Bienzle und der Tod in der Markthalle – Tatort 633 #Crimetime 942 #Stuttgart #Bienzle #SWR #Markthalle #Tod

Crimetime 942 - Titelfoto © SWR, Stephanie Schweigert

Roter Elefant auf grünem Gras

Eine ansehnliche Zahl von 25 Fällen hat der Stuttgarter Hauptkommissar Bienzle, eine Figur, die von Felix Huby erfunden wurde und für die er in der Regel auch die Drehbücher schrieb, in 15 Jahren gelöst, „Bienzle und der Tod in der Markthalle ist als 22. Folge ein sogenannter „später Bienzle.“

Der Schwabenkriminalist war nach Kressin in den frühen 1970ern der einzige Tatortkommissar, dessen Name den Titeln aller seiner Fälle vorkommt. Aktuell verfährt man so auch mit und bei Klaus Borowski in Kiel, jedoch wurde dieses Kennzeichen im Norden erst im Laufe von Borowskis Dienstzeit eingeführt und ist möglicherweise zwischen satirischer Marotte und Hommage an Bienzle angesiedelt. Das beweist wieder einmal, Schwaben sind Erfindernaturen und Nordlichter haben den hintergründig kommentierenden Humor dazu. Selbstverständlich gibt es zu „Tod in der Markthalle“ noch mehr zu schreiben, es steht in der -> Rezension.

Handlung

Frühmorgens findet ein Wachmann beim Rundgang in der Stuttgarter Markthalle einen der Händler erstochen in seinem Stand liegen; neben ihm kniend sein 19-jähriger, geistig behinderter Sohn Geza mit der Tatwaffe in der Hand.

Bienzle muss sich mit dem Geflecht der Marktleute auseinander setzen und kommt dahinter, dass das Opfer nicht nur Obst und Gemüse, sondern auch gestohlene Juwelen „umgesetzt“ hat.

Gleichzeitig kümmert sich Bienzle um den Jungen, der nun Waise ist – die Mutter hat ihn schon lange zuvor verlassen – und nimmt ihn zu sich nach Hause. Da gerät Geza heftig mit Hannelore aneinander, die von dem Besuch keinesfalls erbaut ist.

2021-02-04 Crimetime 2021Rezension

Bis zur Einführung heute noch aktiver, überaus erfolgreicher Ermittlerfiguren war eine Spanne von etwa 15 Jahren Dienstzeit am Fernsehtatort das Maß der Dinge. Neben Ernst Bienzle kommen Stoever und Brockmöller aus Hamburg und Ehrlicher und Kain aus Dresden auf diese lange Einsatzzeit, ebenso, wenn auch beinahe unbemerkt, gilt das für Brinkmann aus Frankfurt.

Den Bienzle-Tatorten haftet der Ruf der Behäbigkeit an, und in der Tat, rasant sind diese Fälle nicht. Wenn man gerade wieder von Wien schwindelig gespielt wurde („Zwischen den Fronten“) und sich so viel Klamauk aus Saarbrücken ansehen musste („Melinda“), wirkt das alles aber auf eine seltsam wohltuende Weise authentisch. Zudem wird hier tief in die emotionale Trickkiste gegriffen, um den schwäbischen Kommissar empathisch und sozial eingestellt ans Publikum zu vermitteln.

Wenn an einem Abend schlappe vier Tatortfolgen wiederholt werden und wir keine Not haben mit der Auswahl der Aufzeichnung, dann muss ein Bienzle dabei sein. Einfach deshalb, weil wir zu Beginn unserer Schreibtätigkeit für den Wahlberliner eher scheu  mit diesem Kommissar umgingen und daher bei ähnlichen Sachlagen (wobei eine solche Fehlplanung eher selten ist) andere Teams vorgezogen haben. So kommt es, dass wir nach nunmehr 245 Rezensionen erst über den dritten Bienzle-Fall berichten.

