Rache für Jesse James (The Return of Frank James, USA 1940) #Filmfest 414

Filmfest 414 Cinema

Frank allein vor Gericht

Rache für Jesse James (Originaltitel: The Return of Frank James) ist ein US-amerikanischer Western des deutschösterreichischen Regisseurs Fritz Lang aus dem Jahr 1940. Es handelt sich um die Fortsetzung des 1939 gedrehten Films Jesse James, Mann ohne Gesetz (durch DWB-Link ersetzen). Die Besetzung ist fast identisch. Erneut übernahm Henry Fonda die Rolle des Frank James, dieses Mal als Hauptrolle. (1)

Jesse James war tot. Tyrone Power konnte sich anderen Projekten widmen, als ihn beispielsweise erneut darzustellen. Fast identisch ist eine Frage der Sichtweise: Man sieht z. B. eine sehr junge Gene Tierney als erfundene Frauenfigur und – der Stab weist einen erheblichen Unterschied auf: Die Fortsetzung wurde nicht von Henry King, sondern von Fritz Lang inszeniert. Ist das auch im Film zu spüren? Diesem und anderen Aspekten gehen wir in der -> Rezension nach.

Handlung (1)

Robert Ford, der Mörder von Jesse James, und sein Bruder Charlie werden in einem Scheinprozess freigesprochen. Als Jesses Bruder Frank, der sich auf eine Farm zurückgezogen hat, davon erfährt, macht er sich gemeinsam mit seinen Freunden Clem und Pinky auf die Suche nach ihnen, um seinen Bruder zu rächen. Das Geld dazu bekommt er von einer Eisenbahngesellschaft, aus deren Kasse er sich bedient. Frank entkommt seinen Verfolgern, die aus Versehen den Vorsteher der Station erschießen. Inkognito lernt Frank in Denver Eleanor Stone kennen, die in ihrer Zeitung über seinen Tod berichtet hat – das Gerücht wurde von Clem gestreut. Dadurch wiegen sich die Fords in Sicherheit, müssen aber erneut fliehen, als Frank sich zu erkennen gibt, wobei Charlie stirbt.

Der Schwarze Pinkie ist des Mordes am Vorsteher angeklagt worden – um ihn vor dem Todesurteil zu retten, stellt sich Frank. Bei der daraufhin anberaumten Gerichtsverhandlung ist Eleanor Stone als Reporterin vor Ort. Die Verhandlung endet mit dem Freispruch Franks. Sofort begibt er sich auf die Verfolgung von Bob Ford, der bei einem weiteren Mord selbst tödlich verwundet wird und stirbt.

Rezension

Der französische Regisseur Jean-Luc Godard äußerte sich später lobend über den Film:

„Die Inszenierung ist von einer Präzision, die ans Abstrakte grenzt. Beim Schnitt überwiegt die Intelligenz der Sensibilität. […] Wenn The Return of Frank James mit einem Happy-End schließt, im Gegensatz zu vielen anderen Filmen Langs, sollte man darin keine Konzession an die amerikanische Zensur sehen. […] Wenn der scheue Individualist Frank James sein Glück findet, dann nur, nachdem er moralisch für seinen Schmerz entschädigt worden ist.[4] 

Ist Jean-Luc Godard die beste Referenz, wenn es um die Beurteilung der Stringenz einer Filmhandlung geht? Zumindest nicht, wenn man seine eigenen Filme zum Maßstab nimmt, die nun wirklich andere Stärken haben als eine abstrakte Präzision und sensible Schnittführung oder dergleichen. Deswegen sollte man sich auch nicht davon irritieren lassen, dass man glaubt, bezüglich des Happy Endings einen anderen Film gesehen zu haben:

The original treatment had Frank romantically interested in the reporter played by Gene Tierney, but the studio became fearful of a possible lawsuit by Frank’s widow and/or son, so it was eliminated from the script. (2)

