Borowski und das Mädchen im Moor – Tatort 688 #Crimetime 945 #Tatort #Kiel #Borowski #Jung #NDR #Mädchen #Moor

Crimetime 945 - Titelfoto © NDR, Marion von der Mehden

Vorwort 2021

Er war sowieso „dran“, aber es trifft sich gut, dass wir den nachfolgenden Text gerade jetzt wiederveröffentlichen – zwei Tage vor der Ausstrahlung des neuen Tatorts Nr. 1159, „Borowski und die Angst der weißen Männer“. Die Vorschau dazu ist noch nicht komplett, aber wir erinnern uns darin u. a. an die beste Zeit der Kiel-Schiene mit Klaus Borowski als Ermittler. Das Buch zu „Das Mädchen im Moor“ stammt von Sascha Arango, der einige der Top-Tatorte von Borowski geskriptet hat und wurde von Claudia Garde sehr stimmungsvoll inszeniert. Außerdem sehen wir darin den unvergessenen Andreas Schmidt in einer Rolle als überforderter Vater, die er, wie immer, glänzend spielt.

Unter Wölfen

Lässt sich krachende Sozialkritik mit mystischer Wolfssymbolik und dem Siebten Sinn in einem einzigen Howcatchem von 90 Minuten sinnvoll verschmelzen?

Die Macher von „Borowski und das Mädchen im Moor“ haben sich das zugetraut. Die Kieler Tatorte sind längst über das Stadium von Geheimtipps hinausgekommen. Der nördlichste Standort der Serie bringt immer wieder Ungewöhnliches auf den Bildschirm – wie diese eigenartige und hochveranlagte Folge 688.

Der Kieler Hauptkommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) entwickelt sich in diesem Film zu einer beinahe übernatürlichen Spürnase und am Ende zeigt ihm ein Wolf, einer, den er einige Tage zuvor angefahren hat, den Weg zur lange vermissten Leiche des Mädchens im Moor. Was in anderen Tatorten manchmal enerviert, nämlich, auf welch einfallslose Weise der Zufall den Ermittlungen auf die Sprünge helfen muss, wird hier so schier ins mystische und Fantasievolle gewandelt und erzielt eine ganz andere Wirkung. Vielleicht, weil man deutlich erkennt, dass all dies einem ironischen Konzept folgt, das außerdem die Emotionen und das Unterhaltungsbedürfnis gleichermaßen anspricht. Mehr dazu findet sich in der -> Rezension.

Handlung

Belinda, ein 16-jähriges Mädchen, ist verschwunden. Letzte Augenzeugen berichten, sie am Nachmittag noch im Moor gesehen zu haben. Doch seitdem fehlt von ihr jede Spur. Hat sich das Mädchen abgesetzt oder handelt es sich um ein Verbrechen?

Borowskis Recherchen führen ihn in das Mädcheninternat Hainfeld, auf das Belinda ging. Zusammen mit Frieda Jung, muss er feststellen, wie einsam und wenig gemocht Belinda war. Also doch Mord? Noch ahnt Borowski nicht, wie nah er dem Mörder kommt, der seine Freundschaft sucht.

Rezension

Nachdem wir unsere kleine Borowski-Schau für die beiden letzten aktuellen Tatorte unterbrochen haben („Angezählt“ und „Gegen den Kopf„), die wir beide übrigens sehr empfehlen können, fahren wir fort – nach „Väter„, „Stirb und werde“ sowie „Borowski in der Unterwelt„.

