Früchte des Zorns (The Grapes of Wrath, USA 1940) #Filmfest 385 #Top250

Filmfest 385 Cinema - "Concept IMDb Top 250 of All Time" (45)

Der Mann für die vorletzte und die Frau für die letzte Szene

Früchte des Zorns (Originaltitel: The Grapes of Wrath) ist ein US-amerikanischer Film von Filmregisseur John Ford aus dem Jahr 1940 und beruht auf dem gleichnamigen Roman des späteren Nobelpreisträgers John Steinbeck aus dem Jahr 1939, für den er im folgenden Jahr den Pulitzer-Preis erhielt. Der Film wurde am 24. Januar 1940 in New York City uraufgeführt.

The Grapes of Wrath wurde für sieben Oscars nominiert und gewann in den Kategorien Beste Regie und Beste Nebendarstellerin. Wie auch das Buch wurde Fords Verfilmung zum Klassiker: Als einer der ersten 25 Filme fand er 1989 Aufnahme in das National Film Registry und wurde bei einer Wahl des American Film Institute 1998 auf Platz 21 der besten amerikanischen Filme aller Zeiten gewählt. Nach der Revision der Liste im Jahr 2007 erreichte er immer noch Platz 23, Tom Joad findet sich auf Platz 12 der 50 größten Helden in amerikanischen Kinofilmen. Und was sagt er uns im Jahr 2021? Darüber steht mehr in der Rezension.

Handlung (1)

In der Weltwirtschaftskrise in den USA: Tom Joad, der wegen Totschlags vier Jahre im Gefängnis saß und gerade erst auf Bewährung entlassen wurde, kehrt zurück zu seiner Familie, die eine Farm in Oklahoma bewirtschaftet. Das Farmhaus findet er unbewohnt vor. Er trifft auf den ehemaligen Prediger Casy und den Nachbarn Muley, der ihm die Geschichte der Farmer in der Zeit seiner Abwesenheit erzählt: Die Dust Bowl sorgte dafür, dass keine profitable Landwirtschaft mehr betrieben werden konnte, sodass die Farmerfamilien nach und nach von den Großgrundbesitzern von ihrem Land vertrieben wurden. Auch Toms Familie will Oklahoma endgültig verlassen. Auf Handzettel hin, auf denen gut bezahlte Arbeit als Landarbeiter in Kalifornien versprochen wird, macht sich die Familie wie hunderttausend andere mit einem altersschwachen Lastwagen auf den Weg nach Westen.

Neben den Eltern reisen die Großeltern, der Onkel, die erwachsenen Söhne Tom, Al und Noah, die schwangere Tochter Rose of Sharon (Anspielung auf die biblische Rose von Scharon) mit ihrem jungen Mann Connie, die Kinder Ruthie und Winfield und der Wanderprediger Jim Casy. Die Großeltern verkraften den Verlust der Heimat nicht und sterben bereits auf der beschwerlichen Fahrt. Noah verlässt den Familienverbund, Connie läuft seiner schwangeren Frau davon. Der Vater verliert resignierend seine Führungsrolle immer mehr an die Mutter, die mit aller Kraft und unterstützt von Tom ein Auseinanderbrechen der Familie zu verhindern versucht.

In Kalifornien erwarten die Familie statt der erhofften gutbezahlten Arbeit wirtschaftliche Ausbeutung, Hunger und Anfeindung durch die ansässige Bevölkerung. Sie ziehen von Ort zu Ort, doch überall konkurrieren zu viele um Arbeit, sodass geringe Löhne gezahlt werden. Als schließlich Jim Casy, der sich einer Gruppe von Streikenden angeschlossen hat, von Hilfstruppen der Grundbesitzer als Aufrührer erschlagen wird, begeht Tom im Affekt einen zweiten Totschlag an einem Wachmann. Ein autonom verwaltetes staatliches Migrantenlager verschafft der weiterreisenden Familie Joad noch einmal eine kurze Erholung. Schließlich übernimmt Tom das Gedankengut des Wanderpredigers, verlässt die Familie, auch weil er diese durch seine Tat nicht gefährden will, um sich fortan dem Kampf für die Rechte der Migranten zu widmen. Die Familie zieht weiter auf ihrer Suche nach neuer Arbeit. Der Film endet damit, dass Ma Joad ein Plädoyer für die immer fortwährende Existenz der kleinen Leute hält: „Die Reichen, weißt Du, die kommen und gehen, sie sterben […]. Aber wir sind nicht totzukriegen. […] Uns wird es immer geben, Pa, denn wir sind das Volk.“ (… ’cos we’re the people.)

