Nerze – Polizeiruf 110 Episode 70 #Crimetime 940 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Fuchs #Arndt #Nerz

Crimetime 940 - Titelfoto © ARD*

Der Nerz ist tot

In mancher Hinsicht ist der 70. Polizeiruf aus dem Jahr 1980 eine Rückkehr zu den Anfängen, zum Beispiel die kurze Spielzeit von 64 Minuten betreffend, die Krimis der Reihe in den ersten Jahren häufig hatten. Außerdem sind mit Hauptmann Fuchs und Leutnant Arndt zwei Ermittler der ersten Stunde im Einsatz, ohne dass eine der später hinzugekommenen Polizisten-Figuren assistieren würde. „Nerze“ ist zwar in Farbe und man kann auch über einen recht kurzen Fall eine lange Handlungsangabe schreiben, wie man im Folgenden sieht, aber ist er mehr ein typischer Film der frühen 1980er oder tatsächlich ein Rückgriff auf die ersten der 1970er Jahre? Darüber und über anderes mehr in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Seit Jahren sind die Brüder Konrad und Fritz Winterfeld miteinander verfeindet. Beide betreiben im Dorf eine eigene Nerzfarm und nutzen jede Möglichkeit, um dem anderen zu schaden. Fritz ruft während einer Feier Konrads die Feuerwehr an, die die Feier abbricht. Konrad rächt sich, indem er in Fritz’ Nerzfarm während der Paarungszeit Knallfrösche anzündet und die Tiere verschreckt. Vergeblich versucht ABV Dieter Gollnow, beide Parteien miteinander zu versöhnen. Sie liegen im Streit, seit ihr Vater Selbstmord begangen hat. Konrads Frau musste ihn pflegen, bis sie am Ende ihrer Kräfte war. Sie wollte, dass er ins Heim kommt, und Konrad stimmte zu. Daraufhin erschoss sich sein Vater, und Fritz gab nun Konrad die Schuld am Tod des Vaters. Seither fiel zwischen beiden kein freundliches Wort mehr, zumal der ältere Konrad immer befürchtete, dass sein Bruder erfolgreicher als er sein könnte.

Fritz’ Tochter Heike kommt ins Dorf und will auf Dieter Gollnows Betreiben hin ihren Vater und ihren Onkel miteinander versöhnen, doch auch sie scheitert. Eines Tages bemerkt sie, dass die Nerze auf der Farm ihres Vaters sterben. Innerhalb kürzester Zeit sind alle 800 Tiere verendet. Hauptmann Peter Fuchs und Leutnant Vera Arndt werden gerufen, da die Untersuchung der Tiere eine Vergiftung ergibt. Auf der Suche nach den Brüdern Winterfeld finden die Ermittler Konrad niedergestochen auf seinem Grundstück vor. Fritz bleibt verschwunden und erscheint erst später volltrunken auf seiner Nerzfarm. Er hat aufgegeben, bezeichnet sich als tot und will auch keinen Neuanfang beginnen. Für ihn ist klar, dass Konrad die Tiere vergiftet hat.

Konrad hat neben Fritz in Fischhändler Rüdiger Hempel einen weiteren Feind, da er mit Rüdigers Frau Anni ein Verhältnis hat. Als Täterin infrage käme auch Konrads Ehefrau Sabine, die sich im Streit von ihm getrennt hat, kurz bevor er verletzt aufgefunden wurde. Sie gibt an, mit ihrem Arbeitsmesser aus dem Haus gerannt zu sein und es im Garten fallen gelassen zu haben. Anschließend sei sie zu Heike gerannt. Das Messer findet sich jedoch versteckt im Garten Konrads. Faserspuren an der Klinge weisen auf einen speziellen Pullover-Typ, den unter anderem Rüdiger besitzt. Er sagt aus, er habe gesehen, wie Fritz mit Konrad wegen der toten Nerze Streit begonnen habe. Im Gerangel habe Fritz Konrad niedergestochen. Er selbst habe das Messer anschließend aufgenommen und gereinigt, weil er nicht wollte, dass der Streit zwischen beiden größere Kreise zieht. Fritz gibt schließlich die Tat zu. Er ist erschüttert, als er erfährt, dass Konrad seine Nerze nicht vergiftet hat. Das Futterfleisch wurde im Geflügelschlachtkombinat falsch gelagert, sodass Desinfektionsmittel das Fleisch kontaminierten. Die Nerze fraßen das giftige Fleisch und starben. Der Betriebsdirektor des Geflügelschlachtkombinats Heinz wird sich nicht nur dafür verantworten müssen, sondern auch für den schwarzen Verkauf von Überproduktionsmasse, den Konrad für ihn organisierte. Fritz wiederum besucht seinen Bruder im Krankenhaus, bevor er von den Ermittlern abgeführt wird.

