Wenn Ketten brechen (Captain Lightfoot, USA 1955) #Filmfest 413

Filmfest 413 Cinema

Brightly filmed on location

Captain Lightfoot ist ein amerikanischer CinemaScope-Technicolor-Abenteuerfilm von1955 unter der Regie von Douglas Sirk mit Rock Hudson , Barbara Rush und Jeff Morrow und die Hollywood- Adaption eines1954 geschriebenenBuches von WR Burnett . Der Film spielt im frühen 19. Jahrhundert, als der Held und sein Waffenbruder Straßenräuber werden und die Reichen von Dublin, Irland berauben . Captain Lightfoot verliebt sich und das folgende Drama bedroht die Sicherheit aller. Der Film wurde in Clogherhead , County Louth und im Powerscourt Estate in Enniskerry , County Wicklow, gedreht .

„Captain Lightfood“ ist sowohl im Werk von Hauptdarsteller Rock Hudson als auch von Regisseur Douglas Sirk (Detlef Sierck) einer der weniger bekannten Filme.

Das heißt aber nicht, dass er keinen Spaß macht. Wir kennen Sirk heute vor allem als den Regisseur, der das Hollywood-Melodram der 50er auf die Spitze getrieben hat. Darauf hat er in seinen deutschen Filmen schon hingearbeitet. Zuletzt haben wir von ihm den geradezu prototypischen „Was der Himmel erlaubt“ vorgestellt, den wir für einen der besten Sirks halten und der unser persönlicher Lieblingsfilm von diesem Regisseur ist. Mehr zu „Captain Lightfoot“ aber in der -> Rezension.

Handlung

Der junge, irische Hitzkopf Michael Martin raubt englischen Besatzern auf verschiedene Weise die Barschaft, was dazu führt, dass er aus seinem Heimatort Bellingmore fliehen muss. Unterwegs und in Bedrängnis durch eine Gruppe Dragoner, die ihn festnehmen wollen, bekommt er Hilfe durch einen Priester, der ihn mitnimmt nach Dublin.

Dieser Priester aber ist niemand anderes als der von allen irischen Patrioten verehrte Untergrundkämpfer „Captain Thunderbolt“. Dieser prüft Martins Gesinnung und nimmt ihn unter seine Fittiche, macht ihn gar  zu seinem Stellvertreter. Der Kampfname „Captain Lightfoot“ wird ihm von Thunderbolts Tochter Aga verliehen, und er ist ironisch gemeint, denn der junge Mann ist nicht nur ein Hüne, der ihr beim Tanzen auf die Füße tritt, sondern überhaupt ein roher Klotz aus der Provinz. Zu der unbekümmerten Art, wie er bisher den Freiheitskampf führte, passt der Name allerdings ausgezeichnet, denn er bringt sich mit Worten und Taten schnell in Bedrängnis – und leider im weiteren Verlauf des Films auch seinen Mentor, zudem verlieben sich Martin und Aga ineinander.

Es kommt zu einer dramatischen Befreiungsaktion und am Ende flieht Thunderbolt aufs europäische Festland – vorerst. Seine Tochter soll ihn eigentlich begleiten, doch sie bleibt bei Martin.

2021-02-06 Filmfest Cinema 2021Rezension

Eine leichtere Seite schimmert in „Captain Lightfood“ durch. Wenngleich der Film keine Komödie ist, entspricht er inhaltlich dem Originaltitel und schickt Rock Hudson auf eine charmante Weise und mit humoristisch angehauchten Dialogen in den langen, blutigen Unabhängigkeitskampf der Iren, den sie bis 1922 gegen die Engländer führten – und in Nordirland bis heute.

Obwohl der Regisseur große Sympathie mit der kleinen, grünen Insel zeigt, ist der historische Hintergrund eher vage dargestellt, vermutlich aus dem einfachen Grund, weil man sich die linear und recht stringent aufgebaute Story nicht allzusehr durch historischen Fakten verkomplizieren lassen wollte.

Dafür aber ist „Captain Lightfoot“, wie alle Sirk-Filme der 50er Jahre ausgezeichnet gefilmt, sehr farbprächtig, in diesem Fall auch in Cinemascope, und, auch das ein Kennzeichen von Sirks Arbeiten, mit vielen optischen Details, die ihn authentischer wirken lassen und über Durchschnittsproduktionen hinausheben. Hinzu  kommt, dass er „on Location“ gedreht wurde, in Hollywood damals noch keine Selbstverständlichkeit. Die alten Burgmauern, die Ansichten von Dublin und dem kleinen irischen Dorf an der See, alles echt die Irland-Liebhaber werden Sehnsucht kriegen.

