Die Faust im Nacken (On the Waterfront, USA 1954) #Filmfest 397 #Top250 DGR

Filmfest 397 Cinema - Concept IMDb Top 250 of All Time (47)/ Die große Rezension

Amerikanischer Sozialrealismus mit Method Acting

Die Faust im Nacken (Originaltitel: On the Waterfront) ist ein in Schwarzweiß gedrehtes US-amerikanisches Filmdrama von Elia Kazan aus dem Jahre 1954. Die Hauptrollen spielen Marlon Brando, Karl Malden und Eva Marie Saint (in ihrem Kinodebüt). Budd Schulberg schrieb das Drehbuch nach einer 1948 publizierten Reportageserie von Malcolm Johnson. (1)

„You don’t understand! I coulda had class. I coulda been a contender. I could’ve been somebody, instead of a bum, which is what I am.“ („Du verstehst das nicht! Ich hätte was werden können, zumindest ein klasse Boxer. Und was bin ich geworden? Ein gemeiner Lump.“) – Marlon Brando in Die Faust im Nacken.

So ist es, wenn ein Film das Zitat enthält, das vom American Film Institute (AFI) auf Platz 3 der besten Filmzitate aller Zeiten gewählt wurde. „Die Faust im Nacken“ ist immer noch eine Ikone. Derzeit (9. März 2021) steht er in der IMDb auf Platz 182 der 250 besten Filme aller Zeiten, daher die Einordnung in unser Konzept, alle Filme zu besprechen, die jemals auf dieser Liste standen (aktuell 975 gemäß dieser Aufzählung).

Der Hafenarbeiter und Ex-Boxer Terry Malloy (Marlon Brando) arbeitet für den Gewerkschaftsboss Johnny Friendly (Lee J. Cobb), der eines Nachts einen unliebsamen Arbeiter umbringen lässt und Terry dafür benutzt, der nicht wusste, was sein Chef wirklich vorhat. In der Folge entspinnt sich ein Kampf um die Macht unter den Hafenarbeitern, in dessen Verlauf Malloy die Seiten wechselt und gegen seinen Boss aussagt.

Als die Dramen noch wuchtig und in Schwarz-Weiß gefilmt waren, da kam ein Marlon Brando, der vielen als der beste Filmschauspieler aller bisherigen Zeiten gilt, und katapultierte sich in einem Film namens „A Streetcar Named Desire“ mit einer der explosivsten Darstellungen to-date zum Starruhm. Der Regisseur war Elia Kazan, und die beiden arbeiteten wieder zusammen in „On the Waterfront“, wie der Hafenarbeiter-Klassiker „Die Faust im Nacken“ im Original heißt.

Handlung (1)

Im Hafen von Hoboken herrscht eine korrupte Gewerkschaft der Dockarbeiter, die von dem rücksichtslosen Johnny Friendly geleitet wird. Die Hafenarbeiter müssen Mitglied der Gewerkschaft werden, um überhaupt Arbeit zu bekommen. Arbeiter, die sich gegen dieses System auflehnen, müssen damit rechnen, keinen Job oder im schlimmsten Fall den Tod zu finden.

Terry Malloy, ein gescheiterter Boxer, ist einer dieser Arbeiter, sein gebildeter Bruder Charley dagegen ist der Rechtsanwalt der Gewerkschaft. Durch Charleys Tätigkeit genießt Terry diverse Privilegien, muss der Gewerkschaft aber auch gefällig sein. Unwissend führt er den jungen Arbeiter Joey in eine von Friendlys Handlangern gestellte tödliche Falle. Nach dem Mord an Joey lernt Terry dessen Schwester Edie kennen und verliebt sich in sie. Edie möchte gemeinsam mit Pater Berry die Schuldigen am Tode von Joey zur Strecke bringen. Terry befindet sich durch die Beziehung zu Edie plötzlich zwischen den Fronten. Einerseits plagt ihn sein Gewissen, andererseits fürchtet er, sein Ansehen in seinem sozialen Milieu zu verlieren, wenn er mit der Polizei zusammenarbeitet.

