Wie alle anderen auch – Tatort 1160 #Crimetime Vorschau 21.03.2021 Das Erste | Report oder Reality-Show? | #Tatort #Köln #Ballauf #Schenk #WDR #alle #andere

Crimetime Vorschau 21.03.2021 DAS ERSTE 20:15 Uhr - Titelfoto © WDR, Valentin Menke

Sozialreport oder Reality-Show?

„Kurz nach „Der Tod der Anderen“ (Tatort-Folge 1152) hat die Kripo Köln wieder jede Menge zu tun: Die zwei eingespielten Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) ermitteln im Tatort „Wie alle anderen auch“, einem Fall, der im Obdachlosenmilieu der Domstadt spielt. Vom Ehemann schwer misshandelt, flüchtet Ella auf die Straße. Als die junge Frau Zeugin eines Mordes wird, fahndet die Polizei nach ihr – Ella taucht bei einer zufälligen Bekanntschaft unter.“

So leitet die Redaktion von Tatort-Fans ihren Beitrag zum 1160. Tatort ein. Es zeugt nicht unbedingt von überragender Kreativität und Einfühlung in die Zuschauer*innen, dass nach nur acht Tatorten dasselbe Team wieder einen Kriminalfall mit einem so ähnlichen Titel zu lösen hat. Gleichzeitig rächt sich, dass wir eine Zeit mit dem „Rezensieren direkt nach Premiere“ ausgesetzt haben, denn ich kenne „Der Tod der anderen“ noch nicht. Hier unsere Vorschau zu dem Film. Einfühlsam erzählt sei hingegen dieser Köln-Tatort, findet ein Mitglied der Tatort-Fans-Redaktion und vergibt 4/5 Sternen. Die andere Stimme frohlockt, dass die Wurstbraterei wieder da ist und das kann ich nachvollziehen. In dieser neuen Epoche seit 2020, in der sich so vieles ändert, braucht es Rituale und Wiedererkennbares aus der guten alten Zeit vor Corona mehr denn je. Der Film ist für die Redaktion eine Empfehlung.

Der Vorgänger, also „Der Tod der anderen“, kam beim Publikum nicht gut an, habe ich gerade gesehen, als ich recherchierte, wie viele Fälle das Traumpaar Ballauf und Schenk bisher gelöst hat: Es sind 78. Wenn man von Polizeiruf-Ermittler Fuchs absieht, der hauptsächlich in der DDR-Zeit tätig war, haben nur Batic und Leitmayr aus München mehr zur Aufklärung von tödlichen Gewaltverbrechen beigetragen als die beiden Domstädter: 85 gelöste Fälle sind eine Ansage für alle Teams, die jemals kommen werden. Die Kölner arbeiten dennoch daran, Rekordhalter zu werden. Sie haben sechs Jahre weniger Zeit, um fast auf die gleiche Anzahl von Fällen zu kommen und man kann sich ausrechnen, dass sie, wenn der Trend sich fortsetzt, 2025 oder 2026 mit den Münchnern gleichziehen werden.

Was schreiben weitere Kritiker*innen?

Tilmann P. Gangloff räsoniert für Tittelbach.TV darüber, dass Themenkrimis, wofür die Kölner Spezialisten sind, Gefahr laufen, zu botschaftslastig zu sein und zu wenig spannend. In der Tat ist das, was Max und Freddy einmal so stark gemacht hat, nämlich ihre Fähigkeit zur dialektischen Behandlung fast jedes Problems, mittlerweile fast mehr in die Jahre gekommen als sie selbst und ich fände es richtig, wenn sich die Sozialtatorte wieder mehr in Richtung zeigen anstatt deklamieren entwickeln würden. Immerhin gab es das vor den Erklärkrimis der 1990er und 2000er schon einmal. Zum Beispiel in den 1970ern, als die Tatortmacher dem Publikum noch zutrauten, sich aus dem, was auf dem Bildschirm an Handlung und Verhalten von Menschen zu sehen ist, eine eigene Meinung zu bilden.

