20.000 Meilen unter dem Meer (20,000 Leagues Under the Sea, USA 1954) #Filmfest 386

Filmfest 386 Cinema

Eine fantastische Reise mehr

20.000 Meilen unter dem Meer ist der Titel eines Science-Fiction-Films von 1954 in einer Adaption des gleichnamigen Romans des französischen Autors Jules Verne. Erstmals wirkten bekannte Hollywood-Schauspieler in einem Disney-Film mit. Auch war er der erste Disney-Film im CinemaScopeBreitwandverfahren. Noch heute gilt er als Kultfilm, insbesondere wegen seiner bemerkenswerten Spezialeffekte und des außergewöhnlichen Szenenbildes des Fantasie-U-Bootes Nautilus.

Filme wie dieser geben uns Kunde davon, wofür das Medium Kino gemacht wurde. Das dachte sich schon einer der Pioniere der Kinofrühzeit, Georges Meliès, und verfilmte Jules Vernes Roman erstmalig im Jahr 1907. Für eine weitere Verfilmung von 1916 gab es schon echte Unterwasseraufnahmen, und die Disney-Adaption aus 1954 ist in diesem Bereich ein Meilenstein, erst wieder erreicht oder marginal übertroffen vom James Bond-Film „Man lebt nur zweimal“ (1966). Was es sonst zu „20.000 Meilen unter dem Meer zu sagen gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung (1)

Im Jahr 1868 kursieren Gerüchte über ein Seeungeheuer, welches Schiffe auf allen Weltmeeren angreift. Der französische Professor und Ozeanograf Pierre Aronnax begibt sich mit seinem Diener Conseil an Bord eines Kriegsschiffes, um das Seeungeheuer zu stellen. Begleitet werden sie vom Harpunier Ned Land, der das Tier erlegen soll. Nach langem, vergeblichem Suchen kommt es schließlich zur Begegnung mit dem Ungeheuer, wobei dieses das Kriegsschiff angreift und schwer beschädigt. Dabei gehen Aronnax, Conseil und Ned Land über Bord.

Später treffen die drei an Bord der Nautilus wieder aufeinander, des vermeintlichen Seeungeheuers, welches sich als ein Unterseeboot entpuppt. Das Kommando über das Boot und eine auf ihn eingeschworene Mannschaft hat der geheimnisvolle Kapitän Nemo. Er nimmt die drei gefangen, wogegen sich insbesondere Ned Land von Beginn an heftig sträubt und später vergeblich zu fliehen versucht. Aronnax hingegen sieht sich in einem Dilemma: Auf der einen Seite verehrt er Nemo und dessen naturwissenschaftliche und technische Pionierleistungen, andererseits ist ihm bewusst, dass Nemo ein kaltblütiger Mörder und die Nautilus sein Tötungsinstrument ist. Nemo war einst Arbeitsklave in der Strafkolonie Rura Penthe, wo Arbeiter unter unmenschlichen Bedingungen Rohstoffe abbauen, die westlichen Staaten zur Munitionsherrstellung dienen. Aus diesem Grund hat er keinerlei Hemmungen, Rohstofftransportschiffe zu versenken. Conseil hält anfangs zu seinem Herrn, steht aber Nemo zunehmend kritisch gegenüber.

Während ihrer Zeit an Bord der Nautilus erleben die drei Gefangenen und Nemo zahlreiche Abenteuer. Sie gehen unter Wasser auf die Jagd, entdecken einen Schatz unter Wasser, werden an der Küste Neu Guineas von Eingeborenen angegriffen, liefern sich einen Kampf mit einem Riesenkalmar und werden von einem Kriegsschiff beschossen, wobei die Nautilus schwer beschädigt wird. (…)

2021-02-06 Filmfest Cinema 2021Rezension

Das Aussehen der „Nautilus“ ist fantastisch SF-mäßig, viel spektakulärer, als Jules Verne es in seinem Buch beschrieben hat, wo Käpt’n Nemos Erfindung einem echten U-Boot hingegen um einiges näher kommt. Und erst das exklusive Interieur! Der Film hat im SF-Bereich Maßstäbe gesetzt und ist doch ein Einzelstück geblieben, weil die verspielten und erlesenen Dekors des 19. Jahrhunderts hier sehr stilsicher in einem U-Boot angebracht wurden. Andererseits gibt es auch sehr moderne Sektionen des Schiffes, wie etwa das Energiezentrum, das stilbildend für künftige Filme des Genres werden sollte. Insbesondere wird deutlich, dass es vom U-Boot bis zum Raumschiff nicht weit ist und von der spektakulären Antriebsquelle, die im Grunde ein nebulöses Objekt ist, nicht weit bis zum Hyperraumflug.