Das ist nämlich einer der Punkte des Films, die mich irritiert hatten. Alles lief auf eine Romanze zwischen den beiden hinaus – und am Ende winken sie einander nur zu und wirken dabei ziemlich steif. Zunächst hatte ich das darauf geschoben, dass Fritz Lang einfach kein gutes Ende inszenieren wollte, weil ihm das nun einmal nicht lag, aber es stimmt ja auch nicht ganz, wie zum Beispiel das Glück des vor dem Mob Geretteten mit seiner tapferen kleinen Kathy in der Schlussszene von „Fury“ beweist. Allerdings war dieser Mann, von Spencer Tracy eindringlich verkörpert, ein Gejagter, der fälschlicherweise eines Mordes beschuldigt wurde und kein Outlaw, der sehr wohl Morde begangen hatte, aber am Ende trotzdem frei ausgehen soll. Man kann es genau umgekehrt sehen: Auch noch das Mädchen (sofort) zu kriegen, wäre wohl des Guten etwas zu viel gewesen. Einen sehr interessanten Blick auf die Figur Frank James in diesem Film und damit auf den Film im Ganzen hat der legendäre Bosley Crowther in seiner zeitgenössischen Kritik für die New York Times geworfen, der dem Film eine schwache Dramaturgie vorwarf:

Perhaps the rub lies in the fact that the producers have attempted to show Frank as both dangerous and respectable. In those bandit years, a man wasn’t dangerous unless he had a notch on his six-shooter; today, according to Hays office manifesto, he can hardly be a hero if he has. As a result, the film is almost as careful of Frank’s essentially good character as if it were a legal brief in his defense. In one way or another three men are driven to their deaths during his attempt to avenge Jesse’s death, but not one falls at the point of Frank’s gun. A little anti-climactic, that. (2)

An der Stelle muss ich gleich ein „Aber“ bringen: Dafür hat Fritz Lang einer der bis dahin witzigsten und temperamentvollsten Gerichtsszenen in den Mittelpunkt gestellt, die das Anschauen des Films bereits wert ist und mich mehr verblüfft hat, als ein lupenreines Happy End es getan hätte – denn gerade diese Art von Humor zeigen Langs Filme normalerweise nicht. Aber muss man gleich alles, was den Vorgänger vom Rückkehrer unterscheidet, Fritz Lang zuordnen? Das Drehbuch zu „Jesse James“ stammt vom berühmten Autor Nunnally Johnson:

Nunnally Johnson war in den 1920er Jahren Reporter der New York Post, bevor es ihn nach Hollywood zog. Dort gehörte er später mit Drehbüchern für Jesse James, Mann ohne Gesetz (1939), Früchte des Zorns (1940) oder Wie angelt man sich einen Millionär? (1953) zu den erfolgreichsten Drehbuchautoren. Er arbeitete dort mit namhaften Regisseuren wie John FordFritz LangRobert SiodmakHoward Hawks oder George Cukor zusammen. Bei einem Großteil der Filme, für die er das Drehbuch schrieb, war Johnson zudem Produzent. Bei acht Filmen führte er auch Regie, so etwa bei Eva mit den drei Gesichtern (1957). (3)

Während Star-Autor Nunnally Johnson dreimal für den Drehbuch-Oscar nominiert war, dachten sich die Wikipedia-Autoren in Bezug auf die Person Sam Hellman, der das Script zum zweiten James-Brüder-Film verfasste wohl: Schwamm drüber!, und widmeten ihm nicht einmal einen (deutschsprachigen) Eintrag. Lang konnte inszenieren, wie er wollte, die Überproportionalität der Gerichtsszene im Vergleich zu dem, was einen Western typischerweise ausmacht, ist nicht wegzudiskutieren. Das Lexikon des internationalen Films hat das so aufgefasst:

