Warum ich? – Polizeiruf 110 Fall 138 #Crimetime 956 #Polizeiruf #Polizeiruf 110 #DDR #Zimmermann #ich #warum

Crimetime 956 - Titelfoto © DFF / ARD

Die ewige Geliebte

Derzeit eiert es ein wenig bei der Abfolge, in denen die Polizeirufe aus der Wendezeit vorgestellt werden. Der Fall 138 mit dem Titel „Warum ich?“ ist ein klassischer Übergangsfilm. Hergestellt von Januar bis März 1990, als noch nicht klar war, wie es in und mit der DDR weitergehen wird. Interessant ist, dass während dieser Monate sehr viele Polizeirufe gedreht wurden – aber mit einiger Vorsicht. Dazu und über andere Aspekte von „Warum ich?“ schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung (1)

Frau Mansfeld wird in einem Waldstück an einer Siedlung von einem Unbekannten überfallen und vergewaltigt. Es ist bereits die dritte derartige Tat in sechs Wochen. Charakteristisch ist, dass der Mann ein Einkaufsnetz nutzt, um die Opfer zu würgen. Da es weder verwertbare Täterspuren noch eine Täterbeschreibung gibt, tappen die Ermittler um Kriminaloberkommissar Lutz Zimmermann im Dunkeln.

Die Ehe von Rolf und Doris Winter ist zerrüttet. Rolf hat Doris mit einer jüngeren Frau betrogen, sodass das Ehepaar inzwischen seit vier Monaten geschieden ist. Die Scheidungsrichter haben Doris unter anderem die Wohnung und das Sorgerecht für den 14-jährigen Sohn Thomas zugesprochen. Rolf jedoch denkt nicht daran auszuziehen. Die Scheidung nimmt er nicht ernst, missachtet die Gütertrennung, hofft vage auf eine erneute Ehe mit Doris und hält seine Freundin Silke Schüler hin. Die Situation ist vor allem für die schweig- und duldsame Doris kaum noch zu ertragen, zumal Rolf Sohn Thomas gegen die Mutter ausspielt. Als sie mit Thomas, mit dem sie sich ein gemeinsames Leben aufbauen will, zu ihrer Mutter fahren will, lädt Rolf ihn auf die Jagd ein. Thomas, der ebenfalls nichts von der Scheidung der Eltern weiß, geht mit Rolf auf die Jagd, darf heimlich ein Reh schießen und anschließend mit dem Vater und dem Jagdkollegium in ein Gasthaus einkehren. Doris sucht das Gasthaus auf und sieht Vater und Sohn in bester Stimmung am Tisch sitzen. Sie geht zum Familienauto und schlägt hilflos auf die Kofferraumhaube ein. Der Kofferraum öffnet sich und Doris nimmt spontan das Jagdgewehr von Rolf an sich. Sie will, dass sich ihr Mann einmal ebenfalls Sorgen machen muss.

Doris begibt sich mit dem Gewehr in den Wald und zerlegt es. Plötzlich hört sie eine Frau schreien und eilt ihr zu Hilfe. Es handelt sich um die Antiquitätenhändlerin Christel, die gerade von dem Vergewaltiger angefallen worden ist. Doris schlägt mit dem Gewehr auf ihn ein und er flieht mit einer blutenden Kopfwunde. Weil sie Angst hat, als Gewehrdiebin angeklagt zu werden und so Thomas zu verlieren, überzeugt Doris Christel, nicht zur Polizei zu gehen. Der Gewehrraub wird bald bekannt und Rolf erstattet Anzeige. Doris versteckt das Gewehr in der Wohnung.

Der Vergewaltiger Herr Trautwein wird ohnmächtig aufgefunden und ins Krankenhaus gebracht. Er behauptet, sich die Wunde bei einem Sturz zugezogen zu haben. Später erkennt ihn Frau Mansfeld wieder, die sich immer noch im Krankenhaus zur Behandlung aufhält. Trautwein wird verhaftet und auch von seinen beiden anderen Opfern wiedererkannt. Als psychisch kranker Mann wird er einer Gefängnishaft entgehen. Die Ermittler sind dennoch nicht zufrieden: Trautwein behauptet, es gebe vier Opfer. Zudem ist nicht klar, wie er zu seiner Kopfwunde kam.

