Stille Tage – Tatort 632 #Crimetime 938 #Tatort #Bremen #Lürsen #Stedefreund #RB #still #Tag

Crimetime 938 - Titelfoto © Radio Bremen, Jörg Landsberg

 So still das platte Land

„Alles Król, oder was?“ hatten wir uns als alternative Headline ausgedacht. Mittlerweile ist Joachim Król uns auch als Frankfurter Hauptkommissar Frank Steier bekannt; in „Stille Tage“ sehen wir wieder einmal, warum es so wichtig für die Serie ist, dass Schauspieler wie er, den wir zu den Topschauspielern seiner Generation zählen, zunächst einmal in die Rolle von Verdächtigen schlüpfen, um irgendwann für längere Zeit an Bord zu gehen. Ist es nun so? Das klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Manfred Schirmer ist verzweifelt. Seine Frau Anne ist auf der Fahrt vom Wochenendhaus nach Bremen spurlos verschwunden. Die Polizei nimmt die Angelegenheit zunächst nicht besonders ernst – bis Hauptkommissarin Inga Lürsen und ihr Kollege Stedefreund den Fall übernehmen und tatsächlich Annes Leiche finden.

Stedefreund verhaftet einen Täter, und er gesteht. Nur können die Kommissare keine Beweise erbringen. Neben anderen verdächtigt Inga sogar die Nachbarin, Barbara Scheuven, die in Manfred verliebt ist. Barbara kommt Annes Tod schließlich nicht ungelegen.

Je tiefer die Kommissare in den Fall eindringen, umso mehr verwischen sich die Grenzen zwischen Wahrheit, Lüge, Gefühl und polizeilicher Pflicht, echten und absichtlich ausgelegten Spuren.

Rezension

Es ist nicht alles Król, in „Stille Tage“, aber sicher das Beste. Faszinierend, ihm dabei zuzuschauen, wie er uns beinahe dazu bringt, dass wir nicht mehr glauben, dass er seine Frau umgebracht hat. Die Manipulation gelingt ihm nicht nur bei Inga Lürsen. Es gibt diesen wichtigen Moment, in dem sie ihm erzählt, der Mörder seiner Frau sei gefasst. Da zeigt er einen Gesichtsausdruck, der sehr gut Erleichterung als Erleichterung darüber gedeutet werden kann, dass dieser böse Mensch nicht mehr frei herumläuft – oder, dass Herr Schirmer, wie Król im Film heißt, froh ist, aus der möglichen Schusslinie zu sein. Das so zu spielen, war eine schwierige Aufgabe.

Dass wir dem Geschehen folgen, als gäbe es Fragen und ganz begierig darauf, wie es weitergeht, das ist Teil der Manipulation. Würde es einen wirklich stillen Moment geben oder hätten wir mal kurz den Film gestoppt, dann hätten wir uns zurückgelehnt und uns gesagt: Wer sonst? Vielleicht noch die Nachbarin. Oder beide zusammen. Aber niemand anderes kommt in Frage, weil die restlichen Rollen so peripher sind. Andere Figuren, die nur eine Minute Spielzeit haben, am Ende als Täter zu präsentieren, so etwas tut man nicht. Das ist unfair gegenüber dem Zuschauer.

Inga Lürsen hätte bemerken dürfen, dass wohl niemand außer dem Mörder über das Geschehen auf dem Parkplatz Bescheid wissen konnte und dass es doch sonderbar ist, wie jemand, der seine Frau allem Anschein nach wirklich geliebt hat, ein paar Tage nach deren Ableben mit einer Kommissarin ins Bett steigt.

Womit wir neben der Sonderklasse-Leistung von Joachim Król beim zweiten Sondertatbestand von „Stille Tage“ sind. Ist der Titel wirklich eine Anspielung auf „Stille Tage in Clichy?“ Weil eine Kommissarin Sex hat? Bei den Öffentlich-Rechtlichen kann man nie wissen, manchmal sind sie recht hintergründig.

Vielfach ist genau das kritisiert worden. Wir schließen uns dem nicht an. Durch die Tatsache, dass Lürsen sich ein- und verarschen lässt, wird sie mit einem Mal so – fehlbar. Die mit Abstand sympathischste Darstellung von Sabine Postel in ihrer Kommissarinnen-Rolle, die wir bisher gesehen haben. Es gibt ja noch ihre Tochter. Schon seltsam, wie zwei weibliche Figuren, die so unterschiedlich wirken, am selben Nerv sägen können. Aber es bordet dieses Mal nicht über, weil Lürsen in „Stille Tage“ verletzlich wird.

Dass sie trotzdem immer mit dem Kollegen Stedefreund, der in „Stille Tage“ eine recht undankbare Rolle als einer hat, der von Inga vieles nicht erfährt, was diese weiß, in erhobenem Ton spricht, macht es zwar nicht besser, empfinden wir aber auch nicht als so schlimm, zumal es gute Gründe dafür gibt – zum Beispiel Ingas schlechtes Gewissen. Und nicht, wie sonst, ihre Weltweisheit, die man den übrigen, weniger erleuchteten übrigen Erdbewohnern nur mit einigem stimmlichem Aufwand und vermutlich sehr vereinfacht nahebringen kann.

Der Fall hat gemäß obenstehender Andeutungen seine Tücken, und warum lässt jemand sein Rasierwasser im Spind einer Frau stehen? Wird doch wohl seinen eigenen Spind haben, der Hüne aus dem Sportstudio, eiine Art Sekundenverdächtiger. Die Parkplatzszene mit den davoneilenden Schafen ist hingegen, für sich genommen, ein echter Gimmick. Klar, dass die wegrennen, wenn Schirmer kommt und nach seiner Frau ruft. Nicht wegen der Tonlage, sondern, weil die noch gut wissen, dass er jüngst ein Herdenmitglied umgebracht hat, um für den Mord an seiner Frau zu üben.

