Schmutziger Donnerstag – Tatort 862 #Crimetime 953 #Tatort #Luzern #Flückiger #Ritschard #SRF #Donnerstag #schmutzig

Crimetime 953 – Titelfoto SRF, Nikkol Rot

Masken

So hatten wir anlässlich unserer Kritik zur Erstausstrahlung des 862. Tatorts im Jahr 2013 in schlichter Weise getitelt, ohne zu wissen, was auf uns zukommen wird. Mittlerweile hat dieser Begriff eine ganz andere Bedeutung für uns alle gewonnen und was sich hinter einer simplen Schutzmaske verbirgt, wer weiß es? Was ist Realität?

Als dicht an der Realität, die Regisseur Dani Levy gemäß Interview zum Film wichtig ist, kann man „Schmutziger Donnerstag“ auf jeden Fall nicht bezeichnen, selbst, wenn man der Realität bescheinigt, dass sie sehr von der eigenen Wahrnehmung abhängt. Das kann man aber auch von den meisten deutschen Tatorten neuerer Zeiten nicht behaupten (abgesehen von den um den Jahreswechsel herum gezeigten, ernsten, sehr konzentriert wirkenden Erstausstrahlungen).

Diesen Tatort für das runterzumachen, was die Schweiz nun auch bewiesen hat, nämlich, dass sie dort schnell, bildgewaltig und skurril können, das geht schon deshalb nicht an, weil man bisher genau die Abwesenheit dessen kritisiert hat. Man muss sich schon auf eine Seite stellen. Leider ist manches, was dennoch ein wenig holprig wirkt, vermutlich der deutschen Synchronisation zu verdanken, wir empfangen das Schweizer Fernsehen hier nicht und der Film wird nicht mit doppelter Spur gesendet. Jaja, immer die Synchronisation, das leidige Thema. Ansonsten steht mehr in der -> Rezension.

Handlung

Luzern im Februar, zur Fasnachtszeit. Die ganze Nacht wird ausgelassen gefeiert. Nur Reto Flückiger will vor allem eines: so schnell wie möglich die lärmige Stadt verlassen. Doch daraus wird nichts. Franz Schäublin, Vorsteher des Luzerner Bauausschusses und aktives Mitglied der “Zunft der Wächter am Pilatus”, wird am frühen Morgen des Schmutzigen Donnerstags mitten im ausgelassenen Fasnachtstreiben erdolcht. Zeugen haben eine als Tod verkleidete Gestalt vom Tatort wegrennen sehen.

Schäublin galt als angesehener und ehrenwerter Bürger der Stadt. Erste Ermittlungen der Polizei ergeben jedoch, dass Schäublin offenbar zwei Gesichter hatte. Nun drohen die Eskapaden, die er zu Lebzeiten perfekt verstecken konnte, ans Tageslicht zu kommen. Ließ Schäublin sich erpressen, um seinen ausschweifenden Lebensstil weiterhin geheim halten zu können? Auf der Suche nach dem Täter begeben sich Reto Flückiger und Liz Ritschard in das bunte Treiben der vom Fasnachtsfieber bebenden Stadt. Sie versuchen zu demaskieren und zu entlarven, bis sie realisieren, dass der Mörder sie zum Narren gehalten hat und alles ganz anders ist, als es zuerst schien.

Rezension

Was also manchmal etwas steif rüberkommt, sind immer noch die Dialoge – weniger inhaltlich als in der Art, wie sie gesprochen werden. Und der Witz des Films erhöht sich bestimmt erheblich mit dem originalen Schwyzerdytsch.

