Schoggiläbe – Tatort 1158 #Crimetime Vorschau #Tatort #Zürich #Grandjean #Ott #SRF #Schokolade

Crimetime Vorschau - Titelfoto © SRF, Daniel Winkler

Die Folgen eines typischen Auftakt-Missgeschicks

Beim ersten Schweiz-Tatort des neuen Teams ist mir etwas passiert, was es nicht geben sollte – und was gleichzeitig typisch ist und Tradition hat. Ich hatte den Schweiz-Tatort „Züri brännt“ (Nr. 1140) vom Media-Receiver gelöscht, weil ich gesehen hatte, dass er auch in der Mediathek der ÖR-Anstalten enthalten ist. Aber, wie ich dann feststellte, nicht als hochdeutsche Version, sondern nur vom SRF in Schwyzerdütsch. Ich fing an zu schauen … und brach ab. Anders als bei den Wien-Tatorten und bei allen deutschen Dialekten ist schweizerischer Dialekt einfach unmöglich einen ganzen Film lang durchzuhalten, auch wenn man einzelne Sätze versteht und / oder aus dem Zusammenhang erschließen könnte. Wer Schweizerdeutsch lernen will, wird es auf diese Weise irgendwann packen, aber leider habe ich nicht die Zeit dazu, außerdem beeinflusst es meine Rezeption zu sehr, wenn ich mich derat anstrengen muss, um einen Tatort zu verstehen. Kurioserweise synchronisieren sich die Schauspieler ja auf Hochdeutsch selbst, während ich lange Zeit dachte, sie würden in unsere Normalsprache von anderen übertragen. Denn die hölzerne „Übersetzung“ ist immer wieder ein Grund für Kritik an den Schweizer Tatorten – und offenbar ist dieses Phänomen selbst dann vorhanden, wenn dieselben Darsteller*innen das, was sie auf Schweizerisch filmen, nochmal in Hochdeutsch wiederholen sollen. Manche Gegenden sind eben wirklich nur mit ihrem Dialekt authentisch.

Warum das Tradition hat? Schon den zweiten Flückiger-Tatort „Skalpell“ hatte ich bei der Premiere (aus anderen Gründen als „Züri brännt“) bei der Premiere verpasst. Das kommt sehr selten vor, zumal mittlerweile verschiedene Abrufmöglichkeiten vorhanden sind und ich nicht mehr an Sonntagabenden „live“ schauen muss, daher ist mir dieser Lapsus noch in Erinnerung.

Und die Folgen? Für mich werden Grandjean und Ott in ihrem zweiten Film ganz neu sein, von den paar oben erwähnten Minuten abgesehen. Ich freue mich also auf den ersten Teamstart 2021, nachdem zuletzt etwas mehr Ruhe ins Wechselspiel der Ermittler*innen kam und höchstens noch einzelne Personen aus etablierten Teams ausgetauscht wurden oder verschwanden (Dalay gegen Herzog in Dortmund, Krusenstern verließ Münster). Nur wär’s ganz nett, wenn „Züri brännt“ demnächst wiederholt würde – auf Hochdeutsch. Dann ist es eben so, dass es nicht maximal authentisch wirkt. Immerhin hatte ich den Titel auf Anhieb verstanden, während ich dieses Mal nicht sicher bin – „Schokoladenleben“?! Die Redaktion von Tatort-Fans klärt auf:

„Schoggiläbe“ steht im Schwyzerdütschen sinngemäß für die „Schokoladenseite des Lebens“.

Tatsächlich dreht sich der zweite Einsatz des neuen Züricher Tatort-Damengespanns um Hauptkommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) und Profilerin Tessa Ott (Carol Schuler) um den Schokoladenfabrikanten Chevalier und dessen unnatürliches Ableben: Der reiche Lebemann liegt tot in seiner Villa und der Streit um das Erbe beginnt.

Nicht so süß ist die Bewertung der beiden Redakteur*innen: 1 Stern bzw. 2 Sterne von fünf möglichen. Das fängt ja wieder gut an, die Schweiz betreffend … ich verlange, wenn das Land schon zu den am lautesten ratternden Geldwaschmaschinen der Welt zählt, wenigstens gut Tatorte von dort …

Schoggiläbe, so nennt man es in der Schweiz, wenn jemand auf der Sonnenseite des Lebens steht. Aber ausgerechnet der Schokoladenfabrikant Chevalier kann das Schoggiläbe nicht mehr genießen, weil er erschossen und erschlagen wurde„, schreibt Birgit Egelhaaf für den SWR3-Tatortcheck, ebenfalls um Aufklärung bemüht. Ja, gründlich ist man in der Schweiz und wir sind’s auch, denn damit haben wir den journalistischen Gegencheck bezüglich „Schoggiläbe“ brav absolviert. Aber am Ende: Ein Elch bloß. Enttäuschung und die Ansprache an das Publikum, das Durchbrechen der Vierten Wand, wird von der SWR3-Rezensentin als kurios empfunden, das wurde auch von der Tatort-Fans-Redaktion kritisiert.

