Falscher Jasmin – Polizeiruf 110 Episode 137 #Crimetime 931 – #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Beck #Grawe #Jasmin #falsch

Crimetime 931 - Titelfoto © DFF / ARD

Noch einmal mit Gefühl

„Falscher Jasmin“ ist neben dem direkten Vorgänger „TödlicheTräune“ der letzte Polizeiruf, der vor dem Mauerfall abgedreht wurde – die Drehzeit endete am 30. Oktober. Dass sie sich über mehrere Monate zog, war damals nicht unüblich, lag in diesem Fall aber auch an einer Besonderheit: In dem Film spielen die Jahreszeiten Sommer und Herbst eine große Rolle. Eine weitere zeitliche Spezialität: Der 137. Polizeiruf war der erste, der nach der Volkskammerwahl vom 18. März 1990 Premiere feierte,  zu einer Zeit, als der weitere Weg der DDR geklärt war. Das dritte auffällige Merkmal: Er beginnt  im Jahr 1987. Weitere Fakten und unsere Meinung zu diesem Film aus der Übergangszeit sind in der -> Rezension niedergeschrieben.

Handlung

Krankenschwester Sigrid ist irritiert. Sie hat von Kollegin Annemarie Liedekow deren Kleinkind zur kurzzeitigen Pflege erhalten, als sie am Freitag etwas vorhatte. Nun ist es Sonntag und Annemarie ist noch nicht zurück. Ihr Chef Dr. Bernd macht sich auf die Suche nach Annemarie, doch ist sie weder zu Hause noch bei ihrer Schwester Angelika Kolm. Am Montag verschafft sich Dr. Bernd mit Angelikas Hilfe Zutritt zu Annemaries Wohnung. Das Chaos lässt auf ein Gewaltverbrechen schließen. Beide rufen die Polizei. Zur gleichen Zeit findet ein Förster im Wald eine halbnackte Frauenleiche. Hauptmann Günter Beck und Oberleutnant Thomas Grawe lassen Dr. Bernd und Angelika zum Fundort holen, wo Angelika die unbekannte Tote als ihre Schwester identifiziert.

Erste Ermittlungen ergeben, dass Annemarie allein lebte. Den Vater ihres unehelichen Kindes verschwieg sie vor allen, hatte anscheinend auch keine Affäre und war bei Mitarbeitern und Patienten beliebt. In ihrer Wohnung finden sich jedoch zahlreiche Spuren einer zweiten Person: Abgewaschene Weingläser, ein Schlüssel, zahlreiche Fotos und im Müll eine Weinflasche mit Fingerabdrücken. Im Vergleich zu identischen Abzügen der Schwester stellt sich heraus, dass drei Bilder fehlen, auf denen neben Annemarie auch Angelikas Nachbar Jan Heder zu sehen ist. Weitere Nachforschungen bei Anglern am nahe dem Leichenfundort liegenden See führen zu der Erkenntnis, dass am Tattag ein Barkas im Wald hielt. Jan Heder fährt einen Barkas und beliefert als Bäcker regelmäßig das Krankenhaus, in dem auch Annemarie arbeitete. Mit einem Trick bringen die Ermittler ihn dazu, sich die Fotos anzusehen, die in Annemaries Wohnung fehlten. So erhalten sie seine Fingerabdrücke, die mit denen auf der Weinflasche übereinstimmen. Jan Heder wird festgenommen.

Im Verhör berichtet er, dass alles 1987 angefangen habe. Beim Abladen der Backware musste er stets vor Annemaries Wohnzimmerfenster parken. Einmal zeigte sie sich ihm dabei bewusst nackt, später trafen sie sich am See und gingen schwimmen, es folgten zahlreiche Zettelaustausche am Morgen und Seebesuche am Nachmittag. Sie schliefen in der Natur miteinander, doch als das Ende des Sommers kam und sie wieder einmal vor einem Angler flüchten mussten, hatte Annemarie genug. Sie forderte eine Entscheidung von ihm. Als er sich nicht von seiner Frau trennen wollte, verließ sie ihn. Sie teilte ihm irgendwann per Brief mit, dass sie schwanger sei. Als sie sich das nächste Mal trafen, war sie fast im 3. Monat. Auf Jan Heders Bitte, das Kind abzutreiben, ging sie nicht ein. Sie wollte das Kind aus eigenem Wunsch heraus bekommen und nicht seinetwegen. Sie versprach, seinen Namen nie zu nennen. Die Monate vergingen und beide hatten keinen Kontakt. Die einfache Frage von ihrem Schwager, ob der Vater des Kindes denn Alimente bezahle, brachte Annemarie auf eine Idee. Sie nahm die Beziehung zu Jan Heder wieder auf, schlief mit ihm und präsentierte sich ihm wie eine Prostituierte. Das nächste Mal solle er Geld mitbringen, forderte sie – 20.000 Mark. Jan Heder versuchte, sie die nächsten Wochen umzustimmen und von seiner Liebe zu überzeugen, doch sie gab nicht nach. Als sie drohte, andernfalls alles öffentlich zu machen, erwürgte er sie. Zur Sicherheit stach er anschließend noch auf sie ein.

