Blutige Straße – Polizeiruf 110 Episode 323 #Crimetime 950 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #Winkler #MDR #Straße #Blut

Crimetime 950 - Titelfoto © MDR, Andreas Wünschirs

Wichtige Erfahrungen für die künftige Polizeiarbeit

Wie es dazu kam, dass Herbert Schmücke im Krankenhaus weilt, wissen wir, wir haben den Vorgängerfilm „Ein todsicherer Plan“ rezensiert, in dem Schmücke angeschossen wird. Wie kann man das Beste aus einer so misslichen Auszeit machen, wenn man eine Spürnase ist? Man lässt einen Typ, der in einen aktuellen Fall verwickelt ist, zu sich aufs Zimmer legen, um ihn auszuhorchen. Man kann aber auch einen Schritt weiter gehen, wie Jungermittlerin Nora Winkler beweist. Um was es dabei und im Fall insgesamt geht, haben wir in der -> Rezension aufgeschrieben.

Handlung (Wikipedia)

Spät abends wird Sybille Bohse von einem Auto überfahren und ist auf der Stelle tot. Ein Zeuge ist davon überzeugt, dass dies mit Absicht geschah und so ermittelt die Mordkommission. Kommissar Schmücke hat sich von seiner Schussverletzung des letzten Falls noch nicht ganz erholt und befindet sich weiterhin in einer Klinik. Daher ermittelt Kommissar Schneider mit Oberkommissarin Lindner allein. Sie befragen zunächst Hans Bohse, den Ehemann des Opfers, der auffälligerweise einen Unfallschaden an seinem Volvo hat. Er erklärt, dass er und seine Frau eine sehr lockere Ehe führen und jeder seiner Wege gehen würde. Lindner spürt bei seinen Ausführungen eine gewisse Verbitterung.

Neben der Polizei ist auch die Presse sehr an diesem Fall interessiert, denn die Getötete war nach den Recherchen der Reporter durch wilde Sexpartys in „höheren“ Kreisen bekannt. Ehe Schneider und Lindner erste Anhaltspunkte finden, überschlagen sich die Ereignisse: Hans Bohse springt aus dem Fenster seiner Wohnung, was für ihn tödlich endet und auf den Journalisten Walter Klaue wird ein Mordanschlag verübt. Er recherchiert seit einiger Zeit über die Machenschaften und Verstrickungen zwischen Lokalpolitik und Wirtschaft und hatte allem Anschein nach eine heiße Story in der Hinterhand. Dem neuen Staatsanwalt Ole Mahler sind diese Andeutungen der Sensationspresse zu vage und er ermahnt die Polizei sachlich zu bleiben und solchen wilden Spekulationen nicht weiter Beachtung zu schenken. Nora Lindner lässt sich von dieser Meinung anstecken, denn sie hat sich in Mahler verliebt. Schneider will hingegen alle Möglichkeiten beleuchten.

Nachdem der Unfallwagen gefunden wird und dort die DNA-Spuren von Hans Bohse gefunden werden, geht die Polizei davon aus, dass er seine Frau aus Eifersucht überfahren und sich dann selbst umgebracht hat. Klaue ist mit viel Glück bei der Explosion seines Wohnwagens nur leicht verletzt worden, muss aber in der Klinik behandelt werden. Dort nutzt Schmücke die Chance und veranlasst, dass der Journalist mit bei ihm im Zimmer untergebracht wird. So kann er ihn „als verdeckter Ermittler“ ein wenig aushorchen.

Für Kommissar Schneider ist ein Mord aus Eifersucht wenig wahrscheinlich. Da Sybille Bohse bis vor kurzem Sekretärin bei dem „Baulöwen“ René Heintze war und sie dort von Heintzes illegalen Geschäften erfahren haben dürfte, erscheint es ihm wahrscheinlicher, dass die Frau durch ihren Tod zum Schweigen gebracht werden sollte. Schneider will für Heintzes Geschäftsräume einen Durchsuchungsbeschluss, um ihm die Korruption nachzuweisen, aber der Staatsanwalt verweigert ihm dies. Lindner kommen allmählich Zweifel an Mahlers Loyalität. Er ist der Sohn von Heiner Kern, einem Stadtrat, der nach den Anschuldigungen der Presse mit in Heintzes Geschäfte involviert ist. Nachdem der Journalist Klaue herausfindet, dass seine Recherchen, die er dem Staatsanwalt Mahler übergeben hatte, von ihm negiert werden und er behauptet, dieses Material nicht bekommen zu haben, entführt er Mahlers Vater, um den Staatsanwalt zur Ehrlichkeit zu bewegen. Er bestellt ihn zu einem Übergabeort, wo er zusammen mit Heintze erscheint, aber auch die Polizei auf ihn wartet. Lindner muss ihrem Geliebten erklären, dass die Spurensicherung beweisen kann, dass er das Unfallauto gefahren hat und die DNA von Hans Bohse dort nur zur Täuschung platziert wurde.

Staatsanwalt Ole Mahler wird festgenommen, ebenso wie René Heintze, dem man die Veruntreuung von Geldern in Millionenhöhe vorwirft und mit Klaues Recherchen auch beweisen kann.