Rock Hudson und auch sein Co-Hauptdarsteller Jeff Morrow erhöhten die Authentizität des Streifens ebenso wie die vielen irischen Nebendarsteller. Beide männlichen Hauptrollendarsteller hatten irisches Blut in den Adern (Rock Hudson war mütterlicherseits englischer und irischer und väterlicherseits deutscher und schweizerischer Abstammung).

Durch all diese Komponenten wirkt der Film für einen Streifen der 50er Jahre erstaunlich frisch und „echt“, mit der Historie würde man heute wohl etwas dezidierter umgehen – oder sie erkennbar nur als Kulisse für ein Fantasy-Abenteuer hernehmen.

Der Swashbuckler-Film war 1955 bereits ein auslaufendes Modell, der Historienfilm hingegen hält sicher bis heute. In gewissem Maß ist „Captain Lightfoot“ beides, aber doch eher ein klassischer Abenteuerfilm, in dem ein verwegener Kerl in den Mittelpunkt der Handlung gestellt wird, welcher verschiedene Herausforderungen mit Wort und Tat zu bestehen hat und am Ende obsiegt. Dieser Typ konnte ein Pirat sein wie Captain Blood oder ein Dieb wie Robin Hood sein, oder aber ein Freiheitskämpfer wie Michael Martin.

Es gab Schauspieler in Hollywood wie Burt Lancaster, die geradezu prädestiniert für die Darstellung solcher Typen waren. Rock Hudson verbindet man eher mit Melodramen von Douglas Sirk, mit Epen wie „Giant“ (1956) oder, seit dem Ende der 50er Jahre, mit Publikumshits wie „Pillow Talk“ (1959) an der Seite von Doris Day.

Aber er gibt diesen eher leichtsinnigen als leichtfüßigen Iren mit einigem gewissen Charme und sichtlich beflügelt dadurch, dass seine Karriere 1955 in Schwung gekommen war, nach dem Sensationserfolg von „Magnificent Obsession“, ebenfalls unter der Regie von Douglas Sirk. In Hudsons Spiel ist eine Sicherheit und Überlegenheit, die seine Figur lebendig und deren Ausstrahlung auf ihre Umwelt glaubhaft macht, obwohl dieser Lightfoot im Verlauf des Films mit seiner Unbedachtheit einiges Unheil anrichtet.

Ihm fliegen ihm alle Sympathien zu, besonders natürlich die der Frauen. Eine Art Prinz Eisenherz aus dem Jahr 1815, der während der recht kurzen  Zeitspanne, welche die Handlung umfasst, in Maßen eine Wandlung zur Führungsfigur im Freiheitskampf der Iren durchläuft, angeleitet durch seinen Mentor Doherty (Untergrundname „Captain Thunderbolt“).

Die historischen Hintergründe kann man eher erahnen, als dass sie explizit dargestellt werden. Douglas Sirk war erkennbar kein Freund von talking heads, die umständlich alle möglichen Fakten ins Geschehen einflechten und ließ die Dinge lieber etwas vage, damit sie ihm nicht in die Dramaturgie pfuschten. Es gibt im Film Lords aller Couleur, die es mit dem Freiheitskampf oder mit den Engländern halten, es gibt auch zwielichtige Figuren, sodass klare Fronten gar nicht so einfach zu erkennen sind. Das macht sogar einen Teil der Filmatmosphäre aus. Sirk versteht es meisterlich, das Ungenaue für den Plot einzusetzen und für das Verhältnis der Menschen zueinander. Es geht im Film viel darum, wem man trauen kann und wem nicht. Um Loyalität und die echten Werte, die wahren Gefühle, die alles tragen und zu allem befähigen, auch zur Hingabe des Lebens, wenn es sein muss. Typisch Sirk, wenn man so will, aber nicht so wuchtig und manchmal unerbittlich die Grenzen des für den Zuschauer Zumutbaren Maßes an Gefühlen testend wie in seinen Dramen.

