Johnny Guitar – Wenn Frauen hassen (Johnny Guitar, USA 1954) #Filmfest 389 #DGR

Filmfest 389 Cinema – "Die große Rezension"

Der harte Westen ist überall

„Johnny Guitar“, der im deutschen Verleih die in diesem Fall die beinahe passende Titelergänzung „Wenn Frauen hassen“ bekam, ist einer der faszinierendsten Filme seiner Art. Seine Kompromisslosigkeit und seine Stilisierung, die exzessive Auslegung  weiblichen Hauptrollen ist selbst für diese Dekade, in denen Hochdramatik im Kino an der Tagesordnung war, ungewöhnlich.

Klassische Western erzählen uns meist dann recht unverfälscht nicht nur aus der Pionierzeitder USA, sondern der Epoche, in der sie gedreht wurden. Vor allem dann, wenn es keine Native Americans als irritierende, damals meist als sehr fremdartig dargestellte Elemente gibt, in denen sich die vorgeblich zivilisierteren Weißen spiegeln konnten.

In „Johnny Guitar“ müssen sich die Weißen miteinander und mit sich selbst befassen. Er ist zum einen ein hochpolitischer Film, der verschiedene Zeitströmungen aufgreift. Er ist darüber hinaus ein Objekt des Regisseurs Nicholas Ray, dessen intensiven Stil wir u. a. aus dem noch bekannteren, ein Jahr jüngeren „Rebel Without a Cause“ („Denn sie wissen nicht, was sie tun“) mit James Dean kennen. Drittens ist er ein Starvehikel, denn Joan Crawford war als weibliche Hauptdarstellerin „gesetzt“, da sie die Rechte an dem zugrundeliegenden Buch gekauft hatte. Man darf davon ausgehen, dass sie dadurch auch inhaltliche Gestaltungsmöglichkeiten genutzt hat.

Allerdings war Crawford zu der Zeit nicht auf einem Höhepunkt ihrer wechselhaften Karriere und der Film entstand für das kleine Studio Republic Pictures, das viele hierzulande gar nicht kennen und das eher B-Filme produziert hat. Sterling Hayden, der die Titelfigur „Johnny Guitar“ spielt, haben wir z. B. in dem Film-noir-Klassiker „Asphaltdschungel“ gesehen, den wir für den Wahlberliner rezensiert haben und für einen der besten Filme dieses Genres halten.

Handlung

Arizona in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Durch den Betrieb eines Spielsaloons und lukrativer Immobiliengeschäfte hat es die Unternehmerin Vienna zu einigem Wohlstand gebracht. Den örtlichen Ranchern ist ihre Anwesenheit ein Dorn im Auge, da mit dem Bau der Eisenbahn die bisherigen Machtstrukturen umgekehrt werden und der Zustrom von neuen Siedlern das Ende der Vorherrschaft der Viehzüchter bedeuten wird. Als Wortführerin tritt die energische Emma Small auf, die zu den größten Landbesitzern der Umgebung zählt.

Deren Hass auf Vienna liegt allerdings tiefer, als sie zugeben will: Seit einiger Zeit ist Emma unglücklich in den Revolverhelden und Bandenchef Tanzender Ted verliebt, der jedoch in mehr oder weniger romantischen Beziehungen zu Vienna steht. Eines Tages kehrt der ehemalige Revolverheld Johnny Logan nach langer Abwesenheit wieder in die Stadt zurück. Seine kriminelle Vergangenheit hat er inzwischen hinter sich gelassen, statt eines Revolvers trägt er nun eine Gitarre bei sich und nennt sich Johnny Guitar. Er nimmt eine Arbeit in Viennas Saloon an, und die beiden schwelgen in gemeinsamen Erinnerungen. Als kurz darauf die Postkutsche überfallen wird, werden Ted und seine Bande von der eifersüchtigen Emma der Täterschaft beschuldigt. Außerdem behauptet sie, Johnny sei ein gesuchter Mörder und Vienna seine Komplizin. Auf ihr Drängen stellt der Sheriff ein Ultimatum: Ted, Johnny und Vienna müssen die Stadt innerhalb eines Tages verlassen. Vienna denkt jedoch nicht daran, klein beizugeben und beschließt, zu bleiben.

