Die Unsichtbare – Tatort 779 #Crimetime 949 #Stuttgart #Lannert #Bootz #SWR #unsichtbar

Crimetime 949 - Titelfoto © SWR, Stephanie Schweigert

Es zerrt an den Nerven, man sieht’s den Kommissaren an

Im Eiltempo vervollständigen wir das Lannert & Bootz-Portfolio des Wahlberliners. Nach dem sehr guten „In eigener Sache“ mit der Drogenproblematik nun das Thema der illegal in Deutschland lebenden Menschen. Nach den verschiedenen Auswirkungen des gewerbsmäßigen Dealens auf die Psyche von Drogenfahndern nun die Auswirkungen die Ausermittlung eines Mordes an einer illegalen Einwanderin auf zwei sympathische Stuttgarter Ermittler. Anmerkungen wie die zur Portfolio-Vervollständigung beziehen sich auf das ursprüngliche Publikationsdatum im Juli 2013, gilt aber weiterhin, denn ab dem Tatort 797 haben wir alle neuen Episoden nach der Premiere rezensiert. Was zur Nr. 779 zu schreiben ist, steht in der nachfolgenden -> Rezension.

Handlung

Eine namenlose Tote wird an einem Seeufer gefunden. Die Stuttgarter Kommissare Lannert und Bootz versuchen, die Identität der Frau zu klären, und stellen fest, dass es sich um eine illegal in Deutschland lebende Ukrainerin handelte. Während sie das Leben von Taya Dawischenko zusammensetzen, erhalten die Kommissare Einblick in den Alltag von Menschen, die illegal in Deutschland leben und deshalb versuchen, unsichtbar zu bleiben.

Als Lannert Unterstützung von einer ebenfalls illegalen Freundin Tayas erhält, verspricht er, die Frau nicht an seine Kollegen von der Ausländerbehörde zu verraten – ein Versprechen, das Bootz‘ Geduld ziemlich strapaziert. Andererseits kommen die beiden auf diese Art den Arbeitgebern und Unterstützern der Ermordeten auf die Spur – und Tayas beiden Kindern, die sich aus Angst versteckt halten und womöglich ebenfalls in Lebensgefahr schweben. 

Rezension

Wenn man von der Prämisse ausgeht, dass das Misstrauen, die permanente Angst der „Illegalen“, die deren Leben zersetzen, sich so auswirken, dass Kommissare, wenn sie sozial denken, die Dienstvorschriften umgehen, mithin auch illegal werden müssen und nie wissen, wie selbst der beste Freund unter den Kollegen reagieren wird, dann merkt man, wie die schlechten Verhältnisse jene Guten belasten. Weil sie zwischen formalem Recht und menschenfreundlichem Verhalten eine Entscheidung treffen müssen.

So zugespitzt wird die Wirklichkeit selten sein, dass in Stuttgart ein echter Thesenkrimi entsteht, der ziemlich genau dem aus Köln bekannten Schema folgt – nämlich, dass die Kommissare miteinander auskämpfen, welcher Umgang insbesondere mit den vielen in einer Reinigungs-Hinterhof-Notunterkunft zusammengepferchten Immigrant*innen der richtige ist.

Die Dominanz dieser auf Argument und Gegenargument, auf Handeln oder Nichthandeln oder legalem oder illegalem Handeln der Exekutive aufgebauten Darstellung des Sujets zuzüglich bedrückender Kinderschicksale macht „Die Unsichtbare“ für die Verhältnisse des neuen Stuttgarter Teams anstrengend. Kein Wunder, dass sich bei dieser Sache auch die beiden Kumpels Lannert und Bootz in die Haare bekommen und beide aufpassen müssen, dass sie nicht von ihrer Vorgesetzten eins übergebraten bekommen. Jaja, in Stuttgart wirkt es seit der Einführung des heutigen Teams so, als seien die Staatsanwälte direkte Vorgesetzte von Dienststellenleitern der Kriminalpolizei.

Lukas Schust und Ella Zirzow als Deniz und Ela, die beiden Kinder der getöteten Einwanderin mussten wir umständlich recherchieren, weil die ARD und auch andere wichtige Internetquellen wie die IMDb sie in ihren Programmhinweisen unterschlagen oder nur hälftig aufführen – obwohl sie, verglichen mit Kinderdarstellern in anderen Tatorten, umfangreiche Rollen haben. Im Grunde ein Fauxpas, die Kinder der Unsichtbaren aus den Besetzungslisten herauszuhalten und sie damit auch unsichtbar zu machen, anstatt ihre Leistungen mit klarer Benennung zu würdigen.

