Die Fahrten des Odysseus (Ulisse / Ulysses, IT 1954) #Filmfest 374

Filmfest 374 Cinema

Homer und Kirk Douglas in Cinecittà

Die Handlung hält sich relativ eng an das homerische Original, die Odyssee. Um der Länge von 100 Minuten gerecht zu werden, wurde die Erzhlung gerafft sowie einiges ausgelassen, umsortiert und zusammengefasst. Nach dem Kriegsdrama „Wege zum Ruhm“ ist „Ulysses“ der zweite Film in unserer Kirk Douglas-Retrospektive und zählt zu den weniger bekannten mit dem großen Schauspieler.

Handlung (Wikipedia)

Nach einer Einleitung, in der der Fall TrojasCassandras Fluch gegen Odysseus, seine beginnende unglückliche Heimfahrt und seine von Freiern belagerte Frau Penelope beschrieben wird, ist der zentrale Teil der Handlung als Rückblende gestaltet. Odysseus wird als Schiffbrüchiger an den Strand von Kerkyra gespült, der Nachbarinsel Ithakas, und kann sich zunächst an nichts erinnern. Er wird aber vom Herrscherpaar der Phaiaken, die Kerkyra bewohnen, gastfreundlich aufgenommen, und allmählich kehren seine Erinnerungen wieder, die er sodann erzählt.

Er berichtet von seinem Kampf mit dem Zyklopen Polyphem, den Gesängen der Sirenen, seinem Aufenthalt bei der Zauberin Circe – die im Film mit Kalypso zusammengefasst und von der Darstellerin der Penelope gespielt wurde – oder über seinen Besuch im Reich der Schatten. Am Ende kehrt Odysseus nach 20 Jahren „Odyssee“ als Bettler verkleidet heim und gibt sich zunächst nur seinem Sohn Telemach zu erkennen. Von allen Freiern verlacht, nimmt er an dem Wettkampf um die Hand Penelopes teil, den er gewinnt – ein Bogenwettkampf, der so gestaltet war, dass eigentlich nur Odysseus selbst ihn gewinnen konnte. Nach seinem Sieg gibt er sich zu erkennen und tötet alle Freier in seinem Haus.

2021-02-06 Filmfest Cinema 2021Rezension

Kirk Douglas fünf Jahre vor seiner Rolle als Spartacus und Anthony Quinn nach „La Strada“ verweilend – beide sehen wir in „Die Fahrten des Odysseus“.

Wobei Quinn hier keine adäquate Rolle hat, dies vorweggenommen. Er wird zwar aus den übrigen Bewerbern um die vermutliche Witwe Penelope etwas herausgehoben, letztlich aber ereilt ihn ohne Federlesens das gleiche Schicksal wie die anderen. Der Film hätte also gut ohne Quinn auskommen können, aber sicher war es lukrativer, hier eine kleine Rolle zu spielen als zuvor für Federico Fellini den Zampano in „La Strada“ – aber es waren natürlich Rollen wie Letztere, die Quinn unsterblich gemacht haben.

Dass auch Kirk Douglas mit von der Partie war, mit dem Quinn zwei Jahre später den fantastischen „Lust for Life“, die Biografie von Vincent van Gogh, gedreht hat, hebt die italienische Sagen-Verfilmung, die nicht nur am Beginn des italienischen „Sandalenfilms“ aus Cinecittà stand, sondern auch ein Meilenstein für den Ruhm der Produzenten-Legenden Dino de Laurentiies und Carlo Ponti war – die sowohl im Unterhaltungs-Filmgeschäft mit Werken wie jenem „Die Fahrten des Odysseus“ als auch beim Kunstfilm, unter anderem mit dem erwähnten „La Strada“ tätig waren. 

Regisseur Mario Camerini, der „Odysseus“ inszeniert hat, war zwar kein Star des Neorealismus, aber gehörte zur gehobenen Klasse der italienischen Mainstream-Regisseure. Er war, wie berühmte amerikanische Routiniers, schon in der Stummfilmzeit am Set.

Fraglos stellt „Die Fahrten des Odysseus“ einen der gelungensten Versuche der Filmwerkstatt Cinecittà dar, das abenteuerliche und sagenhafte Altertum auf die Leinwand zu bringen und es ist die virile und begeisternde Darstellung von Kirk Douglas, die den Unterschied zu rein europäischen Produktionen dieser Art macht. Dass der Film für damalige Verhältnisse abenteuerliche 10 Millionen Dollar gekostet hat, sieht man ihm hingegen nicht so sehr an wie „Ben Hur“ fünf Jahre später den neuen Rekord von ca. 14 Millionen. 