Dass die sehr unterschiedlichen Elemente dieses Films gut austariert wirken, einander in der Wirkung sogar verstärken, dass alles ineinander verwoben ist und nicht sinnsuchend nebeneinander herstolpert, wie wir’s in jüngeren Tatorten manchmal mitansehen mussten, ist diesem Film aus dem Jahr 2008 hoch anzurechnen. Der großartige Humor beschädigt nicht das zu Herzen gehende Drama des Kaufhausdetektivs Klaus R., das Mytisch-Mythische korrespondiert hervorragend mit Borowskis Siebtem Sinn, der ihn durchaus zu einem Ermittlermythos machen könnte, wenn dieser Sinn ihm erhalten bleibt. Wird er in dieser Form nicht tun, das nehmen wir vorweg, mit der Weisheit des Verfolgens fünf weiterer Tatortjahre ausgestattet.

Wir haben natürlich nach einer Symbolik der Wölfe gesucht und wie man sie in Zusammenhang mit der Handlung bringen kann. Wir begeben uns allerdings bei jeder Interpretation auf dünnes Eis oder in einen Sumpf (Borowskis Wort für den Tatort) oder ein Moor (so nennen alle übrigen Figuren die Gegend), in dem man spurlos verschwinden kann.  Aber die Deutung des Wolfes als eines Symbols für Gier und Fresssucht wollte uns nicht recht gefallen, obwohl man damit den Bogen zu einer Gesellschaft schlagen könnte, die so gierig und fresssüchtig im weiteren Sinn ist und in all ihrer bodenlosen Selbstbezogenheit und dem hirnlosen Rennen nach immer mehr Prestige eine Art eigene Figur im sozialdramatischen Teil des Films darstellt.

Wie aber der Wolf da auf der Straße steht und quasi wartet, bis Borowski ihn anfahren kann, wie diese Tiere still im Nebel sind, das wirkt so ganz anders. Beinahe heimelig und der blauen Stunde geweiht. Es ist ziemlich sicher, dass dieser Tatort auf unsere Urinstinkte und –ängste anspielt und so jedem von uns den Raum gibt, sich, den Wolf betreffend, seinen eigenen Assoziationen freien Lauf zu lassen. Wer keine dazu hat, bei Menschen, bei denen sich keine innere Stimme meldet, die aus einer möglicherweise weit zurückliegenden Vergangenheit ruft, wird den Krimi möglicherweise nicht gut und das Wolfige überflüssig finden.

Man soll aber auch nicht zwanghaft eine innere Verbindung zur Handlung herstellen wollen. Die ist schon an sich sehr spannend. Wir müssen mit einer Hymne auf Andreas Schmidt beginnen, der den Kaufhausdetektiv Klaus Raven mit einer solchen Intensität spielt, dass wir genau wissen, wie die Sozialdramen der Wirklichkeit entstehen. Diese Familienmassaker, die aus dem Nichts zu kommen scheinen. Natürlich gibt es unterschiedliche Ansätze, aber es gibt wohl immer eine Situation wie die in „Borowski und das Mädchen im Moor“ gezeigte, einen Auslöser. Ein Familienmitglied, meist der Mann, dreht durch. Die Tötung des Mädchens Belinda hatte er nicht gewollt.

„… Und auf einmal hat man eine Kreatur getötet“, sagt Klaus B. zu Klaus R., der diesen auf der Landstraße nach einer Autopanne aufgabelt. So war das  also mit Belinda. Die präpotente Göre hat sich selbst die Nase blutig geschlagen, um den Kaufhausdetektiv zu belasten, der sie erwischt hat, und der Laden gehört auch noch ihrem Vater. Er wollte sie nur zur Ruhe bringen, diese Freakshow einer narzisstischen 16jährigen stoppen. Und da ist sie plötzlich tot.

Dann kreist Borowski ihn ein und in einer eindeutig an „Psycho“ angelehnten Szene dreht der eine Klaus den Bürostuhl des anderen um 180 Grad und schaut diesen an wie die Schlange das Kaninchen. Da ist Klaus R. innerlich schon beinahe so tot wie die Mutter von Norman Bates.