Ein Zitat hat Frau Egelhaaf gebracht und das ärgert mich geradezu: Es wird von einer der Kommissarinnen suggeriert, 1000 Millionen Euro Vermögen seien ein Wahnsinn. Ist auch so, aber nicht dies ist das Problem in der Schweiz oder auch bei uns, sondern, dass die wirklich Reichen noch viel reicher sind und dass eben die Schweiz einer der Orte ist, wo legal oder illegal dafür gesorgt wird, dass sie weltweit möglichst wenig zu Gemeinschaftsaufgaben beitragen müssen. Nicht nur Oben und Unten ist auf ungerechte Weise organisiert, sondern auch das Rosinenpicken einiger Länder. Damit diese Ausführungen nicht einseitig oder gar nationalistisch wirken: Deutschland ist ebenfalls im Fokus, weil hier zum Beispiel der Immobilienhype seit zehn Jahren eine der größten Schwarzgeld-Umwandlungsstellen der Welt geworden ist und die Korruption bei uns nimmt immer mehr abenteuerliche Ausmaße an. In Deutschland wird, nebst Italien, in der EU vermutlich am meisten Schwarzgeld umgesetzt. Aber das Gesamtsystem funktioniert auch durch diese besonders hilfsbereiten kleinen Staaten, die sich als Schleusen, als Safes und staffelweise zum Geld verbuddeln zur Verfügung stellen (mittlerweile klassischer Weg des Immobilienkapitals z. B.: Gebäude steht in Deutschland, Besitzerin ist eine luxemburgische S.A.R.L., in Lichtenstein sitzt eine Stiftung dazu und auf den Cayman Islands wird das Geld tatsächlich geparkt und gesammelt, Ergebnis: keine Steuerpflicht in Deutschland), sonst wären andere Länder, in denen die Konzerne hauptsächlich ihr Geld verdienen, nicht so unter Druck und könnten gegen Steuerdelikte, Steuerdumping und Kapitalflucht besser durchgreifen.

Nun aber ein Knaller. Christian Buß schreibt im Spiegel von einem Tatort mit perfiden Psycho-Twists und vergibt am Ende 8/10. Ein Punkt mehr ist das höchste, was ich von ihm gesehen habe, seit wir seine Vorab-Rezensionen für unsere Vorschau checken. So unterschiedlich die Wahrnehmung, wieder einmal. „Stark, dass die drei Ermittlerinnen – neben Grandjean und Ott erhält die von Rachel Braunschweig gespielte Staatsanwältin Wegenast einen größeren Part – über ihre eigenen familiären Abgründe frontal in die Kamera zum Fernsehpublikum sprechen. Und wie schön, dass bei all der theatralen Frauenpower am Ende doch auch noch männliche Charaktere ein, zwei anrührende Auftritte kriegen.“ Vielleicht war Buß auch froh, dass überhaupt noch Männer in diesem Film vorkommen.

Tilmann P. Gangloff jedoch schreibt in Tittelbach.TV: „Die sehenswerte letztjährige Premiere des neuen weiblichen Ermittlerduos aus der Schweiz [der oben erwähnte „Züri brännt, Anm. TH] hat einen Maßstab gesetzt, an dem der zweite Zürcher „Tatort“, „Schoggiläbe“ (…) scheitert. Der Film lässt alles vermissen, was den Auftakt ausgezeichnet hat. Die Geschichte bedient sich bewährter Versatzstücke, die Besetzung der Episodendarsteller ist nicht weiter bemerkenswert, Spannung kommt auch nicht auf (…)“

Dass Tittelbach.TV einen ähnlichen Bewertungsansatz verfolgt wie wir, habe ich schon anderweitig und vermutungsweise erwähnt, hier bestätigt es sich, wenn man deren Voting in Vergleich zu den ersten beiden erwähnten Stellen setzt. Nur 3/6 Punkten sind für dieses TV-Magazin sehr wenig, würde bei uns 5/10 entsprechen und das ist beinahe die Untergrenze für im Rahmen von „Crimetime“ besprochene Filme, sofern es nicht besondere Probleme, etwa politischer Natur, zu betrachten gibt, die zu weiteren Abzügen führen.