Es gibt keine atemberaubenden Massenszenen und aufwendigen Wagenrennen, keine Bilder mit unzähligen Statisten; die Dekorationen sind gut, aber nicht so überwältigend, dass man direkt denken müsste, aha, wir haben eindeutig einen der teuersten Film bis dato vor uns. Auch die Tricktechnik ist eher versteckt – man sieht zum Beispiel niemals, und in der Episode kommt sie ja hauptsächlich zur Anwendung, wie Polyphem, der Zyklop und Sohn Poseidons, wirklich einen Menschen in der Hand hält oder ihn im Ganzen in Relation zu einem der griechischen Abenteuer-Seefahrer. Da fehlt die fantastische, wenn auch etwas etwas ruckige Welt der Monster, die Ray Harryhausen für die Fantasyfilm-Reihe der Columbia einige Jahre später erschuf.

Selbstverständlich wird in einem Film von etwas weniger als zwei Stunden auch nicht Homers gesamt Odyssee nacherzählt, aber wir können uns immerhin vorstellen, was eine Heldenreise ist: Ein  Häuflein wackerer Männer unter Anführung eines besonders wackeeren Mannes besteht viele mehr oder weniger außergewöhnliche Abenteuer und am Ende stehen Heimkehr und Glück. Bei Odysseus die Rückkehr zur Gattin, wobei er nach meiner Ansicht nicht unbedingt alle Nebenbuhler gleich hätte töten müssen. Eine Charakterwandlung des ursprünglich etwas hochfahrenden und allzu siegesgewissen Griechen lässt sich daraus jedenfalls nicht ablesen, womit wir auch festhalten können: 

Der Zeitraum, in dem die Handlung angesiedelt ist, zieht sich zwar über mehr als zehn Jahre, vom Sieg gegen Troja mittels des berühmten Pferdes, dem heutige Computerviren ihren Namen verdanken bis zur Heimkehr, aber einen sehr epischen Anstrich hat er nicht. Gleichwohl wird eine für damalige Kommerzkino-Verhältnisse ungewöhnliche Rückblendentechnik eingesetzt, die von Penelope in der Gegenwart zurückspringt zu Odysseus, wie er bei Nausikaa beinahe strandet, wovor ihn dann aber die Rückkehr seines Gedächtnisses bewahrt, weil er sich von dort aus wiederum an Troja, an seine Reise und deren Grund erinnert. Der Film bietet also eine Staffelung von drei Zeit- und Handlungsebenen und funktioniert doch. So selbstverständlich ist das bei Abenteuerkino dieser Art durchaus nicht.

Finale

Eine gelungene italienisch-amerikanische Verfilmung, die viel Gutes aus beiden Filmwelten vereint, sehenswert aber vor allem durch die Darstellung des Odysseus durch Kirk Douglas, welcher der Figur etwas Flirrendes und Herausforderndes verleiht, eine Präsenz, die von der Vitalität und Besessenheit eines Darstellers kündet, der sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet hat. Daran erinnert die Szene, in welcher er als Ringer gezeigt wird, besonders gut, denn als Straßenkämpfer hatte Douglas sich ein Zubrot während seines Schauspielstudiums in New York verdient.

„Wir ehren mit der Rezension auch diesen großen Schauspieler,der vor wenigen Tagen 100 Jahre alt geworden ist als eine der letzten lebenden Legenden des alten Hollywood“, schloss die Originalfassung dieses Textes. Am 5. Februar 2020 verstarb Kirk Douglas im Alter von 103 Jahren. Niemand lebt für immer, aber Werke, die viele Menschen inspiriert haben, das Erbe von Humanisten wie Kirk Douglas, bleiben.

Dass die Kriik zu  „Die Fahrten des Odysseus“ zu diesem Zeitpunkt erscheint, ist seiner ursprünglichen Einordnung als amerikanischer Film zu verdanken und es gibt mehr leicht bekleidete Männer als Frauen zu sehen, wie das Titelbild belegt.

72/100

© 2021, 2017, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Mario Camerini
Drehbuch Franco Brusati
Mario Camerini
Ennio De Concini
Hugh Gray
Ben Hecht
Ivo Perilli
Irwin Shaw
Produktion Dino De Laurentiis
Carlo Ponti
Musik Alessandro Cicognini
Kamera Harold Rosson
Schnitt Leo Cattozzo
Besetzung

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