Schon schräg, aber auf eine so einnehmende und hinterlistige Weise, dass man nicht anders kann als in die Hände zu klatschen. Wir stellen nochmal die Eingangsfrage und entdecken weitere gute Sachen, ohne die Króls Spiel nicht so wirkungsvoll gewesen wäre. Wir haben also eine involvierte Ermittlerin, die ihm auf den Leim geht. Er scheint, ohne dass es auf den ersten Blick so wirkt,   ein Frauentyp zu sein. Ganz klar, er ist für emotinal fortgeschrittene Frauen, einfühlsam. Da muss die Enttäuschung groß sein, wenn man sich auf ihn einlässt.

Wie die Nachbarin Barbara Scheuven, die von der mehrfach preisgekrönten Karoline Eichhorn („Der Sandmann“, Radio-Tatort SWR, Sprechrolle als Kommissarin Nina Brändle) verkörpert wird.

Diese Frau lebt seit dem Tod ihrer Mutter allein nebenan und wünscht sich, einmal mehr als nur mit Schirmer segeln zu können. Von mehreren Figuren wird sie als nicht sehr attraktiv bezeichnet, ein guter Trick, denn sie ist die mit Abstand attraktivste Frau am Set. Dieser Trick trägt dazu bei, unsere Wahrnehmung zu irritieren und ihr etwas naiv angelegtes, nicht immer durchdachtes, aber hoch konzentriertes Wirken lässt eine Figur entstehen, die an Differenzierung an Króls Einrichtungsdesignhaus-Besitzer Manfred Schirmer heranreicht. Keine Frage, dass die Darstellerin adäquate Fähigkeiten als eigentlicher Gegenpol von Schirmer einbringt.

Kann ein Tatort, der sich so auf die Figuren konzentriert und mit wenigen Fährten auskommt, von denen einige immerhin falsch sind – kann so etwas spannend als Krimi sein? Geht so, bei objektivem Betrachtungsansatz. Für uns war’s eine sehr gute Folge, weil wir die Konzentration auf wenige, ausgezeichnete Figuren immer gutheißen, auch wenn dadurch die Action zwangsläufig eingeschränkt wird und selbst dann, wenn man ein paar Minuten Spielzeit z. B. bei Ingas Tochter abgezweigt hätte, deplatziert rüberkäme. Was ist spannender, könnte man auch fragen – Menschen oder Pyrotechnik?

Bei Inga Lürsen menschelt es ja immer und das Mutter-Tochter-Verhältnis ist in seiner Klischeehaftigkeit manchmal schwer zu ertragen. Hier gibt es aber noch etwas anders, was den Krimi und auch Lürsens Figur in diesem Krimi zusätzlich hebt. Das ist die Tatsache, dass ihr Vater sein Haus verlassen und ins Heim musste, wegen Alzheimer. Da kommen viele Erinnerungen auf, nicht immer gute, denn das war kein 68er, sondern noch ein Mann alter Schule, gegen den Inga gewiss häufig opponiert hat (wir wissen ja seit „Schatten“, dass sie zeitweise der RAF nahestand). Aber er ist ihr Vater und anhand kleiner Accessoires, die sie im Haus findet, etwa den Fächer vom Abschlussball, der an einen intensiven Moment der Generationenbeziehung erinnert, wird sie weich. Als sie ihn dann besucht und er sie nicht erkennt – da ist sie reif für Schirmers Arme.

Wir können in etwa nachvollziehen, dass eine sonst so scharfsinnige Person sich verliert. Geht uns etwas zu abrupt, trotz des wohl auslösenden Ereignisses und der Tatsache, dass man die ganze Partie mit Lürsens Vater genau deshalb in die Folge 632 hineingeschrieben hat. Und – s. o. – sie müsste Polizistin genug sein, in der Wolle gefärbte, gestandene Kriminalerin, dass sie das doch irgendwie seltsam finden sollte, was sich zwischen ihr und einem Verdächtigen abspielt, auch wenn sie ihn nicht gerne verdächtigen mag. Eine interessante Parallele zum neuen Fall vom letzten Sonntag („Die schöne Mona ist tot“), wo der zweite Ermittler sauer auf die Leitende ist, weil diese nicht rational und objektiv ist (Lürsen) oder zu sein scheint (Blum), weil da Seelenverwandtschaften zwischen Polizistinnen und Ehemännern zutage treten, welche gerade ihrer Frauen verlustig gingen.

Finale

Unsere Kritik beschränkt sich jedoch auf die Unstimmigkeiten und die kleinen, kleinen Fragezeichen hinter dem Handeln von Inga Lürsen. Ansonsten ist „Stille Tage“ einer unserer Favoriten unter den Wiederholungen, die wir in letzter Zeit angeschaut und für den Wahlberliner rezensiert haben – das heißt, nach einigem Überlegen greifen wir zu 8,5/10, im Schema von 0,5-Abständen die zweithöchste Bewertung, die wir bisher vergeben haben (an mehrere Tatorte – die bisher beste Bewertung waren 9/10).

© 2021, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Inga Lürsen – Sabine Postel
Hauptkommissar Nils Stedefreund – Oliver Mommsen
Barbara Scheuven – Karoline Eichhorn
Helen – Camilla Renschke
Anne Schirmer – Christiane Ostermayer
Karlsen – Winfried Hammelmann
Manfred Schirmer – Joachim Król

Drehbuch – Jochen Greve
Regie – Thomas Jauch
Kamera – Clemens Messow
Musik – Stefan Massimo

 

 

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