Drei Flaschen Tokajer – Polizeiruf 110 Episode 131 #Crimetime 935 #Polizeiruf #Polzeiruf110 #DDR #Hübner #Zimmermann #Tokajer #Flasche

Crimetime 935 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD (Der Film ist in Farbe)

Wo soll das alles hinführen?

Sicher liegt es auch an der Reihenfolge, in der wir zuletzt Polizeiruf-110-Filme aus der DDR-Zeit angeschaut haben, aber wir haben langsam den Eindruck, dies ist eine Nacht ohne Ende, wobei die Nacht vom permanenten Rauschzustand durch Alkoholmmissbrauch versinnbildlicht wird. Einer der letzten Polizeirufe, die wir gesehen haben und die nicht aus der Nachwendezeit stammen, war „Der Teufel hat den Schnaps“ gemacht, der Film, der in gewisser Weise bahnbrechend oder ein Dammbruch für die Darstellung von Hochprozentigem als Zentrum des Lebens war. Der Alkoholismus in „Drei Flaschen Tokajer“ ist noch nicht so schwer wie beim Protagonisten von „DerTeufel  hat den Schnaps gemacht“, aber man muss sich die Entwicklung der versoffenen Jugendbande nur ein paar Jahre weiterdenken. Wie es wirklich kam, dazu schreiben wir mehr in der -> Rezension.

Handlung

Kurz vor Weihnachten: Der Jugendliche Jörg Paulsen ist mit seinen Freunden wie regelmäßig am Wochenende in der Kneipe Goldbroiler, wo sie Alkohol trinken. Zur Clique gehören neben Jörgs Freundin Anne auch Anführer Karo, die junge Nina und Klette, der von allen als Schwächling angesehen und nicht ernst genommen wird. Karo versucht, Klette zum Trinken zu zwingen, doch spuckt der das hochprozentige Gemisch aus. Nina zeigt Anne eine Kette aus falschen Münzen, die Anne bewundert. Irgendwann ist die Clique betrunken, sodass der Wirt sie rauswirft. Die Gruppe will sich bei einem der Freunde treffen. Alkohol ist nur noch wenig da, sodass Jörg eine Mutprobe anbietet: Er will aus dem Keller des alten Zierau drei Flaschen Tokajer stehlen. Jörg gelingt es, in Zieraus Wohnung einzusteigen. Das sonst für die Katze angelehnte Seitenfenster ist zwar geschlossen, doch kennt Jörg die Lage eines Ersatzschlüssels. Er begibt sich zum Keller und nimmt die drei Flaschen an sich, entkorkt jedoch die erste bereits vor Ort und trinkt sie leer. Irgendwann erwacht er halbnüchtern und begibt sich in Zieraus Wohnzimmer. Er entdeckt die Leiche des Hausbesitzers und flieht panisch aus dem Haus. Die Flaschen lässt er zurück.

In seiner Wohnung schläft er sich aus und wird mittags von Klette aufgesucht. Er berichtet ihm, dass Zierau tot ist und er nicht wisse, wie es passiert sei. Zwischen der Zeit im Keller und dem Auffinden des Toten kann er sich an nichts erinnern. Klette deutet an, dass schon so mancher im Rausch andere erschlagen habe, sich aber nicht daran erinnern könne. Jörg sucht seine Freunde auf und bittet sie, zu schweigen. Anne deckt ihn vor den Ermittlern Oberleutnant Jürgen Hübner und Oberleutnant Lutz Zimmermann, indem sie behauptet, Jörg sei die ganze Nacht bei ihr gewesen. Die Ermittler haben jedoch genügend Beweise für Jörgs Täterschaft: Die Flaschen am Tatort tragen seine Fingerspuren, sein Fußabdruck wurde im Garten gesichert, in der Wohnung fand man seine leere Zigarettenschachtel und auf der Flucht aus dem Haus wurde er von einem Nachbarn Zieraus gesehen. Jörg kannte sich im Haus aus, hat er doch lange zur Untermiete Zieraus gewohnt, bis er im Streit auszog.

Jörg wird nach einer längeren Flucht festgenommen. Sein Gedächtnis ist noch nicht zurückgekehrt, doch ahnen die Ermittler, dass die Täterschaft nicht eindeutig ist: Weder fand sich das Tatwerkzeug, noch können Lutz Zimmermann und Jürgen Hübner erklären, warum Zierau bereits 2 Uhr nachts erschlagen worden sein soll, Jörg aber erst am Morgen dessen Haus verließ. Jörgs Erinnerung kommt stückweise zurück. Er weiß jetzt, dass er den Keller verlassen hat und auf Zieraus Leiche starrte. Er ist überzeugt, die Tat begangen zu haben, und legt ein Geständnis ab. Den genauen Tathergang kann er jedoch nicht beschreiben. Erst später wird ihm klar, dass ein anderer Mensch im Haus gewesen sein muss. Eine Tür, die er angelehnt hatte, stand plötzlich offen. Er erinnert sich nun auch, dass er die Leiche unter einer herabgefallenen Gardine entdeckte. Ein Windspiel, an das er beim Betreten der Wohnung gestoßen war, klingelte zudem, ohne dass er in der Nähe war. Jörg wird aus der Untersuchungshaft entlassen, da er sich auch erinnert, das am Tatort gefundene Zigarettenpäckchen bereits im Goldbroiler zurückgelassen zu haben. Er kann den Ermittlern zudem von Machenschaften Zieraus berichten, so sei er ein Münzsammler gewesen, der unter anderem eine alte Frau um ihre wertvollen Münzen gebracht habe. Für die in einem kunstvollen Kästchen aufbewahrten Stücke hatte er ihr nur einen Bruchteil des tatsächlichen Werts bezahlt.

