Fürstenschüler – Tatort 387 #Crimetime 932 #Tatort #Dresden #Ehrlicher #Kain #MDR #Fürsten #Schüler

Crimetime 932 - Titelfoto MDR, Georges Pauly

Sein, Nichtsein und Gitarrenspiel in der Ruhezone

Ein Krimi, der in einem nach der Wende neu etablierten Elite-Internat spielt. Undurchsichtige Verhältnisse, ein Unfall, der ein Mord sein könnte oder nicht, eine überraschende Wendung und ein gut aufgelegtes Ermittlerduo in Grimma.

Der Tatort 387 ist die Nr. 16 mit den Kriminalhauptkommissaren Bruno Ehrlicher (Peter Sodann) und Kain ohne ausgeschriebenen Vornamen (Bernd Michael Lade) und stammt aus dem Jahr, in dem es eine weitere Wende nach der Wiedervereinigung gab – die von Helmut Kohl hin zu Gerhard Schröder, vom Aussitzen hin zur Inszenierung des sozialen Kahlschlags.

Da passt ein Krimi, in dem über die neue Elite nachgedacht wird und über das damals schon marodierende … das maroder werdende, erodierende deutsche Schulsystem und wie man der Entwicklung begegnet, gut in die Zeit. Zumindest lässt sich das exemplarisch anhand eines neuen Bildungstempels für Privilegierten-Kinder abarbeiten.

So sehr dominiert aber der soziale Aspekt gar nicht, man hat eher den Eindruck, er wird pflichtgemäß und nicht sehr passgenau eingefügt, weil zu mindestens einem Aspekt des Zeitgeistes etwas gesagt werden muss. Letztlich ist sowieso alles so gekommen, wie in diesem Krimi vorhergesagt. Schlechte PISA-Studien und Eltern, die alles dafür tun, ihre Kinder auf Privatschulen unterbringen zu können.

Wie aber steht es um den Fall, die Figuren, die Ermittler? Dies und mehr klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Für ihren neuesten Fall werden die Kommissare Ehrlicher und Kain nach Grimma gerufen. Aus der Mulde, direkt am Flußufer der Fürstenschule, wird das Mädchen Kerstin tot geborgen. Ertrunken, so lautet die erste Diagnose. Doch dann ergibt die Obduktion: Wegen eines Schlages auf den Kopf muss die Schülerin bereits bewusstlos gewesen sein, bevor sie ins Wasser fiel. Und: Sie war in der siebten Woche schwanger. Den Kommissaren stellt sich als erste Frage: Wer ist der Vater des Babys?

Als Ehrlicher und Kain für alle Jungen und männlichen Lehrer des Internats einen Bluttest anordnen, bricht in dem ehrwürdigen Gemäuer Panik aus. Direktor Hermann und seine Frau Katrin, auch Lehrerin an dem Gymnasium, bitten um diskrete Ermittlungen – schließlich geht es um den guten Ruf der Schule. Kain ermittelt unter den Schülern und spürt im Gespräch mit Kerstins Zimmergenossin Anke, dass sie nicht die Wahrheit über den letzten Abend mit der nun toten Freundin sagt.

Gideon, Kerstins Bruder, schweigt zunächst. Doch immer öfter streitet und prügelt er sich, selbst in Gegenwart der Polizisten, mit dem Mädchenschwarm Frank und beschuldigt ihn sogar des Mordes. Ehrlicher und Kain stoßen auf ein Netz aus Eifersucht und heimlichen Liebschaften. Ihre letzte Hoffnung in diesem Fall: Sie versuchen mittels eines DNA-Tests den tatsächlichen Vater von Kerstins Baby zu finden.

Rezension

Für uns ist dies der bisher schönste Ehrlicher (bezogen auf den Stand 2013, als der Entwurf dieses Textes verfasst wurde). Die beiden Dresdner, die auch in anderen Städten Sachsens ermitteln, haben sich wunderbar eingespielt und ein ruppig-herzliches Verhältnis zueinander entwickelt, in dem Bruno zwar formal der Chef ist, aber Kain durchaus dagegenhält und auch in der Art seiner Ermittlungen und des Umgangs mit zu befragenden Menschen im Internat eigene Akzente setzt. Im Tatort 387 wird es so ausgespielt, dass Bruno, der alte Sozialist, eher höflich und dezent ist und Kain den Revoluzzer gibt, den die Welt der feinen Pinkel abstößt.

