Brigadoon, USA 1954 #Filmfest 372

Filmfest 372 Cinema

 Irresistibly romantic, after all

„Brigadoon“ ist ein Stück Kindheitserinnerung: Selbst die Aufzeichnung des Films ist nun mehr als zehn Jahre her und wir waren gespannt, was von diesem einen Tag für uns übrig bleiben würde, den die Amerikaner Tommy Albright (Gene Kelly) und Jeff Douglas (Van Johnson) im Schottland des 18. Jahrhunderts verbringen.

Es versteht sich, ist die Story ebenso unwirklich wie die Studiodekors, die ein altertümliches Freiluft-Schottland ersetzen müssen, aber auch das gehört zu diesem Märchen, dass man bewusst auf mehr Blüten und Farben gesetzt hat, als Schottland sie wirklich bietet, auch eine solche Häufung anmutiger und edler Frauen, wie es sie im mysteriösen Dorf Brigadoon gibt, ist märchenhaft. Es geht nicht nur um die Konzeption, in der ein Dorf aus dem Nirvana auftaucht, das nur alle 200 Jahre für einen Tag in der jeweils aktuellen Welt erscheint und ausgerechnet da tauchen die beiden Urlauber aus New York am richtigen Platz auf, um es zu sehen und in seine Geheimnisse eindringen zu können. Zufälle können erhebliche Folgen haben, wie wir wissen. Mehr darüber steht in der -> Rezension zu lesen.

Handlung

Die beiden Amerikaner Tommy und Jeff geraten bei einer Jagdtour in Schottland in ein kleines Dorf namens Brigadoon. Das idyllische Nest und seine Bewohner erscheinen nur alle 100 Jahre für einen Tag, dann verschwinden sie wieder. Als die beiden Freunde eintreffen, wird gerade eine prächtige Hochzeit gefeiert. Tommy verliebt sich in die Schönheit Fiona. Sein Freund Jeff bestärkt ihn, wieder mit nach Hause ins hektische New York zu kommen, Tommy ist hin- und hergerissen, denn verlassen kann Fiona das Dorf nicht, es würde zerstört werden. Tommy aber könnte bleiben, die Liebe würde es möglich machen.

Jeff überredet Tommy mit einer List, Brigadoon zu verlassen und doch wieder mit nach New York zu kommen. Nach einigen Monaten treffen sie sich wieder, beide haben sich aber zu ihren Ungunsten entwickelt: Jeff trinkt, und Tommy kann nur noch voller Sehnsucht an Fiona denken und hat Schwierigkeiten, sein Leben zu führen. Die Freunde kehren nach Schottland zurück, das Dorf aber ist verschwunden.

Tommy beklagt sein Schicksal, doch plötzlich taucht Brigadoon doch wieder vor ihnen auf, die Liebe Tommys macht es möglich. Er zieht in das Dorf und verschwindet mit ihm, Jeff bleibt zurück.

Hintergrund

Die Vorlage für den Film lieferte das Broadwaymusical Brigadoon, dass im Jahr 1947 uraufgeführt wurde. Die Musik stammt von Frederick Loewe, Handlung und Text stammen von Alan Jay Lerner. Die beiden bildeten seit 1942 ein Team und konnten auch später zusammen Erfolge feiern, zum Beispiel mit ihrem Musical My Fair Lady.

Für die Verfilmung war eigentlich der Musicalstar Howard Keel für die Hauptrolle des Tommy Albrightvorgesehen[1], die Wahl fiel dann aber auf Gene Kelly, der zusammen mit Cheryl Crawford auch für die Choreografie des Films verantwortlich zeichnet.

Auszeichnungen (1)

Der Film wurde 1955 für drei Oscars nominiert, gewann aber keinen. Die Nominierungen entfielen auf Irene Sharaff für das beste Kostümdesign, Wesley C. Miller für den besten Ton und Cedric GibbonsF. Keogh GleasonEdwin B. Willis und E. Preston Ames für das beste Szenenbild. Bei den Golden Globes1955 erhielt der Kameramann Joseph Ruttenberg die Auszeichnung für die beste Kamera in einem Farbfilm.

2021-02-06 Filmfest Cinema 2021Rezension

Heute wird der Film nicht zu den größten der großen MGM-Muscials gezählt, wenn man die Meinung der Kritiker und IMDb-Nutzer heranzieht. Doch er hat einen eigenartigen Reiz und strahlt eine hohe künstlerische Geschlossenheit aus. Mehr aber: Er ist unwiderstehlich romantisch und ein Frauenfilm. Bei noch keinem bisher besprochenen Film werten Frauen in der IMDb so deutlich höher als Männer und Frauen ab 45 Jahren, die unsere Referenzgruppe für Empathie und soziale Kompetenz darstellen, lieben ihn geradezu.

