Ein Mann besiegt die Angst (Edge of the City, USA 1957) #Filmfest 422

Filmfest 422 Cinema

Männer mit Haken und Ösen und der Zwang zur Entscheidung

Ein Mann besiegt die Angst ist ein US-amerikanischer Schwarzweißfilm aus dem Jahr 1956 mit John Cassavetes und Sidney Poitier in den Hauptrollen. In den USA kam der Film am 29. Januar 1957 in die Kinos, in Deutschland am 2. August desselben Jahres.

Sidney Poitier hatte ein Jahr zuvor in „Blackboard“ Jungle eine aufsehenerregende Rolle gespielt, in „Ein Mann verliert die Angst“ / „Edge of the City“ wirkt er mehr als nur ein Jahr älter, hat eine Frau, ist Vorarbeiter im Hafen. So könnte er sich vom positiven Ende her entwickelt haben, als Glenn Ford als engagierter Lehrer den Jungen aus der Bronx auf die richtige Seite gezogen hat. Diese Biografie könnte hinter der Entscheidung stecken, sein Geld auf einfache, ehrliche Weise zu verdienen und dabei sogar einen kleinen Aufstieg für sich verbuchen zu können, obwohl er noch ein junger Mann ist. Mehr zu diesem progressiven Indie-Film aus dem Jahr 1956 steht in der -> Rezension.

Handlung (1)

Der gesuchte Deserteur Axel Nordmann nimmt unter falschem Namen einen Job im Hafen von New York an, wo ein zwielichtiger Vorarbeiter, der um die Vergangenheit des Fahnenflüchtigen weiß, sich sein Schweigen teuer bezahlen lässt. Durch die Freundschaft zu dem schwarzen Kollegen Tommy Tyler, der ihn gegen den Vorarbeiter in Schutz nimmt und dabei sein Leben lassen muss, lernt der Deserteur Nordmann, sich seinem Schicksal zu stellen und wächst dabei über sich hinaus.

2021-02-06 Filmfest Cinema 2021Rezension 

Dass dem jungen Farbigen weiße Hafenarbeiter in seiner Kolonne folgen, ist für die Verhältnisse von 1957 beinahe revolutionär, aber es war ja auch die Zeit, in der die Bürgerrechtsbewegung immer mehr an Dynamik gewann und die Rechte der Minderheiten endlich voranbringen konnte, außerdem konnte Sidney Poitier schon in jungen Jahren eine Präsenz entwickeln, die das, was wir sehen, glaubhaft wirken lässt.

Regisseur Martin Ritt, der – nicht in Hollywood, aber als Theaterregisseur – zuvor auf der schwarzen Liste stand und dessen erster Film „Ein Mann besiegt die Angst“ war, legt ebenso wie die große Rolle für Poitier Zeugnis vom sozialen Tauwetter Ende ab Mitte der 1950er Jahre ab. Zu diesem Duo kam John Cassavetes, der ebenfalls zu den besonderen Figuren des amerikanischen Kinos ab den 1950ern zählt Er hat beinahe im Alleingang unabhängig gefilmt hat, eines der Ergebnisse namens „Schatten“ (1959), den wir demnächst auf dem Filmfest vorstellen werden.

In „Edge of the City” geht es auch um Rassismus, den der Gegner von Axel und Tommy, der bösartige Charlie, ebenfalls Vorarbeiter und Konkurrent von Tommy sowie Erpresser von Axel, zum Ausdruck bringt. Die übrigen Hafenarbeiter sind nur Mitläufer ohne eigene Meinung. Mit dieser Konstellation erreicht der Film nicht die Wucht des Hafenarbeiter-Dramas „Die Faust im Nacken“, allerdings geht es in beiden Fällen darum, sich für die richtige Seite zu entscheiden und in beiden Fällen betrifft sie einen jungen Hafenarbeiter, der sich im sozialen Geflecht dieses Milieus positionieren muss. Während aber Marlon Brando in „Die Faust im Nacken“ vor allem mit den Prinzipien von Gut und Böse umgehen und endlich Stellung beziehen muss, ist Axel vor allem damit beschäftigt, seine Vergangenheit zu verstecken und kann daher nicht offensiv und selbstbewusst handeln – für ihn geht es nicht um rechts oder links, sondern darum, zu überleben, im Haifschbecken an den Piers.

John Cassavetes und Sidney Poitier heben diesen Film aber auf eine andere Ebene, machen ihn zu einem persönlichen Drama. Der sympathische Afroamerikaner und der verdruckste Deserteur werden zu Freunden und Axel beichtet diesem Freund sogar seine Vergangenheit, so sehr vertraut er ihm nach kurzer Zeit. Erwartungsgemäß ändert das nichts an der Freundschaft und nichts an der Zuneigung der Lehrerin Ellen, die mittlerweile in Axels Leben getreten ist. Tommy wollte die beiden unbedingt verkuppeln und das schafft er auch – obwohl die junge Liebe am Ende auf eine ebenso harte Probe gestellt wird wie Axel, der seinen Freund während eines „fairen“ Kampfes mit Charlie Malik verliert, wobei als Waffen die Haken benutzt werden, welche die Hafenarbeiter mit sich tragen – auch dieses Arbeitswerkzeug als Waffe kennen wir aus „Die Faust im Nacken“.