Zufällig wird sie in einen Banküberfall von Ted und seinen Leuten verwickelt. Vienna wird gefasst und im Rahmen einer Lynchjustiz ad hoc ohne Verhandlung zum Tode durch Erhängen verurteilt, ihr Saloon wird von Emma in Brand gesteckt. In letzter Minute kann Johnny ihr das Leben retten. Die beiden flüchten sich in Teds Versteck in den nahegelegenen Bergen, wo sich dieser mit seinen Leuten aufhält. Dort kommt es schließlich zu einer letzten Konfrontation zwischen den beiden Kontrahentinnen. In einer Schießerei wird Emma von Vienna getötet.

Rezension

Wieso kam uns dieser megadramatische Stil so bekannt vor? Das war die erste Frage, die wir uns gestellt hatten. Blickt man auf den Regisseur Nicholas Ray, so entdeckt man, dass er eigentlich Nicholas Ray Kienzle hieß, also deutscher Abstammung ist. Sein Stil ähnelt tatsächlich dem anderer deutscher oder deutschstämmiger Regisseure, die auf verschiedenen Wegen nach Hollywood kamen, stark. Wir haben für den Wahlberliner etwa Fritz Langs „Rancho Notorious“ mit Marlene Dietrich rezensiert, der zwei Jahre früher entstand. Visuell ist Ray kein „echter“ deutscher Regisseur, das merkt man am Fehlen expressiver Bildsprache – subjektive Kamera-Einstellungen erschöpfen sich zumeist im Verhältnis oben und unten, das sicherheitshalber auch noch in Dialogen angesprochen wird (die Szene mit Vienna auf der Galerie, alle anderen sehen unten im Saloon). Schnitt und Kameraführung insgesamt sind eher konventionell, manchmal auch ein wenig ruppig.

Doch die Art zu reden, die Figuren zu inszenieren, ist typisch mitteleuropäisch. Das exzessive Ausspielen von Gefühlen kennen wir zum Beispiel von Douglas Sirks (Detlef Siercks)  glamourösen und erlesen bebilderten Melodramen der Dekade, in der auch „Johnny Guitar“ entstand. Im Grunde ist dieser Stil bei allen deutsch geprägten Regisseuren mehr oder weniger theaterhaft – bis hin zur Theatralik. Anders etwa John Ford, der die Schauspieler nie so hemmungslos überagieren ließ und mehr angelsächsische Coolness in seine Filme einbrachte und immer etwas Humor, waren die Handlungen auch noch so kriegerisch und vom Grundthema ernst, wie etwa seine Kavallerie-Western mit John Wayne.

Humor sucht man in „Johnny Guitar“ vergebens, dafür bietet der Film eine immense Spannung, die nicht einmal in erster Linie aus der Handlung mit ihrer Lynchjustiz-Klimax resultiert, sondern aus dem Spiel der Hauptdarstellerinnen Joan Crawford und Mercedes McCambridge.

Woher kommt diese enorme Spannung? Selten hat man weibliche Charaktere so offen im Hassmodus gesehen wie diese beiden Frauen in „Johnny Guitar“. Vor allem Mercedes McCambridge ist ein Wesen mehr zum Fürchten als beinahe alle männlichen Bösewichter, die zahlreich durch den Wilden Westen ritten. Da ist eine Eindeutigkeit, die man als wenig vielschichtig bezeichnen kann, die aber den Stil des Films betont und außerdem einen Hintergrund hat. Mercedes McCambridge, der die auffällige Rolle in „Johnny Guitar“ wohl ein Jahr später das Angebot eingebracht hatte, die Herrscherin von Reata in der Großproduktion „Giganten“ (1956) an der Seite von Rock Hudson und James Dean zu spielen, gibt nicht weniger als die Anführerin eines Mobs, der Recht und Ordnung in die eigene Hand nimmt und Recht und Ordnung komplett negiert.