Silke Schüler hat genug davon, dass Rolf sie immer wieder vertröstet. Sie geht zu Doris und spricht sich mit ihr aus. Sie erfährt, dass die Ehe schon lange geschieden wurde. Doris wiederum wusste vorher nicht, dass Silke von Rolf ein Kind erwartet. Die vorsichtige Annäherung zwischen Rolf und ihr in den letzten Tagen beendet sie nun abrupt. Sie versteckt das Gewehr und die zugehörige Munition weiterhin, auch wenn sie Christel versprochen hat, endlich zur Polizei zu gehen. Die Ermittler konnten inzwischen rekonstruieren, dass Christel das vierte Opfer gewesen sein muss. Die gibt im Verhör zwar zu, angefallen worden zu sein, behauptet aber, den Täter selbst vertrieben zu haben. Niedergeschlagen habe sie ihn nicht. Sie fordert Doris erneut auf, das Gewehr abzugeben. Sie will sich am Abend mit ihr treffen und gemeinsam mit ihr aufs Revier gehen. Doris hat vorher einen Termin bei der Jugendfürsorge. Hier erfährt sie, dass Thomas lieber bei seinem Vater wohnen möchte und einen entsprechenden Antrag eingereicht hat. Verzweifelt begibt sie sich nach Hause und erschießt sich mit Rolfs Gewehr. Christel hat unterdessen vergeblich auf Doris gewartet und gesteht den Ermittlern nun den gesamten Vorfall. Lutz Zimmermann eilt zur Wohnung der Familie Winter, wo Rolf und Thomas jedoch bereits um die tote Doris trauern.

Rezension

Allerdings war die Sendefolge so gelegt worden, dass die Gemeinsamkeiten mit dem Fall 137 „Falscher Jasmin“ direkt ins Auge springen. Denn die 137 wurde bereits im Sommer & Herbst 1989 gedreht, aber im April 1990 ausgestrahlt, die 138 – siehe oben, feierte ihre Premiere im Juli 1990. Durch diese Abfolge entsteht etwas wie ein „Anne-Kasprik-Special“ in der Rolle der unzufriedenen Geliebten, die einen älteren Mann aus ihrer Ehe herausführen will. Nur, dass sie in 137 dadurch ums Leben kommt, dass sie sehr viel Druck macht, während sie in 138 viel defensiver agiert – und am Ende vielleicht gewinnt, da sich die Ehefrau des arrivierten & anvisierten Mannes umbringt. In 137 hat sie bereits ein Kind von dem Geliebten, in 138 erwartet sie eines. Generell ist der nachfolgend ausgestrahlte Film weniger exaltiert gespielt als „Falscher Jasmin“ – Letzterer ist nämlich ein typischer Mosblech, inszeniert von einem der offensivsten und wagemutigsten Fernsehregisseure der DDR, während Ursula Bohnhoff „Warum ich“ viel zurückhaltender, klassischer, wenn man so will, inszeniert hat.

Familiendramen waren generell das Thema der Stunde. Die Nr. 137 war noch vor dem Mauerfall gedreht worden, aber etwas war im Busch, das spürten auch die Filmemacher und konzentrierten sich auf Themen, mit denen man nach einem Wandel in der DDR, von dem man damals wohl eher ausgehen durfte als vom Untergang des östlicheren deutschen Staates, keinen Schiffbruch erleiden konnte. Die Filme sind ideologiefrei, zumindest in dem Sinne, dass keine Ansprachen über sozialistisches Eigentum gehalten werden und keine Delinquenten gezeigt werden, die man nach schon traditionellem Muster als „asozial“ identifizieren könnte. Aber die Blackbox Familie geht immer, in jedem System, in jeder Epoche, jedes Jahr und zu jeder Jahreszeit.

Rechtspolitisch leistet es sich „Warum ich?“ sogar, darauf hinzuweisen, dass ein Sexualtraftäter ein bedauernswertes Geschöpf sein könnte. Die DDR-Polizeirufe hatten sich intensiver und nach unserer Ansicht ernsthafter und kundiger mit dem Thema Sexualdelikte befasst als die Tatorte jener Zeit, aber dass eine junge Polizistin sowohl gegenüber den Opfern als auch dem Täter gegenüber viel Mitleid zeigen darf und einmal sogar weint, ist sehr ungewöhnlich und gewiss eine Besonderheit von „Warum ich?“, mehr als das Familiendrama, das wir in ähnlicher Form bereits häufiger gesehen haben. Trotzdem gilt „zurückhaltend“ für den gesamten Stil. Die Regisseurin traut sich, gerade in schwierigen Momenten auch längere Einstellungen zu zeigen, die eine unangenehme Anspannung beim Zuschauer verursachen können, aber es geht nicht ins eotionale Hüpfen hinein, das Manfred Mosblech vor allem für die guten Momente hervorragend darstellen konnte.

