Tödliche Illusion – Polizeiruf 110 Episode 59 #Crimetime 944 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Rostock #Potsdam #Hübner #DDR #Illusion

Crimetime 944 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Ein exemplarisches Dreieck

Der 59. Polizeiruf ist eine Nachreichung, denn eigentlich war der MDR mit diesem Erscheinungsjahr bereits durch und damit auch mit unserem Lieblings-Vorspann, der diese herrlich aufgekratzte, Aktion suggerierende Musik hat – die wurde 1980 auf eine viel ruhiger wirkende Variante geändert und auch das Bildmaterial wurde entsprechend angepasst. Was sehen wir im vierten Polizeiruf, der von Regisseur Peter Vogel verantwortet wurde? Die typische Dreieckskonstellation: Mann zwischen zwei Frauen, gefühlt mindestens zwanzigmal allein in den Polizeirufen der DDR-Epoche die Konstellation, die in gefühlt mindestens achtzehn Fällen tödlich endet – dass dem hier auch so ist, weist bereits der Titel aus. Gerade bei einem solchen Standard-Plot kommt es darauf an, wie es mit der Erzählkunst ausschaut. U. a. darauf schauen wir in der -> Rezension

Handlung (Wikipedia)

Frau Klinger findet die junge Wissenschaftlerin Beate Beyer tot in ihrer Wohnung auf. Sie hat sich augenscheinlich mit einer Überdosis Tabletten das Leben genommen. Neben einem leeren Tablettenröhrchen findet Oberleutnant Jürgen Hübner auch einen Abschiedsbrief in der Wohnung vor. Ihn irritieren nur zwei Dinge: In den Dokumenten Beate Beyers findet sich der Hinweis, dass sie schwanger war. Zudem steht in der Wohnung ein frischer Strauß Rosen.

Rückblick: Beate Beyer hat ein Verhältnis zum verheirateten Familienvater Armin Hagen, den sie von der Universität kennt und der auf der Elbewerft Boizenburg arbeitet. Sie will seit langem, dass er seiner Frau von der Beziehung berichtet und die Scheidung einreicht, doch vertröstet Armin sie stets. Sein Betrieb will ihn an das Institut in Potsdam delegieren, doch zögert Armin, da der Leiter des Instituts Beates Vater ist. Beate wiederum berichtet Armin eines Tages, dass sie von ihm schwanger ist. Sie will das Kind bekommen und glaubt, dass Armin sich nun gegen seine Familie und für sie entscheiden wird. Er beginnt jedoch, sich von Beate zu distanzieren, die er nun nicht mehr allein haben könne. Zwar trifft er sich weiterhin jeden Freitag mit ihr, doch muss sie erkennen, dass die Bindung zu seiner Frau Katja eher enger geworden ist. Katja wiederum wird misstrauisch, weil Bekannte Armin mit einer anderen Frau im Auto gesehen haben und weil sie eines Tages sieht, wie Beate Armin am Werkstor abholt. Armin kündigt Beate nun an, zwar Freitag zu ihr zu kommen, jedoch nicht bleiben zu können. Als Armin am Freitag in Beates Wohnung kommt, hat sie Tabletten genommen. Ihr Abschiedsbrief macht ihm deutlich, dass er sie retten könne, wenn er Hilfe hole. Armin jedoch trennt vom Brief seine Anrede ab und verlässt die Wohnung, nachdem er die mitgebrachten Rosen ins Wasser gestellt hat. Wenig später sieht er, wie ein Krankenwagen von dem Haus fortfährt, und hofft, dass Beate gerettet wird.

