In eigener Sache – Tatort 702 #Crimetime 941 #Tatort #Stuttgart #Lannert #Bootz #Sache

Crimetime 941 - Titelfoto SWR / Maran Film, Jacqueline Krause-Burberg

Wie es um die Drogenpolizei steht, Recht und Gerechtigkeit

„In eigener Sache“ ist ein gutes Beispiel für einen modernen Stil, mit dem ein hervorragendes Team adäquat in Szene gesetzt wird. Die Handlung ist gut, wenn auch weder klischee- noch fehlerfrei. Dass immer dann, wenn Drogenpolizisten im Spiel sind, der eine oder andere von ihnen auch korrupt ist, das ist nach Tatort-Lesart so sicher wie das Amen in der Kirche.

Aber hier wird das sehr differenziert gezeigt und die Ermittlungsarbeit ist, abgesehen von einigen Rutschern in der Abfolge der Schritte, ansehnlich und in einem ist Stuttgart altmodisch und auch seriös geblieben: Das Geschehen wird den Zuschauern mutig präsentiert. Also nachvollziehbar. Man ist in der Lage zu überprüfen, ob das alles so stimmen kann oder nicht, auch dank der häufigen Rückblenden, die das Ausgangsgeschehen oder Teile des Tatverlaufs im Hotelzimmer immer wieder nach neuesten Ermittlungserkenntnissen darstellen. Mehr zu diesem zweiten Stuttgart-Tatort mit Lannert und Bootz steht in der -> Rezension.

Handlung

Dieser Fall von Thorsten Lannert und Sebastian Bootz beginnt mit einem Einsatz der Drogenfahndung: Bei einem Schusswechsel sterben ein Polizist und zwei der mutmaßlichen Drogendealer, einer wird lebensgefährlich verletzt.

Letzterer jedoch erweist sich als verdeckter Ermittler des LKA. Ein tödlicher Irrtum? Lannert und Bootz geraten mit ihren Ermittlungen zwischen die Fronten – Drogenfahndung versus Landeskriminalamt. Der Einsatz der Drogenfahnder erfolgte ausgesprochen kurzfristig aufgrund eines Informantentipps; große Mengen Kokain und entsprechend viel Geld werden im Raum sichergestellt. LKA-Mann Mendt vermutet deshalb, dass die Drogenfahnder sich an der Beute bereichern wollten. Eine Theorie, die Lannert durchaus schlüssig erscheint. Bootz dagegen, in Stuttgarts Polizei verwurzelt, kennt zwei der beteiligten Polizisten und kann sich nicht vorstellen, dass diese sich in krumme Geschäfte verwickeln ließen.

Lannert respektiert Bootz‘ Einschätzung. Im Prinzip. Die Ermittlungsergebnisse aber vergrößern sein Misstrauen, während Bootz versucht, an der Loyalität zu seinen Kollegen festzuhalten. Doch die am Tatort sichergestellte Aufnahme des verdeckten Ermittlers gibt Rätsel auf und den Kommissaren Stoff zum Nachdenken.

Rezension

Der Lannert-Bootz-Einstand namens „Hart an der Grenze“ fehlt uns fehlt uns zwar noch zur abschließenden Beurteilung, aber wir können trotzdem schon sagen: Die erste Zeit des Stuttgarter Teams, das dem Urgestein Bienzle nachgefolgt ist, war nicht nur ein Generations-, sondern auch ein Stilwechsel. Bezüglich der Schauspieler logischerweise, aber auch die Inszenierung hatte sich stark gewandelt.

Das Beste aber ist das Team und besonders der einsame Lannert, der die Avancen seiner hübschen Nachbarin nicht annehmen kann. Nicht, weil er zu alt ist, wie er vorgibt, sondern, weil er schon ein Leben hatte. Man ahnt, dass die Frau und der Junge auf dem Bild in seiner Wohnung nicht Schwester und Neffe sind. In „Tödliche Tarnung“ erfahren wir dann vom dramatischen Tod seiner kleinen Familie. Es ist absolut verständlich und sympathisch, dass er das noch nicht verarbeitet hat und deswegen auch von HH nach Stuttgart gewechselt.

An „Tödliche Tarnung“, dem wir als einem von nur fünf Tatorten in 214 Rezensionen (Stand der TatortAnthologie im „ersten Wahlberliner“ Mitte 2013) die Note 9/10 gegeben haben, reicht „In eigener Sache“ nicht ganz heran, aber er ist überdurchschnittlich gespielt und meist auch konstruiert. Einige schwache Dialogsätze, besonders zu Anfang, sind zu verzeichnen, ein Schnitzer im Finale gibt Abzug.