Rezension

Die Nerzzucht, die im Film gezeigt wird, ist alles andere als hypothetisch:

1968 Der Pelztierbestand der DDR betrug 268.685 Nerze, 75.684 Sumpfbiber, 3369 Edelfüchse und 1349 Chinchillas.[77]  
1971
Zusammenschluss der Nerzfellproduktionsbetriebe der DDR zur zentralen Erzeugnisgruppe Nerzfell.[77]

Ob es die private Nerzfarm geben konnte, deren Tieren der Titel des Films gewidmet ist, können wir nicht beurteilen, es ist ja immer wieder die Rede davon, dass Fritz Winterfeld, der Mann, der die Wintermantelpelze züchtet, seinen Betrieb bei Erfolg in eine Genossenschaft einbringen und deren Vorsitzender werden möchte. Ob es sich um Wild- oder Zuchttiere handelt, wir sind keine Fans des Tragens von deren Fellen durch Menschen, aber die Erwirtschaftung von Devisen war in der DDR natürlich ein immer zu beachtender Faktor, im Land verblieb vermutlich nur wenig von dem, was an Nerzfellen produziert wurde. Insbesondere taten uns die Tiere leid, die hier als vergiftet vermeldet werden, gezeigt werden vermutlich solche, die wirklich verstorben sind – aber auf „reguläre“ Art, um ihre Felle verarbeiten zu können.

Aber zum Fall. Der Film hat in der Tat viel Traditionelles, bezogen auf die Polizeiruf-Reihe. Die vertrauten Gesichter Fuchs und Arndt, die auch so aufgestellt sind wie zu Beginn: Fuchs dominiert, Arndt assistiert. Den am wenigsten erfreulichen Anklang an die Anfangszeit bietet allerdings die Dramaturgie. Anfangs wirkt der Film auf künstliche Weise kryptisch, wenn man nicht mit den Verschiebungsmethoden, dem halblegalen und illegalen Warenbeschaffungssystem in der DDR-Wirtschaft vertraut ist, da muss man sich erst reinfinden – und dann wird zu sehr „durchgefilmt“ und einige Charaktere müssen sich als „Talking Heads“ beweisen. Dem Modus der 1980er entspricht das Familiendrama, das den Erwerbstrieb einiger Figuren überlagert, aber so recht überzeugend wirkt die Konstellation der beiden verfeindeten Brüder nicht, so oft auch versucht wird, sie zu erklären. Auch die Schauspielerführung ist in anderen Polizeirufen besser. In Nr. 70 kommt es sehr darauf an, was die Darsteller aus dem Szenario machen können, in dem die Motive für alles, was geschieht, letztlich doch verschattet wirken. Die in Polizeirufen nicht so selten eingesetzte Rückblendentechnik hätte auch diesem Film gutgetan, um ihm mehr Tiefe zu geben. Vieles, was in anderen Produktionen der Reihe mehr ausgespielt wirkt, sieht hier eher wie ein Text und ein wenig rudimentär aus.

Finale

Wir hatten uns gestern gefreut, wieder in die weitgehend chronologische Ausstrahlung der DDR-Polizeirufe beim MDR einzusteigen und hoffen weiterhin, ein weitgehend komplettes Bild zu erhalten, zu dem uns derzeit vor allem die Jahre 1981 bis 1984 fehlen, ansonsten gibt es nur noch kleinere Lücken. Leider war „Nerze“ enttäuschend. Es gelingt uns dieses Mal nicht, die übliche Zeichenzahl für eine Rezension im Wahlberliner zu erreichen.

Vermutlich sind wir im Rahmen der vermehrten Arbeit am „Filmfest“ auch ein wenig erschlagen davon, wie intensiv wir vor einigen Jahre Filme (und auch Tatorte) beprochen haben – die Notwendigkeit, mitten in der allgemeinen Krise jeden Tag fürs „Filmfest“ oder für „Crimetime“ zu arbeiten, lastet doch etwas und rückt, was wir an Verwicklungen und Dummheiten von Menschen in diesen Stücken sehen, doch in ein etwas anderes Licht. In „Nerze“ ereignet sich kein Mordfall, sondern es kommt zu einem körperlichen Angriff und einer kaum nachvollziehbaren Handlung danach, die nur den Zweck hat, die Tätersuche zu erschweren – alle können es also in Zukunft besser machen. Werden sie das? 40 Jahre, nachdem der Film entstanden ist, sind wir skeptisch.

5,5/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

*Da kein Bild von diesem Film in brauchbarer Qualität zu finden war, haben wir das aktuelle, 2020 eingeführte Logo der Reihe Polizeiruf 110 verwendet.

Regie Lothar Hans
Drehbuch Ulrich Waldner
Produktion Fritz Delp
Musik Hartmut Behrsing
Kamera Wolfgang Voigt
Schnitt Renate Müller
Besetzung

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