Staat, privat – und war da noch was? Diskussionsgrundlagen für den notwendigen Wirtschaftswandel (1.0) | #Frontpage | #Economy #Change #Wirtschaft #Marktwirtschaft #Staatsbetrieb #Kollektiv #Empowerment #Demokratie

Liebe Leser*innen,

der Freitagnachmittag ist nicht der strategisch günstigste Zeitpunkt, um etwas zu starten, denn es ist das Zeitfenster innerhalb der Woche, in dem wir regelmäßig die wenigsten Zugriffe auf unsere Artikel haben.

Ketzerisch könnte man sagen: Während der Arbeit haben viele weitaus mehr Zeit, sich mit unseren Texten zu befassen als am Freitag nach eins, wenn jeder seins macht. Behalten wir das mal im Hinterkopf, wenn es um nicht weniger geht als das Herantasten an eine Wirtschaftsordnung, mit der wir die Zukunft bewältigen können – und zwar so, dass nicht die Vermögensschere immer weiter auseinandergeht, aber auf eine Weise, dass die meisten von uns Sinnerfüllung in ihrer Arbeit finden können.

Möglich ist das aufgrund fortgeschrittener Technik auf jeden Fall, deswegen legen wir dies als Prämisse fest: Wenn wir digitale Transformation denken, dann so, dass sie der weit überwiegenden Mehrheit der Menschen nützt und niemanden zurücklässt, und nicht in der gegenwärtigen Form, dass sie immer mehr Menschen ins Prekariat und in unsichere Beschäftigungsverhältnisse treibt. Vielleicht wird sich im Wege einer guten Digitalisierung der „Friday-Afternoon-Down-Effect“ bei uns noch verstärken, aber das nehmen wir gerne in Kauf, wenn wir dafür den Eindruck haben, dass Menschen zufriedener mit ihrer Aufstellung im Arbeitsleben und allgemein mit ihren Teilhabemöglichkeiten sind. Ich fände es am schönsten, wenn Abends bei uns wenig los wäre, weil die meisten Menschen sich zu kulturellen und sozialen Events treffen und in der Zeit mal das Netz Netz sein lassen. Davon sind viele derzeit nicht nur wegen Corona weit entfernt. Die Pandemie beschleunigt ohnehin vorhandene Tendenzen, sie werden besser sichtbar. Aber neu sind sie nicht. Seit vielen Jahren wird darauf hingewiesen, dass wir uns endlich etwas Neues einfallen lassen müssen, wenn etwas Besseres als der gegenwärtige neoliberale Ungleichheitstrott herauskommen soll, der immer größere Anteile der Bevölkerung von Teilhabe ausschließt.

Von irgendetwas muss man sich ganz am Anfang aber inspirieren lassen. Geostrategisch kann es das Imperien-Modell sein, wirtschaftlich wollen wir einen Blick darauf werfen, was eigentlich unsere gegenwärtige Wirtschaftsverfassung an fundamentalen Widersprüchen aufweist. Es geht dabei um alte Gegensätze und um das eine oder andere ideologisch bedingte Problem, das sich auf den ersten Blick wie ein Paradoxon ausnimmt. Wenn man darüber nachdenkt, muss man aber ernsthaft überlegen, wie man mit Inkohärenzen umgeht, die nicht physikalischer Natur sind und möglicherweise aufgelöst werden, sondern sich aus den Widersprüchen menschlichen Handelns ergeben und niemals komplett zu beseitigen sind. Trotzdem lässt sich das zunehmende gesellschaftliche Auseinanderdriften und lassen sich viele wirtschaftliche Fehlentwicklungen klüger beantworten, als dies mit dem neoliberalen „Weiter-so“ möglich ist, das nur einer kleinen Minderheit zu beinahe paradox hohen Vermögenssteigerungen verhilft. Paradox auch nach neoliberaler Ideologie, weil zum Beispiel kein Trickle-Down-Effekt entsteht und außerdem Kapital massiv und sehr fortschrittsfreindlich fehlalloziert wird.

Aber schauen wir uns den einen oder anderen Widerspruch an, denn ohne Widersprüche zu benennen, kann man die heute herrschende Wirtschaftsideologie nicht bloßstellen.