Allerdings wird die Antriebsquelle auch anders dargestellt als im Buch, wo mit Kohle Elektrizität erzeugt und das Schiff immerhin (1868!) schon elektrisch bewegt wird, vermutlich nicht unähnlich den dieselelektrischen Antrieben echter U-Boote, die ausgerechnet im Jahr 1954 erstmals atomar betriebene Gesellschaft bekamen – in Form der „Nautilus“, die selbstverständlich nach dem Buch benannt wurde. Der Film und die US-Navy konnten sich jedoch nicht gegenseitig inspirieren, denn das Diseny-Spektakel kam am 23. Dezember 1954 heraus, etwa drei Monate nach Indienststellung des gleichnamigen Atom-U-Bootes.

In jener Zeit lag es wirklich nah, dem Kapitän Nemo quasi zu unterstellen, er habe im Alleingang die Atomkraft erfunden und sei der wirklichen Entwicklung der Wissenschaft, wenn man die erste Kernspaltung als Vergleichszeitpunkt nimmt, etwa 70 Jahre voraus gewesen, bezüglich der friedlichen Nutzung der Atomenergie sogar etwa 90 Jahre.

Erstmals spielten in einem Disney-Realfilm bekannte Darsteller mit: Kirk Douglas als Harpunier Nad Land und Peter Lorre – oder aber James Mason, der zwei Jahre zuvor schon als Schiffskapitän unterwegs war – in „Der fliegende Holländer“, und dabei eine romantisch-düstere Aura auf die Leinwand brachte, die auch hervorragend zur Nemo-Rolle passt. In der Tat füllt er diese beeindruckend aus, während Kirk Douglas‘ Rolle offenbar erheblich temperamentvoller ausgestaltet wurde als die des Ned Land in Jules Vernes Buch. Dass er sogar singt und Gitarre spielt, hat ihm wohl ein Jahre später die Rolle des singenden und Gitarre spielenden Cowboys in „Man Without a Star“ eingebracht bzw. die Rolle erfuhr möglicherweise deswegen ihre ungewöhnliche Ausgestaltung.

Der Film ist nicht nur optisch ein Meilenstein, für einen Disney-Film ist er auch moralisch sehr komplex angelegt. Der Dualismus zwischen Rache und Humanismus, zwischen Technikgläubigkeit und Angst vor deren Folgen, wenn in die Hände verantwortungsloser Menschen gelangend, ist beeindruckend differenziert ausgestaltet. Vor allem jedoch dergestalt, dass es keine eindeutigen Antworten gibt. Das ist umso mehr untypisch für einen Film dieses Studios, der doch für junge Zuschauer geschaffen wurde und in dem es um die Anregung der Fantasie geht. Wie bei vielen Zeichentrickfilmen des Studios ist aber auch für Erwachsene etwas dabei. Die Kritik an der Atomkraft, die man aus ihm herauslesen kann, ist angesichts des konservativen und besonders regierungstreuen Filmstudios von Walt Disney erstaunlich ausgeprägt, die Differenziertheit der Weltsicht in diesem wundervollen Werk weitaus gehalt- und würdevoller als in vielen Jetztzeit-Melodramen der 1950er. Zudem gibt es in „20.000 Meilen unter dem Meer“ keine einzige Frauenrolle, auch das unterscheidet ihn von einem üblichen Drama, das unbedingt eine Lovestory enthalten muss, um als massenkinotauglich zu gelten.

Es gibt in „20,000 Leagues Under the Sea“ keine charakterlich eindeutigen Figuren. Am meisten positiv wird sicher Professor Argonnax gezeichnet, der dem Rachefeldzug von Nemo ablehnend gegenübersteht, aber selbst er ist vor allem Wissenschaftler und demgemäß der Dokumentation verpflichtet, nicht vorwiegend der Kritik an der Technik.