Man muss sich ein Herz für die Botschaft von der großen, alles überwindenden Liebe bewahrt haben, um für „Brigadoon“ so zu empfinden. In der Realität kann diese Haltung, wenn man die Botschaft zu ungefiltert überträgt, dazu führen, dass man Chimären nachjagt – jedoch, um einen 108-minütigen Traum genießen zu können und das Wunder bestaunen zu können, ist sie unabdingbar.

„Brigadoon“ hat keinen der Musical-Evergreens hervorgebracht, die heute noch jeder kennt (wobei einige der Stücke aus dem Original-Musical von 1947 im Film nicht verwendet wurden) und die letzte Tanzszene muss hinter der Intensität der erreichten Gefühle zwischen Albright und Fiona zurückbleiben. Doch der Fluss und die Ausgestaltung des Films und die Hauptdarsteller, besonders Cyd Charisse in ihrer wohl schönsten Rolle, sorgen dafür, dass man wirklich in Brigadoon ankommt.

Der größte Erfolg des Muscial-Autorenteams Alan Jay Lerner und Frederick Loewe war „My Fair Lady“, das 1964 mit Audrey Hepburn in der Titelrolle verfilmt wurde. Dieses großartige Musical, das seinerseits auf dem Stück „Pygmalion“ von George Bernard Shaw basiert, adelt alle anderen Arbeiten dieses Teams.

Aber es ist auch ein Vincente-Minelli-Film. Minelli war einer der wenigen Regisseure, die im Muscialfach Erfolg hatten (von „Cabin In The Sky“ (1943) bis „Gigi“ (1958))hatten, aber auch dramatische Filme ohne Musik drehen konnten (der beste davon ist wohl „The Bad and The Beautiful“ (1952), einer der besten Hintergrundfilme zum Hollywood-System der goldenen Tage).

Stilistisch, choreografisch und technisch waren Minellis Filme für ihre Zeit sehr hochwertig und prägten das Bild von MGM als erster Adresse im Muscialfach nachhaltig. „Brigadoon“ ist ein Beispiel dafür. Vielleicht nicht ganz so reich gefärbt und bebildet wie einige seiner anderen Werke (etwa „An American in Paris“ von 1951), aber von großer visueller Geschlossenheit und märchenhaftem Reize, welcher der Handlung und der Botschaft entspricht. Das etwas angestaubt klingende Wort „Anmut“ verwenden wir gerne für den gesamten Film. Von Cyd Charisse geht ohnehin dieser kaum erlernbare Charme aus, aber auch die Darstellung der Dorfcharaktere von Brigadoon, die Umgebung, die Kostüme sind einfach reizend. Minellis Musicals sind nicht zuletzt Ausstattungsfilme.

Hinzu kommt, dass „Brigadoon“ das erste in Cinemascope und 4-Spur-Stereo gefilmte MGM-Muscial war (die von uns archivierte deutsche Fernsehfassung ist allerdings in Mono und hat nur ein Bildformat von 1,85 : 1, nicht das für damalige Verhältnisse monumentale und erst ein Jahr zuvor mit „The Robe“ eingeführte 2,55 : 1 der Breitwandversion). Erhältliche DVDs dürften aber die technische Brillanz der amerikanischen Kinoversion, verbunden mit der deutschen Originalsynchronisation, die zum Zauber des Films ihr Schärflein beiträgt, auch für deutsche Käufer bereithalten.

Die Botschaft des Films ist so zu verstehen: Auf der einen Seite des laute, oberflächliche New York der Bars und Blondinen, auf der anderen ein Dort aus einer anderen Zeit mit reinen Herzen und tiefer Religosität und Hingabe an die einfachen, wirklichen Dinge des Lebens. Was wird wohl als besser dargestellt? Der Schluss sagt es eindeutig: Der Held der Geschichte verschwindet aus dieser Welt, um in einer besseren zu bleiben, die so warmherzig wirkt, dass man sich sofort auf die Suche machen möchte nach einem Dorf wie Brigadoon.

Unsere Kindheitserinnerung hat sich wenig eingetrübt, was die Reize des Films angeht, aber natürlich können wir heute besser über dessen Botschaft referieren, die für Kinder mit Vorsicht zu genießen ist, obwohl sich viele Märchen solcher Motive bedienen: Alles ist besser als die blöde Wirklichkeit mit ihren nervigen Typen. Wer die nicht mehr aushält, geht heute nicht nach Brigadoon, sondern ins Internet und findet dort nicht Liebe, sondern eine Suggestion von Eingebundenheit und kann auch das ausleben, was mit positiven Gefühlen nichts zu tun hat.