Jörg wird von Anne am Untersuchungsgefängnis abgeholt. Wie die Ermittler fragt sich nun auch Jörg, wer die Tat begangen haben könnte. Karo hält Kellner Leo Braun für verdächtig. Er hat Geld gebraucht und hätte so ein Motiv gehabt. Die Zigarettenschachtel hätte er beim Abräumen ihres Tischs an sich nehmen können. Jörg beschattet Leo, kann ihn so jedoch nur des Einbruchs in ein Getränkekombinat überführen. Leo wird festgenommen. Am Ende wird Klette von Cliquenmitgliedern verdächtigt. Er hatte sich am Abend merkwürdig verhalten und war mit seinem Motorrad unterwegs. Später interessierte er sich auffällig für die Fragen der Polizei und fragte bei Freunden nach, ob sich die Ermittler auch nach ihm erkundigt hätten. Anne, die von dem Verdacht hört, benachrichtigt die Ermittler. Die begeben sich zu Klettes Haus. Dort ist bereits Jörg eingetroffen und stellt Klette zur Rede. Er sieht in dessen Zimmer nicht nur einen kleinen Schrein mit zahlreichen Fotos von Anne. Er findet auch das Schmuckkästchen, in dem sich die Münzen Zieraus befanden. Klette hat aus den Münzen eine Kette für Anne gebastelt, habe sie doch Ninas Kette so bewundert. Klette verehrt Anne, weil sie als eine der wenigen der Clique gut zu ihm war. Es kommt zur Schlägerei zwischen Klette und Jörg, die mit dem Geständnis Klettes endet. Er wollte Zieraus Münzen für die Kette stehlen und hat ihn mit dem Schmuckkästchen erschlagen. Die Zigarettenpackung hat er am Tatort verloren; an sich genommen hatte er sie, weil Anne an dem Abend ein kleines Bild darauf gemalt hatte. Jörg führt Klette aus dem Haus und drängt ihn über die Felder zur nächsten Straße. Hier warten bereits die Ermittler auf beide und nehmen Klette fest.

Rezension

Die Wirklichkeit wurde dann doch nicht so furchtbar. Die DDR-Jungstars Jörg Schütte, Bernd Michael Lade und Sven Martinek sind heute alle erfolgreiche Mid-Ager oder schon etwas drüber. Jörg Schüttauf hat später den Kommissar Fritz Dellwo in Frankfurt gespielt, als bodenständiger Rockfan an der Seite der flirrenden Tanzfetischistin Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki), Bernd Michael Lade wurde zu Kain, dem Kollegen von Bruno Ehrlicher (Peter Sodann) im Tatort Dresden / Leipzig und wir erfahren sogar – ja, dass er einen Vornamen hat, der Kain, denn in der Wiki-Biografie von Bernd Michael Lade steht „M. Kain“. Woher haben sie das bloß? Uns ist es nie gelungen, den Vornamen von Kain zu ermitteln. Schwamm drüber. Ja, und Sven Martinek, der hier nur eine Nebenrolle hat, ist einer der erfolgreichsten Womanizer im deutschen Showbiz geworden, seine schauspielerische Hauptbeschäftigung ist derzeit die ARD-Serie „Heiter bis tödlich – Morden im Norden“.

Aber schon witzig, wie in diesem Film bereits Eckpunkte der Rollenschwerpunkte der drei umgesetzt werden. Der Mann mit der Nebenrolle hat als einziger eine hübsche Freundin, die man als ihm allein zuzuordnen bezeichnen kann, Schüttauf, Rollenname Jörg Paulsen, ist innerhalb der Gruppe nicht gerade der Ranghöchste und will sich beweisen und Bernd Michael Lade spielt bereits so, dass man ihm seine Durchbruch-Rolle in „Karniggels“ ohne Weiteres zurtraut, die drei Jahre nach dem Polizeiruf Nr. 131 kam. Mit dem Unterschied, dass er hier in Wirklichkeit ein junger Mann ist, der eine Tötungshandlung begangen hat. Wie meist in Fällen wie diesem war sie nicht beabsichtigt.