Jan Heder wird festgenommen und zu lebenslanger Haft verurteilt. Sein Vater stirbt kurz darauf vor Kummer, die Frau verlässt ihn und verkauft das Haus. Jans und Annemaries Kind wächst bei Angelika Kolm als Halbwaise auf.

Rezension

Es war doch Mord, meine Damen und Herren! Der Täter ist relativ schnell ermittelt, aber damit fängt der Film erst richtig an. Die Polizeirufe weisen eine große Varianz bezüglich der Handlungsführung auf, aber dass man den Fall als solchen so schnell abhandelt, um sich der eigentlichen Sache zu widmen, nämlich, wie es zur Tat kam, ist bemerkenswert. Es wirkt, als sei die Ermittlungsarbeit eher als lästig empfunden worden und als hätten Regie und Drehbuch sie schnell abschließen wollen, um sich dem Beziehungsdrama widmen zu können, das Manfred Mosblech inszeniert hat.

Seine Tätigkeit für die Reihe endete leider 1990, dabei hätte sie in der Übergangsphase dringend seine besondere Fähigkeit gebraucht, Spannung nicht aus beinahe beliebigen Krimihandlungen zu gewinnen, sondern aus den FIguren selbst. Die Film von ihm sind deutlich mehr auf dichtes Herantreten an den Zuschauer ausgelegt als die einige seiner Kollegen, zum Beispiel von Thomas Jacob, der den Vorgänger „Tödliche Träume“ gefertigt hat. Ebenfalls eine Tragödie, ein Familiendrama, aber mit mehr Distanz zu den Figuren gefilmt. Man muss was trauen, wenn man Filme so auf Mitgehen ausrichtet, denn da kann auch  leicht mal was schiefgehen. Es gibt durchaus ein, zwei Szenen in „Falscher Jasmin“, die uns beinahe zum Lachen gebracht hätten, obwohl die kritischen Stellen sicher nicht komisch gemeint waren, denn Humor ist diesem Film ziemlich fremd. Wir verraten aber nicht, um was es dabei ging, wir wollen ja niemanden schriftlich diskriminieren.

„Falscher Jasmin“ ist eben ein sehr gefühlvoller Krimi und auch ein sehr freizügiger. Wir haben uns beim Anschauen gewundert, dass die Szenen mit den nackten Kindern nicht mittlerweile entfernt wurden, schnitttechnisch wäre das einigermaßen problemlos möglich gewesen. Dass man hingegen auch die beiden Episoden-Hauptdarsteller Anne Kasprik und Jürgen Zartmann – einer von Mosblechs Lieblingsdarstellern – entblößt sieht, ruft beinahe nostalgische Gefühle hervor. So war sie, die DDR, in ihrer Spätphase. Jenseits der großen sozialistischen Entwürfe und vielleicht ersatzweise lebte es sich offenherziger als im Westen. Und schlecht gemacht ist es nicht. Wir fanden, dass Kasprik hier eine natürliche Erotik verströmt, die das Verhalten des wackeren Bäckers nachvollziehbar macht. Die beiden Figuren sind wirklich gut gezeichnet.

Die Mischung verschiedener Einflüsse, die bei der Entstehung eines solchen außerehelichen Verhältnisses eine Rolle spielt, werden sauber herausgearbeitet, ebenso der Verlauf von der Verliebtheit über die Enttäuschung – bis zu Wut und Hass. Symbolisiert wird das Erkalten der Liebe durch den Wechsel vom Sommer zum Herbst, der See und sein Ufer sind nicht mehr für die gemeinsamen Stunden geeignet, man kann höchstens in der kühlen Luft des Indian Summers wandern und einander unangenehme Dinge sagen. Besser als dies wäre ein schmerzhaftes Farewell gewesen, ein Sayonara in seiner fatalistischen Ausdeutung. Aber der Bäcker kommt immer wieder zum Krankenhaus und hält zwecks Anlieferung immer wieder vor dem Fenster von Annemarie. Es ist wie verhext und irgendwann bezeichnet sich die hübsche Krankenschwester selbst als Hexe.

