Heißkalte Liebe – Polizeiruf 110 Episode 192 #Crimetime 952 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #MDR #heiß #kalt #Liebe

Crimetime 952 - Titelfoto © MDR

Sie ist nicht von dir

Heißkalte Liebe ist ein deutscher Kriminalfilm von Rolf Liccini aus dem Jahr 1997. Es ist die 192. Folge innerhalb der Filmreihe Polizeiruf 110 und der 5. Fall für Schmücke und Schneider.

So richtig blicken wir nicht durch, wie der MDR bei der Wiederholung seiner Schmücke-Schneider-Polizeirufe vorgeht. Sie haben zwar die beiden ersten Filme kürzlich ausgestrahlt und wir haben sie rezensiert („Der Pferdemörder“ und „Lauf oder stirb“), dann aber die Nr. 3 und 4 ausgelassen und sind gleich zu „Heißkalte Liebe“ (Nr. 5) übergegangen. Wir wissen also nicht, wann genau es passiert ist. Wann was passiert ist? Es steht in der -> Rezension.

Handlung (1)

Schmücke und Schneider ermitteln diesmal im Mordfall an der Künstlerin Verena Weißenborn. Der Täter hat ihr die Höhensonne in die Badewanne geworfen, als sie gerade ein Bad nahm. Nach der Obduktion steht fest, dass das Opfer im dritten Monat schwanger war. Die Kommissare Schmücke und Schneider versuchen zunächst herauszufinden, wer der Vater des Kindes ist und ob hier möglicherweise das Tatmotiv zu suchen ist.

Von den Eltern des Opfers erhalten die Ermittler einen Hinweis auf Professor Paulus, bei dem sie Unterricht in der Kunsthochschule hat und der dafür bekannt ist, sich mit seinen jungen Studentinnen einzulassen. Für den Abend kann er zwar ein Alibi vorweisen, doch Schmücke erscheint ein Theaterbesuch zu vage. Zumal eine Journalistin bestätigt, ihn nur bis zur Pause dort gesehen zu haben. Die Recherche nach seinem auffälligen Wagen bringt zutage, dass Paulus zur Tatzeit in der Nähe von Weißenborns Wohnung war. So in die Enge getrieben gibt er zu, tatsächlich zu ihr zu gewollt zu haben, doch als er ankam, wäre sie bereits tot gewesen. Ein Anrufer hätte ihn dorthin gelockt.

Mittlerweile stürzt sich auch die Presse auf den Skandal um Professor Paulus. Dort ist zu lesen, dass er auch schon mit Weißenborns Mutter vor vielen Jahren ein Verhältnis gehabt haben soll. Die verantwortliche Journalistin erhält diverse Hinweise von einem anonymen Anrufer, auf die sich ihre Artikel stützen.

Für Schmücke und Schneider sieht es so aus, als ob hier jemand absichtlich eine falsche Fährte legt, um den Professor zu belasten. An erster Stelle fällt ihnen der Vater des Opfers ein. Paulus hatte nicht nur seine Frau und Tochter „vernascht“, sondern hatte ihm seinerzeit auch die Stellung abspenstig gemacht. Auch Sabrina Pohl, eine Mitstudentin des Opfers hatte Grund Verena Weißenborn zu hassen. Sie war vor ihr mit dem Professor zusammen und musste nun mitansehen, wie er immer nur Verena ihr vorzog.

Nachdem Peter Weißenborn dabei ertappt worden ist, wie er das Auto von Paulus angezündet hat, wird er wegen des dringenden Tatverdachts, seine Tochter getötet zu haben, verhaftet. In seiner Verzweiflung erhängt sich der Mann in seiner Zelle. Schmücke ist allerdings nicht von Weißenborns Schuld überzeugt und folgt einer Spur zu Dirk Raabe, einem Mitstudenten Verenas. Als er ihn zusammen mit Schneider aufsucht, trifft er auf einen Psychopathen, der sich so in Sicherheit wiegt, dass er in seiner Aussage einen Fehler macht. Als er sich der Tat überführt sieht, will er Schneider als Geisel nehmen und Schmücke muss von seiner Waffe Gebrauch machen. Er trifft Raabe an der Schulter und kann ihn so außer Gefecht setzen und festnehmen. Er war in Verena verliebt und konnte es nicht ertragen, dass sie weiter mit dem Professor zusammen sein wollte. Auch das Kind wäre von ihm gewesen und sie wollte es Paulus „unterschieben“. Diese Zurücksetzung hatte er nicht verkraftet und seinen Rachefeldzug begonnen.