Politsch-weltanschaulich betrachtet, wird das intellektuelle New York als hohl dargestellt und eine Welt, in der jemand, der gute Gründe hat, ihr entweichen zu wollen, wie der unglücklich verliebte Harry, gejagt und zur Strecke gebracht wird, damit diese im umfassendsten Sinn des Wortes heile Welt weiterbestehen kann. Ob man in einer Welt leben will, in der jede Form von abweichendem Verhalten und jeder Wunsch nach persönlichem Glück hinter die Notwendigkeit, die Gemeinschaft zu erhalten, zurücktreten muss, darf jeder Zuschauer für sich entscheiden. Normalerweise ist das alles eins, das persönliche Glück und das Wohlergehen des Ganzen, fast wie im Kommunismus. Überhaupt trägt das Dorf sozialistische Strukturen, denn alles wird gemeinsam entschieden, veranstaltet und niemand schließt sich aus. Dass auch die Produktionsmethoden nicht auf den Reichtum einzelner ausgerichtet sind, sondern darauf, dass alle nicht zu viel, aber von vielem genug haben, ist offensichtlich. Wenn man so will, ist dies eine christlich-fundamentalistische Form einer sozialistischen Utopie, die ohne Zweifel etwas Sektenhaftes aufweisen würde, wenn man sie in unsere Welt stellen würde – und dergleichen Gemeinschaften gibt es ja, in denen auch die Art, wie man aus ihnen austreten kann oder nicht und wie es möglich ist, sich ihnen anzuschließen, eine große Rolle spielen.

Wie auch immer man das Wesen des Dorfes Brigadoon ideologisch interpretiert, sie ist in Wirklichkeit zwanghaft. Niemals mehr einen Fuß in die Außenwelt setzen zu können, um eine Frau zu gewinnen, kann es das wirklich sein? Fiona hätte ihrem Tommy ja auch nach New York folgen können – oder wäre das nicht möglich gewesen, hätte sie sich dort in Luft aufgelöst, weil sie in Wirklichkeit schon etwa 228 Jahre alt ist? Nein, das nicht. Aber sie hätte, wie jener unglückselige Harry Beaton es wollte, dafür gesorgt, dass der Zauber des Dorfes verschwindet und mit ihm das Dorf selbst.

Die Handlung von Brigadoon reflektiert auf den zweiten Blick eine überzeitliche Form sozialer Spannungen, wie sie seit Anbeginn der Menschheit darin bestehen, dass eine Mehrheit mit ihrem Leben zufrieden ist oder doch nicht in der Lage oder willens, es zu ändern und Einzelne, mit guten oder, wie in Brigadoon, mit verwerflich eogistischen Zielen, haben die Aufgabe, diese statische Wirklichkeit in Bewegung zu bringen und damit erst die Stoffe zu erschaffen, die man so gut verfilmen oder für den Film erdenken kann. Die Jagd auf Harry Beaton reflektiert diese Spannungen sehr einprägsam und ist, bei aller Niedlichkeit der Szenerie, eine nervenaufreibende Menschenhatz, die von einem rhythmischen Lied unterstützt wird, das die Suche nach Beaton zum Inhalt hat.

Visuell ist Brigadoon so besonders wie alle Minelli-Musicals. Der Stil ist zwar speziell in Brigadoon für amerikanische Verhältnisse theaterhaft und alles wirkt wie eine große Bühne. Der Regisseur wurde im Theater groß und arbeitete als junger Mann im Kostümfundus eines Chicagoer Theaters. Das half ihm gewiss, seine einprägsamen Dekors und Kostüme zu entwerfen. Sein Stil ist bunt, aber ihn als vulgär zu bezeichnen, wäre übertrieben. Das Technicolor der 1940er und 1950er Jahre schmeichelt seinen prächtigen Szenengestaltungen und Kleiderentwürfen und er verstand, wie man dessen Vorzüge auf eine Weise nutzen kann, die ihn zu einem der Regisseure in Hollywood mit erkennbarem visuellen Stil machte. Die Tanznummern sind, wie bei MGM und Minelli üblich, erstklassig choreografiert, „Go Home With Bonnie Jean“ zu Beginn der Dorfszenen innerhalb des Films ein schönes Männerballett mit einem Rhythmus, der Vergnügen bereitet, das auf Brigadoon und seine Menschen bestens einstimmt, und Kilts sind immer pittoresk und wirken männlicher als manch ausgebeulte Jogginghose.