Stimmen (zitiert nach Wikipedia)

Rainer Tittelbach von tittelbach.tv bewertet diesen Polizeiruf sehr positiv und lobt in als einen „gut getimte[n], abwechslungsreiche[]n ‚Polizeiruf 110‘, der die Generationsunterschiede bestmöglich einsetzt, gewohnt bildstark von Dror Zahavi inszeniert, vorzüglich gespielt und nicht unspannend.“[2]

Bei der Frankfurter Allgemeinen resümiert Heike Hupertz recht erheitert und meint: „Vor nicht allzu langer Zeit […] muss beim MDR jemand aufgewacht sein und die Operation ‚Frischer Wind‘ in Angriff genommen haben. Da jetzt beim Sender sowieso eiserne Besen kehren (sollen), mag man sich gedacht haben, ist die Gelegenheit günstig, eine paar alte Zöpfe mit abzuschneiden.“ Alles in allem ist ihrer Meinung nach „der bisher so behäbige ‚Polizeiruf‘ aus Halle […] nicht mehr wiederzuerkennen. Er zeigt Frische. Und das ist gut so.“[3]

Die Kritiker der Fernsehzeitschrift TV Spielfilm vergaben eine mittlere Wertung (Daumen zur Seite) und befanden Blutige Straße sei „Gut besetzt, aber doch sehr bedächtig erzählt.“ und zogen als Gesamtfazit: „Wilde Bettgeschichte, schnarchig umgesetzt“.[4]

Vor-Nachbetrachtung

Wir sind im März 2021. Nicht nur Corona hält uns seit einem Jahr in Atem, auch der Entwurf der Rezension für „Blutige Straße“ entstand bereits im April 2020. Dieser Gap ist so gewollt, damit wir eine Reserve an fast fertigen Artikeln vorhalten, die wir an Tagen mit wenig Zeit ins Rennen um die Gunst unserer Leser*innen schicken können. Gerade rezensieren wir „Sumpf“, einen Schmücke-Schneider-Tatort aus dem Jahr 1999. Überhaupt besteht bei Schmücke und Schneider immer noch eine relativ große Lücke in unserem Portfolio, während wir mittlerweile (fast) alle DDR-Polizeirufe besprochen haben – die Rezensionen sind ebenfalls noch nicht alle veröffentlicht. Im Jahr 1999 gab es noch keine schöne Nora Winkler, aber in „Sumpf“ hat man zum ersten Mal versucht, den bereits in diesem Film, drei Jahre nach dem Start des Teams, ein wenig behäbig wirkenden Herren Schmücke und Schneider eine junge Assistentin zur Seite zu stellen.

Die Idee wirkte auch damals erfrischend, obwohl die ironische und pfiffige Art der jungen Frau vielleicht nicht bei jedem Polizeiruf-Traditionalisten ankam. Zumindest gab es einen solchen Typ zuvor in der Reihe nicht. Mit Nora Winkler jedoch hätte man die Zeit nach S & S gestalten können. Leider, muss man aus heutiger Sicht rekapitulieren, hat man das nicht getan, sondern eine Variante gewählt, die in unserer schwierigen Zeit doch zuweilen etwas sehr an den Nerven zerrt: den mega-düsteren Magdeburg-Polizeiruf. Insofern ist ihre zurückgesetzte Stellung im Titelbild symbolisch, obwohl ihre Darstellerin Isabell Gerschke in „Blutige Straße“ eine besonders handlungstragende Rolle innehat. Das Bild gibt übrigens auch die Hierarchie zwischen Schmücke und Schneider sehr gut wieder.

Rezension

Die Lösung steht im letzten der oben gezeigten Kritiker-Zitate: Es ist eine Bettgeschichte, die Nora Winkler durchlebt. Wie kann man eine wilde Bettgeschichte aber schnarchig inszeniert sein? Vielleicht ist nicht die Bettgeschichte selbst gemeint, sondern das Drumherum, der 323. Polizeiruf. Die Bettgeschichte ist eine der intensivsten, die wir bisher in einem Polizeiruf gesehen haben und Isabell Gerschke spielt sie als Nora Winkler ziemlich genau so, wie wir vermutet haben, dass sie eine solche Affäre, die sich ermittlungstechnisch als Mésalliance herausstellt, spielen würde: Glaubwürdig, anziehend, intensiv – unterstützt natürlich durch eine Visualierung, die nicht daran inteerssiert ist, Distanz zu wahren. Dramaturgisch ist das richtig: Die Enttäuschung am Ende und dass sie sogar auf ihren zerstörten Traum in Person eines Staatsanwalts schießen musste, wirken dramatisch und berührend. Wir fanden es schade, dass Schmücke und Schneider nach 50 Filmen sie sozusagen mitnahmen, als sie nach 50 Fällen in den Ruhestand gingen. Besonders, weil Nachfolgerin Brasch und ihre mittlerweile drei Ermittlungspartner so gar keine emotionale Anbindung des Zuschauers mehr erlauben. Winkler-Darstellerin Gerschke hatte danach ihren eigenen Ermittlungsstrang von „Heiter bis tödlich“ (2012-2016), aber sie mal gegen Brasch zu stellen oder sie als Tatort-Ermittlerin einzusetzen,  wäre nach unserer Ansicht eine sehr gute Idee.