Rezension

Wann also kam es zum ersten Mal vor, dass die anfangs sehr interessanten und flotten Polizeirufe mit den Hallenser Kommissaren zu Routineproduktionen wurden, die ziemlich schematisch wirkten? Wenn wir uns das im Wege der Rezension des fünften Falles der beiden fragen, was bedeutet dies? Dass dieser Wandel mit dem Fall 3 oder 4, spätestens aber bei Nr. 5 selbst passiert sein muss. Natürlich sind nicht alle späteren Filme der beiden so kleiderstangenmäßig wie einige aus der Mitte der 2000er, die vor einiger Zeit wieder ausgestrahlt wurden. Gegen Ende der Dienstzeit der beiden wollte man’s sogar nochmal richtig wissen, was sich z. B. darin ausdrückt, dass man ihnen eine hübsche junge Kommissarin zur Seite gestellt hat (Nora Winkler, gespielt von Isabell Gerschke).

Aber der Fall Nr. 5 hat schon einiges von dem Zauber der beiden ersten Filme mit Schmücke und Schneider verloren. Die Inszenierugn wirkt trotz des Milieus, in dem er angesiedelt ist, eher brav und auch die Figuren im Einzelnen bieten nicht so viel zum Nachdenken, wie man vielleicht denkt, wenn man liest: Wow, Inzest possible? Man hat sich nämlich nicht getraut, ihn zu zeigen, sondern stellt am Ende vorsichtshalber klar, dass er eben nicht vorlag. Das konnte das Paar, das ihn hätte ausführen können, aber nicht wissen. Eigentlich ist das doch sehr tiefgründig, wenn nicht abgründig, dennoch fehlt dem Film der richtige Wums. Obwohl er im Künstlermilieu angesiedelt ist und jeder weiß, was Künstler*innen für Gemütsmenschen sind. Aber hier sind ja noch Studenten am Werk, sie üben das Künstler*in sein erst. Stellenweise nimmt ganze Ganze leicht parodistische Züge an, die wohl nicht beabsichtigt waren.

Sowohl der Professor-Womanizer als auch die Vamp-Studentinn Sabrina waren uns etwas zu dick aufgetragen. Was uns sowieso stört: Wenn besonders wohlgestaltete Menschen nicht wenigstens als Leichen in den Film kommen, sondern nach ein paar Minuten zu solchen werden. Verschwendung in diesem System, wohin man schaut. Die Charaktere, denen man am liebsten gefolgt wäre, werden weggenommen – aber, bevor man sich richtig mit ihnen identifizieren oder sie hassen konnte, sodass Bedauern oder Erleichterung nicht die Gefühlslage des Zuschauers bestimmen – sondern Ärger. Ein leiser Groll. Dieses Problem kommt in Polizeirufen recht häufig, weil sie weniger an das Schema gebunden sind, dass der Film mit einer Leiche beginnen sollte, wie es bei den Tatorten regelmäßig der Fall ist. „Heißkalte Liebe“ konzentriert sich aber auch nicht auf die Entwicklung bis zum Verbrechen und widmet dieser die meiste Zeit, so waren viele DDR-Polizeirufe aufgebaut. Die Ermittler kamen dann über ein der eigentlichen Tat vorgelagertes weniger schweres Verbrechen ins Spiel – oder es wurde mit Rückblenden gefilmt. Ersteres war übrigens vor allem dadurch möglich, dass die „K“ offenbar nicht, wie im Westen, nicht nach Delikttypen untergliedert war – und demnach keine Mordkommission hatte.

Schwamm drüber, wir sind im Jahr 1998. Das hätte ein wunderbar trauriger Film werden können, Spuren der Vergangenheit im Jetzt, derselbe Typ hat in derselben (beruflichen) Stellung ein Verhältnis mit der Mutter, dann der Tochter. Man hätte über den Zeitenwandel wunderbar reflektieren können, wir hätten in diesem Fall auch eine Rückblende in die späten 1970er toll gefunden. Aber dann hätte man den Prof mit seiner etwas hohen Stirn, hinter der die Silberlocken beginnen, entweder sehr auf jünger trimmen müssen, möglicherweise unter Verwendung eines Toupets – oder einen anderen Schauspieler einsetzen müssen für Paulus, den Jüngeren, einsetzen müssen. Dass er nicht den Mord begangen hat, merkt man übrigens schon am Namen, sonst würde dieser doch Saulus lauten.

Der wirkliche Mörder ist hingegen eine der skurrilsten Figuren in diesem Film. Anfangs taucht er kurz auf, dann wird er in die Sommerferien geschickt und ganz am Ende kommt er wieder zum Einsatz wenn man ihn als Zuschauer fast vergessen hat. So kann man einen Whodunit selbstverständlich auch aufbauen, dass man einen Verdächtigen gleich aus dem Blickfeld stellt und sich ganz auf andere Charaktere konzentriert. Aber war der wirkliche Mörder auch der Anrufer, der die Journalistin mit News versorgte? In der Handlungsangabe steht es sinnigerweise nicht drin. Es kommen nämlich zwei Personen infrage: Der Vater der Ermordeten, der sogar selbst in Verdacht gerät, seine Tochter umgebracht zu haben – und der Mitstudent, der den Mord beging. Ganz grober Fehler: Per Stimmanalyse wird festgestellt, dass die Anrufe an die Presse nicht von Herrn Paulus stammen, aber man hätte natürlich auch checken müssen, ob es sich um die Stimme von Verenas Vater handelt und Stimmproben von allen Mitstudent*innen nehmen müssen.