Theamatisch ist der Film großartig, und er  zeigt Lokalkolorit. Wie hier im Karneval Masken aufgesetzt werden und Masken fallen, ist schön inszeniert. Diese Uprush immer dann, wenn größere Mengen sich zu einem Mob entwickeln, sei es beim Polizei-Briefing oder bei den Zünftlern, ist natürlich stilisiert, aber wir haben verstanden, was uns der Regisseur damit sagen wollte. Der Täter mit den tausend Masken hat etwas  zum Gruseln und zum fasziniert sein und Reto Flückiger als Huhn kommt gut – weil er so schön in Szene gesetzt wird, zwischen all den halbmaskierten Zünftlern. Leider wird uns nicht erzählt, warum er sich von diesen Morden besonders persönlich angefasst fühlt, das hätte uns interessiert. Dafür bekommt Liz Ritschard nun ein Privatleben und versteht sich mit ihrem Chef nicht auf allen Ebenen.

Der Karneval in der Schweiz hat optisch viel zu bieten. Viel alemannische Fastnacht selbstverständlich, aber auch ein wenig Carnevale di Venezia. In Deutschland heißt Karneval oder Fastnacht: Alles außer Kontrolle, aber kontrolliert. Es ist ein rituelles, institutionelles Ereignis, das vorchristlichen Bräuchen entstammt und in Metamorphosen große Zeitspannen überdauert hat. Im Rheinland gibt es die großen Wagenzüge, in anderen Gegenden dominiert die Straßenfastnacht. Die Luzerner Art, Fastnacht zu feiern, scheint eine gewisse Bekanntheit aufzweisen, das nebenstehende Bild aus der Wikpedia belegt dies (Verwendung zum vorliegenden Zweck: gemeinfrei).

Der Wunsch der Menschen, für ein paar Tage im Jahr ein anderer zu sein, ist nachvollziehbar und spielt in „Schmutziger Donnerstag“ eine zentrale Rolle. Die Idee, das Spiel mit den Identitäten in Krimis oder Dramen einzubauen, ist nicht neu, wie James Bond-Fans wissen, auch der preisgekrönte „Orfeu negro“ (1959) nimmt den Karnevol von Rio als Kulisse für eine gespenstische Schicksalserfüllung. Den Karneval als Filmkulisse gibt es natürlich auch in Deutschland, u. a. in dem Köln-Tatort „Restrisiko„. Im Krimi steht der Karneval nicht für das Auslebeneines anderen ich, sondern ist chaotisch und gefährlich, ähnlich, wie Kirmeszenen im Film Metaphern für Unordnung und Gefahr sind (exemplarisch: Hitchcock, „Der Fremde im Zug“).

Ausgelassenes Feiern hat also eine tief schattige Seite. In „Schmutziger Donnerstag“ erleben wir einen Mörder, der in  mindestens drei Fastnachtskostümen und zusätzlich in weiteren Verkleidungen auftaucht (als Polizist(in), als Restauranthelfer) und der deshalb äußerst schwer zu fassen ist. Die Idee, so etwas zu bringen, bietet sich wirklich an, aber selten ist es bisher so konsequent umgesetzt worden wie in diesem 862. Tatort.

Im Verlauf wandelt sich der Film vom Whodunnit zum Howcatchem, vom Rätselkrimi zum Thriller und nimmt im Moment des Wechsels folgerichtig noch mehr Fahrt auf. Der Kampf gegen einen Gegner, den der Zuschauer kennt und mit dem er fühlen kann, sorgt für differenzierte Emotionen. Es geht nicht einfach um den Job, wie Liz Ritschard dem Kollgen Flückiger zu sagen versucht, sondern, wie meist in Tatorten, um die Haltung des Polizisten, der das Recht durchzusetzen hat, auch wenn es vielleicht nicht gerecht ist. Mittlerweile ist dies ein Generaldilemma geworden, ein Metatrend in den neueren Tatorten. Damit auch eine Rechtsordnung in Deutschland oder in der Schweiz hinterfragt, die gar nicht perfekt und auf alle Fälle optimal zugeschnitten sein kann. Flückiger und Ritschard begehen aber nicht den Fehler, das Recht in die eigene Hand zu nehmen. Sie machen, Haltung besonders bei Flückiger hin oder her, ihren Job und übergeben den Dreifachmörder der Justiz. Dass es zu drei Morden kommen konnte, ist dem Fastnachtstrubel zu verdanken, den Flückiger am liebsten hätte abblasen lassen. Aber man stelle sich vor, in Köln passiert ein Mord – würde man den Rosenmontagszüge streichen, selbst bei akuter Gefahr? Schwer vorstellbar und noch nie aus einem solchen Grund vorgekommen.