Trotzdem hängt er sich in Shakespeare rein  und versucht, in „Hamlet“ die Entschlüsslung des Codes „Rosenkranz“ zu finden. Was einerseits nahe liegt, sich andererseits als Fehlschlag erweist, weil die Wirklichkeit hinter dem Wort viel banaler ist – es handelt sich um ein nahegelegenes Restaurant. Dafür ein seltsamer Name, ein wenig herbeizitiert, wie auch die überraschende Wendung, dass der Schuldirektor ein homosexuelles Verhältnis mit einem Schüler hat. Darauf, auch auf die homoerotische Neigung von Schuldirektor Herrmann, hat vorher überhaupt nichts hingedeutet. Nachdem dies Fakt ist, gibt es einen lauen Erläuterungsnachschub: Sport mit Jungs regt die Hormone an. 

Es beginnt alles mit dem Auftritt von Alexandra Maria Lara in der jugendlichen Rolle einer Kette rauchenden Internatsschülerin , die – allerdings nicht komplett – vergeblich hinter dem Mitschüler Frank her ist und sich als Erpresserin herausstellt – und in der Mulde ertrinkt. Die Mulde ist kein Baggerloch nach Regen, sondern der Fluss, der durch Grimma zieht, mal mehr, mal weniger hochwassergeneigt (Grimma ist durch die Flutkatastrophen von 2002 und 2013 zu einem Synonym für diese Ereignisse geworden und bietet viel Symbolwert in Bezug aufs große Ganze seit der deutschen Wiedervereinigung – der Film wurde allerdings schon 1998 gedreht).

Manches wirkt nicht ganz rund, handlungsseitig. Andere Momente können wir uns so nicht vorstellen. Zum Beispiel, dass die Bibliotheksaufsicht im Nebenraum des Lesesaals Gitarre spielt, und zwar so, dass man es im Lesesaal deutlich hört. Vielleicht haben Drehbuchautor und Regisseur aber nie eine Bibliothek von innen gesehen bzw. wirklich dort konzentriert lesen und lernen wollen. So etwas soll vorkommen. Manchmal entsteht aus der mangelnden Beschäftigung mit Logiktheorie das eine oder andere praktische Defizit, wie zum Beispiel in der eigentlich hübschen Morgenszene mit Kain und Ehrlicher in Ruderbooten auf der Mulde, als der Chef frühmorgens anruft, weil er auch nicht schlafen konnte, wie die beiden. Er konnte aber nicht davon ausgehen, dass die beiden ebenfalls schon wach sein würden, und wenn und weil man das nicht wissen kann, ruft man nicht seine Leute im Morgengrauen an. Im Physikunterricht ist es wohl besser gelaufen. Nicht bei Ehrlicher, wie wir anhand des Flaschenexperimentes wissen (er will allen Ernstes mit einer leeren Flasche den Weg nachbilden, den die Leiche von Kerstin auf ihrem Weg von der Unfall- zur Anspülstelle genommen hat), aber bei der vorbeikommenden Physiklehrerin und Frau des Schuldirektors.

Die Inszenierung ist dennoch gelungen. Das liegt vor allem an einem Ermittlerduo, dessen Beliebtheit sich uns anhand des Tatorts „Fürstenschüler“ erstmalig erschließt. Die beiden waren zu ihrer Zeit eines der wenigen in Ansätzen asymmetrischen Duos mit interessantem innerem Spannungsverhältnis , allerdings gab es das nicht in jedem ihrer Fälle, wie wir aus den bisher rezensierten Ehrlicher-Kain-Tatorten ermittelt haben.  Es gibt einerseits etwas wie eine Entwicklung dieser Dienstbeziehung, andererseits aber eine mangelnde Konstanz in dieser Entwicklung.