Sie hat sehr wohl ökonomische Motive, wie sie in vielen Western vorkommen. Das Thema Rancher gegen Siedler wird hier am Rande gespielt, es geht um Besitz gegen Neuverteilung, den Kampf ums Land. Ihre Gegnerin Vienna ist der Eindringling, die Frau des Fortschritts, die ein Besitztum am Rand einer neu entstehenden Bahnlinie erworben hat und darauf eine Stadt errichten lassen will. Diese exemplarische Anordnung ist sicher ziemlich unrealistisch und Frauen, die solche Power und Eindeutigkeit zeigten wie Vienna und Emma sie hier ausüben, dürften im Westen sehr selten gewesen sein. Dass es weibliche Charaktere sind, die den Film dominieren, verstellt allerdings den Blick für den wirklichen Hintergrund.

Wir müssen wieder zu Nicholas Ray kommen. Dieser war ein „Leftist“, ein Mann der Linken, der vom HUAC (dem Komitee für antiamerikanische Umtriebe) überwacht wurde, also mit dem wütenden Antikommunismus jener Tage konfrontiert war, für den vor allem der Name des Senators McCarthy stand. Damals entschieden diese Kommitees darüber, ob Karrieren in Hollywood fortgesetzt werden konnten oder durch Blacklisting endeten oder unterbrochen wurden. Manche Künstler erholten sich davon nie wieder, das betraf besonders Schauspieler und Regisseure. Drehbuchautoren behalfen sich zuweilen damit, dass sie andere, „unverdächtige“ Kollegen vorschickten und quasi unter deren Namen mitarbeiteten oder unter Pseudonym. Hollywood war gespalten in das rechte und das linke Lager, zu dem an prominenter Stelle Humphrey Bogart und seine Frau Lauren Bacall  zählten.  Manche Künstler denunzierten Kollegen, aus Überzeugung die echten Rechten, um ihre Karriere zu retten  die weniger starken Persönlichkeiten, und die Atmosphäre war vergiftet.

Dass die Crew unter Nicholas Ray für ein kleines Studio arbeitete, war vielleicht ein Glück, die Dezidiertheit des Films betreffend, denn dort konnte man sich vermutlich freier bewegen als bei den großen Firmen in Hollywood, die darauf bedacht waren, den Commie-Huntern nicht zu quer zu kommen und sich weitere Schwierigkeiten in einer Zeit zu machen, in der ohnehin das neue Medium Fernsehen eine große Herausforderung für die Filminudstrie darstellte.

Dieser Konflikt wurde in vielen Filmen mehr oder weniger verschlüsselt dargestellt, eine direkt Ansprache in einem Gegenwartsfilm war noch nicht möglich. Die bedrückenden Umstände zu ignorieren, das wollten die aufrechten Künstler auch nicht, beherrschte der Konflikt doch das Leben der Filmgemeinde in jenen Tagen – auch wenn die Zeit der Hetzjagden sich 1954 dem Ende näherte. Eines der Werke, die dieses Thema geradezu in den Mittelpunkt rücken, ist „Johnny Guitar“. Emma ist unverkennbar eine Inquisitorinnen der Ausschüsse für antiamerikanische Umtriebe, wenn nicht gar Jospeh McCarthy selbst Pate für die Figur gestanden hat. Die Stadtbewohner sind die vielen Helfer und Denunzianten, deren sie sich bedient und die sich über die bürgerlichen Freiheitsrechte stellen. Auch der Sheriff ist eine zwielichtige Figur im moralischen Sinn und schlägt sich erst im letzten Moment auf die Seite der Legalität, was ihm umgehend den Tod in einem Schusswechsel einbringt. Insgesamt hat der Film für damalige Verhältnisse einen hohen, aber nicht außergewöhnlichen Bodycount.

Wir halten fest, dass „Johnny Guitar“ eine politische Anklage im Gewand eines Westerns ist. Diese Genre wird schon deshalb immer noch unterschätzt, weil man sich in Europa nicht immer klar darüber ist, wie viel Projektionsraum dieses weite Land jenseits des Missouri bietet. Alle zum Drehzeitpunkt der Filme aktuellen Sujets und Mythen finden darin Platz und sind nicht, wie in den Sozialdramen, mit intellektuellen Ansprüchen, humanistischem Oberton und einer insgesamt höheren Literarizität und höheren Figuren-Individualität eingeschränkt oder intellektuell zu herausfordernd. Man konnte im Western alles sagen und sich dabei die einfachen Verhältnisse der Pionierzeit zunutze machen, um erstklassige menschliche Versuchsanordnungen zu konstruieren – in „Johnny Guitar“ ist das ganz offensichtlich getan worden.

