Starke Schultern – Polizeiruf 110 Episode 367 #Crimetime 937 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Magdeburg #Brasch #Köhler #MDR #Schultern #stark

Crimetime 937 - Titelfoto (c) MDR / Filmpool Fiction, Conny Klein

Wer hat die starken Schultern?

Es ist Magdeburg-Zeit. Die WordPress-Editoren werden mit jeder Revision bescheuerter und sind immer schlechter zu bedienen, die Corona-Krise wütet, das Wetter hat einen Rückfall und wintert vor sich hin – zu all dem passt am besten was? Ein Magdeburg-Polizeiruf! Man muss dann wenigstens nicht die Sitmmung wechseln, lässt am Ende die Hoffnung fahren, die vielleicht irgendwo aus der Realität hergekommen war. Der Titel erschließt sich nicht so recht bzw. lässt sich nicht eindeutig einem Charakter in diesem Film zuordnen, aber wir bieten eine Interpretation an: Es ist der Zuschauer oder die Zuschauerin. Sie oder er müssen starke Schultern haben, wenn sie, wie das bei uns der Fall ist, aufgrund unserer erst seit einem Jahr – oh, ein Jahr Polizeiruf-Rezensionen! – andauernden Befassung mit der Reihe viele Filme mit Brasch in kurzen Abständen anschauen, um sie zu rezensieren. Deshalb nun auch zur -> Rezension, in der es nur noch darum gehen kann, wo auf der Skala von düster bis nachtschwarz der Fall 367 nun angesiedelt ist.

Handlung

Der erfolgreiche Bauunternehmer Rene Ottmann überlebt einen nächtlichen Brandanschlag nur knapp. Ottmann steht der Situation recht gelassen gegenüber und Kommissarin Brasch hat das Gefühl, dass der Mann nicht sehr erschüttert ist über den Anschlag auf sein Leben. Zusammen mit ihrem Kollegen Köhler ermittelt sie im Umfeld des umstrittenen Mannes und findet sehr schnell einen ersten Verdächtigen. Uwe Schneider hat sich nach einer für ihn unverdienten Kündigung mit Ottmann angelegt und war mit einem Messer auf ihn losgegangen. Als die Ermittler ihn befragen wollen ergreift er die Flucht und bemächtigt sich dabei Köhlers Waffe. Somit ist zu befürchten, dass Schneider nun mit der Pistole versucht seinen Plan zu beenden. Brasch begibt sich daraufhin zu Ottmann, um ihn sofort beschützen zu können. Obwohl er Personenschutz ablehnt, observiert sie ihn trotzdem. Dabei fällt ihr Ottmanns enges Verhältnis zu seiner Schwägerin Susan Dietrich auf. Deren Schwester war Ottmanns Frau und vor fünf Jahren bei einem Lawinenunglück ums Leben gekommen.

Auch Susans Sohn Carsten wird häufig bei Ottmann gesehen. Da das Auto, das von Zeugen in der Nacht zum Brandanschlag vor Ottmanns Haus gesehen wurde, als das der Dietrichs identifiziert werden kann, konzentriert sich Kommissarin Brasch mit ihren Ermittlungen auf diese Familie. Axel Dietrich ist Juwelier und seit einem Überfall auf sein Geschäft nicht mehr arbeitsfähig. Bei ihren Observierungen fällt Brasch auf, dass sich Susan Dietrich regelmäßig mit ihrem Schwager trifft. Obwohl Axel Dietrich von diesem Verhältnis, dass angeblich seit zwei Jahren besteht, unterrichtet ist und es duldet, hat er für die Kommissarin das stärkste Motiv. Ehe sie weiter dieser Spur nachgehen kann, erscheint plötzlich Uwe Schneider und stellt sich freiwillig der Polizei. Er sieht scheinbar seinen Fehler ein und gibt den Brandanschlag zu. Doch Köhler erscheint das alles sehr fragwürdig. So wie es aussieht, hat jemand Schneider für dieses Geständnis bezahlt. Köhler recherchiert in diese Richtung und kann über Schneiders Frau nachweisen, dass ihr Mann von einem unbekannten Gönner eine große Geldsumme erhalten hat. So in die Enge getrieben gibt Schneider an, von Ottmann für seine Falschaussage bezahlt worden zu sein. Für Köhler stellt sich damit die Frage, wen Ottmann schützen will.