Auch Martin Brambach in der Rolle des Kulturaustausch-Spezialisten wird nicht genannt, dabei sind auch kürzere Auftritte von ihm stets eine Show. Wie er die schmierigen oder undurchsichtigen, weichen Typen mit passender Mimik und tiefer Stimme gibt, ist sehenswert, so auch dieses Mal, wo er kurzzeitig zum Kreis der Mordverdächtigen zählt.

Vielleicht hat es damit zu tun, dass Tatorte im Jahr 2010, als „Die Unsichtbare“ erstmalig ausgestrahlt wurde, häufig als Aufhänger für die anschließende Anne Will-Talkshow missbraucht wurden, dass auch in Stuttgart spätestens mit diesem Film die didaktische Aufarbeitung von sozialen Tatbeständen eingesetzt hat. Anstatt Verdichtung und hohe Bildhaftigkeit einzusetzen, um die Emotion des Zuschauers auf wenige, klare Aussagen und einen geradlinigen Handlungsverlauf einzuschwören, wird umständlich aber auch jeder Aspekt des Lebens der illegalen Einwanderer in Deutschland gezeigt und das muss zwangsläufig den Rhythmus des Films verlangsamen und die erhebliche Anzahl von Stellungnahmen zum Thema macht es unübersichtlich.

Nicht, dass wir uns nicht klargefunden hätten mit den Hauptmeinungen zur Sache und mit dem Dilemma, in dem Lannert und Bootz stehen – dem Großreinigungsmanger, der in einem Hinterzimmer bzw. einer nicht benötigten, kleinen Lagerhalle vermutlich mehr Gewinn mit der menschenunwürdigen Unterbringung von illegalen Einwanderern verdient als mit der großen Reinigung erwirtschaftet, das Handwerk zu legen und damit die Illegalen dem Staatszugriff preiszugeben oder alles beim Alten zu lassen. Die Lösung ist genial, Bootz informiert die StA darüber, was Sache ist, gibt aber offenbar den Menschen in der Unterkunft einen Tipp, damit sie entkommen können. Wohin und wie das möglich ist, ohne dass der Vorgang auffällt oder dass diese Leute dann irgendwo umherirren und dort auffallen, wird uns leider nicht erzählt, dazu war keine Zeit in einem so mit Infos vollgepackten Film.

Wir schreiben gerne wieder einmal: Der Tatort als Vehikel zur Darstellung von gesellschaftlichen Themen und Missständen ist wichtig, weil nirgends sonst ein so großes Publikum so brav vor dem Bildschirm versammelt ist, aber, wie neueste Folgen wieder bewiesen haben, es geht auch ohne dieses In-die-Breite-Ziehen, das am Ende plötzlich zu einer ganz engen Gasse wird, in der sich der Strom der Ermittlungsarbeit in rasender Eile bewegt. Schwupps, ein Lebensgeständnis, darauf, schwupps, ein Tatgeständnisn inklusive Angabe zum Aufenthaltsort der beiden Kinder, und die Sache ist gelöst. Es ist ganz logisch, es geht bei diesem Handlungsaufbau kaum anders. Und zwar nicht nur deswegen, weil konsequente Ermittlungsarbeit mehr Zeit in Anspruch genommen hätte, sondern auch wegen der misslichen Tatsache, dass alle zwei Minuten zwischen vorschriftskonformem Vorgehen und dem Schutz der illegalen Einwanderer hätte entschieden werden müssen – und nicht alle zehn Minuten.

Schon interessant übrigens zu sehen, dass Lannert, der weit mehr als Bootz Umwege ums Dienstrecht machen will – zumindest scheint es über weite Strecken so – die Ukrainerin Nadja ebenfalls missbraucht. Um mehr aus dieser Wissensträgerin herauszubekommen, nutzt er ihre rechtlose Stellung, und dies auch noch auf eine momentweise recht rüde und wenig empathisch wirkende Art. Das hat uns verblüfft, aber – auch dieses Vorgehen ist der Konzeption geschuldet. Irgendwie muss ja mal was vorangehen, auch wenn die Art, wie das Vorankommen in den Ermittlungen erzeugt wird, der sozialen Haltung dessen, der dies ohne Absprache mit dem Kollegen Bootz zustande bringt, widerspricht. Es geht dabei vor allem um den Ton, den Lannert zeitweise Nadja gegenüber anschlägt.