Selbstverständlich ist die Psychologie auch hier ausschlaggebend, wie im Film der 50er Jahre üblich. Die knisternde Spannung zwischen den Frauen gehört für uns zu den flirrendsten Duellen der Filmgeschichte. Die auch verbal äußerst direkte Konfrontation, in der die Frauen in Anwesenheit vieler Dritter offen davon sprechen, dass nur eine von ihnen überleben kann, irritiert wohl auch deswegen, weil sie von Frauen ausgesprochen wird und wir das nicht so gewöhnt sind wie bei männlichen Charakteren, die einander mit Drohgebärden gegenübertreten.

Will man uns sagen, dass eine von Frauen regierte Gesellschaft auch nicht friedlicher wären, wo hier zwei Menschen gezeigt werden, die aufs Äußerste kampbereit sind? Ein wenig schwingt das vielleicht mit, aber hauptsächlich sind diese Frauen innerlich Männer – das wird im Film auch an einer Stelle erwähnt.

Starke weibliche Figuren hat man für manchen Western erfunden, aber nirgends sind sie aufeinander losgelassen worden wie in „Johnny Guitar“. Das fasziniert Betrachter beiderlei Geschlechts und der Film gilt trotz seines erkennbar bescheidenen Produktionsbudgets und seiner formalen Einfachheit mittlerweile als wenn auch etwas schräger Klassiker, der zum Beispiel von einigen der späteren französischen Regisseuren der Nouvelle Vague angebetet wurde, als sie noch Kritiker waren und für die „Cahiers du Cinéma“ schrieben (insbesondere Jean-Luc Godard , der 1960 mit „Außer Atem“ eines der Hauptwerke der NV schuf, fand den Film meisterhaft). Anders allerdings der Kollege Francois Truffaut, der das Spiel der Crawford als maskenhaft empfand. Schauen wir uns die Bewertungen auf der IMDb an, sieht man alledings, dass der Film von Männern  – in Maßen – höher eingeschätzt wird als von Frauen. Kein Wunder, nicht jede Frau wird sich in Geschlechtskolleginnen wie Emma oder auch Vienna wiederfinden wollen.

Mercedes McCambridge gibt ihrer Rolle vor allem dadurch Glaubwürdigkeit, dass sie psychopathische Züge hineinlegt. Sie ist klein, ist in Schwarz und sie ist der Leader of the Pack.  Selbstverständlich erreicht die Stilisierung auch die Kostüme. Joan Crawford war exzellent als Gegenspielerin geeignet. Dass sie ein schwieriger, herrischer Charakter war, das wusste jedermann und ihr kantiges Gesicht, die dunklen Haare mit der recht kurzen Frisur, die stark gezeichneten Augenbrauen und intensiv roten Lippen, das wirkt beinahe comichaft. Sehr kontrastreich ist dieser Vienna-Charakter bereits optisch herausgestellt. Schön ist nach heutigen Maßstäben sicher anders, aber darauf kam es wohl nicht in erster Linie an, zudem spielte sie, was sie war, eine Frau jenseits der 40.

Es gibt einen weiteren Subtext zu den Frauencharakteren, wenn man Roger Eberts Kritik zu „Johnny Guitar“ folgt.  Selbstverständlich ist auch uns die Funktion der Outfits zum Transport von Stimmungen aufgefallen. So treten die Männer im ersten Saloon-Besuch von Emma mit ihrem Tross in üblicher Westernkleidung an, aber als es ans Hängen geht, da tragen sie alle Schwarz, weil sie von einer Beerdigung kommen, vordergründig. Aber natürlich passt dies zu ihrer düsteren Einstellung. Im Verlauf der Hatz auf die Guten verliert Emma ihren schwarzen Schleier, da kommt hinter der Fassade der Trauernden die wilde Rächerin hervor, symbolischer geht’s wohl kaum. Vienna hingegen fängt schon in Schwarz an, mit Lederhandschuhen und hohen Stiefeln und steht oben auf besagter Galerie und blickt auf die anderen herab.