Armin rast nach Hause und erreicht seine Wohnung in Rekordzeit. Am nächsten Tag versucht er vergeblich, im Krankenhaus etwas über Beate zu erfahren – in der Nacht wurde nicht sie, sondern eine andere Patientin aus dem Haus zur Klinik gefahren. Er ruft nun in Beates Wohnung an, doch meldet sich Jürgen Hübner, der gerade den Tatort inspiziert. Zwar glaubt Jürgen Hübners Vorgesetzter, dass der Selbstmord eindeutig ist, doch forscht Hübner nach. Er erfährt, dass Beate eine Affäre mit Armin hatte und ihn unter Druck gesetzt hat, hatte sie ihr Kind doch bereits vor ihrem Selbstmord abtreiben lassen. Neben dem Kind war auch die Überdosis ein Versuch, ihn an sich zu binden, was der Abschiedsbrief deutlich macht. Armin wiederum gibt bei der Befragung vor, an dem Abend nicht bei Beate gewesen zu sein. Hübner kann zwar durch die Auskunft der Rosenverkäuferin nachweisen, dass Armin an dem Freitag Rosen gekauft hat, und er weiß auch, dass der Abschiedsbrief eine zweite Seite enthielt, die abgetrennt wurde, doch reicht dies nicht für einen Nachweis, dass sich Armin der unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht hat. Armin wiederum erkennt, dass seine Frau, die von der Polizei zu Beate befragt wurde, weiß, dass er an dem Freitag bei Beate war und sie sterbend zurückgelassen hat. Sie zweifelt, ob sie ihrer Ehe noch eine Chance geben kann. Armin geht nun zu Jürgen Hübner und zeigt sich selbst an.

2021-02-04 Crimetime 2021Rezension

Der Polizeiruf „Tödliche Illusion“ ist kriminalistisch vielleicht nicht befriedigend, weil Oberleutnant Hübner der Nachweis nicht gelingt, dass Armin  Hagen für den Tod von Beate verantwortlich ist. Wir wollen hier nicht prüfen, ob die nicht vorgenommene Hilfeleistung sich in Form eines echten oder unechten Unterlassungsdelikts zeigt – ethisch ist der Unterschied in diesem Fall nicht groß. Hübner wird von seinem Chef zugetraut, dass er Hagen so lange in die Verhörmangel nehmen kann, bis dieser gesteht und angesichts der deutlich erkennbaren Zwangslage des Fremdgehers wäre das vielleicht auch so gekommen – aber Hübner ist eigentlich nicht so knackig wie Kollege Fuchs, deshalb war es besser, ein freiwilliges Geständnis, ein Sich-Stellen zu zeigen.

„Tödliche Illusion“ sympathisiert sehr mit den beiden Frauen, die unter dem Doppelleben von Armin Hagen leiden. Für Beate gilt das von Beginn an, für Katja im Grunde ebenfalls, denn die ahnungslose Betrogene bekommt immer die meiste Sympathie, sofern sie nicht als negativer Charakter dargestellt wird, der das Ausbüchsen des Partners aus der Ehe mehr oder weniger selbst verschuldet – das ist hier aber nicht der Fall. Volkmar Kleinert ist als Armin Hagen die Idealbesetzung. Ein sensibler Typ, der seinen Emotionen zu sehr Lauf lässt und vor allem Schwierigkeiten hat, eine Entscheidung zu treffen. Interessanterweise sind Plots wie dieser nicht selten im Akademikermilieu angesiedelt, auch wenn wir den Eindruck gewinnen, Hagen ist Werftarbeiter. Offenbar studiert er aber auch Schifffahrtstechnik und träumt mit anderen zusammen von den atomgetriebenen U-Handelsschiffen der Zukunft. Was man 1979 für Pläne hatte. Vielleicht ist der Moment, in dem davon gesprochen wird, aber auch schon ironisch gemeint, denn wir trauen den Machern des Films durchaus zu, dass sie einen realistischen Blick auf die Möglichkeiten der Technik und der Technik im Sozialismus hatten.

Die Szene am Modell-Wasserbecken mit der Spiegelung ist sehr schön gefilmt, zunächst dachten wir, der Film stünde Kopf, das Wasser, in dem sich Hagen und andere spiegeln, ist zunächst ganz unbewegt. Es gibt eine weitere, kurze Spiegelszene in Beates Wohnung. Wir wissen, der Spiegel zeigt immer die andere Seite des Ichs und steht für die Doppelbödigkeit unseres Wesens. Außerdem schlummert unter der glatten Oberfläche des Wassers der Sturm der Gefühle und wenn dann so ein Modellschiff durchs Becken fährt, zerfällt das klare Abbild der Umstehenden in verzerrte Fragmente.

