Formicula (Them!, USA 1954) #Filmfest 384

Filmfest 384 Cinema

Insekten erobern die Welt oder nicht

Die Warner Brothers hatten sich zu Beginn der 1950er erstmalig mit „Das Ding aus einer anderen Welt“ ins SF-Horrorgenre begeben, den Film haben wir gerade rezensiert. Und weil der Film so erfolgreich war, hatte man sich ein paar Jahre später etwas Neues ausgedacht: Nach dem Prototyp aller Außerirdischen-Bedrohungsfilme entstand der Prototyp aller Viecher-Mutationsfilme. Die kreative Energie, die beiden Filmen innewohnt, ist beachtlich und muss heute, wo alle neuen Film auf bereits bekannten Mustern und Genres aufbauen, sehr gewürdigt werden. Zumal es damals nicht einfach war, glaubwürdige Horrorwesen in größeren Dimensionen zu erschaffen, da die CGI noch nicht zur Verfügung stand. Aber gerade das ist so imponierend: Dass man keine Probleme damit hatte, sich mit baumelnden Ameisenfühlern und Augen, die irgendwie alles andere als insektenmäßig wirken, lächerlich zu machen. Und der Originaltitel „Them!“ sagt schon, dass hier etwas Bahnbrechendes auf uns zukrabbelt.

Allerding mussten wir den Titel aus dem Entwurf von 2014 nun doch ändern, der lautete „Die Insekten erobern die Welt, no kidding!“. Das massive Insektensterben der letzten Jahre, das weitreichende Folgen für unsere Biosphäre haben kann, war damals noch kein Thema – zumindest nicht in der allgemeinen Form wie heute, sondern eher auf die Bienen bezogen. Zu den Ameisen, die immer noch gut vorankommen, steht mehr in der -> Rezension.

Handlung (1)

Die Wüste von New Mexico im Jahr 1954: Polizeisergeant Ben Peterson und sein Kollege entdecken nach einem Hinweis durch ein Polizeiflugzeug ein Kind, das stumm und verstört durch die Wüste wandert. Bald darauf wird der leere Wohnwagen der Eltern gefunden, dann ein Ladenbesitzer grausam getötet aufgefunden, das nächste Opfer ist der junge Polzist, den Peterson zur Bewachung des Tatortes abgestellt hat. Doch Opfer von wem? Ein Wahnsinniger, der seltsame Einbrüche verübt und dann Leute umbringt? Die Sache wird immer mysteriöser, das FBI wird eingeschaltet und dieses wiederum ruft durch seine Untersuchungen das Landwirtschaftsministerum auf den Plan. Landwirtschaft? Auf jeden Fall Zoologie, denn es erweist sich, dass Riesenameisen am Werk waren.

Dr. Medford vom Ministerium, der mit seiner hübschen Tochter ins Krisengebiet reist, stellt die Theorie auf, dass diese Mutanten aufgrund der Atomversuche von 1945 darstellen, die in der Gegend stattgefunden haben, in der es die ersten Opfer gab. Es gelingt den Wissenschaftlern und der Polizei, die Kolonie zu finden, aus der die Angreifer stammen und sie zu zerstören. Doch zwei gerade geschlüpfte Königinnen sind entkommen und Richtung L. A. geflogen. Eine davon baut eine Kolonie auf einem Schiff und das Schiff kann versenkt werden – doch die andere verschwindet in der Kanalisation und legt dort ein neues Nest an. Gleichzeitig verschwinden dort zwei Kinder, die in der Nähe gespielt haben. Sind sie am Leben? Unter großem Armee-Einsatz wird die Kanalisation durchkämmt und die Doppelmission lautet, die Kinder aufzuspüren und die neue Kolonie zu zerstören, bevor wiederum Königinnen das Weite suchen können. 