In „Falscher Jasmin“ erfährt man, wie es zu einer engen und leidenschaftlichen außerehelichen Verbindung kommen konnte, dies in durchaus stellenweise zeigefreudiger Manier, in „Warum ich?“ verrät schon der Titel, dass es um das Leid geht, das Familienverhältnisse hervorrufen können, die nicht mehr in Ordnung sind. Denn „Warum ich?“, das sagt mehrfach die Ehefrau, die um ihre Familie kämpft – auf verlorenem Posten, und sich schließlich mit dem Jagdgewehr ihres Mannes erschießt. Doch allen Figuren wird ein gewisses Verständnis entgegengebracht, ohne dass eine davon stark bevorzugt wird, auch nicht die Ehefrau, die aus ihrer defensiven Position heraus Fehler begeht und die Situation eskaliert. Dass Männer die Wahl haben und Frauen die Leidtragenden sind, meinten wir aber als Grundtenor deutlich herauszuspüren. Die Kumpanei der Männer beginnt früh und erfährt Festigung sowie ihren Höhepunkt auf dem Schießstand – im Revier des Jägers. Der Schuss auf das Hirschkalb, den der Junge abgibt, entspricht dem Schuss gegen seine Mutter, als er dem der Fürsorgestelle einen Brief schreibt, in dem er kundtut, nicht damit einverstanden zu sein, dass die Mutter das Sorgerecht erhalten hat und dass er lieber bei seinem Vater bleiben bzw. mit diesem aus der Wohnung, die der Mutter gehört, ausziehen würde.

Aber der Film spricht auch der Mutter Verantwortung zu. Die Einstellung „Warum ich“, das weiß jeder psychologisch eduzierte Mensch, ist sehr gefährlich und immer ist in diese Frage eingewoben: Was hast du selbst dazu beigetragen, dass du immer das Opfer bist? Aber ist das wirklich so? Wenn wir alle Familiendramen mit Ehebrüchen betrachten, finden wir nämlich einen weiteren Ansatzpunkt. Wir haben uns oft gefragt, warum die Frauen, die in diesen offiziell abgesegneten Filmen zu sehen sind, oft gar nicht dem Ideal von der werktätigen, souveränen, viel besser als im Westen aufgestellten Frau entsprechen, die heute noch von bestimmten Teilen in der Linken propagiert wird. Weil die Filme überwiegend von Männern inszeniert sind und in der Zensurstelle auch überwiegend Männer saßen? Vielleicht ist das ein Grund, aber sicher nicht der alleinige, denn es waren 40 Jahre Zeit, um weiblichen Filmschaffenden entsprechend Gewicht zu geben. Das fand aber nicht statt, vielmehr hat man in den 1980ern die progressivste Frauenfigur in den Polizeirufen, die Kriminalistin Leutnant Vera Arndt, nicht adäquat ersetzt, als ihre Karriere 1984 endete. Deren Weg und wie sich ihre Darstellung im Laufe der Zeit veränderte, ist ein eigenes Kapitel, aber es ist oft zu sehen, dass Frauen zwischen Beruf und Familie oder bezüglich ihrer Stellung in der Familie keineswegs gleichberechtigt waren, sondern dass die Männer in der Regel mehr Bewegungsfreiheit für sich in Anspruch nehmen konnten. Es gibt auch die Konstellation, dass Frauen ihre Männer betrügen, aber viel seltener und man hat dabei nicht das Gefühl, dass dies der gesellschaftliche Normalzustand ist. Anders herum aber schon.

Unter den Filmern jener Zeit, auch wenn sie fast alle männlich waren, gab es durchaus ein gutes Gespür für Subströmungen, sonst wären nicht so viele kleine, manchmal auch deutlichere Anspielungen auf gesellschaftliche, auch wirtschaftliche Missstände in den Film enthalten und natürlich auf Lebenslügen des Systems. Jedes System, das nicht mehr progressiv voranstrebt, hat solche Lebenslügen übrigens, damit nichts missverstanden wird. Die System-Lebenslüge unserer Zeit ist, dass der Neoliberalismus auf Dauer funktionieren kann. Dass Menschen sich immer an Fails festklammern, ist ohnehin ein Tatbestand, der Krimiplots mit sozialem Kontext schaffen wird, solange es Menschen gibt. Nach unserer Ansicht umfasst das Gespür für die tieferen Probleme der späten DDR-Gesellschaft auch die Erkenntnis, dass formale Gleichheit eben keine soziale Gleichstellung bedeutete, und das spielt sich auch darin, dass Führungspositionen auch in der DDR weit überwiegend von Männern besetzt wurden. Im Zusammenhang mit dem Film würde uns interessieren, ob Frauen z. B. einen Jagdschein machen und eine Jagd erhalten konnten – heute kein Problem mehr.