Der Polizeiruf Nr. 59 hat auch ein paar kritische Momente, etwa die ebenfalls nicht so selten genommene Gewaltfahrt, durch die ein Alibi hergestellt werden soll. Da kommt etwas der Hang zum Spiel und zum Übertreiben seitens der Regie durch – und was wäre gewesen, wenn die Schranke am Bahnübergang nur eine Sekunde früher niedergegangen wäre? Dass der Bahnwärte wegen des rasenden Hagens mit Hübner eine Woche später ins Gespräch kommt, haben wir mit Amüsement zur Kenntnis genommen. Da ist auch immer wieder etwas zu sehen, was man als verdeckte Kritik interpretieren kann, was die Zensur aber niemals zu fassen kriegt: Der kleine Bahnwäter als Denunziant – oder Hübners Chef als rigider Typ, ein richtiger Kader, der die feinsinnige Spürnase nicht weiter am Fall arbeiten lassen will, weil er auf schnelle Erfolge abonniert ist und dafür schon mal die Gründlichkeit sausen lässt. Mit Hauptmann Fuchs hätte er so nicht reden können, denken wir im Nachhinein. Oder? Es hätte nicht so glaubwürdig gewirkt wie beim defensiver auftretenden OL Hübner. Schließlich kann dieser seinen Vorgesetzten aber doch davon überzeugen, dass weiterermittelt werden muss und gleichzeitig werden die Zuschauer darüber informiert, was Hübner am Brief und am Block, von dem die Seiten abgetrennt wurden, auf denen der Brief geschrieben wurde, entdeckt hat. Gut, dass Beate kein teures Einzelblatt-Briefpapier verwendet hat.

Die zweite Szene, die etwas überspielt wirkt, ist diejenige, in der Katja klarstellt, dass sie nicht so weiterleben will, also mit der anderen Frau und ihrem Mann. Obwohl das zu ihrer etwas kernigeren Art passt, von Beginn an klarzustellen, dass Dreieck nicht geht, mussten wir beinahe lachen, weil sie sich so aufregt. Aber wir verstehen schon, sie soll eben als Gegensatztyp zu Beate dargestellt werden, der Glücklichen, die nicht glücklich wird, aber auf ihre Weise ebenso dezidiert ist. Hagen hat die beiden Frauen also unterschätzt, keine von ihnen will zurücktreten. Und sowas passiert tatsächlich, wenn Männer sich auf dieses riskante Spiel des fortgesetzten Ehebruchs einzulassen oder es zu starten. Es kann auch schon bei einem einzigen Fehltritt zu erheblichen Folgen kommen und es gibt viele Fälle, in denen, vor allem aus materiellen Gründen, ein Arrangement eingegangen wird. Wenn man bedenkt, dass in manchen Gesellschaften Polygamie nicht als verwerflich angesehen wird, aber natürlich nur in einer Richtung, die Männer aufs Extremste privilegiert, fragt man sich bei Filmen wie „Tödliche Illusion“, in denen Konflikte durch einen Mann, der zwei Beziehungen führt, was ist bei Menschen kulturell angeeignet und was ist biologische Disposition?