Dafür, dass hier alles leichter wirkt, sorgt auch Barbara Rush als temperamentvolle und charmante Tochter von Captain Lightfoot. Es gibt zwei, drei Szenen, in denen wirkt ihre Darstellung nicht perfekt auf die Mitspieler in der Szene abgestimmt, aber im Ganzen wirkt sie als Wildfang, der von Hudson in seiner Eigenschaft als Stellvertreter des Vaters den  Hintern versohlt bekommt, sehr reizend. Irische Frauenfiguren sind offensichtlich dazu bestimmt, besonders wildromantische und selbstbewusste Charaktere zu sein, wie man unwiderlegbar seit „Gone With The Wind“ (1939) weiß und wie es die irischstämmige Maureen O’Hara in dem wunderschönen „The Quiet Man“ (1952) an der Seite von John Wayne zeigen durfte.

„Captain Lightfood“ ist weitaus weniger bekannt als John Fords Film mit Wayne und O’Hara, und gewiss hat er nicht ganz dessen individuelle Skills bezüglich der Entwicklung von Charakteren und Handlungselementen, aber er ist unterhaltsam, gut getimt und gefilmt. Die Dramaturgie ist auffällig flacher als in anderen Sirk-Filmen, die mit atemberaubender Konsequenz auf die Klimax zusteuern, auf einen Punkt, da es um den Beweis des Menschseins geht und um eine große Entscheidung für oder gegen ein wichtiges Prinzip. In „Captain Lightfoot“ reiht sich ein Abenteuer ans nächste, alles ist gut miteinander verflochten, aber man wird nicht nach Monaten noch von der Erinnerung an diesen Film und an die inneren Nöte seiner Figuren geplagt.

Es gibt keine Szenen wie in „Magnificent Obsession“ oder „All That Heaven Allows“ (dem vielleicht besten Sirk von allen), die sich einbrennen, mit ihrer oft sehr linearen Symbolik und atemberaubenden Bild- und Wortmächtigkeit, die erkennbar aus der deutschen Filmexpressionisten- und Theaterfilmer-Schule kommen und nicht aus der angelsächsischen Tradition des rein an der Story orientierten Erzählens, welche vor allem in den 30er Jahren die US-Filmproduktion prägte.

Dafür gibt es Kopftücher mit Spitzen. Die gab Sirk vielen seiner weiblichen Hauptdarstellerinnen mit auf den Weg durch manch schweres Schicksal. Wir kennen sie u. a. von Zarah Leander in „Zu neuen Ufern“ und von Jane Wyman in „All That Heaven Allows“. Dort haben sie die angesprochene Symbolkraft, zeigen die Zerbrechlichkeit und Weiblichkeit, aber auch die Gefühlsstärke der Frauen, die einen schweren Gang gehen, in „Captain Lightfood“ trägt auch Aga Doherty in einer Szene ein solch charakteristisches, weißes Spitzentuch, aber sie ist nicht die Figur, die ihre Integrität ummanteln muss, der Stoff ist hier doch mehr ein Zitat und ein Accessoire – ein schönes allerdings, das daran erinnert, dass Sirk zwar ein Studiofilmer war, aber auch ein Individualist, der mit bestimmten, auch optischen Markenzeichen arbeitete.

Sierck, Sirk

Wir spüren gerne der Herkunft eines Filmers oder Stars nach, um typische nationale Merkmale zu ermitteln, die ins Schaffen der individuelleren unter den Regisseuren einflossen. So finden wir häufig deutsche Elemente in Hollywood. Sierck wurde 1900 in Hamburg geboren, aber seine beiden Eltern waren dänischer Abstammung. Nach unserer Ansicht spiegelt sich die nordische Gefühlswelt in seinen Filmen wieder. Da ist viel Deutsches drin, aber auch dann, wenn seine Filme gut ausgehen, haben sie etwas von der ungeheuren Schwere und der Fähigkeit, unser Innerstes trauern zu lassen, die etwa den Geschichten von Hanns Christian Andersen eignet, die für Kinder und als Märchen bezeichnet ob ihrer Tragik und ihres Pessimismus keine empfehlenswerte Literatur sind. Auch die Filme von Sierck sind kein Popcornkino, obwohl sie alle Generationen ansprechen können. Sie zählen zwar nicht zu den absoluten Meisterwerken der Filmgeschichte, aber als Douglas Sirk hat er vor allem in den 50ern einen Hit nach dem anderen gelandet und die Filme sind von den Nutzern der IMDb und auch von den Kritikern heute überwiegend positiv betrachtet und vom Publikum, den IMDb-Nutzer*innen, mit 7,0/10 oder höher eingeschätzt.