Der Konservativ-Neoliberale ist ein Gegner des starken Staates, weil der Staat die schöpferischen Kräfte der privaten Initiativbereitschaft bremst und selbst außerdem nicht wirtschaften kann. Diese Anschauung setzt voraus, dass im Staatsdienst niemand innovativ sein kann und dass kein Privater   nur wirtschaftlichen Unsinn treibt, der letztlich erhebliche Schäden auch an der Infrastruktur verursacht, auf die auch die Neoliberalen nicht verzichten können, die aber, zum Teil notwendigerweise, vom Staat zur Verfügung gestellt wird. Dazu folgende Überlegungen:

  • Warum verlangen Neoliberale vom Staat, dass er die Bedingungen für die „Wirtschaft“, gemeint ist die Privatwirtschaft, maximal günstig gestaltet, also alle Regelungen beseitigt, die Arbeitnehmende vor hemmungsloser Ausbeutung schützen, wenn andererseits Wirtschaften voraussetzt, dass Konsumenten in der Lage sind, die Produkte der Wirtschaft abzunehmen, wofür sie wiederum vernünftig bezahlt werden und einigermaßen sichere Jobs haben müssen?
  • Warum enden Privatisierungen regelmäßig im Desaster, wie zum Beispiel bei der deutschen Bahn AG? Warum ist eine Subvention unter Gewährleistung hoher Standards und allumfassender Versorgung mit Infrastrukturleistungen, die als Gemeinschaftsaufgabe erkannt wird, schlechter als ein Service-Gau, der andererseits ein paar Aktionär*innen etwas Gewinn einbringt, aber Millionen unzufriedener Kund*innen erzeugt? Deutsche Privatisierungen haben übrigens den Aktionär*innen bisher selten viel Gewinn eingebracht.
  • Gegenwärtig spricht Wirtschaftsminister Altmaier schon wieder von „Tafelsilber“ verscherbeln. Und wenn keines mehr übrig ist? Was macht der Staat dann? Setzen die Neoliberalen auf seine Handlungsunfähigkeit? Und wie kurzsichtig ist das? In die gleiche Richtung geht der Ruf nach immer weiteren Steuersenkungen: Wenn alle Steuern auf Null sind, was passiert dann? Wird es dann noch in größerem Umfang Wirtschaftstätigkeit bei uns geben, besonders jene, die eine hohe Wertschöpfung ausweist oder nur noch dort, wo Arbeit noch billiger angeboten werden kann, weil die Steuerungsmöglichkeit des Staates erloschen ist und damit auch seine Möglichkeit, Protektion für ebenjene Wirtschaft zu leisten, die das so gerne fordert, wie zum Beispiel jetzt, während der Corona-Krise, wo vermutlich die Steuerzahler*innen wieder für die Ausfallschäden werden aufkomme müssen, nicht etwa das Großkapital, das niemals ein Gemeinwesen erhalten kann und dies auch nicht möchte.
  • Wenn große private Konzerne im Niedergang begriffen sind oder ganz verschwinden, dann sieht der Neoliberale das als kreativen Akt der Zerstörung an, die Neues hervorbringt, während das Fallieren eines Staatsbetriebes die Unfähigkeit des Staates zum Wirtschaften beweisen soll. Ist das logisch? Oder ist es richtig, dass alle bis zu einem gewissen Grad Fehler machen dürfen und dass selbstverständlich auch der Staat ein Risikoträger mit dem Recht auf Trial and Error ist, wenn er sich wirtschaftlich betätigt. Welcher wirtschaftliche Akteur hat bisher in der Bundesrepublik mehr Arbeitsplätze vernichtet: Der Staat oder die Privatwirtschaft, obwohl sie teilweise durch Subventionen des Staates geschützt werden sollte und obwohl privates Unternehmertum vielfältig steuerlich privilegiert wird?
  • Ist die Startup-Szene, die als Ersatz für klassische Industriebetriebe herhalten soll, das, was wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit garantiert? Deutsche Startups dienen als virtuelle Geldmaschinen für wenige, als Ausbeutungsstationen für viele „Freelancer“ und andere Scheinselbstständige und werden meist nach wenigen Jahren an ausländische Konzerne verkauft. Meist sind sie ohnehin Nachbauten ausländischer, vor allem amerikanischer Ideen, denn nicht die technologische Innovation, sondern die Plattformökonomie, die zusätzliche Vertriebsebenen installiert und die Prekarisierung immer weiterer Berufszweige fördert, ist der Gegenstand der meisten Startups. Auch jener in Berlin, die mit viel Wirtschaftsförderung gepampert werden. Hochtechnologie, die wirklich einen Nutzeffekt hat, macht nur einen Minderanteil aller „New Economy“ gegenwärtiger Prägung aus.