Rezension 

Die Belohnung für den Mut war, dass „Them!“, wie der Titel im Original lautet, wohingegen das deutsche „Formicula“ ohne Ausrufezeichen geradezu nüchtern wirkt, der kommerziell erfolgreichste Film der Warner Brothers im laufenden Kinojahr wurde. Obwohl wichtige ausländische Märkte ihn gar nicht zu sehen bekamen – zum Beispiel Deutschland, wo er 1960 erst den Weg in die Kinos fand. Das klassische Horrorstudio  Universal wollte da nicht abseits stehen und hat ein Jahr später „Tarantula“ gedreht, den ersten Film dieser Art, den wir im Fernsehen betrachten durften, und wir erinnern uns, dass wir damals höchstens sechzehn waren und aufgrund das Fernsehen begrenzender Erziehungsgrundsätze nicht gestählt waren durch den frühzeitigen Konsum von Horror und Trash aller Art. Entsprechend groß war der Eindruck, den dieser damals schon recht betagte Film auf uns gemacht hat.

„Formicula“ aber war eine Premiere, als wir ihn Ende 2012 aufzeichneten und ihn uns jetzt zwecks Rezension angeschaut haben. Und da war es wieder, das Gänsehaut-Feeling. Die Ameisen können so unnatürlich wirken, wie sie wollen, dieser Film geht sehr tief ins Unterbewusstsein und klimpert auf den Tasten des großen Instruments unserer Phobien, von denen wir manchmal nicht wissen und wissen möchten, woher sie stammen.

Verstärkt wurde der Eindruck dadurch, dass die Aufzeichnung eine vorhergehende Dokumentation über argentinische Ameisen enthielt, die wirklich effektvoll und sehr auf Krieg gemacht war: Da wirkten diese kleinen Insekten dermaßen bedrohlich, wie sie wesentlich größere Ameisen von einer konkurrierenden Art angriffen und vernichteten, dass uns schon vor dem eigentlichen Film Schauer über den Rücken gelaufen sind. Und da gibt es ja auch immer Spuren im Realleben. Während einer Arbeitsstation im Ausland hatten wir eine Erdgeschosswohnung mit Garten und kaum war der Kühlschrank bestückt, hatten Ameisen eine Straße von der Eingangstür dorthin gebaut, die nicht einfach in den Griff zu bekommen war. Aus der Sicht von 2021 wäre noch eine kleine Ameisenplage im Jahr 2018 zu ergänzen, die ihr Zentrum, das Nest, an einem nie für möglich gehaltenen Ort hatte, aber damit soll es gut sein.

Es ist wohl diese Schwarm-Intelligenz, es ist auch das Kriegerische an Ameisen, was uns so fasziniert und gleichermaßen abstößt. Wir sehen in ihnen uns selbst, wenn auch mit acht Beinen, weil sie die einzigen Wesen außer dem Menschen sind, wie es im Film richtig heißt, die sich so hoch organisieren können, dass sie richtiggehende Feldzüge planen und dabei mit einer Brutalität vorgehen können, die wir sonst nur von der eigenen Spezies kennen. Allerdings, zur Beruhigung: Die Ameisenarten, die wir in Europa kennen, sind harmlos, selbst die roten, die pieken können. Sie sind vor allem auf Nahrungssuche unterwegs, wenn sie diese merkwürdigen Kolonnen aufstellen. Aber stimmt das wirklich? Eben nicht! Die Argentinische Ameise ist im Kommen!

Solchermaßen eingestimmt, kann man sich hervorragend mit „Formicula“ gruseln, auch wenn er unter anderem dramaturgische Schwächen hat – zum Beispiel, dass der einfache Polizist, der anfangs dabei war, bis nach Washington und Los Angeles mitfährt und später auch bei dem Einsatz in der Kanalisation mitmacht – und dabei stirbt. Dass die Romanze zwischen dem FBI-Mann und der jungen Wissenschaftlerin selbst für die Verhältnisse eines auf andere Dinge konzentrierten Horrorfilms ein wenig zu sehr in den Anfängen stecken bleibt.