Das trifft auf „Captain Lightfoot“ nicht zu, der in vielen Aspekten kein typischer Sirk-Film der 50er Jahre ist, aber er teilt mit seinen bekannteren Werken die Tatsache, dass er ein Frauenfilm ist. Zwar steht dieses Mal nicht, wie oftmals sonst, eine Frau im Mittelpunkt der Handlung, aber Frauen mögen Sirk und gewiss auch die hoch empathische Art, wie er Frauen und ihre Konflikte zeigt. Bei „Captain Lightfoot“ ist die Datenbasis allerdings vergleichsweise schmal, sodass man diese Aussagen mit Vorbehalt versehen muss und außerdem dürfte auch die blendende Erscheinung Rock Hudsons hier einen ganz simplen Grund dafür darstellen, dass Frauen diesen Film schätzen (er ist bis übrigens bis heute einer der höchstgewachsenen Hollywoodstars, mit 1,96 Metern, neben ihm wirken alle anderen Darsteller der 1950er in Filmen wie „Captain Lightfoot“ eher schmächtig – auch Jeff Morrow, der immerhin 1,87 maß). Dies belegt einmal mehr, dass natürliche, optische Dominanz nicht unterschätzt werden darf, besonders bei Heldenrollen. Wer über diese nicht verfügt, muss schauspielerisch umso mehr drauf haben.

Finale

„Captain Lightfoot“ ist ein schöner, für seine Zeit sehr stilsicherer Unterhaltungsfilm, der uns tatsächlich sowohl Rock Hudson als auch Regisseur Douglas Sirk in einer Lightversion ihrer symbiotischen Zusammenarbeit präsentiert. Die Figuren sind interessant und überwiegend stimmig, die Breitwandtechnik und die erstklassigen Farben sind fürs heutige Heimkino immer noch sehr gut geeignet und die Handlung ist ohne größere Schwächen gestaltet.

Man wird nicht in einen Sog hineingezogen oder muss sich kritisch abseits stellen, damit genau das nicht passiert und man den Überblick behält, wie es bei den ernsten Sirk-Filmen der Fall ist, dafür wird man mit einer schönen und im Stil der Zeit maßvoll leidenschaftlichen Lovestory belohnt und am Ende sind alle Patrioten wirklich patriotisch. Das ist gut zu wissen, in einer Welt voller Heimtücke, die hier angedeutet wird, aber nicht zum Tod einer Hauptfigur führt – eine Auffälligkeit in diesem Film, der es sich offenbar bewusst verkneift, die emotionale Karte „Tod des Buddys“ auszuspielen, um den Zuschauer zu binden. Das wäre hier Captain Thunderbolt gewesen, der Vater von Aga, doch der wird nur verletzt und geht am Ende ins Exil. Leicht wäre es auch gewesen, die Figur Regis Donnell (Denis O’Dea) sterben zu lassen, doch auch dieser Patriot überlebt. Michael Martin muss während der gesamten Handlung nicht einmal einen Kratzer hinnehmen.

Drehbuch und Regie wollten offenbar vermeiden, dass der Zuschauer unter physischen Notlagen seiner Identifikationsfiguren sehr leiden muss, das Maximum stellt demnach die Schulterverletzung von Captain Thunderbolt dar.

Wir haben auch nicht gelitten, sondern gerne zugeschaut, waren uns der Tatsache bewusst, dass „Captain Lightfoot“ kein Meilenstein der Filmgeschichte ist, aber unverzichtbar für eine Rock-Hudson-Anthologie oder eine Werkschau „Douglas Sirk / Detlef Sierck“.

66/100

© 2021, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursiv: Wikipedia

Rock Hudson … Michael Martin, aka Capt.Lightfoot
Barbara Rush … Aga Doherty
Jeff Morrow … John Doherty, aka Capt. Thunderbolt
Kathleen Ryan … Lady Anne More
Finlay Currie … Callahan
Denis O’Dea … Regis Donnell
Geoffrey Toone … Captain Hood
Hilton Edwards … Lord Glen
Sheila Brennan … Waitress
Harry Goldblatt … Brady
u. a.

Regie: Douglas Sirk
Kamera: Irving Glassberg
Musik: Heinz Roemheld, Herman Stein

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