Geheimring 99 (The Big Combo, USA 1955) #Filmfest 418

Filmfest 418 Cinema

Dichter Nebel und grelle Klarheit

B-Filme der klassischen Hollywood-Ära haben oft den Vorzug, dass die Macher sich trauen, Dinge etwas direkter zu zeigen, die in Großproduktionen nur angedeutet werden. Etwas direkter meint aber nicht explizit im heutigen Sinn oder, noch expliziter, während der kurzen, ertragreichen New-Hollywood-Ära. Die  Zensurbehörde schaute bei den Filmen, die aus großen Studios kamen und in denen Superstars zu sehen waren, genauer hin, und der Production Code war offiziell Mitte der 1950er noch voll in Kraft. Erste Auflösungserscheinungen nicht ausgenommen.

Handlung (2)

Lieutenant Leonard Diamond ermittelt seit geraumer Zeit gegen den skrupellosen Gangsterboss Mr. Brown, vermag aber keine für eine Anklage ausreichenden Indizien zu sammeln. Zudem ist er von dem Gedanken besessen, Susan Lowell, die Geliebte Browns, für sich zu gewinnen. Susan ist Brown hörig, der diese von seinen Handlangern Fante und Mingo überwachen lässt. Aus Verzweiflung über ihre Abhängigkeit unternimmt sie einen Selbstmordversuch. Bei ihrer Vernehmung lässt sie Diamond gegenüber den Namen Alicia fallen. Diamond glaubt an eine neue Spur und veranlasst eine Reihe von Verhaftungen. McClure, Browns ehemaliger Boss und jetzt sein Untergebener, entführt Diamond mit Fantes und Mingos Hilfe und foltert ihn, lässt ihn aber schließlich frei. Diamond setzt seine Recherchen fort und stellt fest, dass Alicia der Name von Browns verschwundener Ehefrau ist.

Brown ordnet Diamonds Ermordung an, doch kommt an seiner Stelle Diamonds Freundin Rita ums Leben. Schließlich macht Diamond Alicia in einem Sanatorium ausfindig, erhält aber nicht die von ihm gewünschte Aussage. Währenddessen hat Brown erst McClure beseitigen lassen, der Umsturzpläne gegen ihn hegte, und anschließend Fante und Mingo getötet, um keine unliebsamen Mitwisser zu haben. Vor seinem Tod kann Mingo Diamond den Namen seines Mörders verraten. Brown entführt Susan zu einem Flugzeughangar, wo er mit einer Privatmaschine flüchten will, doch Diamond kann ihn überwältigen. Diamond und Susan verlassen gemeinsam den Schauplatz, eine ungewisse Zukunft vor sich.

2021-02-06 Filmfest Cinema 2021Rezension 

B-Filme haben heute das Glück, dass sie durch eine intensive Betrachtung des Genres Film noir, das sozusagen nachträglich erfunden wurde, um eine bestimmte Art von Krimi zu kategorisieren, eben jener genauen Betrachtung unterzogen werden, welche die die Zensur seinerzeit ein wenig vernachlässigte. In einem neuen Standardwerk von Duncan / Müller zum Film noir (1) erreichen sie manchmal sogar Top-Status, indem sie zu den ausführlich besprochenen Werken gehören, nicht nur zu den 1000, die in dem Buch insgesamt aufgelistet sind. Hätten wir nicht über Jahre Vorwissen zum Film noir angesammelt, wären wir vielleicht glatt an dieser Zuordnung und an der Hervorhebung des Films vorbeigegangen, denn man hat nun einmal die großen Klassiker mit großen Namen im Kopf, wenn man die düsteren Krimidramen denkt, die in den USA der 1940er entstanden – einige auch in anderen Ländern wie Frankreich, daneben gibt es die Vorläufer und die Neo-Noirs der letzten Jahrzehnte, so dass sich in Duncans Werk konsequenterweise wie eine beinahe ununterbrochene Linie liest, die von „M“ (D 1931) bis in die 2010er Jahre reicht.