Friendly erfährt vom Vorhaben Terrys, vor Gericht gegen ihn auszusagen. Er fordert dessen Bruder Charley auf, Terry zum Einlenken zu bewegen oder ihn zu töten. Bei der Aussprache der Brüder, bei der Terry Charley seine Korruption vorhält, die auch seine Boxerkarriere ruinierte, bringt Charley es jedoch nicht fertig, Friendlys Auftrag auszuführen. Um ein Exempel zu statuieren, lässt Friendly Charley umbringen und seinen Leichnam an einem Dockarbeiter-Haken aufhängen. Als Terry seinen ermordeten Bruder findet, schwört er Rache. Pater Berry kann ihn jedoch davon überzeugen, dass seine Aussage vor Gericht die effektivere Rache sei.

Nach seiner Aussage fühlt Terry sich als Verräter und wird von den Hafenarbeitern und Bewohnern des Viertels geschnitten. Als Terry dennoch am nächsten Tag zur Arbeit erscheint, kommt es zur Auseinandersetzung mit Friendly und seinen Leuten. Terry wird brutal zusammengeschlagen, sein Kampf gegen die korrupte Gewerkschaft scheint verloren. Der Hafen-Unternehmer erscheint und fordert die Arbeiter wieder zur Arbeit auf, doch diese bleiben wie gelähmt stehen. Pater Berry und Edie motivieren den am Boden liegenden ehemaligen Boxer Terry wieder in den „Ring“ zu steigen „nur eine Erste Runde“ sei verloren. Terry kommt zwar schwankend, aber doch, wieder auf die Beine und geht den Arbeitern voran als Erster durch das Hafentor zur Arbeit; sämtliche Hafenarbeiter folgen nun ihm. Die Gewerkschaft ist ihrer Macht beraubt und ausgesperrt. Friendlys Macht ist gebrochen. Pater Berry verspricht, gemeinsam mit Terry eine neue Gewerkschaft ohne Korruption zu gründen.

2021-02-06 Filmfest Cinema 2021Rezension

Nachdem wir zuletzt einige weniger relevante und enttäuschende Filme besprochen haben  , nachdem wir andererseits der Klassiker ein wenig müde wurden, sind wir froh, zurück zu sein und wieder ein Highlight der Filmgeschichte besprechen zu können. (Anmerkung anlässlich der Publikation auf dem Filmfeste im Jahr 2021: bezogen auf den Zeitpunkt der Erstellung des Entwurfs im Jahr 2014). Was immer man über die Hintergründe des Films sagen mag, über Elia Kazan, das HUAC und wie man über das Method Acting denkt, dies ist einer der besten Filme seiner Art, gedreht im bestmöglichen Jahrzehnt für große Dramen.

Wir sehen Lee J. Cobb als „Johnny Friendly“, einen irischstämmigen Gewerkschaftsboss, der schon ahnen lässt, was er in „Die zwölf Geschworenen“ als der letzte Gegner von Henry Fonda, der alle anderen Geschworenen rumkriegt, an schauspielerlischer Klasse anbieten wird. Auch seine Darstellung ist Method Acting, kein Zweifel. Sie wirkt aber so lebensecht, dass man gar nicht anders kann, als sich an die Wasserfront versetzt zu fühlen und es hilft ungemein, wenn man selbst schon mit Unternehmern zu tun hatte, die pathologische Züge aufwiesen, möglicherweise ebenfalls gespeist aus der Idee, es der Welt zeigen zu  müssen. Man versteht diesen Typ aber auch ohne Realreferenzen, denn bei ihm und seiner Kamarilla gibt es keine Zweideutigkeiten.

Nur bei Charlie Malloy, Terrys älterem Bruder, der in eine Zwickmühle gerät und von Friendlys ausführenden Organen ebenfalls getötet wird, obwohl er die Nummer zwei in der Gewerkschaft war. Diese darf man sich nicht wie die handzahme und gepflegte ver.di vorstellen. Das amerikanische Arbeitsleben ist gekennzeichnet von einer Härte, die man sich hierzulande auch nach dem sozialen Downgrading in den 2000ern kaum vorstellen kann. Zumindest, wenn man die Zustände, die Mitte der 1950er in den Docks von New York herrschen und wie „Die Faust im Nacken“ sie zeigt, für bare Münze nimmt.