  • Es entsteht hierzulande kaum mehr etwas Dauerhaftes und Nachhaltiges, unter der Ägide neoliberaler Verwertungslogik. Hoffnungsbranchen der letzten Jahrzehnte, zum Beispiel im Energiebereich, sind schon fast wieder Vergangenheit. Die Musik spielt in Ländern wie China, die ihre Wirtschaft so abschotten, dass Idee dort bleiben, wo sie entstehen und viele Ideen aus anderen Ländern in die Stärkung der eigenen Wirtschaft einfließen. Niemals käme der Staat dort auf die Idee sich „neoliberal“ in dem Sinne zu verhalten, dass ein Ausverkauf der heimischen Wirtschaft ganz okay ist, wie man das bei uns beobachten kann. Der Verkauf der Roboterfirma Kuka mit ihrem Meta-Knowhow nach China war ein No-Go, das überall in Europa Kritik hervorgerufen hat, aber im neoliberalen Ramsch-Deutschland ist alles wohlfeil. Mit etwas Glück bleiben langfristig ein paar Arbeitsplätze erhalten, aber nur dann, wenn nicht die Übernehmer andere strategische Ziele verfolgen oder aufgrund ihrer massiven Expansion selbst irgendwann in Schwierigkeiten kommen. Diese Entwicklung zum Gigantismus ist generell ungesund und waren es nicht die Neoliberalen, die sich immer wieder an der Langsamkeit großer Staatsbetriebe delektierten? Wenn viele private Köche den Brei verderben, die sich alle als ihre eigene Ich-AG sehen und nur ihrem libertären Ego verpflichtet sind, soll das so viel besser sein, als wenn Staatsbedienstet auf die Arbeit für die Gemeinschaft eingeschworen werden?
  • Ist es nicht etwa ein ganz eklatanter Mangel der herrschenden Wirtschaftsideologie, dass die meisten ihrer Apologeten nur betriebswirtschaftlich, nicht volkswirtschaftlich denken und dass selbst die neoliberalen Volkswirtschaftler in ihren Berechnungen geflissentlich die sozialen und ökologischen Folgeschäden übersehen, die letztlich von der Gemeinschaft getragen werden müssen? Ist es nicht so, dass Gewinne also privatisiert, aber die Folgekosten sozialisiert werden? Selbstverständlich ist das so. Der Rückbau der Atomindustrie ist ein klassisches Beispiel dafür, ebenso wie die Abfederung der Folgen des Klimawandels. Wenn der Staat diese Folgen mehr dahingehend verteilen möchte, dass er privaten Unternehmen Umweltauflagen macht, schreien die Neoliberalen sofort: „Wettbewerbsnachteil!“, nur, weil es irgendwo auf der Welt Konkurrenten gibt, die sich noch weniger um die ökosozialen Folgekosten scheren müssen als bei uns, mit wiederum globalen Nachteilen. Kann dieses ewige Downgrading, diese komplett gegen die Nachhaltigkeit gerichtete Lobbyarbeit der Privatindustrie, der es an echter Innovationsfähigkeit mangelt, ein Beweis dafür sein, dass die heutige Form der Marktwirtschaft wirklich funktioniert – wenn sie nur funktionieren kann, weil sie ihre eigenen Kosten nicht wirklich tragen muss?
  • Aber warum ist das so? Der Staat, auch wenn er wirtschaftlich handelt, ist auf Konsens ausgerichtet, er muss, gerade wenn demokratisch unterfüttert, viele Interessen miteinander vereinbaren und kann nicht optimal nur ein einziges Teilinteresse bedienen. Private Unternehmer hingegen sind nur ans eigene Fortkommen gebunden und verhalten sich dementsprechend ideologisch eng und selbstverständlich können sie schneller und „leaner“ handeln. Solange sie zum Ausgleich für dieses Privileg und für diese Freiheit, die die Gemeinschaft ihnen gewährt und für die vielen sozialen Vorteile die sie dadurch haben, Steuern und Abgaben gemäß ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zahlen, mag das angehen, aber nicht, wenn sie dieses Fundament, mit dem sie berechtigterweise die Gemeinschaft unterstützten, zerstören und überhaupt kein Gefühl mehr für die Belange der Gemeinschaft haben, ohne die sie letztlich ihre Produkte oder Dienstleistungen nicht absetzen könnten. Wenn man das einfach laufen lassen würde, entstünde ein apokalyptisches Szenario, in dem weite Teile der Gemeinschaft dysfunktional würden, eine Dystopie, in der nur wenige, nach welchen dann geltenden Privatgesetzen auch immer, die anderen mit Gewalt in Schach halten müssten, da keine staatliche Ordnung mehr für den Schutz aller sorgen würde.
  • Staatliche Infrastrukturaufgaben folgen wesentlich komplexeren Anforderungen und damit auch schwierigeren Entscheidungsprozessen als die meisten privaten Investitionen, da viele Gesichtspunkte berücksichtigt und in Einklang gebracht werden müssen. Das ist bei der heutigen, dem Neoliberalismus zu einem nicht geringen Teil geschuldeten Nimby-Syndrom alles andere als einfach: Wir wollen alles, subito! Und möglichst umsonst, aber natürlich nicht, wenn wir selbst in irgendeiner Form von den Auswirkungen negativ betroffen sein könnten, und seien die individuellen negativen Folgen noch so marginal im Vergleich zum gesamtgesellschaftlichen Nutzen einer wichtigen Infrastrukturmaßnahme. Die Privatwirtschaft macht einfach und fragt nicht lange nach den Interdependenzen ihres Tuns, wenn ihr ein solches Verhalten in den Zeiten des Deregulierungswahns erlaubt wird.
  • Staatliches Unternehmertum ist nicht gewinnorientiert, könnte theoretisch also für die Verbraucher zu günstigeren Ergebnissen führen. Das tut es vielfach im Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge auch, das beweist sich beinahe bei jeder fehlgeleiteten Privatisierung oder maßlos gehypten ÖPP neu. Gewinnorientiert könnte es höchstens in der Form sein, dass Gewinne aus einzelnen Tätigkeiten der Subvention defizitärer Leistungen zum Wohle aller dienen, wie zum Beispiel, den ÖPNV kostenlos zur Verfügung zu stellen. Ein Staat, der so etwas leistet, muss erhebliche Einnahmen generieren. Aber nicht jeder Staat kann es so spielen wie Luxemburg, wo der Überfluss an Einnahmen darauf beruht, dass andere Staaten in die Röhre schauen, weil ihnen das Kapital abgezogen wird. Ein solches Handeln kann für ein Land in der Größe Deutschlands mit seiner Pflicht zur supranationalen Solidarität nur im Desaster enden – wenngleich immer mehr Länder, auch innerhalb der EU, den Steueroasenweg zulasten anderer beschreiten, das lässt sich nicht übersehen und ist eine hochgefährliche Tendenz.
  • Private Unternehmer begrüßen dies, denn sie können überall Umsätze machen und zahlen kaum noch Steuern dafür, wenn sie in einem der Vermeidungsländer ihren Sitz haben. Es führt aber in letzter Konsequenz zur Zerstörung der Staatengemeinschaft, der Friedens- und Wohlstandssicherung auf solidarischer Basis und man sieht die Erosion schon jetzt deutlich. Würde man die Privatwirtschaft ungehindert so weitermachen lassen, würde Deutschland mit seiner diversen und für das Steuervermeidungsterritorien-Modell zu großen Bevölkerung zu den klar benachteiligten Ländern zählen. Es ist kein Nationalismus, eine solche Entwicklung abzulehnen, sondern ein Verweis darauf, dass wir letztlich alle im selben Boot sitzen.