Dies entlädt sich in einem Mord an der eigenen Ehefrau mit Axt. Aber nicht nur deswegen, kein normaler Mensch mordet, weil er aufgeflogen ist, auf so entfesselte Weise. Da ist der Frust und da sind die Demütigungen von Jahrzehnten. Weil seine Frau es mit der besseren Gesellschaft aufnehmen wollte und ihre Tochter in diesem Sinn erzogen hat. Weil das Geld aus dem Job des Mannes nicht reicht, verdingt sie sich als Nebenerwerbsprostituierte. Natürlich bekommt Klaus das raus.

Es ist nie genug , mit dem Reitstunden, den Klassenfahrten der teuren Privatschule, den Sprachkursen, dem dies und das, was ständig anfällt. Das kannst du als Kaufhausdetektiv nicht erwirtschaften. Da wird ein Druck aufgebaut, dem man nicht standhalten kann. Und nach einer Serie von schrecklichen Situationen und Erkenntnissen entlädt sich der Druck in einem Mord, der so ausgeführt wird, dass der Tatort „Borowski und das Mädchen im Moor“ gewiss niemals um 20:15 Uhr wiederholt werden kann, sondern erst außerhalb der Zeit, von der angenommen wird, dass da noch Kinder vor dem Fernseher sitzen.

Andreas Schmidt ist der absolute Schauspieler für eine solche Rolle. Er hat eine unglaubliche Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten, um einen solchen Typ darzustellen, bei dem alles etwas zu wenig und zu klamm ist. Schon seine Physis hilft ihm dabei. Solange es nicht auf Maß gefertigt ist, muss alles, was er trägt, schlecht sitzen, so, wie die billigen Anzüge, der Dresscode seiner Position. Da hockt er jeden Tag vor den Bildschirmen der Überwachungskameras und beobachtet, wie Halbwüchsige aus Langeweile klauen und wissen, dass ihnen eigentlich nichts passieren kann, während sein Gehalt überwiegend dazu verwendet wird, der eigenen Tochter den Zutritt zur Welt gelangweilter, reicher Mädchen zu verschaffen.

Das ganze Leben dieses Mannes past so schlecht wie seine Klamotten, es ist zu groß für ihn. Symbolischer geht’s nicht. Man hat es vermieden, die Familie als sozialschwach darzustellen . Sie hat ein eigenes Haus, das ist nicht neu, noch nicht bezahlt und die Einrichtung, vom gerade erst gekauften Flachbildfernseher abgesehen, schaut nach dunkel geratenem 1980er-Jahre-Stil, aber alles ist noch gerade mittelständisch, nicht arm. Und gewiss mit großer Sorgfalt genau so gestaltet und gewählt. Man spürt richtig, wie dieser Mann sich am unteren Ende des besseren Teils der Gesellschaft geradezu verzweifelt festkrallt. Damit das auch ganz klar ist, muss er anfangs mit der Bank verhandeln, weil die Hausraten nicht mehr bezahlt werden können. Was in der telefonischen Warteschleife endet, wie so manches Anliegen heutzutage.  Da schmeißt er schon das Telefon durch die Gegend. Da deutet sich schon an, mit ihm wird noch etwas passieren.

Deswegen ist es auch konsequent, den Film als Howcatchem oder Howcatchhim anzulegen. Die Spannung liegt in der Figur und natürlich auch in dem bösen Spiel, das Borowski mit ihm treibt, als er ihn mehr und mehr in die Zange nimmt und jedes seiner Argumente entkräftet. Wenn man so will, ist Borowski mitschuldig an der schlussendlichen Eskalation – andererseits hat er ja keinen Beweis für die Täterschaft des anderen Klaus und kann ihn daher erst einmal nicht festnehmen. Schon auf der Fahrt im alten Volvo des Detektivs, in dem hinten die als Sarg verwendete Multibox steht, ist er dem Täter und der Tat so sehr nah. Denkt sich aber erst einmal nichts bei dem seltsamen Behältnis, auch nicht nachträglich, als der Mord ermittelt werden muss und offensichtlich ist, dass ein Mädchen wohl im Moor verschwunden ist – seine Intuition entwickelt sich eben doch erst im Verlauf des Krimis, darf man an dieser Stelle amüsiert feststellen.