Im Jahr 2011 hatten die Stuttgarter Kommissare Bootz und Lannert es geschafft – sie galten gemäß Ermittler-Rangliste beim „Tatort-Fundus“ als das beste Team aller Standorte. Mittlerweile sind sie auf Platz drei zurückgefallen hinter Klaus Borowski aus Kiel und Frank Steier aus Frankfurt (Stand 17.07.213). Wir haben eine Vorstellung davon ,warum das so ist. Es liegt an der nachlassenden Verve, die in ihren letzten Folgen zu beobachten war. Wie überaus schade, wenn man sieht, was Lannert, Bootz und die anderen in Stuttgart können. Keiner von ihnen ist ein schwäbischer Typ, wie Bienzle ihn zur Freude vieler und zum Leid anderer verkörpert hat. Aber die Chemie in diesem Team ist zumindest in „In eigener Sache“ hervorragend. Man merkt, das Ganze findet sich noch und wir dachten, das könnte auch der erste Tatort mit Lannert und Bootz sein – haben uns dann aber zur Wahrheit durchrecherchiert – es ist der zweite.

Demgemäß hat man im ersten noch einiges zurückgehalten: Dass Lannert und Bootz Freunde werden und sich duzen, dass Lannert eine hübsche Nachbarin namens Lona hat. Die Familie, das Drama, warum er so ist, wie er ist, zurückhaltend bis scheu, in sich gekehrt und hoch aufmerksam, das hat man sich für den dritten Tatort aufgehoben. So ist auch nicht „Hart an der Grenze“ oder „In eigener Sache“ der Lannert-Schlüsseltatort, sondern erst die Nummer drei namens „Tödliche Tarnung“.

Dass man die Figur, die von Richy Müller gespielt wird, nicht in diesem Tempo weiterentwickeln konnte, ist klar, aber inzwischen ist alles zum Stillstand gekommen, und es wäre doch jetzt, nach fünf Jahren, möglich, ihn eine Beziehung finden zu lassen. Aber wir kennen das schon aus Köln, einmal einsamer Wolf, immer ein solcher. Und meist spielen Traumata eine Rolle, die nicht in einer schwierigen Kindheit liegen, sondern durch einschneidende, spätere Ereignisse verursacht wurden. In diesem Sinne warten wir noch bei einigen neueren Kommissaren wie Steier (der gegenwärtig als beliebtester Ermittler gemäß der oben erwähnten Rangliste gilt) oder Faber auf bahnbrechende Erkenntnisse.

Wir sind nicht einfach, was wir sind, es gibt Gründe dafür, warum wir so wurden. Keine genetischen oder frühkindlich intendierten Dispositionen, sondern harte Fakten aus unserem wechselreichen Dasein. Das gilt auch für die beiden Drogenpolizisten, die im Fall eine entscheidende Rolle spielen, dargestellt von Bernd Gnann und von Charly Hübner, der im Rostocker Polizeiruf 110 ebenfalls als Ermittler beschäftigt ist.

Sie begehen Tötungsdelikte, weil sie es im Dienst nicht mehr aushalten mit der Ungerechtigkeit. Sie werden von Drogenbaronen ausgelacht, denen man nie etwas nachweisen kann und die bei den allfälligen Freisprüchen den J. Ackermann geben, mit der Victory-Geste, die damals noch gut in Erinnerung war. Da wir jetzt ein paar Jahre weiter sind und ganz offen sehen, wie Banken Abgründe erwirtschaften und die Politik erpressen, ist der Vergleich nicht so despektierlich.

Den beiden Polizisten Sven Wippermann und Jürgen Wolf geht es nicht ums Geld, wie dem schmierigen und geschmierten BKA-Beamten, in dessen hübsch ausgefuchsten Einsatz die beiden hereinplatzen und für ein Blutbad sorgen. Sie wollen Rache an jenem Drogendealer nehmen, der ihnen immer wieder entwischen konnte. Abends wird der Müll aufgekehrt, am nächsten Morgen liegt er an einer anderen Stelle wieder auf der Straße, sagt Sven zu seinem Freund Bootz. Dieser versteht ihn. Aber er hält dem von einem Haus gestürzten Kollegen, der gerade im Krankenhaus liegt, einen Vortrag über Selbstjustiz und die Priorität des Rechtes. Der Polizist sorgt bestenfalls für die Durchsetzung des Rechtes, nicht für Gerechtigkeit, könnte man zusammenfassend sagen.