Dass die Gewerkschaften dort kleinteilig und regional sind, oftmals jedenfalls, dass sie eher das geschäftsträchtige Paktieren mit der Mafia im Auge haben – das in „Die Faust im Nacken“ nur in einer einzigen Szene angedeutet wird – als die Interessen der Arbeiter, das ist alles belegt. Dass diese noch in den 1950ern Tagelöhner waren, die jeden Tag um einen Job betteln oder kämpfen mussten, hat uns dann doch überrascht. Wir haben demnach, egal, ob die Verhältnisse übersteigert dargestellt wurden oder nicht, die niedrigste Klasse der Abhängigen vor uns, die man sich vorstellen kann, Lohnsklaven, die aber offenbar, wenn sie sich richtig verhalten, gar nicht so schlecht verdienen und immerhin ihren Töchtern ein konfessionelles Internat bezahlen können. Nur, wenn man geschnitten wird, wie Terry Malloy, nachdem er gegen Friendly vor Gericht aussagt, dann steht man sehr schnell vor dem Nichts, denn die Gewerkschaftshelfer bestimmen, wer einen Job bekommt und wer nicht. Kein Wunder, dass ein solches Leben am besten in gedeckten Farben und vor wenig erbaulichen Kulissen gefilmt wird, in den schmutzigen Docks und den Laderäumen der Frachtschiffe, in dunklen Seitenstraßen und Hinterhöfen und auf den Dächern, auf denen es symbolische Zuchttauben und schon eine Menge Fernsehantennen gibt, die wie kalte, bedrohliche Gitterstäbe in den schmucklosen Himmel ragen.

Aber in dieser Tristesse, die für einen amerikanischen Film jener Jahre besonders authentisch dargestellt wird, gibt es einen blonden Engel, gibt es Liebe und Vertrauen und Erlösung, und mag das auch konventionell sein und zudem mit einer deutlichen christlichen Symbolik unterlegt, es wirkt und es wirkt auch, weil Eva Marie Saint Film dieses Mädchen, das Terry Malloy auf die Seite des Guten zieht, wundervoll intensiv spielt, manchmal auch ein wenig irritierend, aber nicht so deutlich methodlastig wie Brando seinen Terry. Sie erhielt für ihre Rolle den Oscar (als beste Nebendarstellerin). Die IMDb weist aus, dass sie das Rollenrennen um die Edie erst im letzten Moment gegen die jüngere Elizabeth Montgomery gewonnen hatte – trotz der Befürchtung, die Dreißigjährige würde als Teenie nicht mehr durchgehen. So haben wir sie aber auch nicht wahrgenommen, sondern als junge Frau Anfang Zwanzig, christliches College, das sie besucht, hin oder her.

Die zweite irritierende Figur im hervorragenden Tableau ist Karl Malden, dessen Nennung wir uns bis zu dieser Stelle aufgespart haben.

Er gibt einen Priester, der ein wenig aus dem Nichts heraus den Aufstand gegen Johnny Friendly aufbauen will und deswegen auch auf Terry einwirkt. Seine Darstellung ist dergestalt, dass wir zwischnzeitlich dachten, er will Malloy reinlegen und macht in Wahrheit gemeinsame Sache mit der Gewerkschaft. Das kommt daher, dass er, in manchen Szenen mehr, in anderen weniger, auf eine seltsam aufgesetzte Art pathetisch wirkt, die den Eindruck hinterlässt, im Hintergrund, im Inneren des Mannes läuft ein anderer Film ab als der des Gottesmannes, der den Menschen ihr würdeloses Leben bewusst machen will. Zeitweise hat uns die Figur im Ganzen gestört, weil in einen guten Arbeiterfilm, ein linkes Werk also, die Kirche nicht hineingehört. Aber wir sind nicht in Russland, sondern in den konservativen USA der 1950er, wo Regisseur Elia Kazan gerade die HUAC überstanden hatte, weil er gegen linke Mitstreiter ausgesagt hatte. Da empfahl es sich, einen starken christlichen Touch einzubauen, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen.