Nach dem sogenannten Standardmodell der menschlichen Evolution war Armin Hagen vielleicht für eine Zweitbeziehung reif, denn sein Sohn ist in einem Alter, in dem er langsam der intensiven Fürsorge durch beide Eltern entwächst. Gekontert wird diese Standardeinschätzung dadurch, dass der Junge sich darüber beschwert, dass der Vater so viel abwesend ist und freitags nicht nach Hause kommt, sondern am weitet entfernten Arbeitsort verbleibt. In diesem Zusammenhang ist die Harpunenszene sehr sinnbildlich. Armin Hagen erschießt mit dem Teil beinahe seinen Sohn, natürlich nicht mit Absicht, aber steckt nicht doch etwas dahinter wie – der Junge stört und ich wäre viel lieber mit Beate im Bett als mit ihm am See? Seltsamerweise wirkt es, als ob er mit seinem Sohn genau die Stelle mit dem Steg besucht, die auch sein Lieblingsplatz mit der Zweitfrau ist. Für uns war es schwer, das räumlich miteinander in Verbindung zu bringen, also müssen wir davon ausgehen, dass seine Freitagsübernachtungen kaum mit der langen Fahrtzeit nach dem Arbeitstag zu begründen sind und die Familie mindestens in der Nähe von Rostock lebt, wo Armin Hagen auf einer Werft tätig ist.

Beate lebt auf jeden Fall dort, denn die speziell maritim angehauchten Plattenbauten mit Sichtverblendung, die damals neu entstanden, kennen wir aus eigener Anschauung. Auch den Bauschutt und die Notwendigkeit, über eine Holzplatte das Haus zu betreten, weil die Treppe noch nicht fertig ist, kann man in die Bildsymbolik einordnen, die in „Tödliche Illusion“ recht ausgeprägt ist: Das Leben von Beate ist noch provisorisch und die Beziehung zu Armin wackeliger, als sie selbst denkt.

Finale

Wenn sie gut gemacht sind, sehen wir Filme recht gerne, die sich mit den Verwerfungen beschäftigen, die in Beziehungen entstehen können, wenn die Ordnung verloren geht, die ihre Einrichtung prägt. Bei einer Ehe ist der Treueschwur nun einmal vorhanden und es stellt eine Vertragsverletzung dar, wenn eine Seite ihn nicht einhält. Vertrauensverlust und Eifersucht sind die logischen Folgen – und der Kampf um das nicht Objekt, sondern Subjekt, das die Fäde in der Hand hält, das anfangs oft auch schick findet, sich bestätigt sieht, während die übrigen Beteiligten im emotionalen Defizit sind. Die Motive, die Psychologie, das ist alles einfach im sexuellen Sinn und komplexer als die Dominanz der Begierde es anfangs für die Beteiligten kenntlch werden lässt – vor allem, wenn es zu ernsten Gefühlen oder zu dauerhaften Schieflagen kommt.

Wir wollen nicht moralisch werden, das fänden wir vermessen. Es reicht zum Nachdenken über, dass der Film durchaus moralisch ist, denn es ist Armin Hagen, der die Fehler begeht, die alle, auch ihn, in Schwierigkeiten bringen. Beate lässt sich im Wissen um seine Ehe auf das Verhältnis ein, aber sie ist auch die Gefangene der Illusion, die der Titel benennt. Armin Hagen erkennt, wie gefährlich die Entwicklung ist, kann aber nicht von ihr lassen.

Ist der Film nun auf seine Art gut gemacht? Die Dialoge sind stellenweise reizend, die Figuren wirken durch sie und durch alles, was sie tun, ziemlich echt, Peter Vogel zählte damals zu den jungen Fernsehfilmern, die das Theaterhafte und Gestanzte, das man auch in vielen Polizeirufen sieht, etwas aufbrachen und auf natürlicheres Spiel setzten – immer dann überzeichnet und stilisiert, wenn bestimmte Situationen herausgehoben werden sollen. Manchmal gerät man dabei ins Schmunzeln, die Person des Ermittlers hat erkennbar hinter dem Interesse der Macher an den Episodenfiguren zurückzutreten, aber diese Art, zu filmen, ist sehr sympathisch. „Tödliche Illusion“ hätte etwas mehr Spiellänge als die verzeichneten 76 Minuten vertragen.

7/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Peter Vogel
Drehbuch Otto Bonhoff
Franz Ritschel
Produktion Eva-Marie Martens
Musik Hermann Anders
Kamera Franz Ritschel
Schnitt Renate Földesi
Besetzung

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