Das Wunder von Wustermark – Polizeiruf 110 Episode 196 #Crimetime 947 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Brandenburg #Voigt #Krause #ORB #Wunder #Wustermark

Crimetime 947 - Titelfoto © ORB / RBB 

Ein Wunder von einem Polizeiruf mit Jung-Krause und großer Besetzung

Stimmt. Der Einstieg war etwas plötzlich. Aber dass „Das Wunder von Wustrmark“ die Fortsetzung eines von der Kritik geliebten Films namens „Totes Gleis“ ist, hat uns erst die nachträgliche Recherche offenbart. Warum man den „ersten Teil“ jetzt nicht ausgestrahlt hat, sondern nur den zweiten – nun ja, was wissen wir schon über die geheimnisvolle Programmplanungspolitik der ARD-Sender. Dadurch können wir leider auch nicht nachzeichnen, ob der erste Teil wirklich um einiges besser ist als das, was wir gestern Abend gesehen haben und warum jener Fall 160 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, nicht aber die Fortsetzung. Obwohl in dieser schon Horst Krause mitspielt. Also steht in der -> Rezension nichts Vergleichendes, aber doch einiges zum Fall 196.

Handlung

Herbert Krolikowski verkauft in Wustermark Großflughafenkleinaktien für den in Kürze beginnenden Bau des Internationalen Flughafens Berlin-Wustermark. Richard Lansky will 30.000 D-Mark in Aktien investieren, kommt jedoch zum Glück etwas zu spät. Kriminalhauptkommissarin Tanja Voigt nimmt Krolikowski wegen Betruges fest. Ein Jahr später wird er zu sechs Jahren Haft verurteilt, war ein Flughafen doch nie geplant. Melker Werner Sommer, der den Kauf von Aktien im Dorf beworben hatte, erhält wegen unwissentlicher Beihilfe eine Haftstrafe auf Bewährung. Die Einwohner von Wustermark haben hohe Summen an Krolikowski verloren, darunter neben Polizeihauptmeister Horst Krause auch Maria, die inzwischen Lanskys Frau geworden ist. Da das Geld nie aufgetaucht ist, vermuten die Einwohner, dass es versteckt wurde. Lansky schreibt im Namen der Einwohner Wustermarks einen Brief an Krolikowski, den Horst Krause persönlich im Gefängnis abgibt. Dabei transportiert er auch Werner Sommer als blinden Passagier mit. Sommer gelingt es, Krolikowski aus dem Gefängnis zu befreien, will sich Sommer doch im Dorf mit der Wiederbeschaffung des Geldes rehabilitieren. Beide fahren zu Krolikowskis früherem Büro, das inzwischen jedoch weitervermietet wurde, sodass das Geld im Büro unerreichbar scheint.

Beide kehren nach Wustermark zurück. Hier eröffnet Jobst Dettmann gerade seine neue Videothek, wobei er als Stargast Dolly Buster eingeladen hat. Den Massenandrang vor Ort nutzt Krolikowski, um Maria aus ihrer Kneipe zu entführen. Von Lansky fordert er die Beschaffung des Geldes im Tausch für Marias Leben. Tanja Voigt, die im Fall des entflohenen Krolikowski ermittelt, wird von Lansky, Dettmann und Sommer mit Schlafmittel ausgeschaltet, nachdem sie ihr von Marias Entführung berichtet haben. Sie mieten sich anschließend im Büro über Krolikowskis ehemaligem Büro ein, seilen sich ins Stockwerk darunter ab und brechen in Krolikowskis ehemalige Büroräume ein. Das Wachpersonal des Gebäudes wird unterdessen von Dolly Buster abgelenkt, die von Sommer instruiert eine Marilyn-Monroe-Imitation samt fliegenden Kleid gibt. Lansky und Dettmann finden das Geld in einem Türrahmen. Dettmanns Kaninchen Pronto löst schließlich geplant die Alarmanlage des Gebäudes aus, sodass die beiden Männer im entstehenden Chaos fliehen können.

Tanja Voigt hat unterdessen mit Horst Krauses Hilfe die Spur eines Lieferwagens verfolgt, in dem womöglich Maria entführt wurde. Voigt beobachtet, wie Krolikowski und Lieferwagenbesitzer Hecht die gefesselte Maria in den Lieferwagen verfrachten, um mit ihr zum Treffpunkt der Geldübergabe zu fahren. Tanja Voigt kann Maria befreien und stattdessen selbst zur Geldübergabe mitfahren. Hier überrascht sie Krolikowski, der nach seiner „Ladung“ sehen will, und verhaftet ihn.