Das Lexikon des internationalen Films kam zu dem Schluss, dass „Langs erster Western […] geschickt mit den Versatzstücken des Genres [spielt]“. Dem Regisseur sei es dabei „weniger um die äußere Handlung und die historischen Fakten“ gegangen, als „um die Problematik der Outlaws, die ihre Rechte nur mit Gewalt geltend machen können“.[3]

Das war schon im ersten James-Film aus dem Vorjahr der Fall, aber Jesse James wird dort auch als der schattigere Charakter dargestellt, der in Gefahr ist, zum Gewohnheitsverbrecher zu werden, während der ältere und ruhigere Frank immer den Überblick oder den moralischen Kompass zu behalten scheint. Diesen Kompass nimmt er selbstredend mit in den Film, der ihn selbst und damit Henry Fonda in den Mittelpunkt rückt. Trotzdem stimmt nach meiner Ansicht, was Bosley Crowther ausgeführt hat: Da Frank James am Ende davonkommt, darf er während des Films keine Menschen erschießen. Wirklich nicht? Was, wenn Notwehr vorliegt? Dem ist aber gemäß Drehbuch in keinem der drei gewaltsamen Todesfälle so, die sich während der Handlung ereignen. Eine vertrackte Situation, denn der Hays Code wurde in seiner frühen Phase (seit 1934 bindend) richtig ernst genommen und reihenweise erschienen Filme auf der Leinwand, in denen Ex-Gangster sich läuterten (gleich mehrere davon mit dem einstigen Little Caesar Edward G. Robinson in der Hauptrolle) und somit nicht nur dem Code gerecht wurden, man hätte sie ja einfach weiterhin sterben lassen können (wie etwa in „The Roaring Twenties“, der im selben Jahr entstand wie der erste der beiden James-Filme).

Aber der New Deal sah auch eine Läuterung der gesamten Nation vor: Die Exzesse und die Gewalt der früheren Jahre, die Übertreibung, das Verbrecherwesen, sie alle hatten Gott erzürnt und die Nation in die Depression geführt. Ich glaube, es sollte viele eifrige Prediger gegeben haben, denen die Wirtschaftskrise gerade recht kam, denn zuvor befanden sich die USA wirklich in einem Rauschzustand, und dies trotz Alkoholverbot. Das Alkoholverbot wurde selbstredend umgangen und die Geschäfte, die man dabei machen konnte, verstärkten den Rauschzustand derer, die daran beteiligt waren und derer, die in den Speakeasys dem Laster frönten.

Die gesetzlose Zeit lag also nicht so lange zurück wie die goldenen Jahre des Wilden Westens, auch wenn es sich in den 1920ern um die Nichteinhaltung sehr wohl vorhandener Gesetze handelte, der negative moralische Effekt und der hohe Blutzoll waren einander ähnlich. Und auch die Korruption, die in beiden James-Filmen angedeutet wird, hat einen sehr lebendigen Anstrich, als ob die Menschen, die jene Filme produzierten, sich noch gut an Zustände jener Art erinnern konnten, in denen es so einfach war, Politik, Exekutive und Judikative zu kaufen.

Was jedoch die Darstellung von Frank James angeht, hatte ich den Eindruck, dass Henry Fonda nicht nur sehr zurückhaltend spielt, was auch Crowther anmerkte, sondern eventuell mit irgendetwas nicht ganz zufrieden war, denn in seiner viel weniger breit angelegten Rolle im Vorgängerfilm an der Seite von Tyrone Power als Hauptdarsteller tritt er markanter auf, obwohl er doch dieselbe Figur darstellt. Der Schlüssel könnte hier zu finden sein:

Henry Fonda war von der Zusammenarbeit mit Fritz Lang, für den er schon 1937 in Gehetzt vor der Kamera gestanden hatte, entsetzt und warf ihm vor, den Schauspielern fehlenden Respekt entgegenzubringen: „Er war ein meisterhafter Puppenspieler, aber ohne jedes Gefühl, und er konnte sehr brutal sein.“[2]

