Die kleine Prinzessin (The Little Princess, USA 1939) #Filmfest 426

Filmfest 426 Cinema

Die kleine Prinzessin ist eine Literaturverfilmung aus dem Jahre 1939 nach dem Kinderbuch Sara, die kleine Prinzessin von Frances Hodgson Burnett. Kinderstar Shirley Temple spielt unter Regie von Walter Lang die Hauptrolle. (1)

Was hat Shirley Temple 1939 gemacht, in jenem besonderen Jahr des alten Hollywoodkinos, in dem besonders viele Klassiker entstanden? Etwa einen Klassiker gedreht, im Alter von elf Jahren? Jedenfalls war es ihr letzter großer Erfolg und über ihren Erfolg und den Film ist mehr zu lesen in der -> Rezension.

Handlung (1)

Der reiche Hauptmann Crewe soll im Zweiten Burenkrieg für Großbritannien dienen. Deshalb meldet er seine Tochter Sara mit ihrem Pony an der Mädchenschule von Miss Minchin an. Sie findet dort schnell Freunde, viele Schülerinnen, aber auch den jungen Lehrer Hamilton und die Dienerin Rose. Diese beiden werden im Verlaufe des Filmes ein Paar und heiraten. Sara hört außerdem gute Nachrichten aus dem Krieg und hofft, dass ihr Vater bald nach Hause kommt. Doch als Miss Minchin eine große Geburtstagsparty macht, trifft die Nachricht ein, dass Captain Crewe gestorben ist und sein Besitz konfisziert wurde. Nun muss Sara selbst als Dienerin in der Schule arbeiten, wo sie einst Schülerin war. Gleichzeitig freundet sie sich mit dem Diener Ram Dass an.

Die Arbeit fällt Sara schwer, und sie schleicht sich davon, Veteranenhospitäler aufzusuchen. Miss Minchin bemerkt Saras Weggang und verfolgt sie mit Hilfe der Polizei. Im Hospital trifft sie Königin Victoria, die veranlasst, ihren Vater zu suchen. Zunächst findet man tatsächlich niemanden, doch auf der Flucht vor Miss Minchin rettet sich Sara in ein Zimmer, in dem ausgerechnet ihr Vater liegt. Dessen Identität war zuvor ungeklärt, da sein einziges Wort, das er sprach, „Sara“ war. In der Schlussszene sieht man Sara, wie sie ihrem Vater stehen hilft, während Königin Victoria bei einer Parade vorüberzieht.

Rezension

Eine statusgemäße Prinzessin hat Shirley Temple nie verkörpert, aber in diesem Film aus dem Jahr 1939 fängt sie als Prinzessin an und endet mit der Kohlenschaufel in der Hand. Es handelt sich um eine Handlung, die man als „Aschenputtel rückwärts“ bezeichnen kann, allerdings doch mit gemäßigtem Happy-End. Der Vater überlebt zwar, aber die sinnbildliche Kohle der Familie scheint futsch zu sein. Vielleicht ist aber auch dies nur ein böses Gerücht, wie das Ableben des Vaters von Sara im Burenkrieg. Ja, mit Shirley Temple konnte man schon Sachen filmen, die man sich sonst vielleicht nicht getraut hätte. Ihr Stellung ist einmalig in der Filmgeschichte. Um das zu verstehen, muss man sich die Kinolandschaft und die USA in den 1930ern vor Augen halten. 

Die große Depression war das beherrschende Thema und die großen Hollywood-Studios versuchten, jedes auf seine Weise, damit klarzukommen – und nicht nur das: Auch die Umstellung auf den Tonfilm musste wenige Jahre zuvor gemeistert werden. Technisch war das nur für kurze Zeit ein Problem, aber es wirkte sich auf die Karrieren vieler Stars und damit auch auf das Wohlergehen ihrer Heimatstudios aus. Das größte von allen, MGM, zögerte mit dem Tonfilm etwas, bekam es dann aber sehr gut hin und entdeckte eine Selbstverständlichkeit: Dass die neue Technik sich gut für Musikfilme eignete und wurde das führende Studio für prächtige Werke dieses Genres. Der Hauptkonkurrent Paramount hatte hingegen das Pech, dass viele seiner elistären Stars nicht „tonfilmgeeignet“ waren und musste sich umstellen, konnte aber mit eleganten Gesellschaftskomödien weiterhin im Rennen bleiben. Die Warner Brothers adaptierten die rauen Zeiten der frühen 1930er perfekt und wurden groß mit dem realistischen Gangsterfilm groß, gingen mit den eigenen Stars recht ruppig um, der Gangsterfilm wandelte sich später in den Film noir, die Stars wurden aufsässig. Universal fasste das Grauen der Depression in seine berühmten Horrorfilme und RKO bot dem Publikum Beschwingtes mit Fred Astaire und Ginger Rogers. Und die Schauspieler-Strafkolonie Columbia erfand eher nebenbei die Screwball-Comedy, was nach meiner Ansicht fraglich ist (dass „Es geschah in einer Nacht“ dieses Genre sozusagen in einem Urknall geschaffen hat, siehe z. B. die zuvor entstandenen Komödien von Ernst Lubitsch bei der Paramount).