Wir hingegen haben immer noch Schwierigkeiten, Filme, die nicht aus der Sicht der Underdogs und Gangster gefilmt sind und in denen die Hauptfigur nicht, vom Schicksal, der Vorbestimmung, seinen Schwächen im Wahren des intellektuellen Überblicks, von fatalen Frauen getrieben, vom plötzlich in sein Leben tretenden Glamour verführt stirbt, dem Kern des Film noir zuzurechnen, und keines dieser Elemente trifft auf „The Big Combo“ zu, wie „Geheimring 99“ im Original heißt. Der Antiheld-Held ist ein Polizeiinspektor, die Gangster gehen alle drauf und er bekommt am Ende das Mädchen. Ganz klar ist dies nicht, als beide im Neben verschwinden, aber man soll die Dinge nicht übermystifizieren: Die Zuschauer im Jahr 1955, die diesen Film im Rahmen der damals üblichen Double Features als Vorfilm einer großen Produktion angeschaut haben, werden das Ende so gedeutet haben, dessen Lichtgestaltung vor allem zum Ende hin auf viel ältere Filme anspielt, nicht zuletzt auf „Casablanca“, aber durch das Verschwinden und Verschwimmen der Figuren im Nebel ein Happy Ending evoziert, und nicht den Beginn einer Freundschaft bei gleichzeitigem Verlust der Liebe – wenn man so will, ist „Casablanca“ also eher ein Film noir, näher dem Existenzialismus und natürlich der Romantik der  verweigerten Erfüllung, die große Filmdramen nicht selten auszeichnet.

Grundsätzlich ist „The Big Combo“ eher ein klassischer Polizeikrimi, in dem die Ermittler selbstverständlich überleben und die Verbrecher  ihre gerechte Strafe erhalten – mit Glück erwartet sie nur das Gefängnis mit anschließender Hinrichtung, regelmäßig aber sterben sie schon während der Handlung, damit kein Zweifel daran besteht, dass es nichts bringt, auf der schattigen Seite zu stehen.

Da kann man auch, wie Mr. Brown, noch so viel Geld verdienen. Der Gegensatz zu den schmalen Gehältern von Polizisten (96,50 Dollar pro Woche, gleich ob netto oder brutto, waren 1955 gar nicht so wenig) wird in Filmen dieser Art nicht selten thematisiert und auch die Verknüpfung zwischen Sex, Geld und Macht in „The Big Combo“ ist nicht ungewöhnlich. Besonders aber die von Rezensenten herausgehobene Erotisierung aller Handlungsantriebe und vieler Handlungen selbst ist in „The Big Combo“ nach unserer Ansicht nicht wesentlich ausgeprägter, als sie schon in den 1940ern war, als Typen wie Phyllis Dietrichson, Gilda, Kitty Collins oder die Lady von Shanghai den Männern den Kopf verdrehten. Wir würden sogar so weit gehen, dass diese Superfrauen waren für sich genommen bereits Erklärung für alles, was den emotional aufgeputschten Männern geschah, die ihretwegen hohes Risiko gingen. Und natürlich waren einige von ihnen auch Besitztum reicher Mob-Bosse, wie Susan Lowell in „The Big Combo“ und damit konnotiert mit dem Einfluss, den diese Unterweltler hatten, mit ihrer Macht in ihren Reichen, dem Lifestyle, der in diesen großen Filmen natürlich viel besser dekoriert werden konnte als in einer Small-Budget-Produktion.  Außerdem waren in diesen Werken einzelne Szenen so unglaublich gut ausgefeilt und getimt, dass kleine Blicke und Gesten, perfekt ins S/W-Bild gesetzt, ausreichten, um die Leinwand beinahe explodieren zu lassen. Dieser Highstyle, der auch auf der Ausstrahlung der Stars basiert, fehlt „The Big Combo“ denn doch. Am dichtesten kommt noch Richard Conte als offen über Macht und Hass philosophierender Mob-Boss mit ca. 100 Freunden, die man alle problemlos inhaftieren kann (bis auf einen, der sich versteckt) an die Figuren der Spitzenfilme heran. Susan hingegen ist zwar hübsch und blond, aber hat nicht diese flirrende Ausstrahlung einer Rita Hayworth oder Ava Gardner und nicht den Nymphen-Sexappeal von Marylin Monroe in „Asphalt Jungle“, der ältere, sehr versierte und gut gestellte Herren glaubhaft zu Tagträumern macht und sie auf ganz unschuldige Weise zerstört.