Ist es Charlies Ärger darüber, dass Axel versucht, sich seinem Zugriff zu entziehen, indem er lieber mit Tommy arbeitet, oder ist es sein aufgestauter Rassenhass, der letztlich zur Eskalation und zu  Tommys Tod führt? So genau ist das wahre Motiv nicht festzustellen, vermutlich setzt es sich aus beiden Bestandteilen zusammen.

Dagegen wird die Fürsorge gestellt, die Tommy seinem neuen Kumpel angedeihen lässt, diese Wärme und Geborgenheit, die er dem ziellos herumirrenden jungen Mann vermittelt, zusammen mit seiner Frau Lucy. Anfangs, als Tommy den neuen Kollegen zum ersten Mal in sein Viertel mitnimmt und die Kinder auf dem kleinen Basketballfeld spielen, auf dem auch die Lehrerin zugange ist, dachten wir, sie sei seine Frau. Aber so viel Öl wollte man 1956 dann doch nicht ins Feuer gießen, dass man eine „gemischte“ Ehe zeigt. Selbst im progressiven Kalifornien war eine solche bis 1948 verboten. Für ein so konservatives Studie wie MGM waren Filme wie dieser von Martin Ritt sicher nicht leicht zu produzieren, ebenso wie der vorausgehende „Blackboard Jungle“, aber in Rassenfragen war MGM anderen Studio teilweise sogar voraus: Schon 1929 hat King Vidor mit „Hallelujah“ einen beeindruckenden Film nur mit afroamerikanischen Darstellern gedreht, „Cabin in the Sky“ (1943) war das erste schwarze Filmmusical und „Blackboard Jungle“ aus dem Vorjahr ein sehr sozialkritischer Film, in dem ein Afroamerikaner erstmals eine tragende Rolle in einem „weißen“ Film spielte.

Durch das intensive Miteinander von Tommy und Axel tritt allerdings das Rassenthema in den Hintergrund, die Bedingungen der Hafenarbeiter und der „Gewerkschaftszwang“ werden nur kurz angedeutet, wohingegen sie in „On the Waterfront“ die Handlung beherrschen – deswegen ist der soziale Aspekt dort auch mehr herausgearbeitet. Lässt man die Tatsache weg, dass Tommy ein Afroamerikaner ist und Axel ein offensichtlich deutschstämmiger Weißer, der aus der Armee abgehauen ist, könnte diese Kumpelfreundschaft überall und zwischen Angehörigen jeder Schicht und Ethnie entstehen, wenn die Umstände und die Charaktere passen. Sie ist in keiner Weise exemplarisch für das Milieu – allenfalls anhand der ungezwungenen, lockern Art, wie die Männer miteinander umgehe,  kann man erkennen, dass sie aus der Arbeiterschicht stammen. Mit 1,70 Dollar (brutto) pro Stunde verdienen sie übrigens für damalige Verhältnisse und den Status als ungelernte Arbeiter nicht schlecht (der Mindestlohn, den es in den USA seit 1938 gibt, lag seinerzeit bei 1,00 Dollar pro Stunde).

Finale

Das Spiel der Hauptdarsteller ist fesselnd und sehr lebendig, der Tod von Tommy ist die Tragödie und der Wendepunkt im Leben von Axel Nordmann, der sich nach einer Auseinandersetzung mit Tommys Frau entschließt, Charlie zu stellen und der Polizei zu übergeben. Er hat den Kampf zwischen Tommy und Charlie beobachtet und wird der Polizei die Wahrheit mitteilen.

Wir halten „Ein Mann besiegt die Angst“ gemäß dem deutschen Titel nicht für überwiegend pessimistisch, denn für einen Mann, der gestorben ist, verliert ein weiterer seine Angst und trägt die Fackel des Aufbegehrens gegen die Unterdrückung weiter. Heute würde man angesichts der Verhältnisse in den Docks und dem Verhalten von Charlie wohl als Mobbing sprechen und ganz unabhängig von Rassenfragen und sozialen Komponenten können wir uns gut vorstellen, dass dies, sofern noch manuelle Arbeit getätigt wird, bei der Menschen so auf engstem Raum miteinander so in Berührung kommen wie im Film gezeigt.

81/100

© 2021 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Martin Ritt
Drehbuch Robert Alan Aurthur
Produktion David Susskind Productions
Musik Leonard Rosenman
Kamera Joseph C. Brun
Schnitt Sidney Meyers
Besetzung

 

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