel darum, dass die legendäre Produzentin Silvia Koller, die für das Forming, Storming, Norming und Performing der beiden verantwortlich war, an sie „geglaubt“ hat. Auch schauspielerisch kann man bei ihnen nämlich, insbesondere bei Udo Wachtveitl (Franz Leitmayr), eine deutliche Entwicklung sehen, während andere Tatort-Stars von Beginn an ihr „Format“ hatten. Eine stabilisierende Rolle hat sicherlich damals Michael Fitz gespielt, der bis 2006 als Carlo Menzinger der Dritte im Bunde war.
Ob der Film nach heutigen Maßstäben politisch korrekt ist, kann ich noch nicht beurteilen, er wird erst heute Abend (02.02.2021) vom BR um 20:15 Uhr ausgestrahlt – der Titel wirkt eher deutlich. Dafür lernt Ivo, mit Stäbchen zu essen, so wirkt es jedenfalls auf dem Bild, das wir  für den Titel ausgesucht haben. Aber es ist wichtig, dass Sender wie der Bayerische Rundfunk immer wieder mal ältere und möglicherweise kontroverse Fälle auspacken, damit man ein komplettes Bild erhält, wenn man sich etwas häufiger mit der Krimireihe „Tatort“ befasst. Insgesamt gibt es vom BR nur wenige Filme, die in den Giftschrank mussten. Auswendig fällt mir gerade kein einziger ein, da waren Rundfunkanstalten diesseits des Weißwurstäquators zuweilen weniger trittsicher. Schon bei Kommissar Melchior Veigl, dem Urbayern, waren hingegen Ansätze sozialer Denkweise und zugewandtes, eher dezentes Gepräge gleichermaßen sichtbar.
 
TH
 
Ivo Batic – Miroslav Nemec
Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Chow – Ric Young
Röder – Karl Friedrich
Mok – David Tse
Lo – Dschingis Bowakow
Menzinger – Michael Fitz
Herr Wang – Hi Ching
Mui – Grace Yoon
Chow Hap-man – David Yip
u. a.

Buch – Volker Maria Arend
Buch – Andreas Missler-Morell
Regie – Maria Knilli
Musik – Roman Bunka
Kamera – Klaus Eichhammer

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