Moralisch ist das tatsächlich ihre Position, wie sich bereits erahnen lässt. In der Szene, in der schließlich die Gegnerin ihren Saloon niederbrennt und sie zum hanging Tree geführt wird, trägt sie ein weißes, beinahe romantisches Kleid und – spielt am Piano. Sie ist die Unschuld und die Zivilisation, die dem Mob anheimfallen soll – und in letzter Sekunde von Johnny gerettet wird, ebenfalls ein Standard in vielen Western, dieses quasi Losschneiden vom Galgenbaum. Hier zögern die Männer, wollen die Frau in Weiß dann doch nicht hängen. Nur ihre Gegnerin Emma ist ruchlos genug. Später trägt Vienna ein rotes Hemd, nachdem ihr hübsches Kleid, ebenfalls symbolisch, in Flammen aufging, und man weiß, jetzt wird es richtig blutig werden.

So weit konnten wir alles selbst entschlüsseln, doch Ebert hat auf einen Aspekt angesprochen, den wir als Europäer kaum kennen und der ein interessantes Licht auf mehr Subtext bezüglich der Frauen wirft. Offenbar sind die Outfits, die Ledersachen und so weiter, der fetischistischen Pornokultur der frühen 50er in den USA entnommen, Ebert spricht dabei eine Serie namens „Satan in High Heels“ und eine Figur namens Meg Myles an.

Das wiederum leitet zur möglichen geschlechtlichen Bipolarität der Frauen in „Johnny Guitar“, der dem Hass aufeinander eine sexuelle Note gibt. In der Tat, wenn sich die beiden gegenüberstehen, ist da eine negative, beinahe magnetische Anziehung zu spüren – beide Darstellerinnen waren übrigens nicht lesbisch, auch wenn die Art der Crawford solche Spekulationen durchaus zulässt.

Gegenüber solch ausgreifenden, mit ihrer Präsenz raumfüllenden Frauenfiguren können die Männer nur zurückfallen, das gilt auch für Johnny Guitar, der sich, ebenfalls ein Western-Standard, als Mann mit Gunslinger-Gestern herausstellt und sich mit Gitarre und ohne Revolver quasi verkleidet. Er wird von Vienna angeheuert, als die Situation brenzlig wird, denn sie weiß um seine Vergangenheit, war sie doch fünf Jahre zuvor seine Geliebte. Die beiden finden sich übrigens am Ende, das steht nicht in der obigen Handlungsbeschreibung. Sterling Hayden, der noch etwas mehr aufbrachte als das übliche Gardemaß damaliger Hollywoodstars von ca. 1,90 Meter und überdies sehr breitschultrig, wirkt vor allem physisch, ist aber eher der ruhige Pol in diesem aufgeladenen Szenario.

Die Handlung

Unglaubwürdig ist das Ganze schon, wenn man es rein logisch betrachtet, aber es gibt auch viele interessante Twists und Unklarheiten, die zusätzlich für Spannung sorgen. Etwa, dass sich der Gitarrenspieler als ehemaliger Revolverheld outet. Dass Ted, der Tänzer, eben doch Minenbesitzer ist und nicht die Postkutsche überfallen hat. Die zeitlichen Zufälligkeiten beim Banküberfall, die von Viennas Gegnerin zu einer bösen Falschwahrheit verdichtet werden, wobei sie ebenso mit Einschüchterung von Zeugen arbeitet wie später bei dem jungen Mitglied von Teds Gruppe, das zugeben soll, dass Vienna ein „Bandenmitglied“ ist und demgemäß am nächsten Baum aufzuknüpfen.

In diesen Szenen werden die Ängste und die kaum unterschwellige Wut der Künstler auf die Kommunistenjäger sichtbar. Es war wirklich so, dass beinahe alle Linken in Hollywood lediglich liberal bis sozialistisch gesonnen waren, aber rein gar nichts mit irgendwelchen Konspirationen zugunsten der UdSSR zu tun hatten. Ganz so liegen die Dinge, auf die einfachen Westernverhältnisse übertragen, auch in „Johnny Guitar“.