Missverständnisse dergestalt zum Beispiel, dass der Film zu systemkritisch ist. Das ist er nämlich nicht, zu deutlich und auch ein wenig scheinheilig werden die Verhältnisse auf dem gezeigten Dock als außergewöhnlich dargestellt. Daher die Bemerkung zu den anderen, guten Gewerkschaften, die es sonst überall in den Häfen der USA gibt und die im System wirken, nicht gegen das System. Gekontert wird das von der bereits erwähnten Szene, in der ein reicher Mann angewidert den Fernseher ausschaltet und sich von Johnny Friendly lossagt, als dieser vor laufenden Kameras während der Anhörung vor Gericht seine Fälle davonschwimmen sieht, nachdem Terry Malloy ausgesagt hat. Ob es ein Mafioso ist, wissen wir nicht, er wirkt eher großbürgerlich,

Jedenfallsl steckt hier eine Andeutung drin, dass hinter dem Gewerkschaftler Friendly, der bis dahin komplett autark gewirkt hat, höhere Tiere stecken, Politiker, Syndikatisten, wer auch immer. Wir können sicher sein, das der Mann mit dem Butler sich nicht von Friendly abwendet, weil er dessen Tun, seine Exzesse missbilligt, sondern, weil er nicht in dessen Untergang hineingezogen werden will.

Unter dem Aspekt der Hintermänner kann man den Film allerdings auch von seinem Ende her weiterspinnen: Terry Malloy, schwer angeschlagen, schleppt sich geradezu in seine neue Position als Arbeiterführer – und wird er den Versuchungen der Macht widerstehen? Doch, wird er, weil er den Pater Berry (Malden) und die ebenso hübsche wie reine Seele Edie Doyle (Saint) auf seiner Seite hat. So eine starke persönliche Bindung zum Guten hatte Johnny Friendly nie.

„On the Waterfront“ staubte acht Oscars ab, die meisten seit „Gone With the Wind“ (1939) und ist damit bis heute einer der höchstdekorierten amerikanischen Filme. Neben denen für Eva Marie Saint und Marlon Brando als bester Hauptdarsteller den wichtigsten als besten Film, Elia Kazan wurde für die beste Regie prämiert, ebenso das Drehbuch, die Fotografie, die Dekoration und der Schnitt. Jeder einzelne dieser Oscars hält heute einer Betrachtung stand. Die Art, wie Marlon Brando, der bis Ende der 1940er nur am Theater gespielt hat, seinen Hafenarbeiter spielt, ist theaterhaft, keine Frage, man sieht, dass sich ein Schauspieler versucht in diese Figur und das Milieu, dem sie entstammt, einzufinden, einzufühlen. Er spielt nicht so extrem wie sein Fan James Dean ein Jahr später in „Denn sie wissen nicht, was sie tun“, aber deutlich subjektiver, als ein Paul Newman es getan hätte, der ebenfalls aus der Method Acting-Richtung kam. Wie unglaublich hoch Marlon Brando eingeschätzt wird, kann man hierzulande vielleicht nicht recht nachvollziehen, weil der deutsche Film ohnehin theaterlastiger ist und schon vom Stummfilm her eine sehr expressive Ausdrucksweise kennt, zusätzlich animiert durch den Expressionismus, der hierzulande entwickelt wurde und auch in den USA erheblichen Einfluss hatte.

Die frühen Hollywoodstars waren aber meist keine gelernten Schauspieler, sondern hatten sich über kleine Rollen hochgearbeitet, waren daher, egal, wen sie spielten, mehr oder weniger sie selbst. Wenn man aber zum Beispiel Brando in „Viva Zapata!“ (1952) gesehen hat (Rezension) und dann in „Die Faust im Nacken“, kann man nachvollziehen, wie sehr die Variabilität der neuen Schauspielergarde die Kinogeher und –fachleute fasziniert hatte. Trotzdem haben uns die Figuren, die ein wenig zurückgenommener gespielt haben, in „On the Waterfront“ mindestens genauso gut gefallen, weil sie authentisch gewirkt haben. Die Hafenarbeiter waren mit Männern besetzt, die ein wenig vom Leben gezeichnet, zerknittert, einfach wirkten, während Brando als Dreißigjähriger zwar einen Dreißigjährigen spielt, aber auch nicht älter wirkt.