Es gibt einige Probleme mit der Logik, von denen das wichtigste gleich zu Anfang auftaucht. Sowohl beim Wohnwagen als auch beim Shop heißt es, der Einbruch sei ein Ausbruch gewesen. Das klingt, als hätten sich die Ameisen erst an den Orten entwickelt und seien von dort nach draußen ausgebrochen, nachdem sie die anwesenden Menschen umgebracht haben. Das widerspricht der offensichtlichen Entwicklung dieser Arbeiterinnen im Nest zu voller Größe. Von der ermordeten Familie des kleinen Mädchens, das wir zu Anfang kennenlernen, fehlt bis zum Schluss jede Spur, obwohl zum Beispiel Reste der Ausstattung des später umgekommenen Polizisten auf einem der Grusel-Höhepunkte gezeigt werden.

Aber Fehler dieser Art weisen auch Filme auf, die nicht an den Grenzen der damaligen Möglichkeiten des Kinos operiert haben und außerdem noch mit dem Anspruch gestrickt wurden, dass die naturwissenschaftlichen Grundtatbestände der Ameisenwelt korrekt dargestellt werden. Da sich nicht jeder Kinozuschauer so richtig gut mit Ameisen auskannte, hat man sich eines hevorragenden Mittels der Instruktion bedient, das ebenfalls ein Standard werden sollte: Der Wissenschaftler Dr. Medford zeigt den Mächtigen in Washington einen Film über Ameisen, sodass er als Talking Head recht gut integriert und irgendwie logisch wirkt.

Sehr bemerkenswert ist der Film auch in einer anderen Hinsicht. Waren zu Beginn der 1950er die Bedrohungen in „Das Ding aus einer anderen Welt“ oder „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ Außerirdische, die metaphorisch für die Bedrohung durch die Russen im Kalten Krieg standen, so war „Them!“ der erste atomkritische Horrorfilm. Nicht der erste wissenschaftskritische, denn schon „Dr Jekyll und Mr. Hyde“ und „Frankenstein“ sind grundsätzlich mit der Botschaft unterwegs, dass es dem Menschen nicht ansteht, zu viel an sich selbst herumzuexperimentieren oder künstliche Wesen zu erschaffen – synonym für die höchste Form der wissenschaftlichen Arbeit, die es ermöglicht, selbst zum Schöpfer aufzusteigen. Ob man das darf oder nicht, ist Grundlage aller heutigen Ethikdiskussionen um die Gentechnik.

Kritik an den Atomwaffentests als kleinstem, sicheren Nenner, den man in „Them!“ bei allen Interpretationmöglichkeiten  festhalten kann, war aber im Kino neu, in Zeiten, in denen wirklich naive Aufklärungsfilme wie „Duck and Cover!“ gemacht wurden, die suggerierten, dass im Fall eines Atomangriffs tatsächlich Überlebenschancen gegen die Radioaktivität bestünden, indem man zu einfachsten Maßnahmen greift. Die Wasserstoffbombe war gerade erfunden worden, der Atomangriff ein ganz wichtiges Thema, und so lag ein Film wie „Them!“ auf der Hand. Wir haben bis jetzt nur feststellen können, dass nukleare Einwirkung Leben vernichten, nicht dass sie neues, gefährliches schaffen kann, aber das reicht aus, um kritisch zu sein.

Doch nicht nur die Angst vor den Folgen der Atomkraft spielt in dem Film eine Rolle, sondern die vor allen möglichen Mutationen, die schlicht durch Evolution hervorgerufen werden können und die es ständig gibt. Auch hier gibt es eine Linie in unsere Zeit, wenn es darum geht, dass gentechnisch veränderte Organismen, setzt man sie frei, für Störungen in den Ökosystemen sorgen könnten. Solange es sich um Pflanzen handelt, hat man immerhin noch die Gewissheit, dass sie sich nicht komplett selbstständig machen können.