Natürlich kommt es auch diesem Film zugute, dass MGM auch 1954 noch ein reiches Studio war, das üppige Dekorationen und viele Komparsen stellen konnte, die als Dorfbewohner den Film so gut bevölkern, dass man tatsächlich das Gefühl hat, alle, die in Brigadoon wohnen, sind Teil der Aktion – was andererseits wieder  zum Abgeschlossenheitscharakter dieses Platzes beiträgt. Ohnehin wird hier ein ganzes Dort nicht nur ideologisch und menschlich, sondern auch visuell porträtiert, wie man es kompletter kaum tun könnte. Der Mangel an Individualität bei diesen Menschen wir erst spürbar, als die Lage eskaliert, weil einer von ihnen die Ordnung verletzt.

Die Dekorationen lassen sich nach Minelli-typischen Elementen absuchen, allerdings kann dies auch in Versuchung führen, zu übertreiben, denn der Zeitstil war auf die Musicals ebenso einflussreich wie der persönliche des Regisseurs und die große MGM-Gemeinde hat sich gegenseitig inspiriert. Zudem hatte Produzent Arthur Freed einen Anteil an der Gestaltung der Filme, die ihm anvertraut wurden.

Auffällig sind die dominierenden Rot- und Grüntöne in diesem Film, was im frühren Technicolor noch durch Grenzen der Farbgebung bedingt war, aber 1954 nicht mehr, sondern zu den individuellen Gestaltungsaspekten des immersehr mit dem gezielten Einsatz von Farben arbeitenden Minelli zu zählen ist. Auffallend auch die Bekleidungsfarben, insbesondere bei dem Kleid, das Fiona trägt, als Tommy sie kennenlernt – ganzheitliches Hellbeige, das noch besser als Weiß, das der Braut vorbehalten ist, ihre Unschuld und vor allem ihre Unversehrtheit dokumentiert.

Finale

Ein wenig kitischig und rückwärtsgewandt wirkt sie schon, die Welt von Brigadoon, aber alle, die sich draußen auf dem Land Bauernhöfe kaufen, können damit sicher etwas anfangen. Wirklich? Da sind viele darunter, die ihr eigenes Ding fern der Zwänge der Großstadt machen wollen. So wie Kelly, aber ganz ohne die Einbindung in eine so strikte und konformistische Dorfgemeinschaft wie jene, die an einem verzauberten Tag im schottischen Hochland erscheint, als die Morgennebel sich lichten.

Schauspielerisch profitiert der Film vor allem von Cyd Charisse, Gene Kelly wirkt harmonisch, aber nicht überragend, ebenso wie Van Johnson, der aber gut daran tut, den Skeptiker zu mimen – und wer weiß, vielleicht verbirgt sich genau hinter dieser Figur Vincente Minelli, der Regisseur, der auf eine etwas verdeckte  Weise Kritik an Menschenjagd, Zwang zum Konformismus und allzu starker religiöser Determinierung des Handelns geworfen haben könnte.

„In den unschuldigen Kindertagen wäre der Film eine 10 oder 9 gewesen, hätten wir damals schon in Punkteschemata gedacht. Heute wäre er, auch aus nostalgischen Gründen, eine 8 – ja, wenn es nicht undenkbar wäre, ihn über „Ein Amerikaner in Paris“ zu stellen. Da wir Letzteres Minelli-Filmmusical aber durchaus nicht als perfekt angesehen haben, muss es auch für Brigadoon bei 7,5/10 bleiben“.

Diese etwas eigenartige, aber für Menschen mit einem Faible für Rankings vielleicht nachvollziehbare Hinführung zur Bewertung anlässlich der Erstveröffentlichung des Textes im Jahr 2014 korrigieren wir hier ein wenig, denn „Ein Amerikaner in Paris“ hat ein bis zwei ideologische Stolperstellen mehr als „Brigadoon“ und letztlich ist alles auch eine Frage des persönlichen Geschmacks. Außerdem haben wir kürzlich „Vorhang auf!“ aus dem Jahr 1953 besprochen, der heute von den drei Musicals am besten bewertet und nur von „Singin‘ in the Rain“ übertroffen wird. Ich habe für „Brigadoon“ einen persönliche Schwäche, auch wenn ich ihn jetzt oft genug gesehen habe. Ohne eine Neusichtung gibt es aber höchstens eine Veränderung der Bewertung von 2 Punkten.

77/100

© 2021, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Vincente Minnelli
Drehbuch Alan Jay Lerner
Produktion Arthur Freed
Musik Frederick Loewe
Kamera Joseph Ruttenberg
Schnitt Albert Akst
Besetzung

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