Sicher ist dies auch dadurch begründet, dass er durch seine Connections immer die guten, wenig anstrengenden Jobs hatte und dadurch, dass er seine Boxerkarriere frühzeitig an den Nagel gehängt hat – nach einem verschobenen Kampf. Bei der Schiebung spielt auch sein Bruder eine Rolle und im Dialog mit ihm sagt Marlon Brando eines der berühmtesten Filmzitate aller Zeiten: „You don’t understand! I coulda had class. I coulda been a contender. I could’ve been somebody, instead of a bum, which is what I am.“ („Du verstehst das nicht! Ich hätte was werden können, zumindest ein klasse Boxer. Und was bin ich geworden? Ein gemeiner Lump.“) erreichte Platz 3 der „100 Movie Quotes – Die 100 besten Filmzitate aus US-Filmen aller Zeiten“ gemäß AFI-Hitliste, Stand 2005. Anhand der deutschen Übersetzung merkt man, dass man die Synchronisierung auch gerne zur Akzentuierung von Sätzen verwendet, anstatt sie wörtlich zu übersetzen, was in diesem Fall auch problemlos möglich gewesen wäre.

Die Dramaturgie des Films ist erstklassig. Die Exposition eher ruhig, dann steigert sich das Drama kontinuierlich und erreicht seinen Höhepunkt in der Prügelszene zwischen Malloy sowie Friendly und dessen Leuten. Wir haben schon angedeutet, dass der Schluss eine Weitergabe der Macht von einem Unterdrücker an den nächsten bedeuten könnte, so haben es Kritiker teilweise gesehen: Das eher freudlose Ende, dass alle wieder zur Arbeit gehen, jetzt hinter Malloy her anstatt hinter Friendly, wurde sogar als faschistisch angesehen: Es gibt keine Befreiung der Indivduen, der Arbeiter. Der alte Führer ist gestürzt, es lebe der neue Führer. Das hat uns dann doch verblüfft und belegt vielleicht mehr das Klima, in dem der Film entstanden ist, als dass es etwas über ihn selbst aussagt. Wenn man es nämlich so sieht, dann sind alle Filme, die Helden entstehen lassen, denen andere Menschen bereitwillig folgen, faschistisch. Also die meisten aller amerikanischen Epen. Aber so kann’s gehen, wenn man, wie Regisseur Elia Kazan, eine zweifelhafte Rolle bei den McCarthy-Ausschüssen gespielt hat und Kollegen denunzierte. Die Kritik ist nun einmal mehrheitlich linksliberal gewesen, im Amerika der 1950er, die Journalisten haben ihr Handwerk in der Roosevelt-Ära gelernt und häufig gegen den Konservativismus der neuen Zeit angeschrieben. Ähnliches hat sich dann in den 1980ern ereignet.

Vielfach, und da steckt womöglich etwas dahinter, wird die Tatsache, dass Malloy schließlich vor Gericht aussagt, als Rechtfertigung Kazans für sein oben genanntes Verhalten angesehen, weil im Film klar wird, dass Malloy damit etwas Gutes tut. Es gab sogar eine Drehbuchvariante, in der die Gewerkschafter Kommunisten sein sollten, aber das hat man verworfen. Glücklicherweise. Es gibt kaum einen amerikanischen Film, der den Konflikt jener Zeit offen anspricht, aber viele Kinowerke enthalten Anspielungen darauf oder können als Gleichnisse angesehen werden.