Auch hier kann anlässlich der Veröffentlichung der Rezension im Jahr 2021 ein Nachtrag nicht ausbleiben: Gerade ist die Corona-Pandemie ins Stadium der mutierten Viren eingetreten und kürzlich wurde auch „Formicula“ wiederholt. Ein Schelm, wer Vergleiche zieht.

Viele Filme sind „Formicula“ gefolgt, den im Jahr darauf entstandenen „Tarantula“ haben wir erwähnt. Dieser ist ähnlich gestrickt und doch anders. Es geht ebenfalls um Auswirkungen der Wissenschaft, ein Professor experimentiert mit einem Serum, das das Größenwachstum von Tieren fördert. Eine Spinne entkommt aus seinem Labor und wächst und wächst und wächst, bis sie größer ist als eine ganze Ortschaft. Dagegen wirken die Ameisen fast niedlich, aber sie sind auch einen Tick realistischer, sofern man bei diesen Filmen Realismus überhaupt als zulässige Beurteilungskategorie verwenden darf. Dass „Them!“ auf Deutsch so auffällig an „Tarantula“ angelehnt „Formicula“ heißt, liegt daran, dass der Spinnenfilm hierzulande direkt nach seiner Entstehung in die Kinos kam, der Ameisenfilm aber, wie erwähnt, erst einige Jahre später, sodass man sich beim Titel entsprechend orientiert hatte.

Finale

Alle diese knackigen Horrorfilme aus den 1950ern sind spannend gemacht, ohne Schnörkel, manchmal sogar mit ein wenig Humor, damit das Publikum kurz aufatmen und befreit lachen konnte, so auch hier. Die Charaktere sind in „Them!“ nicht so gut ausgeformt wie in „Das Ding aus einer anderen Welt“, was auch an der Handlung liegt, die sich in „Formicula“ dadurch auszeichnet, dass immer neue Personen und administrative Ebenen im Wege der Plagenbekämpfung eingebunden werden, was die Konzentration auf Einzelpersonen schwierig macht. Auf der Verlustliste steht u. a. das Verhältnis zwischen dem FBI-Mann und der Jungwissenschaftlerin, hingegen hat man den Polizisten, der anfangs das Mädchen gefunden hat, sozusagen mitgeschleppt, um zwecks Identifikation des Zuschauers wenigstens ein einziges Gesicht durch den ganzen Film hindurch zu erhalten.

Für Menschen, die’s nicht so mit Krabbeltieren haben, ist der Film auch heute noch eine Tortur – wobei es sein kann, dass man die Film-Ameisen gar nicht als solche wahrnimmt. Mit Filmen, die von der Invasion Außerirdischer handeln, hat „Formicula“ gemeinsam, dass mit großem Aufwand und militärischem Einsatz gegen die Bedrohung vorgegangen wird und sie schließlich besiegt werden kann. Ab den 1970ern gab es dann, dem nach den politischen Morden dern 1960er und dem Vietnamkrieg weniger optimistischen Zeitgeist entsprechend, erste Filme, in denen die Menschen die Lage nicht mehr in den Griff bekommen wie „Mörderspinnen“ (1977). Und heute? Alles wieder wie einst, die Zivilisation und das Gute gewinnen, dank der immer mehr im Vordergrund stehenden Superheld*innen, die pro Individuum mehr können als eine ganze Armee in den 1950ern. Hybris, Mangel an Realismus, Demokratie und eigentlich alles in Gefahr, weil sie so klein und wir nicht so groß sind.

69/100

© 2021 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Gordon Douglas
Drehbuch Ted Sherdeman
Russell Hughes
Produktion David Weisbart
Musik Bronislau Kaper
Kamera Sid Hickox
Schnitt Thomas Reilly
Besetzung

 

 

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