Ein weiterer Grund für die abweichende Anmutung könnte die neuere Synchronisation sein, die recht nüchtern wirkt und aus dem Jahr 1970 oder 1980 stammt. Aber während der Gerichtsszene ging es nicht anders, da musste etwas mehr Pfeffer rein und man hat sie glücklicherweise nicht auf diese betont unemotionale Weise synchronisiert, auf die damals Fußballspiele im Fernsehen kommentiert wurden. In der Tat wirkt Fonda nicht nur zurückhaltend, sondern beinahe gehemmt. Kaum ein anderer Darsteller jener Jahre im gesamten Weltkino konnte so brillant und elegant understaten, aber in „Rache für Jesse James“ fehlt es mir häufig an den feinen, Differenzierungen, die jenes Understatement erst interessant machen. Selbst die Kautabak-Masche von Frank James inklusive Ausspucken wirkt dieses Mal ein wenig mechanisch und wird etwas zu häufig eingesetzt.

Finale

Auch der zweite James-Brüder-Western ist ein guter. Aber er ist anders akzentuiert als der Vorgänger und man muss das nicht mögen, besonders als Westernfan muss man es nicht. Die Dramaturgie hat ihre Besonderheiten, aber ich finde sie gar nicht so typisch für Fritz Lang, dass ich sie hauptsächlich ihm zurechnen würde. Auch Lang konnte, wie alle anderen europäischen Emigranten, so viel Ruhm mit ihnen auch in die USA übersiedelt sein mag, nicht machen, was er wollte, sondern musste sich im strikt arbeitsteiligen, wenn man so will tayloristischen Studiosystem einrichten, das die künstlerische Freiheit der Regisseure stark einschränkte. Nur wenige der Einwanderer aus Kontinentaleuropa kamen damit perfekt klar, dazu zählten Billy Wilder oder William Wyler.

Sie waren allerdings beim Ankommen in den USA jünger, anpassungsfähiger als etwa Fritz Lang, der dem Publikum und der Kritik und letztlich auch sich selbst bereits damit gefallen hatte, große Kunst auf die Leinwand zu bringen und dabei auch mal eine Produktionsfirma von der enormen Größe der UfA beinahe zu ruinieren (mit „Metropolis“).

„Rache für Jesse James“ ist also eher ein untypischer Lang-Film, als dass er an Langs spezifischem Stil gelitten hätte. Erstaunlich ist der Unterschied in der Farbgebung zum Vorgänger, der ein sehr dezentes und weiches Technicolor zeigt, während „Rache“ viel kräftiger wirkt und so starke Kontraste aufweist, dass dunkle Farben beinahe sämtlich zu Schwarz mutieren. Als Symbol der Schwarz-Weiß-Zeichnung der maßgeblichen Hauptfigur kann das nicht gemeint gewesen sein, wie oben festgestellt. Ob Lang darauf Einfluss hatte und versuchte, expressionistische Kontraststärke ins Technicolor zu übertragen, weiß ich nicht, aber da die James-Filme inzwischen restauriert wurden, hätte man dabei m. E. den Kontrast gerne ein wenig dämpfen können. Einfluss hatte Lang aber gewiss auf die Raumkonzeption und wie bei „Rancho Notorius“ aus dem Jahr 1952 fällt die Enge der Bildausschnitte bei den Außenaufnahmen, respektive bei den Szenen in der Natur auf – zumindest im Vergleich zu Westernspezialisten, die der Landschaft ein respektables Eigenleben zukommen ließen. Allerdings wirkt „Rancho“ im Ganzen um einiges künstlicher.

73/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursiv: Wikipedia
(3) Nunnally Johnson – Wikipedia

Regie Fritz Lang
Drehbuch Sam Hellman
Produktion Darryl F. Zanuck,
Kenneth Macgowan
für 20th Century Fox
Musik David Buttolph
Kamera George Barnes,
William V. Skall
Schnitt Walter Thompson
Besetzung

 

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