Lansky und Dettmann beginnen wenig später mit der Rückzahlung der Aktiengelder an die Einwohner Wustermarks. Tanja Voigt erscheint, da sie inzwischen vom Einbruch im Bürogebäude erfahren hat. Zwar wurden keine Fingerabdrücke festgestellt, wohl aber Kaninchen Pronto gefunden. Tanja Voigt weiß, dass Dettmann der Besitzer von Pronto ist, sodass die Männer nun sicher sind, verhaftet zu werden. Tanja Voigt jedoch gibt Dettmann den Hasen wieder und merkt an, dass „sowas“ sie ihren Job kosten könnte.

Rezension

In der Tat verlor Katrin Sass, die Darstellerin von Tanja Voigt, nach diesem Film den Job als Ermittlerin für den ORB in Brandenburg. Aber nicht wegen ihres eigenmächtigen Vorgehens am Ende von „Das Wunder von Wustermark“, sondern wegen ihres Alkoholismus. Die Schlussszene könnte auf ein zu dem Zeitpunkt geplantes Ende ihrer Tätigkeit hinweisen, offenbar war aber der Auslöser ein Ereignis, das nach dem Abschluss der Dreharbeiten stattfand. Schade irgendwie, denn bis Buckow und König kamen, fehlte dem Polizeiruf eine Schiene, in der es mal knackig und derb zugehen durfte, mit Wanda Rosenbaum und Johanna Herz als Nachfolgerinnen war das nicht drin – und Krause hatte sozusagen die Alleinaufgabe, in die Brandenburger Polizeirufe das Bodenständiges einzubringen. Freilich, viele Tatort-Schienen kennen das Bodenständige überhaupt nicht.

Was es bewirken kann, verbunden mit viel Humor, sieht man aber in „Das Wunder von Wustermark“, der deutlich von den damals neuartigen Nachwende-Komödien von Regisseuren wie Detlef Buck beeinflusst wurde, sicher traf das mindestens ebenso auf den vier Jahre zuvor entstandenen „Totes Gleis“ zu, der insofern den Vorteil hatte, dass er Polizeiruf-Avantgarde darstellte. Auch in der DDR gab es schon Anflüge von Humor und manchen schräg gezeichneten Charakter in dieser Reihe, aber eine solche Krimikomödie, wie „Das Wunder von Wustermark“ war schon deshalb nicht denkbar, weil am Ende alle Augen zugedrückt werden, damit die Dorfbewohner ihr Geld zurückbekommen können und diejenigen, die es beschafft haben, dafür nicht einfahren müssen.

Nun wissen wir auch, woher die WDR-Tatortmacher den Namen für „Das Wunder von Wollbeck“ entliehen haben, einen Film aus Münster. Leider einer der weniger witzigen mit Thiel und Boerne, während der Film mit dem Nicht-Flughafen aus dem Jahr 1998 von einem der wohl besten Ensembles profitiert, das je am Set eines Polizeirufs oder Tatorts zusammengespielt hat. Allein Ben Becker und Otto Sander sind den Film wert – wenngleich jeder von ihnen viele bessere Einzelleistungen gezeigt hat als das, was in diesem Zusammenwirken möglich war. Ein Ensemblefilm ist eben keine Solo-Show, aber die Präsenz ersetzt die Tour de Force, und das kann ja auch mal ganz nett sein – zur Abwechslung und wenn sich die Kolleg*innen gut verstehen. Zumindest vor der Kamera hat Horst Krause keine Berührungsängste, diese Größen betreffend, aber auch er ist natürlich in diesem Spiel nur einer von vielen, die kurze, einprägsame Szenen haben.

Etwas hat man sich damals noch nicht getraut, was wenige Jahre in Münster sozusagen in die Fernsehkrimilandschaft eingeführt wurde: Klamauk mit Morden zu verbinden. Danach kamen ja unzählige Filme, in denen aufgekratzte Ermittler*innen auf allzu flockige Weise mit schweren Verbrechen umgingen, aber der wenig pietätvolle Umgang mit Todesopfern in Münster und anderswo brauchte eine gewisse Vorbereitungszeit, etwa zwanzig Jahre neoliberale Indoktrinierung waren durchaus notwendig, damit Menschenopfer wieder herzhafte Lacher auslösen konnten. Die Corona-Krise hat nun dazu geführt, dass auch der Wunsch, zum Beispiel Ältere und Kranke mal schnell loszuwerden, wieder offen vorgetragen werden darf, ganz diesem nun eingeübten Muster folgend: Erst wird alles kaputt gespart, die Konsequenzen folgen in einer Sonderlage auf dem Fuß.