Sehr umfangreich ist die Handlung nicht, das erlaubt einige geradezu statuarische Dialoge, die von der zeitgenössischen Kritik auch als deutlich zu lang bemängelt wurden. Wir verstehen das insofern, als man einiges zu sehr ausgewalzt und überverdeutlicht hat. Zwar bietet die Handlung einige Twists, doch die Positionen der Figuren sind so deutlich beschrieben, als befürchte man, der Zuschauer könnte in einem Moment der Unaufmerksamkeit eine Kleinigkeit missverstehen und dadurch die Botschaft nicht aufnehmen. Allerdings – hätten die Frauen nicht sprechen dürfen, hätte die Kamera nicht so lange und mit gutem Grund auf ihren Gesichtern verweilen können, was ja einen Teil der Faszination des Films ausmacht. Nur Gesichtsausdrücke, also nonverbale Sprache in Großaufnahme zu beobachten, und das minutenlang, ist nicht Sache des Westerns.

Finale

Der führende zeitgenössische Kritiker der New York Times, Bosley Crowther, fand den Plot „schablonenhaft, jedoch brauchbar“ und sprach Joan Crawfords Darstellung der Vienna jedes weibliche Attribut ab und fand, sie sehe in der Galgenbaum-Szene wie eine Wachsfigur aus einem Scene-of-Crime-Kabinett Kabinett aus.  All das stimmt, und er zog daraus den klaren Schluss,  „Johnny Guitar“ sei ein scheußlicher Film.

Er vergleicht den Status ihrer Figur auch mit der von Van Heflin, dem Farmer aus „Shane“, aus dem Vorjahr, den wir für den Wahlberliner bereits rezensiert haben. Auf diesen Vergleich wären wir niemals gekommen und für uns erschließt er sich auch nur aus dem engen zeitlichen Zusammenhang beider Filme. Klar, beide sind Neuankömmlinge, die sich gegen den etablierten, sagen wir ruhig, Mob stellen.

Aber die Charaktere sind so unterschiedlich, da gibt es bessere Vergleiche, zum Bespiel mit Figuren, wie sie in modernen Western auch von Frauen dargestellt werden.  Dass die Kritiker in den frühen 50ern Frauentypen, wie sie in diesem Film auftreten, wohl eher beängstigend und sehr übertrieben fanden, können wir nachvollziehen und man kann sicher nicht sagen, dass hier ein fein differenziertes Schauspiel zu betrachten ist. Sicher ist das, was die weiblichen Darstellerinnen vortragen, von einer gewissen Unwirklichkeit gekennzeichnet, ist zwischen exzentrischem Stummfilm-Ausdruck und der stahlharten Action-Mimik späterer Jahre angesiedelt, aber das macht auch den Reiz des Films aus.  Ausgleichend entwickelt Sterling Hayden als Gewinner (ob es wirklich ein Gewinn ist, am Ende Joan Crawford zu kriegen, ist allerdings diskutabel) weniger Präsenz denn als scharf konturiert und psychologisch erstklassig gezeichneter Verlierer in John Hustons „Asphalt Jungle“.

Der Film ist in dieser Hinsicht gewiss veraltet und außerdem ein Einzelstück, aber nach unserer Auffassung nicht so sehr wie der Jugendkultfilm „Rebel Without a Cause“ aus dem darauffolgenden Jahr, in dem James Dean eine wirklich extrem melodramatische Jugendlichen-Figur abgibt – die aber schön den Nicholas Ray-Stil der Zeit reflektiert, wie er auch in „Johnny Guitar“ zu erkennen ist. By the way, wir bevorzugen eindeutig „East of Eden“, wenn es um James Dean in der Rolle des jugendlichen Unverstandenen geht. Elia Kazan  hat es besser verstanden, das bühnenhafte Method Action von James Dean in die Filmsprache einzubinden und so zu bändigen, dass es sich dem Konzept unterordnet.

Trotzdem optieren wir eindeutig für diesen Film, der in sehr kräftigen Farben ein bedrohliches Szenario entwickelt und uns in jeder Sekunde gefesselt hat.

79/100

© 2021, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Regie Nicholas Ray
Drehbuch Philip Yordan,
Nicholas Ray,
Ben Maddow (?)
Produktion Herbert Yates/Republic
Musik Victor Young
Kamera Harry Stradling Sr.
Schnitt Richard L. Van Enger
Besetzung

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