Cornel Wilde als Darsteller des Polizisten Diamond (der, seinem Darsteller gemäß, einen ebenso offensichtlich jüdischen Hintergrund hat wie „Mr. Brown“ italienischstämmig ist) hat den Film über seine kleine Gesellschaft Theodora mitproduziert und das Geld dafür stammt aus den Rollen in größeren Filmen der 1940er und frühen 1950er Jahre. Seine Darstellung ist nicht frei von Selbstreflexivität und expliziten Betonungen seines Status als einer der Guten, aber ihm gelingt es auch, in einigen Szenen einen Ausdruck zu gewinnen, die durchaus die unterschwellige Diskriminierung offenlegen, die für ihn als kleinem Cop darin liegt, dass das Mädchen, das er begehrt, mit dem falschen Mann zusammen ist.

Mit dem Ex-Boss McClure, an dem exemplarisch statuiert wird, wie ein Mangel an Hass oder Wille den Aufstieg in den Mob-Olymp verhindert oder den Abstieg bewegt, hatten wir ein paar traurige Momente, weil der Schauspieler Brian Donlevy, der den Mann hier spielt, tatsächlich von einem smarten Oberschurken, den er in den 1940ern darstellte, hier zu einer Nebenfigur heruntergestuft wird, und das auch noch in einem B-Film. Man kann den melancholischen Zug in seinem Gesicht verstehen. In der Tat war „Geheimring 99“ sein erster Kinofilm nach fünf Jahren Pause.

Die mit interessantesten Figuren sind das Killerpaar, das die karikaturhaften Namen Fante und Mingo trägt. Erstens, weil Lee van Cleef, der später Chefschurke im Italowestern, hier zwar ein prägnantes Profil, aber noch nicht dieses Dämonische zeigt, das man bei ihm gut ins Bild setzen kann. Eigentlich ein großer, gutaussehender Mann, aber die Hakennase und die etwas scharfen Gesichtszüge nageln ihn fest in den Negativrollen. Er ist besonnener als Mingus, der mehr Spaß an Gewalt hat und von Earl Holliman als sehr emotional dargestellt wird. Es ist, weil damals in den USA auch Ehebetten immer getrennt stehen mussten, nicht sogleich sichtbar, wenn die beiden in einem Raum übernachten, aber sie sind tatsächlich Mann und Frau, ein homosexuelles Killerduo, und das ist das eigentlich Revolutionäre an dem Film, denn Homosexualität war in den 1950ern erstens gar nicht offen darstellbar und zweitens ist ihre Verknüpfung mit einem gewalttätigen Leben noch heute ungewöhnlich – wenn auch nicht unbekannt. Alle schwulen Killer, die man heute sind und die meist eher eine kriminalkomödiantische Note ins Spiel bringen (wie etwa die schrägen Handlanger in „Diamantenfieber“, 1971), sind demnach Zitate von Fante und Mingus, die aber keinerlei humorvolle Unterlegung haben.

Wenn man den Film noir vorwiegend als Ansammlung finsterer Motive und gewalttätiger Momente versteht und Ausschau hält, ob alle Figuren letztlich von solchen finsteren Motiven getrieben werden und sadistisch genug agieren, dann kann man „The Big Combo“ problemlos dem Genre zuordnen, denn es gibt für die Verhältnisse der 1950er genug Schießereien,  wobei djejenige, in der McClure sein Leben lässt, besonders heraussticht, weil die beiden Killerliebchen ihm gnädigerweise das Ohrgerät abnehmen, damit er seinen eigenen Tod nicht pfeifen hört. Dass die Schüsse auch für den Zuschauer stumm bleiben, ist einerseits ein guter Gag, weist aber auch darauf hin, dass die formale Geschlossenheit seines Werks nicht das Hauptanliegen des Regisseurs Joseph H. Lewis war.