Anhand der Faschingsmasken werden Menschen demaskiert. Ehre, heuchlerische Moral, Herzlosigkeit und Prinzipienreiterei ohne eine offzielle Rechtsgrundlage (Zunftrecht ist, wie jedes Vereinsrecht „freiwiliges Recht“, die Frage ist allerdings, wie diskrimierende Satzungspunkte zu behandeln wären, würde jemand gegen sie klagen). Die Wächter am Tor des Pilatus, die Zunft, welcher alle Ermordeten und der Mörder angehören, wirkt  krude und herzlos. Jene, die Freunde sein sollten in der Not, hauen auf jemanden ein, der Probleme hat – auf eine vorgeblich moralischen Prinzipien verpflichtete Weise.“Wer einen drogensüchtigen Sohn hat, trägt dafür auch Verantwortung“, so wird es in etwa gesagt. Über das Erfordernis persönlicher Integrietät hinaus gibt es bei den Wächtern also auch Sippenhaft, was aus deutschem Rechtsgebrauch nach den Erfahrungen des NS-Staates peinlichst entfernt wurde. Die Deutlichkeit, in der das Mitglied Franz Schäublin hier von seinen Kollegen abgeurteilt wird, ist erschütternd. Vielleicht etwas zu plakativ, aber nachvollziehbar gezeigt. In deutshen Tatorten wird bezüglich irgendwelcher Logen, Bruderschaften meist anders verfahren – deren Regularium spielt keine Rolle, alle diese Verbindungen, auch die im wörtlichen Sinn, werden eher als Kungelclubs dargestellt, die nur dazu dienen, einander Geschäfts zuzuschanzen und alte Privatfehden aufleben zu lassen.

Die Schweiz aber wendet sich nach innen, möglicherweise den Kernthemen ihres Bestands zu. Wie geht es in den ehrenwerten Gesellschaften eines Landes zu, das sich so harmonisch entwickeln konnte und nicht die heftigen Brüche hat wie Deutschland? Wie ist das Selbstbild von Leuten, die moralisch makellos sein wollen und dies auch von anderen verlangen? Es ist ein innovativer und in einer wundbaren Bildsprache umgesetzter Ansatz, die tatsächliche und scheinbare Moral zum Anlass für eine Mordserie zu nehmen.

Finale

„Schmutziger Donnerstag“ bietet in jeder Hinsicht mehr als die bisherigen Tatorte der neuen Schweiz-Reihe. Dass er einen Drall ins Abgefahrene hat, sollte man ihm nicht zum Vorwurf machen, nur, weil man den Schweizern das nicht so zugerechnet hat. Die Logik des Handelns steht nicht unbedingt im Vordergrund, aber auch das ist nicht etwa ein Sondertatbestand der Folge 862. Am Ende sitzt Reto Flückiger bei dem Jungen des nun inhaftierten Franz Schäublin im Pflegeheim und spielt mit ihm Karten. Ein ganz normales, sympathisches Ende mit Stellungnahme. Für uns ist „Schmutziger Donnerstag“ eindeutig der bisher beste der neuen Schweiz-Krimis.

8/10

© 2021, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Verschlagwortet: ArtsDani LevyDelia MayerDer KampfFreundeGermanyKarnevalLandesLiz RitschardMaskenballMetamorphosenMoviesReto FlückigerSchmutziger Donnerstag TatortSchweizer FernsehenStefan GubserSwitzerlandTatortTatort LuzernWikipediaZünfte

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