2021-02-06 Filmfest Cinema 2021Rezension

Sie sagen wirklich „Wir sind das Volk!“, ich habe es gehört. 1989 kam das bei uns wieder und heute wird dieser Slogan, wie so viele Symbole und Symbolworte, auf eine jämmerliche Weise missbraucht. Einigen Menschen wünsche ich sehr, sie würden die Not nur für wenige Tage erleben müssen, die in „The Grapes of Wrath“ so eindrucksvoll dargestellt wird. Der Hintergrund der Great Depression, die durch die Sandstürme im Mittleren Westen noch verstärkt wurde, die 1930er Jahre, sind greifbar und die Figuren aus „Früchte des Zorns“ wirken so verdammt echt, wenn man sie mit historischen Aufnahmen vergleicht. Mit Ausnahme vielleicht von Henry Fonda, der fast 90 Prozent des Films auf eine Weise spielen muss, die ihn irgendwie als Underachiever rüberkommen lässt – aber am Ende weiß man, warum man ausgerechnet ihn eingesetzt hat: Wegen der pathetischen Worte kurz vor den pathetischen Worten seiner Mutter, die oben erwähnt sind. Das ist, wo er zum Aktivisten wird, obwohl politisch und allgemein noch sehr ungebildet. Da hebt sich der Blick, die Augen leuchten und das Edle im Menschen, das Fonda so gut wie kaum ein anderer Schauspieler seiner Generation verkörpern konnte, dringt hervor aus dem Erleben von Armut und massiver Diskrimimierung, die ihn sogar (erneut) zum Straftäter macht.

Dass seine Figur Tom Joad sich trotzdem eine gewerkschaftliche Zukunft zutraut, ist beeindruckend, aber in den USA in jenen Jahren war es durchaus realistischer, als es bei uns und als es allgemein heute wäre und Typen wie dieser Joad oder Fonda waren ja auch charismatischer als der durchschnittliche Farmer, der sein Land verlor und als Wanderarbeiter durch die Gegend zog, mit Sack und Pack und vielen Familienmitgliedern, wie eben die Joads. Und natürlich kam Fonda zum Einsatz, weil er ein Topstar der 20th Century Fox war, welche die Filmrechte an John Steinbecks Roman schon einen Monat nach Erscheinen für die damals sehr hohe Summe von 75.000 Dollar gekauft hatte. Hoch für einen Schriftsteller, selbst wenn er ein Meisterwerk schuf; ein einziger Star in einem Film wie diesem verdiente in der Regel schon mehr, und nun frage ich: Ist das gerecht? Zumal bezogen auf einen Roman, der auf eine so beeindruckende Weise Ungerechtigkeit, Ausbeutung, rigiden Kapitalismus in bösen Zeiten anprangert, wie „Früchte des Zorns“ es tut? Schade, dass es schon so lange her ist, dass ich das Buch gelesen habe, einen Vergleich zwischen Vorlage und filmischer Umsetzung wird diese Rezension also nicht beinhalten. Diese war offenbar gar nicht so unproblematisch:

Dennoch [trotz der 75.000 Dollar für die Rechte] galt eine Verfilmung in Zeiten des Hays Codes als provokant, da Steinbecks Roman nach Meinung vieler andeutete, dass der Kapitalismus so nicht funktioniere und möglicherweise Sozialismus eine Alternative sein könnte.[2] In einigen Städten wurde das Buch damals aus Bibliotheken entfernt oder sogar öffentlich verbrannt.[3] Um sich gegen mögliche Kritik am Film zu wehren, gab der politisch konservative Zanuck zuvor einigen Angestellten den Auftrag, vor Ort zu überprüfen, ob die Situation der Farmer so schlimm wie von Steinbeck geschildert sei. Die Mitarbeiter bejahten das nach ihrer Untersuchung.[4]

Der Hays Code verbot in der Tat vieles, aber dass man soziale Ungerechtigkeit nicht darstellen durfte, stand zumindest nicht direkt drin. Und so konservativ Zanuck auch gewesen sein mag, viele Filme der 20th Century Fox waren in jenen Jahren vergleichsweise progressiv und durchaus mit Herz für die Entrechteten und Outlaws ausgestattet – auch die beiden Werke über die James-Brüder, in denen ebenfalls Henry Fonda mitspielt, im ersteren geht es ebenfalls um Farmer geht, die von ihrem Land vertrieben werden. Dem einzigen anderen Studio, dem ein solcher Film vom Stil her ebenfalls zuzutrauen gewesen wäre, waren die Warner Brothers gewesen, aber diese gingen mit ihren Angestellten, wenn auch auf höherem Gehaltsniveau, ebenfalls nicht gerade zimperlich um. Welchen Bezug hatte nun John Ford, der berühmte Regisseur, zu diesem Film?