Offenbar zogen manche die in den Augen der Fernsehmacher falschen Schlüsse, weshalb man vor allem nach der Wende viel mehr Zeit in ebenjene angesprochene Dialektik investiert hat. Durch die sympathischen Köln-Cops wurden auf diese Weise auch eher gemächliche Werke ansehnlich und man konnte sich als Zuschauer darauf einlassen, weil man sich stets auf die beiden verlassen konnte. „Dass der Film als Drama durchaus sehenswert ist, hat in erster Linie mit den überwiegend kaum bekannten Schauspielerinnen zu tun, die ihre Rollen mit viel Leben füllen, jederzeit glaubwürdig sind und verhindern, dass ihre Figuren wie Fallbeispiele wirken„, heißt es bei Gangloff weiter. Vier von sechs Sternen sind für diese Publikation eine mittlere Wertung, Tatorte betreffend. TV Spielfilm hebt den Daumen für den 1160. Tatort.

„Ein Tatort, der Spuren hinterlässt„, findet Simone Sarnow im SWR-Tatortcheck: „Natürlich wissen wir auch nach diesem Tatort nicht, was es heißt, als Frau auf der Straße zu leben. Aber durch die wirklich großartige Leistung aller Schauspielerinnen bekommen wir zumindest einen Eindruck davon. Leider bleibt für mich die Spannung etwas auf der Strecke. Aber als Sozialdrama ist dieser Fall für mich stark und deshalb 4 von 5 Elchen wert. Vor allem, weil ich auch am Ende, als das Mordmotiv klar ist, noch mal einen Kloß im Hals hatte.“

Nüchterner sieht Christian Buß im Spiegel diesen Film und titelt: „1000 Wege in die Obdachlosigkeit – Tristesse de luxe: Der Kölner »Tatort« soll für das Thema Armut und Ausgrenzung sensibilisieren und verliert sich zwischen Sozialreport und Elends-Soap.“ Wem begegnen wir dabei?: „(…) einer Altenpflegerin, die nach ihren langen Schichten im Auto schläft, da sie aufgrund einer negativen Schufa-Auskunft keine Wohnung findet.“ Das erinnert mich an Reportagen aus reichen Städten der USA, in denen immer mehr Working Poor in ihren zum Glück etwas geräumigeren Autos übernachten, die für das, was sie verdienen, keine Wohnung finden. Eine Sozialarbeiterin wird gentrifziert, eine Frau flieht vor ihrem gewalttätigen Mann. Es sind dieses Mal also die Frauen, die im Vordergrund stehen und die in der Tat vielen Wege, die in die Obdachlosigkeit führen können. Nach einiger Zeit mündet der Film für Buß zu sehr in eine Elends-Soap, die den Reality Shows der Privaten ähnelt. Daher nur 4/10.

Wie auch immer unser Fazit ausfallen wird, einen Extrapunkt wird es für den silberblauen Citroen DS geben, der dieses Mal offensichtlich aus der Sammlung beschlagnahmter Fahrzeuge requiriert wurde und den beiden Recken vom Rhein als Dienstfahrzeug dient.

Handlung

Ella flieht vor ihrem gewalttätigen Ehemann und versucht, ohne Geld und ohne Freunde unterzutauchen. Die obdachlose Monika nimmt Ella unter ihre Fittiche und zeigt ihr, wie sie auf der Straße überlebt. Aber Ella lässt Monika allein, als sie in einem Schnellrestaurant Axel kennenlernt und in seiner kleinen Wohnung Unterschlupf findet.

Am nächsten Morgen ist die Person, die ihr Schutz versprach, tot. Die Kommissare Ballauf und Schenk nehmen die Ermittlungen auf.

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Oberkommissar Norbert Jütte – Roland Riebeling
Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
Kriminaltechnikerin Natalie Förster – Tinka Fürst
Ella Jung – Ricarda Seifried
ihr Ehemann Daniel Jung – Karsten Jaskiewicz
Leiterin des „em Kabäus’chen“ Regine Weigand – Hildegard Schroedter
Obdachlose Monika „Moni“ Keller – Rike Eckermann
Obdachlose Gertrud Tauenzieh – Dana Cebulla
Obdachloser Thomas Stranz – Jean-Luc Bubert
Kellner Axel Fahl – Niklas Kohrt
Altenpflegerin Katja Fischer – Jana Julia Roth
u.a.

Drehbuch – Jürgen Werner
Regie – Nina Wolfrum
Kamera – Katharina Dießner
Szenenbild – Michaela Schumann
Schnitt – Anne-Kathrein Thiele
Ton – Matthias Haeb
Musik – Olaf Didolff

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