Dafür gibt es aber in dem Schuldirektor einen noch eindeutigeren Gutmensch als Lannert, wer es bis dahin nicht verstanden hat: Die Abschiebepraxis in Deutschland ist eine Riesensauerei. Pikanterweise liegt im Schulwesen die vergleichsweise schwach ausgeprägte Ermittler-Privatverbindung begründet, die jeder Tatort heutzutage vorweisen muss, um von den Sendern genehmigt zu werden.

Kein großes Drama mit der eigenen Familie oder Kollegen, sondern lediglich eine etwas lernunwillige Tochter, ein Minderleister-Kind, das der sehr fleißigen Immigrantentochter Ela gegenübergestellt wird. Die beiden gehen in dieselbe Schule und Bootz stellt pikiert fest, dass Ela weitaus mehr Fleißvermerke mit nach Hause bringt als sein Sprössling. Das löst eine häusliche Debatte über Luxusprobleme gegenüber existenziellen Nöten aus. Dabei wird an einer Stelle ein Fenster zu einem weiteren Thema geöffnet: Wie kann man Kinder Kinder sein lassen und gleichzeitig darauf hinwirken, dass sie sich mit zu lässiger Einstellung nicht die Zukunft verbauen? Die Antwort ist einfach: Solange alles nur an Leistung in Geld und Sozialprestige nach heutigen Maßstäben gemessen wird, ist das Dilemma nicht aufzulösen und Kinder werden weiterhin einem immer höheren Stress ausgesetzt werden müssen, damit die Eltern sich nachher sagen können, sie haben es gut gemeint – zum Beispiel, wenn die immer häufiger auftretenden neurotischen Störungen ihrer Kindheit beraubter Menschen auch bei ihrem Nachwuchs zu verzeichnen sind.

Dieser Part ist ein gutes Beispiel für Spielzeit, die man besser eingespart hätte, denn das Bildungs- und Leistungsthema lässt sich nicht sinnvoll mit der illegalen Einwanderung verknüpfen, ohne dass dies im vorgegebenen Rahmen platt und undifferenziert wirkt.

Finale

Die Schauspielleistungen in „Die Unsichtbare“ sind wieder einmal gut. Wie immer, seit das neue Team in Stuttgart im Einsatz ist (gerechnet vom Beginn bis zur hier rezensierten Folge 779). Der Rhythmus jedoch folgt Informationsbedürfnissen anstatt den dramaturgischen Anforderungen eines gut gemachten Krimis. Wenige wäre hier mehr gewesen und ob man wirklich die kleine Ela auch noch als herzkrank zeigen musste, um die Emotionen der Zuschauer zu verstärken, darf hinterfragt werden.

Manchmal liegt im etwas mehr Normalen das Beängstigende und es empfiehlt sich, nicht zu oft auf den Putz zu hauen, um in wenigen, großen Szenen etwas zu bieten, das den Zuschauer überrascht und eine Welt durch wenige präzise Striche anstatt durch ein allgegenwärtiges Desaster im Breitwandformat zeichnet.

Die Frage ist für uns also nicht, ob man jedes soziale Thema zur Tatortreife bringen muss, sondern wie eine solche Bearbeitung am besten wirkt. Aber so eine reduziert-trockene Art ist eben doch in Schwaben nicht für immer durchzuhalten. Es hat einige Folgen lang gut funktioniert, als die Sympathen Lannert und Bootz ins Rennen gingen, aber auch die nach der Folge 779 entstandenen Filme zeigen eine Tendenz zur stärkeren Schematisierung anstelle der anfänglichen Inspiration.

Insgesamt ist „Die Unsichtbare“ aber noch ein überdurchschnittlicher Tatort. Wir finden die Leistungen der Kinder wirklich gut, auch wenn Deniz ein wenig frühreif wirkt. Das ist aber subjektiv, denn in Verhältnissen, in denen ein Kind erwachsener, verantwortungsorienter sein muss als in den sehr beschützten, die wir aus unserem persönlichen Umfeld kennen, ist sein Charakter durchaus denkbar. Und das Thema ist unbeschadet seiner ausufernden Darstellung wichtig.

7,5/10

© 2021, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Thorsten Lannert – Richy Müller
Hauptkommissar Sebastian Bootz – Felix Klare
Kriminaltechnikerin Nika Banovic – Miranda Leonhardt
Jürgen Stiller – Karl Kranzkowski
Lona – Birthe Wolter
Emilia Alvarez – Carolina Vera
Daniel Vogt – Jürgen Hartmann
Fabian Stiller – Florian Bartholomäi
u.a.

Drehbuch – Volker A. und Eva Zahn
Regie – Johannes Grieser
Kamera – Jürgen Carle
Szenenbild – Peter Bausch
Musik – Jens Langbein, Robert Schulte Hemming

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