Was tut man stattdessen? Schmücke beobachtet mal wieder. Die Low-Level-Ermittlungsarbeit, die wir bei den Hallensern so oft ehen. Und dadurch, dass er das tut, wird, als der Paulus quasi auserzählt ist, schön eine weitere Verdächtige ins Spiel gebracht oder in den Vordergrund gerückt: Die fesche Sabrina, der Paulus einfach ihre Kleider nachschmeißt. Das fanden wir mies, man kann jemanden auch weniger rüde abweisen. Also, eine Frau kann man – einen Mann vielleicht nicht. Weil auch den Machern des Films auffiel, dass hier etwas politisch nicht ganz korrekt sein könnte, hat man Schmücke in einer späteren Szene an der Kunsthochschule zu Sabrina sagen lassen, die zwischenzeitlich gegen Paulus – aus Rache – Anzeige wegen Vergewaltigung erstellt hat, sie schade dem Anliegen der wirklich vergewaltigten Frauen. Man hätte aber auch ohne weiteres feststellen können, dass an ihr kein Sexualdelikt begangen wurde und sich nicht darauf verlassen müssen, dass sie das zugibt. Die einzige Figur, die uns berührt hat, war Karla Weißenborn (Rita Feldmeier), weil sie so etwas Melancholisches ausstrahlt und etwas in der Art sagen darf, dass ihre Jahre als flotter Feger vorüber sind. Wenn heute die Menschen bloß auch so eine realistische Selbsteinschätzung hätten. Spaß. Man konserviert sich, solange und so gut es geht. Denn die Ansicht, dass man nur einmal lebt, hat sich mittlerweile weitehend durchgesetzt. Was nicht bedeutet, dass sie richtig sein muss.

Finale

Regisseur Rolf Liccini war überwiegend Kameramann, seine Fähigkeiten als Regisseur können wir anhand des Polizeirufs Nr. 192 allenfalls als durchschnittlich bewerten. Die Inszenierung ist zu statisch, die Figuren wirken nicht lebendig genug, als dass man mit ihnen mitgehen könnte. Und die Kamera-Arbeit? In diesem Film wird ein Jaguar erleuchtet. Man hat den Eindruck, dies sei ein exorbitantes Ereignis, aber da seit Jahren in Berlin fast jeden Tag Luxuskarossen abgefackelt werden, haben wir da auch nicht Oh! und Ah! geschrieen oder sind vor Schreck vom Sofa gefallen. Immerhin hatte der Brandstifter ein richtig glaubhaftes Motiv, das kann man bei den verwirrten Automördern unserer Tage vermutlich eher selten konstatieren.  Zumindest kann es nicht auf persönlichen Gefühlen beruhen, denn die Täter und die Besitzer der Opferfahrzeuge kennen einander wohl so gut wie nie. Vielleicht ist das auch der Knackpunkt.

Ansonsten ist uns kein besonders veriertes Kamerawerk eingefallen, aber der Speszialist dafür saß ja auch auf dem Regiestuhl. Oh nein. Wir haben gerade in der Stabliste gesehen, dass er auch die Kamera bedient hat. Dann müssen wir es so formulieren: Beides zusammen war wohl etwas zu fordernd, als dass ein in beiden Sparten, Regie und Visuelles, sehr guter Film hätte herauskommen können. Schmücke und Schneider agieren hier ebenfalls ziemlich unauffällig. Fanden wir aber besser als die allzu frohgelaunte Art, die sich in den oben erwähnten Filmen aus der Mitte der 2000er breitgemacht hatte und die irgendwie nicht so recht zu den Schwerverbrechen passt, die zu klären sind. Besonders Schmücke hat man manchmal zu selig durch seine Ermittlungen schreiten lassen und sich die mimischen Fähigkeiten seines Darstellers Jaecki Schwarz etwas zu sehr zunutze gemacht. Der allezeit brave Kollege Schneider (Wolfgang Winkler) musste das dann ein wenig ausgleichen, damit sich die Stimmung-Ereignis-Schere nicht zu sehr öffnet. „Heißkalte Liebe“ ist uns hingegen etwas zu lauwarm gewesen.

6/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursiv: Wikipedia

Regie Rolf Liccini
Drehbuch Thomas Knauf
Produktion Klaus André
Musik Axel Donner
Kamera Rolf Liccini
Schnitt Andreas Ehrig
Besetzung

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