  • Strukturelle Nachteile staatlicher Unternehmen liegen aber, das habe ich oben angedeutet, in den komplexen Sachzusammenhängen und Entscheidungswegen. Dort, wo der Nutzen für die Gemeinschaft überwiegt, wo trotz dieser Komplexität also eine gute Versorgung gewährleistet ist, die mehr kann als eine, die nur an Gewinninteressen einiger Privateigner orientiert ist, ist staatliches Wirtschaften also nicht per se schlechter. Allerdings: Partizipation heißt der Begriff, mit dem in heutigen Zeiten sichergesellt wird, dass es so bleibt: Echte Beteiligung der Bürger*innen und hohe Transparenzanforderungen, denen sich alle unternehmerisch tätigen Manager auch bei Staatsunternehmen zu stellen haben. Jedes Controlling, das die Privatwirtschaft implementiert hat, lässt sich auch auf Staatsbetriebe anwenden. Ob es dann so dominieren darf, dass dadurch immer wieder Arbeitsplätze verloren gehen und Leistungen für die Arbeitenehmenden gekürzt werden, ist eine andere Frage: Eine solche der Vereinbarung. Hochwertigkeit und Nachhaltigkeit sind nicht umsonst zu haben – was bedeutet, dass auch die neoliberale Billigheimer-Mentalität durchbrochen werden muss, die ohnehin nur funktioniert, wenn man ziemlich abgespalten denkt und eben nicht die Folgen dieser einseitigen Ausrichtung des eigenen Konsumverhaltens bedenkt.
  • Wenn der oben angesprochene überwiegende Nutzen staatlicher Unternehmerschaft nicht erkennbar ist, dann sollte der Staat sich auch raushalten. Das gilt zum Beispiel für die Herstellung vieler Konsumartikel, die keine Vorsorgefunktion und keine Systemrelevanz haben. Es gilt aber schon nicht mehr für die Forschung z. B. in der Medizin. Wie wir gerade sehen, ist es ein fataler Fehler, privaten Unternehmen Forschungsgelder in großer Höhe zur Verfügung zu stellen, aber keinen Einfluss auf die Distributionspolitik der dadurch entstehenden Produkte nehmen zu können, weil die Investitionen sich nicht im Halten von Anteilen an solchen Unternehmen manifestiert haben. Wer komplette Betriebsteile durchfinanziert, bis sie sich eines Tages – vielleicht – tragen, der muss selbstverständlich eine Sperrminorität haben, wenn es darum geht, wie eine solche Wirtschaftseinheit strategisch ausgerichtet wird. Die deutsche Bundesregierung ist weltweit eine der letzten, die immer noch nicht die Notwendigkeit einer strategischen Wirtschaftspolitik erkannt haben. Mit dem fatalen Effekt, dass andere zwar von Marktwirtschaft und Freihandel reden, aber schauen, dass die heimische Wirtschaft dabei nicht zu kurz kommt, während nur in Deutschland jedwede Abwesenheit von Investitionslenkung und -sicherung immer noch das unzulängliche Grundmodell darstellt. Das ist eine mindestens sehr naive Herangehensweise an die heutigen Anforderungen, die unter anderem darauf beruht, dass deutsche Politiker*innen nie gelernt haben, strategisch zu denken, sondern nur die Taktik des Machterwerbs beherrschen.
  • Wie könnte man aber das Beste aus privatem und staatlichem Unternehmertum verknüpfen? Wie könnte man das Gemeinwohl und den Innovationsgeist miteinander verknüpfen? Und zwar dort, wo staatliches Handeln nicht zwingend notwendig ist? Der Begriff ist auch im Zusammenhang mit staatlichen Unternehmen schon gefallen. Indem man die Gesellschaft beteiligt. Indem man genossenschaftliche und andere kooperative Strukturen fördert, in denen demokratische Prozesse in sachgerechte Entscheidungen münden. Diese Möglichkeit besteht in den meisten Wirtschaftszweigen und fällt bisher lediglich der Eigentumsideologie zum Opfer: Alles meines und nix für euch! Ein klassisches Beispiel dafür ist die Wohnungswirtschaft. Die allermeisten Probleme oder Fragestellungen der Immobilienbewirtschaftung lassen sich durch kooperative Modelle hervorragend lösen, das belegen die vielen gut aufgestellten Genossenschaften, gemeinschaftlichen Bauprojekte, die viele soziale Aspekte berücksichtigen und innovative Raum- und Materialkonzepte umsetzen können, weil gerade individuelle Sinngebung im Rahmen einer Gemeinschaft wichtiger ist als maximaler Profit für wenige. Wenn der Staat etwas fördern sollte, dann dies, neben den fürs soziale Wohnen wichtigen eigenen Gesellschaften, und nicht eine Eigentumsideologie, die nichts anderes tut, als die Ungleichheit im Land zu fördern, weil sie die Kapitalstärksten massiv privilegiert. Je reicher, desto weniger Beitrag zum Gelingen des Ganzen ist bei uns die tatsächliche Übung, und das kann nicht mehr lange gutgehen.