TV Spielfilm wiederum hebt den Daumen für den zweiten Grandjean-Ott-Krimi und damit kommen wir zu einem interessanten, weil sehr durchwachsenen Fazit: Zwischen weitgehender Ablehnung und ziemlich großer Zustimmung ist alles dabei und anhand der hier besprochenen Meinungen lässt sich auch nicht resümieren, dies ist vermutlich ein Kritiker- oder ein Publikumstatort.

Wir werden es morgen Abend sehen bzw. so aufzeichnen, dass mir nicht wieder das Gleiche sie bei „Züri brännt“ passiert.

TH

Handlung

In einer luxuriösen Villa wird Unternehmer Hans-Konrad Chevalier tot aufgefunden – erschlagen und erschossen. Das brutale Vorgehen deutet auf eine Beziehungstat hin. Der Ermordete leitete die renommierte Schokoladenfabrik der Chevaliers – gemeinsam mit seiner Tochter Claire.

Die Ermittlungen führen die Profilerin Tessa Ott zurück zu ihren Wurzeln, der noblen Wohngegend am Zürichberg. In dieser Gegend der Superreichen könnten alle ein glückliches „Schoggiläbe“ (ein Schokoladenleben sprich „Ein Leben auf der Sonnenseite“) führen. Doch der Schein trügt. Offenbar war der Firmenchef Chevalier depressiv und suizidal. Seine Homosexualität wurde von der eigenen Familie nie akzeptiert. Seine Mutter Mathilde hielt offensichtlich nie viel von ihrem schwulen Sohn. Nach dessen Ermordung drängt sie nun zurück an die Unternehmensspitze. Vorbei an Enkelin Claire, die Tag und Nacht in der Firma malocht und die Nachfolge ihres Vaters antreten will.

Die Firma schreibt allerdings schon seit längerer Zeit rote Zahlen. Claires dubioser Verlobter nützt die verfahrene Situation aus. Gleichzeitig lässt Claire ein konfliktträchtiges Testament ihres Vaters verschwinden. Den Kommissarinnen wird klar: Bei „Chocolat Chevalier“ tobt ein Machtkampf. War der ermordete Patron dessen erstes Opfer? Die Ermittlungen gestalten sich schwierig. Es spricht alles dafür, dass die Haushälterin Esmeralda Rivera Zeugin des Verbrechens wurde.

Doch die ist gemeinsam mit ihrer Tochter untergetaucht. Als illegale Einwanderin („Sans Papier“) droht ihr die Abschiebung. Esmeralda will deshalb auf keinen Fall mit der Polizei kooperieren. Da kommt Tessa Ott eine Idee, während Kommissarin Grandjean eine andere Spur verfolgt. Sie jagt einen geheimnisvollen Mann, der mit der Mordwaffe unterwegs ist und ebenfalls am Tatort gewesen sein muss. Später tauchte der Verdächtige in einer Hotelsuite auf und hinterlässt einen hochgradig gestressten Eindruck. Für Isabelle ein deutliches Indiz: Der Verdächtige steht unter hohem Druck und ist entsprechend gefährlich.

Unter Druck steht auch Isabelle Grandjean selbst. Sie will weg aus Zürich. Bei einer Beförderung, die ihr zusteht, wird sie übergangen. Außerdem vermisst sie ihren Sohn und möchte ihm wieder näherkommen. Und sie traut ihrer neuen Partnerin Tessa Ott nicht, hält die Kollegin aus besserem Haus für unprofessionell und überfordert. In einem entscheidenden Moment kriegt Isabelle leider recht. Als sie sich Auge in Auge mit dem Hauptverdächtigen sieht und dringend die Hilfe ihrer Kollegin bräuchte, versagt diese. Isabelle realisiert: Sie kann sich nicht auf die Profilerin verlassen.

Besetzung und Stab

Rolle Darsteller
Isabelle Grandjean Anna Pieri Zuercher
Tessa Ott Carol Schuler
Anita Wegenast Rachel Braunschweig
Noah Löwenherz Aaron Arens
Charlie Locher Peter Jecklin
Milan Mandic Igor Kovac
Claire Chevalier Elisa Plüss
Mathilde Chevalier Sibylle Brunner
Markus Oberholzer Urs Jucker
Dorian Lakatos Csémy Balazs
Andras Lakatos Levente Molnar
Esmeralda Isabelle Stoffel
Musik: Fabian Römer
Kamera: Martin Langer
Buch: Stefan Brunner
  Lorenz Langenegger
Regie: Viviane Andereggen

 

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