Die Bildsprache hat einen hohen Symbolanteil – den höchsten wohl in den Szenen, die sich mit der Taubenzüchterei auf dem Dach befassen, die in anderen Filmen später gerne zitiert wurde. Die Tauben stehen für die Freiheit, aber sie kehren freiwillig zu ihren Besitzern zurück. Sie werden allein und schutzlos gelassen, als ihr Besitzer und Züchter ermordet wird, Malloy nimmt sich ihrer an und betont ihre Treue trotz Möglichkeit, das Weite zu suchen. Wer frei ist, kann sich also auch freiwillig anbinden. Als Malloys junger Freund alle Tauben Malloys tötet, aus Enttäuschung über dessen „Verrat“, ist auch die Freiheit in Gefahr. Die Tauben sind auch als Friedens- und Freiheitsboten zu verstehen. Eine Szene ist besonders auffällig: Da sitzen Malloy und der Junge im Verschlag, werden durch den dünnen Maschendraht gefilmt, während oben die Tauben sitzen und hin- und wegfliegen. Sie sind schon frei, während die Männer unten noch Gefangene ihrer Gedanken und falschen Loyalitäten sind. Die Gittersymbolik wird im Film mehrfach eingesetzt, auch in einer Szene mit dem Priester, in der Brando nach einer Aussprache mit ihm, die hinter einem Gitter stattfindet, um den Zaun herumgeht, nach draußen, und dort Edie trifft. In dem Moment befreit er sich endgültig, auch wenn er mit Edie noch nicht übereinkommt. Man sieht ihn durch die Gitterstäbe, aber er ist nicht drinnen, sondern draußen, die Szene ist auch auffällig hell ausgeleuchtet und die Sonne scheint, was wir sonst in „Die Faust im Nacken“ nie sehen.

Natürlich gibt es auch christliche Metaphorik. So sehen wir zum Beispiel ein Kreuz mit einem Christus im Hintergrund, als Terry und Edie einander näherkommen – diese Verbindung, die von Edies christlicher Einstellung profitiert, ist also von Gott gesegnet und ebenfalls heller ausgeleuchtet als die meisten anderen Szenen. Diese Liebe verspricht Erlösung und wird Terry Malloy helfen, das Richtige zu tun. Anfangs gerät Edie in seinen Bann und sie sitzen in einer Bar und sie trinkt sogar Alkohol, weil er möchte, dass sie ihn probiert, doch im Verlauf des Films dominiert ihre Persönlichkeit ihn immer mehr. Sicher ist ihre Figur sehr engelhaft angelegt, sehr lichtseitig und schafft zusammen mit dem Priester ein Gegengewicht gegen die Gewerkschaftsgangster, das am Ende siegen muss, aber sie ist eben gut gespielt und bindet den Zuschauer emotional. Die reinere Lehre wäre es wohl gewesen, all dies wegzulassen und sich nur auf den Kampf zu konzentrieren.

Einige Filme der 1930er haben das bereits getan, vor allem die realistisch wirkenden Gangsterdramen, die überwiegend von den Warner Brothers produziert wurden. Da gibt es manchmal kein echtes Gegengewicht zu den übermächtigen Gegnern des Helden, demgemäß kommt es vor allem in den frühen 1930ern häufig zu keinem Happy End. Doch die 1950er waren nicht so schlicht und kompromisslos.

Finale

Hätte „Die Faust im Nacken“ nicht die kleinen ideologischen Überbetonungen, die spätere Sozialdramen nicht mehr zeigen, wäre er der perfekte Film in seinem Genre, weil er dichter und schnörkelloser ist als die meisten sozialkritischen Filme, die in der Folgezeit und in klassischer Form bis in die frühen 1960er Jahre entstanden, meist in Schwarz-Weiß gefilmt, was in jener Zeit mehr und mehr zum Kennzeichen es ernst gemeinten, anspruchsvollen Werkes wurde.

So ist er nur beinahe perfekt. Bisher haben wir aber den perfekten Film nicht ermittelt, daher sind die 9/10, die wir vergeben, beinahe die Höchstwertung (einmal haben wir in über 300 Rezensionen 9,5/10 ermittelt). Anmerkung zum in Klammern gesetzten Satzteil: Bezogen auf den Stand 2014, als der Entwurf des Textes verfasst wurde.

90/100

© 2021 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Elia Kazan
Drehbuch Budd Schulberg
Produktion Sam Spiegel
Musik Leonard Bernstein
Kamera Boris Kaufman
Schnitt Gene Milford
Besetzung

 

 

 

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