Obwohl wir uns mittlerweile selbst dazu diszipliniert haben, Filme, die in der Primetime Premiere feiern, auch um diese Zeit zu schauen, wenn es Wiederholungen sind, haben wir „Drei Flaschen Tokajer“ beim ersten Mal nicht durchgestanden. Vielleicht war es der schwere Alkoholdunst, der  aus dem Film wabert, der uns benommen machte, vermutlich aber eher die Art, wie er inszeniert ist. In gewisser Weise passt es ja, dass er sich zieht wie Kaugummi; so muss sich das Ausschleichen eines Deliriums anfühlen. Man wird alsbald nervös und unruhig und möchte doch nur noch schlafen, weil alles so schrecklich ist. Uns ist das allerdings auch gelungen, vielleicht, weil wir eben gerade nicht in diesem Zustand waren und sich daher eine Film-Realität-Schere aufgetan hat, in die wir sozusagen reingerannt sind, ohne dass uns ein überragendes Interesse am Werk davor bewahrt hatte, kognitiv die Segel zu strecken. Wir wollen gar nicht behaupten, dass die Bilder, die wir hier verwenden, alle so richtig passen, aber irgendwie müssen wir ausdrücken, dass dieser Film eine Tortur war.

Es ist uns nicht an einer einzigen Stelle gelungen, ihn als spannend oder seine Figuren als so interessant zu empfinden, dass wir uns zum Beispiel in den Arm gezwickt hätten, um doch wach zu bleiben, frei nach dem Heinz Erhardt’schen Motto: „Da kommt doch noch was!“. Klar kam immer noch was, aber besser wurde es nicht, und den Verdacht hatten wir ziemlich schnell. Wie die beiden Jungs sich da am Ende balgen, okay – die Vorstellung, um wen es sich dabei handelt, hat uns als Krücke dafür gedient, wenigstens im zweiten Anlauf nicht wieder einzuschlafen. Immerhin hatten wir’s bis in dieses Finale gepackt.

In der späten DDR-Zeit sind auch Polizeirufe gedreht worden, die man als sehr ansehnlich bezeichnen kann, aber „Drei Flaschen Tokajer“ hätte recht gut in die Jahrgänge 1985, 1986 gepasst, in denen wirklich viel Trübsal gefilmt wurde, bis man es doch nochmal wissen wollte und einige knackigere Handlungen und Figuren schuf. Wenn man so will, ist „Drei Flachen Tokajer“ ein Rückfall in jene sehr melancholische Phase, in der schon einmal versucht wurde, dem seltsamen Abirren von Jugendlchen vom rechten Pfad auf die Spur zu kommen. Dass alle saufen, ist dabei vielleicht der ehrlichste und leider auch banalste Erklärungsansatz. Es ist die Langeweile, die sich damals wohl wie Mehltau über das Land gelegt hatte. Wenn man es genau nimmt, gab es die im Westen auch, die Vorwendezeit war alles andere als Aufbruch und Begeisterung, es gab jeden Tag Kohl. Wer sich diesen freiwillig antut, der erwartet vom Leben nichts wirklich Bewegendes mehr. In der DDR mussten sie mit Honecker auskommen, und das nicht einmal freiwillig. Da kann man den Frust verstehen, der dazu führt, dass der simple Diebstahl von drei Flaschen Wein tödlich endet.

Finale

Man hat durchaus versucht, die Mitglieder der Clique einigermaßen prägnant zu skizzieren, auch die Psychologie stimmt, nämlich, dass jemand, der mehr darstellen will, sich eine Mutprobe verwordnet, um mehr wahrgenommen zu werden, dass Rangniedrigste sich mit diesem messen will, denn es geht um die „freie“ Frau in der Gruppe, die noch nicht in ganz festen Händen ist, auch wenn es zwischenzeitlich anders aussieht. Neben dem dominanten Chef gibt es noch den Intellektuellen, der gar nicht zu diesen einfach gestrickten Typen passt und sich selbst wohl eher als soziologisch interessierter Beobachter wahrnimmt. Aber das alles wirkt wattiert, nicht richtig ausgespielt, eben nicht packend. Man will etwas darstellen, aber man schafft es nicht, es zu greifen, es herauszuschälen – es sei denn, man wollte tatsächlich die drohende Verlorenheit einer Generation in der DDR-Agonie der letzten Jahre zeigen, legt man die Prämisse so fest, dass man sagt, der Zustand dieses Staates führt junge Menschen ins graue, unkonturierte Nichts des sich treiben lassens, kann man den Film sogar als gelungen ansehen. Die Frage ist jetzt, ob wir mitgehen. Es bleibt aber leider dabei, dass wir lieber Krimis sehen, die als Krimis etwas darstellen oder deren Charaktere uns 90 Minuten lang mitnehmen können. Oder: Wir fanden Nr. 131 einfach sehr, sehr zäh und dieses Exploitieren von übermäßigem Alkoholkonsum und was das alles für Folgen hat, lange, bevor die Schrumpfleber zum hauptsächlichen Problem wird, geht uns nun auch langsam auf den Zeiger.

5/10

© 2020 Dr Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Udo Witte
Drehbuch Margot Beichler
Produktion Lutz Clasen
Musik Arnold Fritzsch
Kamera Rolf Laskowski
Schnitt Silvia Hebel
Besetzung

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