  • Kooperatives Wirtschaften lässt sich in vielen Branchen realisieren und nur in wenigen nicht: Etwa dort, wo hochindividualisierte Dienstleistungen erbracht werden, die aber keine sehr hohen Sachinvestitionen erfordern, Entrepreneurship in manchen freien Berufen und auch dort, wo tatsächlich das eine oder andere Genie große Ideen am besten allein umsetzen kann. Meistens brauchen aber auch solche Genies irgendwann Geld, und dann ist die Stunde für den Staat gekommen, nicht nur zu liefern, sondern auch einzusteigen und später einen Anteil am Gewinn für seine Hilfe zu erhalten.
  • Insgesamt wirkt sicher der gravierende Mangel an demokratischen Elementen in der Wirtschaft auch schädigend auf die Demokratie insgesamt aus. Immer mehr Unternehmen sind nicht mehr tarifgebunden, versuchen Betriebsräte zu verhindern und es zu erreichen, dass ihre Angestellten nur noch Spielball von Kapitalinteressen sind. Unternehmen, die so handeln, die nicht ethische Mindeststandards einhalten, müssten vom Wettbewerb ausgeschlossen werden – nicht etwa umgekehrt, indem internationale Wirtschaftsabkommen es auch noch ermöglichen, dass Konzerne ihre Interessen sogar gegen Staaten auf einer sehr kameralistisch agierenden Ebene durchsetzen können. Von oben gedacht, muss endlich das Primat der Politik wieder gelten. Einige Länder sind damit auch weitaus erfolgreicher als Deutschland, besonders jene, die nicht den Euro haben und nicht unter dem Fallbeil der EZB stehen: Entweder der neoliberale Durchgriff darf weitergehen oder wir lassen die Quelle des billigen Geldes versiegen, mit dem ebenjenes neoliberale Modell noch gerade über Wasser gehalten wird.
  • Eine Demokratisierung und nachhaltigere Aufstellung der Wirtschaft mit mehr Handlungsmöglichkeiten für den Staat sowie für kollektiv handelnde Akteur*innen wäre also auch ein Gebot der Selbstemanzipation der Gesellschaft, sie stellt eine Frage des Self-Empowerments dar. Ist es möglich, für ein so auf den ersten Blick recht abstrakt wirkendes Ziel zu mobilisieren? Wenn man es auf konkrete Fälle überträgt, durchaus, anhand derer man lernen kann, wie es in der Praxis funktioniert. Das zeigt sich z. B. im Bereich der Mieter*innen-Aktivist*innen. Das zeigt sich daran, dass Engagement sich auszahlt und das, was im Großen nicht aufgegeben werden darf, im Kleinen funktioniert und dadurch auch das Große, die Gesamtsolidarität einer Gesellschaft, stützt. Nur, wer geübt ist in Teilhabe, kann erst erkennen, wie er von den neoliberalen Ideologen, um es vorsichtig auszudrücken, nach Strich und Faden verarscht wird, die in Wahrheit keine Freiheit, sondern Abhängigkeit vom Großkapital verkaufen und dabei auch noch dafür sorgen, dass dieser Planet bald am Ende seiner Ressourcen sein wird. Es ist einfach irre, zu glauben, es gäbe schon bald einen Planet B, auf den ein paar Superreiche und die servilsten unter ihren Lakaien sich absetzen könnten. Selbst wenn es den gäbe, dürften wir, die Mehrheit, doch nicht zulassen, dass es auf unserem Rücken so gespielt wird, oder?

Das Vorstehende ist freilich nur ein kleiner Teil derjenigen Diskussionsgrundlage, die wir brauchen, wenn es darum geht, Arbeit neu zu definieren. Nicht nur, wer wirtschaftet, sondern auch das Wie spielt eine entscheidende Rolle. Deshalb muss man den Wandel in der Arbeitswelt mitdenken. Eines setze ich dabei voraus: Das Mitdenken wird dazu führen, dass auch die Gestaltung der Arbeit selbst demokratischer und selbstbestimmter werden muss.

© Thomas Hocke für Der Wahlberliner, 19.02.2021

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