Die Plotanlage bietet weitere Spielräume. Die Gestaltung eines Psychothrillers zum Beispiel ist möglich, und in diese Richtung geht der Film – besonders in dem Moment, als Borowski ahnt, dass Klaus, der Kaufhauskumpel , das Mädchen Belina Strick umgebracht hat. Dieser Plot ermöglicht ein Täterpsychogramm, das viel Platz im Film einnimmt und eine der besten Figuren entstehen lässt, die wir bisher in einem Tatort gesehen haben. Die Konzentration auf den Täter, den der Zuschauer von Anfang an kennt und das Aussparen vieler kleiner Rollen, die in einem Whodunnit an Verdächtige zu vergeben sind, macht diese packende Dichte möglich. Auch die Dramaturgie passt. Der erste Plotpoint sitzt zwar recht früh und es erfordert einiges, die Spannung danach hochzuhalten, aber dann nimmt Borowski mit genialer Witterung so sehr Fahrt auf, dass sich alles, was jemals im Leben des anderen Klaus und besonders in den letzten Tagen schiefgelaufen ist, sich in einer Gewaltorgie entlädt.

Finale

„Borowski und das Mädchen im Moor“ ist großartiges Kino mit Nachwirkungen, mit vielen Facetten, verbindet auf eine Weise verschiedenste Elemente, die bezüglich Intuition und genialem Gespür für die richtige Spur auf einer Stufe mit Borowskis Ermittlernase steht. Vielleicht ist da auch ein Schuss Selbstverliebtheit – man erlaubt es sich, bewusst auf einen Kriminaler zu setzen, der Dinge erspürt, die in anderen Tatorten und im wirklichen Leben kaum auf diese Weise zu erfassen sind – nicht einmal von Frauen, denen ja nachgesagt wird, ihre Intuition sei die bessere.

Es gab Momente, da dachten wir: Das ist ja nun etwas dicke aufgetragen. Aber spätestens, als am Ende die Multibox wieder an die Oberfläche steigt (Kunststoff hat eben ein geringes spezifisches Gewicht als Wasser und mit einer Leiche drin bleibt es nicht gerne auf dem Grund eines Moorsees oder Sumpfteiches), war uns klar – so schlimm die Familientragödie des Klaus R. sein mag, so leicht und mit einem Augenzwinkern kommt die Inszenierung immer dann daher, wenn es um Borowski geht. Uns hat es überrascht, dass mit Claudia Garde eine Frau für die Regie verantwortlich zeichnet, denn diese Art der ironischen Brechung ist für uns bisher eine männliche Domäne gewesen (Anmerkung nach Überarbeitung: Wir haben mittlerweile mehrere Tatorte von ihr angeschaut und wissen, was sie drauf hat – auch wenn sie ihren Individualstil zugunsten des Inhalts zurückstellt).

Das Drehbuch stammt immerhin von einem Mann (Sascha Arango) und damit die Plotlanlage und die Dialoge. Unabhängig von Klischees, von deren Verinnerlichung auch wir natürlich nicht frei sind – ein Klasse-Tatort, dem wir gerne 8,5/10 geben.

© 2021, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Klaus Borowski – Axel Milberg
Polizeipsychologin Frieda Jung – Maren Eggert
Klaus Raven – Andreas Schmidt
Iris Raven – Maria Schrader
Fabrikant Strick – Peter Gavajda
Maria Raven – Isolda Dychauk
Roland Schladitz – Thomas Kügel
Ernst Klee – Jan Peter Heyne
u.a.

Drehbuch – Sascha Arango
Regie – Claudia Garde
Kamera – Carsten Thiele
Musik – Jörg Lemberg

 

 

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