Kommissarin Brasch kommt dahinter, dass der ausschlaggebende Punkt in der Ottmann-Dietrich-Konstellation der Überfall auf das Juweliergeschäft ist, denn es gab damals einen Toten, was nicht bekannt wurde, weil Susan Dietrich Ottmann um Hilfe gebeten hatte und er sich um die „Entsorgung“ der Leiche gekümmert hatte. Seit dieser Zeit hatte Ottmann die Dietrichs in der Hand und um aus dieser Sackgasse zu entkommen, sah Susan den Brandanschlag als letzten Ausweg. Sowohl Susan Dietrich als auch Ottman werden festgenommen.

Persönlich hat Kommissarin Brasch mit ihrer Arbeitsdisziplin zu kämpfen. Für die psychologische Betreuung wurde ein Experte eingeladen, der sowohl Brasch als auch ihrem Kollegen Köhler dabei helfen soll, besser miteinander klarzukommen. Brasch lehnt dies komplett ab und verweigert sich in ihr Seelenleben schauen zu lassen. Ihr tiefsitzendes Misstrauen gegen andere Menschen macht auch vor dem Psychologe Niklas Wilke nicht halt. Dieser wiederum stellt sich sehr geschickt an und kann Braschs Vertrauen gewinnen. Ihm gegenüber berichtet sie, wie sie in der Vergangenheit vor lauter Diensteifer ihren Sohn vernachlässigt hat, sodass er heute, mit 23, nichts mehr mit ihr zu tun haben möchte und sie ohne Familie und Freunde dasteht.

Rezension

Das Positive gleich vorweg: Filme wie solche mit dem programmatischen Titel „Abwärts“ aus der Anfangszeit der Brasch-Ära kann „Starke Schultern“ auf der Dunkelskala nicht toppen. Nachdem unser Bild von den Polizeirufen, auch von der Magdeburg-Schiene, einen Grad von Vollständigkeit erreicht hat, der einen Überblick erlaubt, müssen wir sogar zugeben: Mit dem Wechsel von Drexler zu Köhler hat man das Ganze schon etwas auflockern wollen. War Sylvester Groths Figur noch als symmetrisch zu der von Brasch zu bezeichnen, die beiden schenkten sich bezüglich ihrer Soziophobie nicht viel, ist Nachfolger Köhler als Gegensatzmensch zu Brasch konzipiert worden. Damit das auch ganz klar ist, wird er in „Starke Schultern“ in einer Szene mit seiner Frau dargestellt und dass die beiden – Ausnahme unter Ermittlern – glücklich miteinander zu sein scheinen. Brasch hingegen – wie eh und je. Wir wollen auch gar nicht wieder die Litanei beginnen, dass so jemand niemals dauerhaft als Leitende Ermittlerin tätig sein könnte, das gilt für einige andere Figuren in Tatorten – dort mehr als in Polizeirufen – nämlich auch. Mit anderer Akzentuierung freilich.

Auch Brasch darf in „Starke Schultern“ aber hin und wieder den Versuch zeigen, sozial zu sein. Meist geht sogar dieser schief, weil sie z. B. einfach vergisst, dass sie eine Krankenhausbegleitung machen soll, um die ihr Chef sie gebeten hat. Aber vielleicht wird es ja noch?

Denn im dritten Brasch-Köhler-Film hat man ein weiteres Element hinzugefügt, das die seelische Verdunkelung in Magdeburg aufheben oder wenigstens einen normalgrauen Himmel über der Stadt herbeiführen soll: Ein Polizeipsychologe wird eingesetzt. Dass Chef Lemp, der den Laden zusammenhalten muss, vielleicht sind die starken Schultern also auf ihn bezogen, darauf nicht früher kam, dass er sechs Jahre dazu brauchte, ist allerdings unverzeihlich. Diesem gelingt es noch nicht, Brasch zu „knacken“, aber damit würde ja der Schutzschirm zerspringen wie Glas, mit dem Brasch sich umgibt. Da wir einige der nach „Starke Schultern“ gedrehten Filme aber schon kennen: Es geht zumindest privat voran.

Das muss es auch, denn auf die Dauer ist es wirklich langweilig, selbst bei Brasch, gefühlte 15mal in einem einzigen Film anzuschauen, wie sie auf ihrem Motorrad auf der Flucht vor anderen und sich selbst davonfährt und dann intuitive genau dann an den richtigen Plätzen auftaucht, an denen sich gerade etwas tut. So kann man Handlungen vorantreiben, aber richtig cool wirkt es nicht, wenn es sich so oft wiederholt. Das war schon bei Schmücke und Schneider, den Brasch-Vorgängern, die geradezu wie aus einem anderen Jahrhundert wirken, obwohl sie erst seit 7 Jahren außer Dienst sind, also, bei denen war das auch so. Da wurde in manchen Filmen mehr erlauscht als ermittelt.