Leider war das Zerbrechen der jungen Liebesbeziehung vorhersehbar. Immer das Gleiche eigentlich, denn wenn sich Ermittler*innen verlieben, dann entweder in Menschen, die im Verlauf der Handlung sterben oder sich im Verlauf der Ermittlungen als Tatbeteiligte herausstellen. So wollen es wohl auch viele Zuschauer, die ihre Lieblinge nicht gerne mit irgendwelchen anderen Menschen teilen. Es sollte ihnen aber klar sein, dass sie das ohnehin tun müssen und nur Anteile im Zehnmillionstel-Bereich an den Figuren halten. Aber man darf ja mal mitträumen und dann auch traurig sein.

Der erwähnte eiserne Besen beim MDR hatte also Auswirkungen, die im Polizeiruf 323 noch gar nicht sichtbar sind: Dass gegen ihren bzw. Willen bzw. dem der Darsteller die Herberts und ihre Kollegin der nächsten Generation drei Filme später Schicht hatten. Ob das insgesamt schade war, ist Ansichtssache, sie hatten ihr Alter, daran besteht kein Zweifel, und ein sehr erfülltes Ermittlerleben über etwa 15 Jahre hinweg. Trotzdem war es schon in „Ein tödlicher Plan“ zu bemerken und im Grunde, seit ihnen Nora Winkler zur Seite gestellt wurde: Man wollte dem Halle-Polizeiruf, der Mitte der 2000er wirklich in seinen Konventionen festgefahren war, nochmal einen Schub verleihen. Die Gegenüberstellung der Generationen ist auch wirklich reizend inszeniert und wenn man so will, ist die Zerstörung des möglichen Übergangs etwas sehr Typisches für unsere Zeit: Keine Gnade mit irgendwem, auch nicht mit dem Zuschauer, der seitdem nach Magdeburg muss, um den MDR-Polizeiruf zu gucken und dort einen Passionsweg zu beschreiten hat.

Der Fall als solcher entpuppt sich immerhin als politisch-wirtschaftlich. Es sieht nach Eifersucht aus und am Ende kommt das Gegenteil heraus. Die überwiegende Variante war lange Zeit die Umgekehrte: Das Business ist nicht so schlimm, wie e scheint, hauptsächlich sind Tatmotive eben doch und nach wie vor persönlich, auf Beziehungsebene angesiedelt. Uns scheint das auch ein West-Muster zu sein, das in vor allem in den 1990er Jahren zur Blüte gelante, als man versuchte, alles zu  harmonisieren und auf die Ebene persönlichen Fehlverhaltens zu stellen, während man östlich der alten innerdeutschen Grenze gegenüber der individuellen Zurechnung aller Umstände, in die jemand gerät und aller Missstände, die sich zeigen, skeptisch blieb. An einer Stelle waren wir besonders verblüfft:

Als Schmücke und der abgetakelte Journalist Klause, die Krankenhaus-Zimmergemeinschaft, sich über ein Mafia-Buch unterhalten, in dem eine Leiche unter der Asphaltdecke einer neuen Autobahn verbuddelt wird. Was hierzulande nicht möglich wäre, denn die Kälte im Winter würde den Beton dann reißen lassen. Wirklich? Welch Zufall, dass der Verfilmung des erwähnten Buches unsere letzte Rezension vor dieser hier galt: „Der Tag der Eule“ (1968). Die Bauwirtschaft, die Politik, der Betrug, die ewige Kostensteigerung bei öffentlichen Aufträgen. Wer kennt das nicht und wer zuckt nicht mit den Achseln, angesichts des nicht auszurottenden Filzes? 

Finale

Es gibt einige sehr hübsch gemachte Momente, in diesem Film, emotional geht er steiler als das, was man von Schmücke und Schneider aus den 2000ern kennt und neben der Heraushebung ihrer Kollegin sieht man auch sie selbst durchaus sehr individuell: Schmückes Schlitzohrigkeit wird hinreichend in Szene gesetzt und Schneider – oh ja, so stellen wir uns einen Beamten vor, der gleichermaßen bodenständig wie stur wie treu ist. Wie er den Staatsanwalt zur Weißglut bringt und dieser dafür sorgt, dass auch Winkler den Schneider nicht leiden kann, das ist psychologisch stimmig und die Handlungselemente werden so angepasst, dass keine Irritiationen entstehen. Die gewisse Vorhersehbarkeit wird wohl auch den Machern des Films bewusst gewesen sein, aber es muss ja deswegen nicht komplett langweilig sein und es gibt Muster, die nicht ohne Weiteres durchbrochen werden dürfen: Schmücke und Schneider lassen, soweit wir uns an deren bisher rezensierte Fälle erinnern, keine offenen Fragen zurück.

8/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Dror Zahavi
Drehbuch Hans-Werner Honert
Produktion Peter Gust
Musik Jörg Lemberg
Kamera Ralph Netzer
Schnitt Fritz Busse
Besetzung

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