Auch der Polizist Leonhard Diamond folgt letztlich einer Obsession, nicht vorrangig einem dienstlichen Auftrag, als er sich mehr und mehr darauf versteift, Mr. Brown zur Strecke zu bringen, während dieser anfangs recht moderat wirkt und Gewalt nur anwendet, wenn unumgänglich, nicht etwa aus Mordlust, und demgemäß seine beiden Killer auch eher bremst. Wie schnell er sich dann in ein Blutbad hineinsteigert, weil die Handlung es in ihrem Verlauf erlaubt, ist bemerkenswert (wäre er von Beginn an so konsequent brutal gewesen wie am End, wäre die Handlung schnell vorbei gewesen), auch Conte bedient sich der Manipulation Dritter, vor allem von Frauen, von denen eine dann auch umkommt, weil sie sich in seiner dunklen Wohnung aufhält und von den nicht sehr genau hinschauenden Killern mit ihm verwechselt wird.  Benannte Szene gehört zu den am wenigsten durchdachten dieses routinierten, aber nicht überragend elaborierten Films.

Finale

„Geheimring 99“ ist einer der seltenen älteren Filme, die heute zumindest in die Nähe eines Klassiker-Status gerückt werden. Von den Nutzern der IMDb wird der Film mit 7,5/10 bewertet, das ist sehr beachtlich und weicht von dem Schema ab, dass ältere Filme gegenüber neueren meist unterbewertet sind. Auf“Rotten Tomatoes“ erhält er von den Kritikern sogar 92 %, von den Nutzern 82 % Zustimmung.

Das hat uns doch ein wenig erstaunt, denn er rangiert damit beinahe gleichauf mit vielen Filmen, die erheblich größere Produktionsmeriten aufweisen und deren Plots und optischen Reize zu ihrer Zeit sicher moderner waren als es die von „Geheimring 99“ im Jahr 1955 sein konnten, als eine ziemlich realistische Kamera-Arbeit längst in Mode gekommen war, die sich von expressionistischen Schatten-Licht-Dramatisierungen der 1940er absetzte, sparsamer mit den Möglichkeiten einer exzentrischen Visualisierung umging, ohne dieses große Erbe des Film noir komplett zu verleugnen. Optisch versierte, im Ganzen typische Filme aus 1955 waren etwa „An einem Tag wie jeder andere“ mit Humphrey Bogart, der durchaus mit Symbolen und interessanten Perspektiven arbeitet, aber keine Stilisierungen im Sinn von Schattenrissen im Nebel und dergleichen mehr kennt.

Wir sehen jeden dieser Filme gerne, denn der Film noir, wenn wir jene auf die heutige Tendenz zur Inklusion weisende Zuschreibung gelten lassen, geht tief in unser gar nicht immer so nettes Inneres, spiegelt unsere Sehnsüchte und Triebe und hat selbst dann eine kathartische Wirkung, wenn er nicht happy endet. Denn genau da spalten wir uns dann auch wieder ab und haben die romantische Vorstellung, dass dieses Leben, das wir sehen, ein Stück von uns ist, aber selbstverständlich nur bezüglich dessen, was wir fühlen und erlebt zu haben glauben, jedoch würden wir die Konsequenz, dass unser Schicksal ähnlich verlaufen könnte wie das der ständig in existenziellen Situationen gefangen Figuren, doch von uns weisen.  „Geheimring 99“ funktioniert auf dieser Ebene sehr gut.

70/100

© 2021 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Alexander Platz

(1) Film noir – 100 All-Time-Favorites, dt. Im Taschen-Verlag, 2012.
(2) Wikipedia

Regie Joseph H. Lewis
Drehbuch Philip Yordan
Produktion Sidney Harmon
Musik David Raksin
Kamera John Alton
Schnitt Robert S. Eisen
Besetzung

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