Bei der SZ urteilte Katharina Riehl: „[…] und es gab ja eine Zeit, in der man vor allem wegen Matthias Brandt in München und Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau in Rostock den Eindruck haben konnte, dass der Polizeiruf den Tatort qualitativ überholt. Die Episoden aus Magdeburg aber konnten diese These nie so recht bestätigen.“

Christian Buß von Spiegel Online wertete: „Schon nach den ersten Folgen des sachsen-anhaltinischen TV-Reviers stellte sich Frustration ein. In Magdeburg herrschte seit Anbeginn ein Kommen, Gehen und blödes In-der-Handlung-Rumstehen. Alle scheinen hier sehr unglücklich – nicht nur die Ermittler, die als extreme Antipoden angelegt sind und sich mehr lähmen als befruchten, sondern auch bei den Schauspielerinnen, die sie verkörpern.“ (Zitiert nach der Wikipedia)

Schön, dass wir nicht allein sind mit unseren Eindrücken. Um das alles irgendwie in den Griff zu bekommen, was in den Zitaten und von uns beschrieben wurde, gibt es in diesem Film sogar eine Familienaufstellung zu bewundern. Brasch schafft es natürlich nicht so recht, die dargestellte Person von der eigenen zu trennen, aber auf etwas, das dem Zuschauer längst offensichtlich ist, kommt man doch recht schnell: Dass das Beziehungsgeflecht Ottmann / Dietrich irgendwie der Grund für den Brandanschlag sein muss.

Finale

Einen großen Bonus, den der Polizeiruf gegenüber dem Tatort immer schon hatte, versucht der Film auszuspielen: Dass man spannende Krimis machen kann, bei denen es nicht gleich eine Leiche gibt, bei denen das sogar überhaupt nicht der Fall sein muss. Stattdessen findet ein anderes Verbrechen statt, das die Polizei auf den Plan ruf. Da, anders als offenbar in der DDR, die Mordkommission getrennt von den Abteilungen arbeitet, die z. B. Vermögensdelikten nachgehen, muss aber doch eine versuchte Tötung denkbar sein, damit Brasch und Köhler und die anderen zum Einsatz kommen.

Im Grunde ist es nicht so uninteressant, wie das Figurenpanel aufgebaut wird. „Arschloch“ (O-Ton Brasch) Ottmann hat sich vor allem durch den Tod seiner Frau so entwickelt und versucht, deren Schwester zu deren Kopie zu gestalten, deren Mann weiß von dem Verhältnis, denn Ottmann hat beide in der Hand, seit sie ihn in einer Sache, die so gefilmt ist, dass man den Eindruck haben konnte, die Schmuckladenbesitzer berauben sich aus versicherungstechnischen Gründen selbst, um Hilfe gebeten hatten. Eine obsessive Beziehungsgeschichte hätte also den Film dominieren können.

Wir haben auch eine Vorstellung davon, warum das in Magdeburg nie so recht funktioniert. Jemand schreibt ein Drehbuch, das an sich viel Raum für eine Beziehungstat gibt, die man in exakt dieser Variaten und bezüglich der Gemengelage und der Motive nicht zu häufig sieht. Doch dann kommt’s: Die Autor*innen müssen in diese Handlung Brasch und die anderen integrieren, dadurch verschiebt sich der Akzent und zurück bleibt eine unbefriedigende Leere: Weil Brasch seelisch nie vorankommt und weil das Seelenleben der Episodenfiguren hinter den Problemen zurücktritt, die auf dem Polizeirevier zu beobachten sind und mindestens ein Drittel der Spielzeit beanspruchen. Auf diese Weise ist es fast unmöglich, einen dynamischen Fall zu entwickeln, der einen guten Rhythmus hat. Nicht nur die Handlungsanlage hat „Starke Schultern“ von den DDR-Polizeirufen geerbt, sondern das recht monotone Filming der ersten Jahre. Bei den frühen Polizeirufen war es allerdings dadurch bedingt, dass die Filme recht kurz waren, dass viel zu erklären war. Köhler ist ja nun auch raus und wir werden sehen, ob man in den 2020ern mit Brasch nochmal neue Wege gehen kann. Dabei passt das bisherige Setting doch so gut zur aktuellen Stimmung. Jetzt ist es draußen auch noch düster geworden.

6/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Maris Pfeiffer
Drehbuch Josef Rusnak
Produktion Iris Kiefer
Musik Sebastian Fillenberg
Kamera Stefan Unterberger
Schnitt Horst Reiter
Besetzung

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