Ford, der irischer Herkunft war, verglich die Familie mit seinen irischen Vorfahren, die in ihrer Heimat nicht mehr überleben konnten und den Aufbruch in die USA wagten.[5] Die Dreharbeiten fanden nicht (wie sonst oft üblich) ausschließlich im Filmstudio statt, sondern auch vor Ort an der Route 66. Da man Angst hatte, dass die Handelskammern der Bundesstaaten die Romanverfilmung unterbinden wollten, drehte Ford dort unter dem den Inhalt verdeckenden Titel Route 66.[6]

Ich muss sagen, diese Perspektive hat mich überrascht und berührt. Die Iren waren damals wie keine andere Einwanderergruppe in die USA das, was man heute als „Armuts-“ oder „Wirtschaftsflüchtlinge“ bezeichnet. Das Pathos am Ende von „Früchte des Zorns“ kenne ich von weiteren seiner Filme sehr wohl, aber dass er so dezidiert sozialkritisch filmt, ist zumindest bei seinen berühmten Western nicht zu erkennen, die Figuren in „Früchte des Zorns“ erinnern eher an Frank Capras Charaktere – allerdings fehlt ihnen etwas von dem Zuckerguss, den Capra dann doch wieder sehr gerne drübertat, und eine gleichermaßen raue wie visuell beeindruckende Filmweise, das war in der Tat das Metier von John Ford. Am besten erkennt man seinen Stil in den Supertotalen: Ein Horizont an dessen Rand Silhouetten vorüberziehen. In den Western Reiter, Pferde, hier die Wagen der heimtlos gewordenen Farmer. Und natürlich die weltberühmte Route 66, sie gibt dem Film ebenfalls Authentizität. Wer sie heute als Touristenattraktion wahrnimmt, wird wohl kaum daran denken, dass sie damals die Straße der verzweifelten Hoffnung für unzählige Menschen war, die der Entwurzelung im Mittleren Westen entkommen und sich wieder ankern wollten. „Okies“ werden sie im Film abschätzig von den Ortsansässigen genannt, weil offenbar der Bundesstaat Oklahoma besonders von der Desertation der Farmen in den 1930ern betroffen war.

Man sieht nicht nur wirtschaftliche Ausbeutung, die zum Himmel schreit, man sieht auch, wie immer dieselben rassistischen Mechanismen wirken, wenn es darum geht, dass viel sich um wenige Brotkrumen schlagen müssen und wie die Kapitalisten das gnadenlos ausnutzen. Wer einen Film wie diesen gesehen hat und ihn nicht auf die heutigen politischen Kämpfe überträgt, ist ein Idiot, vorsichtig ausgedrückt, denn die Gefahr besteht, dass es wieder so wird wie damals. Vor allem, wenn Naturkatastrophen oder, wie aktuell, Pandemien, rücksichtsloses Raubrittertum und das Versagen des Gierkapitalismus als allgemeines Wirtschaftsmodell zusammentreffen. 1940 war der New Deal von Präsident F. D. Roosevelt, der die sozialste Ära der amerikanischen Geschichte einläutete, schon wirksam, sonst wäre dieser Film für viele Menschen wohl kaum zu ertragen gewesen. Magere Kinder, die um eine kleine Portion Suppe betteln, das hat es damals in den USA wirklich gegeben, es ist keine Erfindung von John Ford oder John Steinbeck.

Was mich besonders beschäftigt hat, ist aber die Schlussaussage von Mutter Joad: „Die Reichen kommen und gehen, doch das Volk ist ewig.“ Sicher, ohne ein Volk, das sie ausbeuten können, kämen die Reichen nicht weit, aber wenn man sieht, seit wie vielen Jahrhunderten Privilegien durch Generationen von höchstens Mittelbegabten durchgeschleppt werden, die sich auf ihre Namen, vulgo, auf die Gier und das Räuber- und Ausbeuterum ihrer Vorfahren, sonstwas einbilden, während diejenigen, die all jene Güter erst erarbeitet haben, längst vergessen sind, liegt in diesem Satz etwas, vorsichtig ausgedrückt, sehr Optimistisches. Vielleicht entsprach es wirklich der Stimmung um 1940, außerdem kam in den Folgejahren ein noch größerer Wirtschaftsaufschwung durch die Kriegsbeteiligung der USA, es gab so gut wie keine Arbeitslosigkeit mehr. Aber wir sind nun einmal mehr als 80 Jahre weiter und was in den letzten Jahren an sozialem Boden für die Mehrheit der Bevölkerung in vielen Ländern verlorenging, ist besorgniserregend.