Sei’s drum, von netten Momenten bei den Befragungen, bei denen die unterschiedlichen Charaktere der beiden schön herausgearbeitet werden bis hin zum Doppelbett mit einem zwar etwas konventionellen, aber schön gespielten Gag des Sich-gegenseitig-die-Decke-Wegziehens haben die beiden viel zu bieten und sind wohl bewusst in den Vordergrund gestellt worden, weil es zuvor die eine oder andere Tatortmission gab, in der sie eher farblos wirkten und hinter die anderen Figuren zurücktreten mussten.

Der nachfolgende Text enthält Angaben zur Auflösung!

Wer nun Kerstin ermordet hat und ob es überhaupt ein Mord war, wird nicht ausermittelt. Die Frau des Lehrers , die auch Frank umbringt, verhindert, dass Franks Alibi, das auf forsche Nachfrage Kains ins Wanken kommt, tatsächlich noch einmal relevant wird. Vielleicht war er’s. Vielleicht die eifersüchtige Mitschülerin. Die Lehrerin. Der Lehrer. Oder sie ist tatsächlich, als sie sich in die Stammgabel des Baums gesetzt hat, ausgerutscht, irgendwo aufgeschlagen und dann ertrunken. Bei Frank ist die Sache einfach und muss es auch sein, denn von seinem Tod bis zum Ende des Films bleibt nicht viel Zeit – da wäre eine leichte Verschiebung bei der Dauer der Handlungselemente nicht schlecht gewesen, dahingehend, dass dieser Todesfall wenigstens kurz nach der Hälfte der Spielzeit geschehen wäre. Die Lehrerin wolle ihre Ehe, die Schule, die Stellung und all dies retten, was uns eine der damals noch üblichen, ausgespielten Sexszenen miterleben lässt, die ein gewisses Authentizitätsfeeling aufkommen lässt (der Mann schwitzt, die Frau hat Druckstellen im Gesicht). Hat aber nichts genützt, Direktor Herrmann ist nun einmal bisexuell.

Finale

So wenig, wie der Film ein Drama um gleichgeschlechtliche, dazu aufgrund des Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Lehrer und Schüler bei aller sonstigen Liberalisierung seit 1997 weiterhin verboten, so wenig ist es ein Gesellschaftsdrama mit sozialen Aspekten im Vordergrund.

Es ist ein Internatskrimi, der sich aufgrund des geschlossenen Systems (es gibt keine Aktion außerhalb der Schule, keine Verdächtigen, lediglich eine einzige Zeugin im Gasthaus „Rosenkranz“) gut für die Konzentration auf wenige Charaktere eignet, der denn auch der auf Figurenebene gut funktioniert. Als Kriminalfall ist „Fürstenschüler“ durchschnittlich und mit den erwähnten kleinen Fehlern ausgestattet. Die Schüler bleiben aber doch in erster Linie Schüler. Wie man daraus mehr macht und geradezu dämonische Szenarien entwerfen kann, beweist ein anderer Tatort.

Der gültige Internatskrimi unter den Tatorten ist deshalb für uns weiterhin „Herz aus Eis“ (Rezension), der allerdings wesentlich jüngeren Datums ist, das beste Lehrer-Schüler-Drama innerhalb der Serie ist seit mehr als 35 Jahren die legendäre „Reifeprüfung“ (Rezension) von Wolfgang Petersen. Vor allem der hohe Unterhaltungswert der beiden Ermittler bringt eine recht gute Bewertung für den 387. Tatort.

 7,5/10

© 2021 (Entwurf 2013) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Bruno Ehrlicher – Peter Sodann
Assistent Kain – Bernd Michael Lade
Katrin Hermann – Anke Sevenich
Schuldirektor Hermann – Gerd Silberbauer
Gideon – Matthias Koeberlin
Frank – Nils Nelleßen
Anke – Kea Könneker
Kerstin – Alexandra Maria Lara

Drehbuch – Stefan Kolditz
Regie – Frank Strecker
Kamera – Peter Ambach
Musik – Paul Vincent Gunia

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