Und wer fühlt sich angesichts des geplanten Großflughafens in Wustermark an gewisse reale Vorgänge erinnert, die sich nun schon seit fünfzehn Jahren hinziehen? Dass ein internationaler Flughafen außerhalb von Berlin entstehen sollte, der die zu engen City-Airports ablöst, war sicher schon 1998 im Gespräch und absehbar, aber man hat dann die andere Seite genommen, die östliche. Wustermark  hingegen liegt westlich von Berlin im Havelland. Es ist bemerkenswert, dass man für den Film eine reale Gemeinde kenntlich gemacht hat, üblich ist das zumindest heute nicht mehr, weil das Image des brandenburger Umlands nicht durch gar zu dörfliches Gepräge oder gar durch das Zeigen von Niedergang und Verwahrlosung der Substanz negativ beeinflusst werden soll. Anders ausgedrückt: Die Orte würden wohl kaum die Zustimmung zur Verwendung ihres Namens erteilen, die durch die Dreharbeiten immerhin kurzfristig einen gewissen Auftrieb erfahren. Wustermark zählt heute zu den Berliner Umlandgemeinden, die sogar einen dauerhaften Zuwachs verbuchen können, die Einwohnerzahl wuchs seit der Erweiterung des Gemeindegebiets, die in dem Jahr stattfand, als auch der 196. Polizeiruf dort gedreht wurde, von ca. 7.500 auf ca. 9.500 Einwohner. Anders als die östlichen Regionen Brandenburgs ist das Havelland generell ein beliebtes Zuzugsgebiet.

Finale

Regisseur Bernd Böhlich, Jahrgang 1957, hatte bereits in der DDR-Zeit seinen ersten Polizeiruf inszeniert, das gelungene Beziehungsdrama „Eifersucht“ – und wer spielte darin bereits mit, wenn auch nicht unter eigenem Namen? Horst Krause. Mittlerweile betreut Bernd Böhlich seinen offenbar Lieblingsdarteller in den Spin-Offs, die alle mit „Krauses …“ beginnen („Krauses Welt“, „Krauses Glück“ etc., im Jahr 2021 wird „Krauses Zukunft“ erscheinen, die gibt es also) und die von skurrilen Figuren leben, wie man sie auch in „Das Wunder von Wustermark“ sieht. Dieses selbst hat ebenfalls eine Art Fortsetzung: Den 2005 entstandenen Polizeiruf „Dettmanns Welt“, für den noch einmal Ben Becker und Otto Sander verpflichtet werden konnten.

Über den Film selbst haben wir jetzt noch nicht so viel geschrieben. Realistisch ist er nicht, sondern eben eine satirisch angehauchte Krimikomödie, vergnüglich allemal, obwohl die Darstellung von Arabern für die Verhältnisse von 1998 schon etwas antiquiert wirkt, vorsichtig ausgedrückt, weil das Bild von ihnen damals in Berlin, in dem ein Teil des Films spielt, schon nicht mehr durch exotisch wirkende Scheichs bestimmt war.

Whatever, wir musten beim Anschauen eines Polizeirufs vermutlich noch nie so viel lachen. Vielleicht zeigt man uns in diesen nicht einfachen Tagen noch „Totes Gleis“, damit sich die Befreiungsmomente wiederholen lassen, die wir mit den reingefallenen Flughafeninvestoren erleben konnten. Einen ernsten Hintergrund gibt es für solche Vorgänge selbstverständlich immer: Was gezeigt wird, steht für all die vielen Fehlinvestitionen, die kapitalismusunerfahrene Menschen in den neuen Bundesländern vorgenommen hatten, aber auch „Wessis“ waren darunter. Der Halunke, der die anderen um eine Million D-Mark erleichtert, ist aber ein Typ aus der Region, das muss man dem Film geradezu anrechnen. Auch wenn es möglich ist, dass „Totes Gleis“ mehr zeigt, vergeben wir für „Das Wunder von Wustermark“ schon mal

8/10.

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Bernd Böhlich
Drehbuch Michael Illner,
Jürgen Pomorin
Produktion Andrea Hoffmann
Musik Tomas Kahane
Kamera Peter Ziesche
Schnitt Esther Bartz
Besetzung

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