In gewisser Weise müssen wir Abbitte leisten und geben auch gerne zu, dass wir uns zwischen den manchmal viel komplexeren, schneller gefilmten und inhaltlich schwierigeren Neuerscheinungen (Stand Februar 2013) gerne mal einen Bienzle gönnen. Das ist etwa so, wie wenn man zwischen Abenden mit feurigem Rioja oder schwerem Bordeaux mal einen Trollinger zu sich nimmt und an der Abwechslung Gefallen findet – vorausgesetzt, es handelt sich um ein gutes Prädikat.

Die folgenden Passagen enthalten Angaben zur Auflösung!

Das Prädikat „wertvoll“ hat „Bienzle und der Tod in der Markthalle“ doch verdient, finden wir. Der Fall ist zwar nicht ingeniös, aber recht sauber konstruiert und im Grunde hängt alles daran, ob man die Darstellung des Geza Janicek und wie er auf die Provokationen des Markthelfers Körner reagiert, für bare Münze nimmt.

Arend Agthe ist ein Regisseur, der für seine Kinderfilme renommierte Auszeichnungen (u. a. den Bundesfilmpreis und den Grimme-Preis) erhielt und wir gehen davon aus, dass er die gute Darstellung von Arndt Schwering-Sohnrey als Geza so gesteuert hat, dass sie psychologisch fundiert ist. Es ist demnach möglich, dass ein junger Mann, der durch einen Unfall auf dem geistigen Niveau eines fünfjährigen Kindes verharrt, durch ein früher entstandenen Trauma des verlassen werdens, verbunden mit einer aktuellen Bedrängnis, zu einer tödlichen Panikhandlung fähig ist.

Dass man das so schwer akzeptiert, liegt an einer Festlegung, die man sich von Beginn an gemacht hat: Menschen mit Handicaps, die dazu noch Ausländer sind wie dieser Sohn eines tschechischen Marktstandinhabers, werden gemäß PC-Regelung niemals als Täter dargestellt. Dass man mit aller schwäbischen Gemütsruhe in diesem noch nicht sehr alten Film (2006) die politisch korrekte Handlung außer Acht lässt, um einen recht einfachen Fall zu einem überraschenden Ende zu bringen, ist einerseits beachtlich, andererseits manipulativ.

Weil man mittlerweile darauf eingestimmt ist, dass Konventionen bei der Darstellung von ethnischen Minderheiten ebenso wie von und Menschen mit abweichendem Verhalten befolgt werden, ist das Ende überraschend – und natürlich, weil man dem Jungen eben doch den Mord am Vater nicht zugetraut hat, der schon deshalb keiner ist, weil Geza im Prozess für unzurechnungsfähig erklärt werden wird.

In dem Zusammenhang: Eine nette Idee, ihn so gut im Memory sein zu lassen – was Kindern nun einmal eignet, weil sie über eine hervorragende Merkfähigkeit verfügen, die ihnen das Lernen erleichtert – und schummeln durfte er gegenüber seiner kurzzeitigen Bezugsperson Bienzle auch (als Bienzle kurz den Raum verlässt, deckt Geza schnell alle diese selbst gemalten oder gezeichneten Karten auf und wieder zu).

Ideen wie die ausführliche Darstellung dieses Jungen mit dem tragischen Schicksal, den Vater zu töten, der ihn einst unabsichtlich überfahren hat und kurz vor seinem Ableben mit voller Absicht einen spektakulären Juwelenraub beging, sind nur möglich, wenn man die Zahl der Handlungselemente begrenzt und sich auf die Stärke der Figuren verlässt. Damit diese zu ihrem Recht kommen, dürfen Bienzle und seine Hannelore eine Reise planen und nicht antreten und beim Mitbewohner im Haus, dem alten Herrn Rominger, zu Abend essen, wobei Bienzle natürlich gestört wird.