Natürlich ist das ein Thesen-Tatort à la Köln, auch wenn Argumente und Gegenargumente nicht zwischen den beiden Ermittlern, sondern zwischen den Ermittlern und ihren aus dem Ruder gelaufenen Kollegen ausgetauscht werden. Dieses Thema „Recht und Gerechtigkeit“ beschäftigt nicht nur viele Juristen vom Studienbeginn an, sondern die Allgemeinheit. Das Rechtsempfinden und das Recht sind oft nicht kongruent, weil wir in einem Rechtsstaat leben. Das klingt paradox, aber es bedeutet unter anderem, dass niemand verurteilt werden darf, dem man seine Taten nicht nachweisen kann. Die Anforderungen sind streng. Zu streng für Drogenfahnder wie Sven und Jürgen, die jeden Tag mit den Elendsfolgen dessen konfrontiert werden, was gewissenlose Verbrecher schwächeren Menschen antun.

Finale

Das Dilemma wird erstklassig und berührend dargestellt, die Drogendealer spielen als Personen keine Rolle in „In eigener Sache“, stehen mehr für das abstrakte Prinzip des Verbrechens und besonders der wuchernden Organisierten Kriminalität, die mit – sic! – rechtsstaatlichen Mitteln kaum in den Griff zu bekommen ist.

Am Ende kommt es zu einer u. E. nicht notwendigen Geiselnahme des Kollegen Bootz durch den Kollegen Wolf, die alles überzeichnet, aber immerhin dazu führt, dass Lannert sich bewähren kann und sehr mutig agieren darf. Das führt in der Schlussszene im Haus von Bootz zum fälligen „Du“ zwischen den beiden sympathischen Typen. Allerdings – im Finale mit SEK und allem Drum und Dran, das mittlerweile ein Tatort-Standard geworden ist, liegt auch ein Problem. Lannert hatte nicht augespasst, als Wolf den Bootz entwaffnet und als Geisel nimmt. Wie genau das passiert ist, wird einfach ausgelassen. Das hätten wir aber gerne gesehen. Wir verstehen schon, dass das Ende mit Lannerts offenem Appell an Wolf, der ohnehin schon einen Kollegen, einen verdeckten Ermittler und einen schwerverletzten Partner Wippermann auf dem Gewissen hat, anders nicht möglich gewesen wäre. Trotzdem ist dieser Moment ein spürbarer Bruch und führt zum erwähnten Abzug.

Weniger schlimm finden wir’s, dass einige Ermittlungsvorgänge nicht präzise nach Realität ablaufen. Die technische Ausermittlung des Handys des V-Mannes läuft normalerweise wohl nicht so schrittweise ab wie hier, die Akten der Kollegen hätte man zu einem früheren Zeitpunkt zu Rate ziehen können, um sich ein Bild über deren Aktivitäten zu machen.

Im Vergleich zu Auslassungen jüngster Tatorte sind das aber Kleinigkeiten, sodass wir angesichts eines toll gespielten, emotional, spannungstechnisch, in seiner moralischen Differenziertheit überzeugenden Krimis wieder mit einer sehr guten Punktzahl schließen können.

8,5/10

© 2021, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Sebastian Bootz – Felix Klare
Hauptkommissar Thorsten Lannert – Richy Müller
Kriminaltechnikerin Nika Banovic – Miranda Leonhardt
Staatsanwältin Emilia Alvarez – Caroline Vera
Julia Bootz – Maja Schöne
Gerichtsmediziner Daniel Vogt – Jürgen Hartmann
Jürgen Wolf – Bernd Gnann
Lona Wegner [Lannerts Nachbarin] – Birthe Wolter
Martina Wippermann – Fanny Staffa
Rauschgiftfahnder Sven Wippermann – Charly Hübner
Carmen Benze – Katja Bürkle
Dieter Mendt – Peter Benedict
Jamal El Zhar – Daniel Bonilla-Torres
Dr. Hertel – Christian Rudolf
u.a.

Kamera – Jürgen Carle
Musik/Filmkompositionen – Matthias Beine
Produktionsfirma – Maran Film
Regie – Elmar Fischer
Drehbuch – Holger Karsten Schmidt

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