Die Story spinnt sich fort, nur unterbrochen von den beiden Kriminalern Beck und Grawe, die mit hochroten Köpfen wütend auf den Delinquenten sind, denn er berichtet von seiner tödlichen Beziehung mit Annemarie während eines Verhörs. Ja, natürlich liegen die beiden Aufrechten richtig. Die Konsequenzen, nämlich, dass seine Familie von der Sache erfährt, hätte er tragen müssen, wenn er Annemarie immer wiedersieht, nicht von ihr lassen kann und ihr außerdem ein Kind macht, das sie behalten möchte. Dass sie ihn erpresst, ist nicht die feine Art, man hätte es auch auf offiziellem Weg einrichten können, dass er Unterhalt zahlen muss. Wenn wir die Lage richtig gedeutet haben, tut sie das vor allem aus Rache und verletztem Stolz und weil sie nicht auf eine Regelung aus ist, sondern darauf, dass er sich doch für sie entscheidet oder er kriegt eben eine Hure, die es für Geld tut. Sie ist ein sehr emotionaler Typ und er kann sich nicht so auf sie einlassen, wie Liebesbekenntnisse es nach sich ziehen müssten, wenn sie ernst gemeint sind.

Nachvollziehbar ist seine Haltung schon: Er ist nicht mehr ganz jung, hat sich etwas aufgebaut, müsste alles aufgeben für einen Aufbruch ins Ungewisse mit einer sehr emotionalen Frau, die er gar nicht richtig kennt und vielleicht auch nicht richtig lesen kann. Er ist eher der passive Teil, ein typischer Mann seiner Zeit und der sozialen Gegebenheiten, würden wir festhalten wollen, auch in Anbetracht der Erkenntnisse aus unserer Anfangszeit in Berlin. Und es war Mord. Jan hat Annemarie nicht aus einem Streit heraus spontan erwürgt, die Idee dazu reifte in ihm und einen Anlass findet man immer, wenn eine Idee reif für die Ausführung ist. Sie dann zusätzlich zu erstechen, hat einen krassen Hautgout. Es wirkt, als habe er einem Vampir nochmal den Holzpflock ins  Herz treiben wollen, damit dieser wirklich tot ist. Es handelte sich bei der Waffe nach dem Mord um ein Skalpell, sei’s drum.

Schon, als der Waldarbeiter seine Ritzarbeiten an Baumstämmen ausführt, die minutiös, also fast eine Minute lang, gezeigt werden, ahnt man, es wird zu Verletzungen an Menschen kommen, psychisch und physisch. Wir müssten mal nachsehen, warum die Rinde von Bäumen in Form eines Winkels eingeritzt wird, einen nachvollziehbaren Grund dafür sollte es geben.

Finale

Ein großer Krimi ist „Falscher Jasmin“ nicht und der Titel wirkt etwas wie für das Lied herbeigeschrieben, das während des Abspanns gesungen wird, während des Films ist uns jedenfalls kein Jasmin aufgefallen. Übertragen muss man das Lied auf die falschen Hoffnungen und vielleicht auch die Gefühle, die im Verlauf immer fragwürdiger werden. War es wirklich Liebe – oder beidseitig doch eher Interesse am Sex, Verlangen, am Ende eine Art von Hörigkeit, die man nur durch eine finale Lösung beseitigen kann. Etwa durch den Stich ins Herz der Person, von der man sich abhängig gemacht hat. Vielleicht ist Jan Heder am Ende froh, dass er ins Gefängnis darf, sowas soll schon vorgekommen sein. Aber der Preis ist hoch, auch wenn im Rechtssystem der BRD „lebenslänglich“ nicht wirklich heißen muss „fürs ganze restliche Leben“. Aber das doppelgleisig fahren hat eben nicht funktioniert und am Ende steht derjenige, der es eingerichtet hat, mit leeren Händen da und hat schwere Schuld auf sich geladen. Ein ganz klassischer Fall, wie er in der Realität auch vorkommt.

Die Ermittler arbeiten in einem großen Team, aber das Verhör führen nur Beck und Grawe und ihre Empörung über das Verhalten des Mörders wirkt echt. Es ist kein Routinefall, sondern sie bedauern aufrichtig, dass angesichts des nach der Wende absehbaren Klinikpersonalnotstandes eine junge Krankenschwester sinnlos und endgültig von der Arbeit abgezogen wurde. Sorry, aber der Kalauer  ist uns spontan eingefallen.

7,5/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Manfred Mosblech
Drehbuch Manfred Mosblech
Produktion Heinz-Jürgen Jeserigk
Musik Günther Fischer
Kamera Wolfram Beyer
Schnitt Gerti Gruner
Besetzung

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