„Die DDR lag mit der Zahl der berufstätigen Frauen zwar an der Weltspitze, der Maßstab ihrer Gleichberechtigung wurde jedoch von Männern bestimmt“, heißt es dazu im Rahmen der Dokumentation „Frauen in der DDR„. Es wird auch nicht vergessen, darauf hinzuweisen, dass Frauen in den Betrieben bis zum Bau der Mauer unabdingbar waren, um die Abgänge berufstätiger Männer nach Westen auszugleichen.

Obwohl das Berufsleben der beiden wesentlichen Frauen in diesem Film keine Rolle spielt, bei einer von ihnen nur klargestellt wird, sie ist Kellnerin, das der anderen gar nicht gezeigt wird (vielleicht ist sie sogar Hausfrau!) wird die gesellschaftliche Stellung des Mannes eindeutig die überlegene herausgestellt. Ob wir nun auch hineinlesen sollten, dass gerade die Konzentration der Frau auf ihre Familie ein Problem darstellt, ist in der Tat der Interpretation überlassen, denn thematisiert wird es nicht und meist gibt es in DDR-Polizeirufen verbale Anspielungen, wenn  die Zuschauer*innen auf etwas hingewiesen werden sollen, nicht nur Bildsymbolik. Das Drehbuch, das die Familienverhältnisse so darstellt, wurde übrigens von einem Mann und einer Frau in Co-Autorenschaft erstellt.

Finale

Nachdem wir die Rezension hauptsächlich auf der sozialen Ebene behandelt haben, bleibt für den Plot nicht mehr so viel Raum, aber die Kombination der Sexualdelikte und der Handlung „Jagdwaffe“ ist einerseits geschickt bezüglich ihrer Verknüpfung, aber nicht perfekt, was die Fokussierung angeht. Zu Beginn ist man auf einen Film à la „Der Mann im Baum“ eingestellt, wiederum inszeniert von Manfred Mosblech, doch offenbar wollte man diese Sache schnell aus dem Weg haben, denn sehr zufällig wird er nach der Gewehrkolbenattacke zur selben Zeit im selben Krankenhaus behandelt wie eines seiner Opfer und dadurch identifiziert. Damit ist die Bahn frei für die Familiengeschichte. Der unscheinbare Täter hat übrigens eine sehr dominante Mutter, das wird kurz gezeigt und entspricht auch einem bestimmten Klischee, das wir von Filmen wie „Psycho“ kennen. Dadurch, dass Mütter andere Frauen als Huren abqualifizieren und auf diese Weise ihre Jungen für sich behalten wollen, erzeugen sie seelische Verwerfungen. So gesehen, ist der Mann mit dem Einkaufsnetz tatsächlich ein Opfer.

Ob „Warum ich?“ ein guter Film ist, können wir gar nicht so leicht entscheiden. Wenn man so gierig die letzten noch ausstehenden, noch nicht gesehenen und rezensierten DDR-Polzeirufe und die hoch interessanten Produkte kurz vor und nach der Wende aufsaugt wie wir, findet man immer etwas in diesen Filmen, das die Spannung aufrecht erhält, weil der Fokus auf Betrachtungen liegt, wie wir sie oben angestellt haben und weil wir in der Tiefe der Zeit nach Besonerheiten suchen. Wen wir etwas zurücktreten, hat der Fall 138 einige Vorzüge, aber auch eine manchmal quälende Art, Dinge überdeutlich zu präsentieren – und als Kriminalfall ist er zu vernachlässigen. Der Zuschauer weiß sowieso alles und Spannung entsteht vor allem dadurch: Wird der junge Mann mit dem lichten Haar weitere Frauen überfallen und was wird aus dem Jagdgewehr? Vor allem letztere Frage wird erst zum Schluss geklärt. Auf eine Weise, die der Polizei eine nicht gerade vorteilhafte Rolle zumisst: Zu spät!

7/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Ursula Bonhoff
Drehbuch Wolfgang Müller
Gabriele Kotte
Produktion Wolfgang Rennebarth
Musik Karl-Ernst Sasse
Kamera Günter Eisinger
Schnitt Brigitte Krex
Besetzung

 

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