Auch ohne vergleichende Besprechung von Buch und Film durch meine Erzählstimme ist es möglich, zu vergleichen, indem man John Steinbeck selbst zu Wort kommen lässt, zitiert nach (1):

Steinbeck war zunächst besorgt, dass der Film der Botschaft seines Romanes nicht treu bleiben würde. Obwohl das Ende in der Verfilmung im Vergleich zum Buch optimistischer gestaltet ist, war Steinbeck sehr zufrieden und äußerte, der Film habe dadurch einen fast dokumentarischen Stil und einen „harten, ehrlichen Ton“. Da die beschreibende Erzählerstimme des Buches fehlen würde, sei die Wirkung des Filmes noch harscher als in der Vorlage.[8] Ebenfalls lobte Steinbeck Fondas Darstellung, er habe durch diese „an seine eigenen Worte geglaubt“.[9]

Außerdem ist die besondere visuelle Gestaltung des Films zu betonen, die zwar die oben erwähnten Ähnlichkeiten zu anderen Filmen von John Ford aufweist, aber eine andere Grundausrichtung beweist:

Die Kameraarbeit von Gregg Toland wurde oft als bemerkenswert eingestuft, er setzte bewusst auf viele wenig beleuchtete Szenen, in denen es teilweise nur eine Lichtquelle gab. Diese inhaltlich wie optisch düsteren Szenen gaben dem Film das Aussehen eines „sozialen Film noir“. Ford erinnerte sich 1967 in den Gesprächen mit Peter Bogdanovich an Tolands Arbeit: „Gregg Toland hat da großartige Kamerarbeit geleistet – absolut nichts, wirklich rein gar nichts zu filmen, nicht eine einzige schöne Sache darin – einfach bloß gute Filmbilder.“[7]

Nicht nur dies alles, ich halte „Früchte des Zorns“ für einen Film, der auch den italienischen Neorealismus stark beeinflusst hat. Die Massen von armen Arbeitern, die man sieht, gibt es in keinem anderen US-Film, das einzige, was man vermissen könnte, ist die harte Arbeit auf den Feldern selbst. Es wird zwar gezeigt, wie die Arbeit organisiert wird, aber nicht, wie die Menschen sich buchstäblich den Buckel krumm schuften. Besonders bei den alten Familienmitgliedern der Joads hatte ich mich, bevor klar war, dass solche Szenen nicht vorkommen, gefragt, wie sich das wohl gestalten wird. Die beiden ältesten Joads sterben allerdings schon vor Beginn und während der Reise; Sinnbild für eine Form von Tötung,  wenn man jemanden am Lebensabend noch so grausam entwurzelt, wie es hier geschieht und für die häufige Situation, dass einem Partner der Lebenswille verlorengeht, wenn der andere verstirbt. Die Respektlosigkeit, mit der die Kapitalisten das Land umpflügen, zeigt sich hingegen in den riesigen Caterpillar-Raupen, die alles plattwalzen, was ihnen in die Quere kommt und nicht ohne Grund sehen die Fahrer aus wie Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg mit Gasmasken. Einer der Fahrer hat sogar die Seiten gewechselt, weil ihm das Überleben der eigenen Familie wichtiger ist als die Solidarität mit den früheren Nachbarn. So treibt der Kapitalismus die Menschen auseinander, wenn ihm kein mächtiger Geist der Kooperation der Mehrheit entgegengesetzt wird. Dies ist aber in den USA traditionell schwierig, nicht nur wegen des tiefsitzenden Glaubens, man schaffe es alleine am besten, wenn man sich nur anstrengt. Letzteres ist eben nicht so, sondern was wir sehen, ist sehr bedrückend und gleichzeitig beeindruckend. Es ist der Krieg der Reichen gegen die Armen, die ihnen bisher durch ihre Landpachtzinsen die Erträge erwirtschaftet haben, solange der Boden Früchte trug. Mietenwahnsinn, Schuldenfalle, Verdrängung, made in U.S.A. und in den 1930ern.