Der Humor wirkt teilweise bräsig, das ist nun einmal so und es kann nicht ohne Abzug bleiben, denn die neuen Schwabenermittler beweisen, dass es auch anders geht, wobei diese beiden Jungermittler eher wohltuend ernsthafte Naturen sind. Allerdings, und das ist durchaus ein Dilemma, unter Preisgabe des Schwäbischen. Alle Regionen, deren Humor für andere Deutsche nicht so leicht zu ertragen ist, sind demgemäß dazu verdammt, ihre Identität aufzugeben, wenn’s mit dem Witz besser werden soll. Es wirkt aber auch ein wenig gestellt, wie der gemütliche und eher zum amüsierten Staunen als zum einvernehmlichen Lachen reizende Einfluss der Stuttgarter Gemütsart den Film als einer von mehreren Faktoren prägt.

Die Nebenrollen sind knackig-skizzenhaft gezeichnet. Gestandene Männer, die robust mit den Gefühlen anderer umgehen und irgendwie kantig und gleichzeitig wendig sind (Körner), die sich nicht leicht geschlagen geben, wenn es um Frauen geht und etwas skurril wirken, mit ihren Ferngläsern das Markgeschehen beobachtend (Markthallenleiter Katzbach) oder für die Erlangung der Juwelenbeute in Nikolauskostüme schlüpfen (Gastronom Sailer). Etwas befremdlich wirkt nur die Figur der neuen Frau von Janicek senior, Milena Mechtel. Zunächst fällt sie mitten in der Markthalle in Ohnmacht, als sie vom Tod Janiceks erfährt, später ist sie so schnippisch-kühl, dass man sie instinktiv zu den Verdächtigen zählt, obwohl Bienzle gar nicht in diese Richtung tendiert. Sie so spielen zu lassen, das hat der Regisseur mit seiner Frau Bettina Kupfer einfach mal so vereinbart, damit es ein wenig spannend wird. Die Charaktere werden meist so gezeichnet, dass sie beinahe verdächtig wirken müssen, damit man Geza eben außen vorlässt. Das ist einfach und wirksam.

Finale

Dass die Bienzle-Tatorte keine filmischen Meisterwerke, dass sie besonders in der Bildsprache konservativ sind, schadet ihnen im Wesentlichen dann, wenn sie allzu träge werden oder kein harmonisches Bild von Inhalt und Ausdruck entsteht. Das ist aber in „Bienzle und der Tod in der Markthalle“ nicht zu bemängeln – auf eine unspektakuläre, gar nicht emotionslose Art entsteht ein Werk mit Gehalt. Man hat sich zur Erzeugung der Zuschaueridentifikation einer ebenfalls einfachen Methode bedient, indem man zwar nicht ein Kind, aber einen jungen Mann, der ein Kind geblieben ist, in den Mittelpunkt stellt und diese schön dargestellte Figur mit dem Ermittler ausführlich interagieren lässt.

Auf seine handfeste und tradionelle Art ist Bienzle sozial und ein Gutmensch, der nicht durch Deklamationen zu politischen Themen seine Einstellung an uns vermittelt, sondern durch sein Handeln nach dieser Einstellung. Gute, alte Schule, auch im Filmischen, das Show-dont-tell-Prinzip betreffend.

Ein zentrales Sozialthema gibt es in der Tatortfolge 633 nicht und demgemäß  keine Aufarbeitungszwänge. Es gibt auch keine Kritik an der Art, wie mit Menschen mit abweichendem Verhalten umgegangen wird. Alles ist in Ordnung, nur der Faktor Mensch unberechenbarer – wie etwa die Tatsache, dass Geza sich auf den Kommissar als Ersatzvater festlegt und dadurch fürs Jugendamt und die ihm zugedachten Betreuer zu einem schwierigen Fall wird.

7,5/10

© 2021, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke  

Ernst Bienzle – Dietz-Werner Steck
Geza Janicek – Arndt Schwering-Sohnrey
Günter Gächter – Rüdiger Wandel
Siegfried Körner – Arved Birnbaum
Milena Mechtel – Bettina Kupfer
Lukas Sailer Jürgen Haug
Arthur Katzbach – Christoph Hofrichter
Hannelore Schmiedinger – Rita Russek
u.a.

Drehbuch – Felix Huby
Regie – Arend Agthe
Kamera – Thomas Makosch
Musik – Matthias Raue

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s