Deswegen will er das Wissen an die Menschen weitergeben, das bisher nur Nemo besitzt. Er glaubt auch, dass die Menschen durch die Verwendung einer so formidablen Energiequelle, wie sie das U-Boot besitzt oder wie sie auf der Insel Vulkania installiert ist, friedlichere Wesen würden. Warum das so sein soll, wird nicht erklärt, aber auf dieser Ebene ist der Disney-Film durchaus auf Linie mit der herrschenden Doktrin der 1950er: Die Atombombe als Abschreckungsinstrument ist das einzige Mittel freiheitlicher, rechtsstaatlicher Systeme, das die notabene kommunistischen Diktaturen, natürlich nicht die Rechtsdiktaturen, die man selbst unterstützt, von Eroberungsfeldzügen abhält. Dass das Gleichgewicht des Schreckens bis zum Ende der bipolaren politischen Welt tatsächlich funktioniert hat und in den letzten Jahren alles ziemlich in Unordnung geraten ist, muss man aber auch der Tatsache gutschreiben, dass kein Politiker im kalten Krieg so skrupellos oder verrückt war,  den roten Knopf zu drücken. Mehrmals war es aber kurz vor Zwölf, und das, mit Ausnahme der Kuba-Krise 1962, meist aus einem Missverständnis heraus.

Die Botschaft des Films ist ebenso technikfreundlich wie humanistisch und spiegelt die Welt wieder, in der die Wissenschaft und Technik gewaltige Sprünge nach vorne machten. Die Eisenbahn und die Übersee-Dampfschifffahrt waren nur zwei der wichtigsten Fortschritte jener Jahre, in denen Jules Verne seine Visionen niederschrieb, und die Problem der uneingeschränkten Technikverwendung, vor allem die riesige Ressourcenverschwendung, die mit ihr einherging und immer noch einhergeht, waren nicht absehbar.

Also geht es nur um die moralische Kategorie, wie mit den ungeheuren Möglichkeiten umgegangen wird. In einer Szene sieht man, wie Nemo ein Getriebener ist, der sich in einem Gespinst von Rache und vorgeblicher Weltrettungsabsicht gefangen hat und Angst vor sich selbt und jeder neuen Havarie hat, die er mit der Nautilus verursacht. Die Nautilus ist nämlich kein friedliches Forschungs-U-Boot, sondern ein exzellent bewehrtes Kriegsschiff, das andere Schiffe rammt. Warum es das bei dem Fahrzeug tut, das die Insel verlässt, auf der Nemo einst gefangen war, ist klar, es geht um kriegswichtiges Material. In der Erzählung, die wir eingangs erhalten, wirkt es aber so, als ob die „Nautilus“, der „Narwal“ oder das Seeungeheuer, die gesamte Südsee terrorisiert, sodass sich kaum noch ein Schiff dorthin traut. Das wirkt doch ein wenig wahllos und die Aktionen von Käpitän Nemo und seiner Besatzung betreffen nicht nur Kriegsschiffe wie jenes, mit dem Professor Argonnax und seine Gefährten auf der Suche nach dem Terror des karibischen Meeres sind.

Finale

Gegenüber dem Buch wurden selbstverständlich einige Elemente gestrichen, aber dennoch ist die Handlung voller spannender Augenblicke und die Verdichtung des Stoffes im wasserdichten Unterwasserschiff ist gelungen. Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind sehr gut ausgeformt und bilden einen weiteren Spannungsbogen heraus, der durch einen simplen Trick verstärkt wird: Niemand verhält sich eindeutig, sondern alle sind für Überraschungen gut. Besonders Argonnax‘ Assistent Conseil, gespielt von Peter Lorre, der sich für  zwielichtige Rollen so gut eignete, fungiert als eine Art flexibler Transmissionsriemen für alle Zweifel und mögliche Loyalitätswechsel – die aber letztlich begrenzt und vage bleiben.

In all dem schön inszenierten SF ist bezüglich der Personenzeichnungen ein interessanter Realismus eingebettet, der den Film aus anderen seiner Art heraushebt. Die Optik wirkt nicht rein schaufenstermäßig, obwohl der Film sicher teuer war, sondern korrespondiert mit einer ebenfalls ansehnlichen Figurenzeichnung.

78/100

© 2021 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursiv: Wikipedia

Regie Richard Fleischer
Drehbuch Earl Felton
Produktion Walt Disney
Musik Al Hoffman
Paul J. Smith
Kamera Franz Planer
Schnitt Elmo Williams
Besetzung

 

 

 

 

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