Von diesem Film können heutige Filmschaffende viel lernen, die es nicht mehr so recht hinbekommen, soziale Kämpfe glaubwürdig darzustellen, obwohl es so dringend notwendig ist wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr, genau dies zu tun.

Finale

Gerade, weil „Früchte des Zorns“ in den USA entstanden ist und nicht Propaganda, sondern Zustandsbeschreibung darstellt, weil er dokumenarisch ist, ohne zu vergessen, dass das prekäre Hier und Jetzt kein Dauerzustand sein muss, ist er so wichtig und grundlegend und hat so viele Implikationen, die uns heute etwas sagen sollten. Niemand garantiert nämlich, dass es nicht irgendwann wieder so kommt. Wir erleben immer wieder, wie verblüfft wir alle sind, was möglich ist und was sich innerhalb kurzer Zeit verschlechtern kann.

Deswegen ist ein Zentralpunkt das staatliche Lager der Landarbeiter unter genossenschaftlicher Verwaltung durch die Menschen, die dort ihre Zelte aufgeschlagen haben. Selbst dieses Lager ist nicht vor Infiltrationen sicher, aber die Solidarität der Bewohner verhindert Übergriffe von außen. Die Selbstverwaltung wiederum sorgt dafür, dass die Zustände erträglich sind und der Staat schützt diese Selbstverwaltung mit seinen grundlegenden Fähigkeiten, zu moderieren und administrativ zu unterstützen. Das ist hochmodern und um viele zukunftsfähiger als jede andere Wirtschaftsform und etwas vom Besten in uns: Self-Empowerment, wenn auch unterstützt durch eine vertrauensvoll auf unsere eigene Kraft setzende, unprätentiöse Regierung, die sich nicht vor allem als Machtzentrale sieht, sondern Menschen das Leben so erträglich wie möglich machen will.

In dem Moment, als Tom Joad den fließenden Wasserhahn abdreht, weil er nicht mehr nur für sich, sondern fürs Ganze denkt, findet der eigentliche Vorgang des Begreifens seinen Ausdruck, deswegen hat mich diese Szene mit am meisten berührt. Wer sich heute über verwahrloste Stadtzonen beschwert, soll mal darüber nachdenken, welche Einstellung Recht- und Besitzlose wohl im Vergleich zu genossenschaftlich organisierten Menschen zu all diesen Gegenständen haben, die wissen, dass der Kapitalismus sie niemals besiegen kann, solange sie zusammenhalten und gemeinsam für ihr Wohl kämpfen. Die Partizipation, die in dem staatlichen Lager verwirklicht wird, ist der Wegweiser aus dem Zustand der Hoffnugnslosigkeit, auch wenn sie keine Anteile an Grund und Boden erbringt und die Früchte, die man ernten wird, im reichen Kalifornien, noch lange nicht die eigenen sind. Wir sehen, wie unorganisierte Arbeitermassen gnadenlos im Lohn gedrückt werden, wir sehen, wie jeder, der sich erhebt und protestiert, Gefahr läuft, nichts mehr zum Beißen zu haben oder gar umgebracht zu werden, in einem sogenannten demokratischen Land, dass er einzeln nichts ausrichten kann, Priester verstehen den Sinn ihrer Arbeit nicht mehr – aber wir sehen auch, dass es einen Punkt Null gibt, bei dem man anfangen kann, zu verstehen und sich selbst zu ermächtigen.

Es ist ein erster Schritt in Richtung Würde, innerer und äußerer Hygiene, dieses Lager, das am Ende des Films gezeigt wird, von dem wir aber wissen, dass es die Strukturen der Arbeit außerhalb seiner Grenzen nicht beeinflusst, es ist ein Stück kulturelle Evolution. Jetzt ist die Zeit, damit weiterzumachen und zum Beispiel, wie es in Berlin eine Volksinitiative will, private, nur am Profit orientierte Immobilien-Großkonzerne, die gewissenlos Gentrifizierung betreiben, vergesellschaften zu lassen. Die Stadtkämpfe von heute sind das Spiegelbild der leider nicht zu Ende geführten Kämpfe der Arbeiter*innen von einst.

Die Früchte des Zorns können zu Früchten der Solidarität und des gemeinschaftlichen Denkens werden, wenn wir die dringend notwendige Kulturevolution schaffen.

93/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie John Ford
Drehbuch Nunnally Johnson
Produktion Darryl F. Zanuck,
Nunnally Johnson für
Twentieth Century Fox
Musik Alfred Newman
Kamera Gregg Toland
Schnitt Robert L. Simpson
Besetzung

 

 

 

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