Was aber war mit der Fox, die sich aus finanzieller Not mit der 20th Century Corp. zur heute noch existierenden 20th Century Fox (jetzt passenderweise 21th Century Fox) zusammengeschlossen hatte? Sie wurde durch Shirley Temple vor der Pleite gerettet. So viele interessante Neuerungen wie den erstmaligen Einsatz von Cinemascope verdanken wir dieser Firma, ebenso die Komödien mit Marilyn Monroe, aber erst einmal mussten die Kassenschlager mit dem kleinen und schon als Sechsjährige gut tanzenden Mädchen das Studio sanieren. Kein anderer Kinderstar war je so beliebt, übertrumpfte in seinen Glanzzeiten als Kassenmagnet sogar alle Erwachsenen und zu ihrer Legende bzw. daran, dass man heute noch in Nostalgie schwelgt, trägt sicher bei, dass sie relativ unbeschadet von diesem frühen, großen Ruhm blieb und später immerhin als Politikerin Karriere machte, nachdem sie den Sprung ins Erwachsenenfach nicht so hinbekam, wie sie es selbst sich wohl gewünscht hatte. Bzw. das Publikum hat es nicht goutiert, sie nicht mehr als Kind zu sehen – ihre Auftritte hingegen waren stets professionell.

Ihre Karriere hat einen großen Symbolgehalt. Sie war eine Lichtfigur der Depressionszeit und brachte die Menschen zum Lachen und Träumen und tat das Ihre tatsächlich dadurch, dass sie ein Filmstudio vor dem Bankrott bewahrte, das war eine selbst in Hollywood seltene Einheit von Image und realer Statur, die sich auch in der Wahl der Stoffe für sie ausdrückte. Ihre Auftritte hatten etwas Heilendes, Erlösendes, kein Wunder also, dass sie 1937 auch die Heidi aus Johanna Spyris Roman spielte. Als man sie 1940 in einer eher schattigen Rolle besetzt, war der Erfolg fast schlagartig zu Ende.

Allerdings war auch „Die kleine Prinzessin“ nicht mehr ganz so erfolgreich wie einige Filme aus den Jahren zuvor. Die Depression ging zu Ende, der Krieg kam näher und als hätte man’s geahnt, baute man in den Film auch eine herzzerreißende Geschichte von einem Vater ein, der in den Krieg zieht und dann spielt das Ganze auch noch in Großbritannien, wo im selben Jahr der dritte wichtige Krieg des 20. Jahrhunderts für das Vereinigte Königreich begann. Der Offizier und seine kleine Kindersoldatin, die nach dem Tod der Mutter tapfer und allein die Heimatfront bildet. Kann es etwas Rührenderes geben?

Um das Ganze noch etwas zu schärfen, hat man ein Mädchenpensionat konstruiert, in dem eine böse Stiefmutter oder Hexe das Regiment führt und die kleine Sara nach dem vermeintlichen Tod ihres Vaters als Dienstmagd missbraucht – als sich herausstellt, dass dieser verarmt war. Zuvor hatte sie das seinerzeit noch recht verwöhnte Mädchen nur aufgenommen, weil der Vater mit Renommee und Geld punkten oder prunken konnte. Der Film ist bezüglich seiner sozialen Aussage ganz schön tricky und gar nicht undeutlich. Vieles ist aber genau deshalb wohl nicht überragend ausgespielt, z. B. das Verhältnis von Sara (Temple) zu den Mitschülerinnen. Als Internatsfilm fällt „Die kleine Prinzessin“ durch, das muss ich an dieser Stelle festhalten. Dabei wäre das genau die Gelegenheit gewesen, eine Elfjährige nicht wie eine Siebenjährige spielen zu lassen, sondern die Konflikte auf eine etwas elaboriertere Art zu zeigen, die sich hier gar nicht unweigerlich auftun, sondern, weil eine böse Schulleiterin es so will. In einem Traum Saras wird sie ja auch als Hexe dargestellt und man hat den Eindruck, die Macher des Films hätten schon geahnt, dass er von „The Wizard of Oz“ noch im selben Jahr weit in den Schatten gestellt werden würde und wollten vorab der böesen Hexe des Westens ihre Referenz erweisen. Dass man Sara für ein jüngeres Mädchen hält, als Shirley Temple zu dem Zeitpunkt war, kommt vor allem durch ihre Niedlichkeit und ihren relativ kleinen Wuchs zustande. Sie war schauspielerisch so gut, dass sie sich ein wenig zurückdenken und in ihre eigene Persona einfühlen konnte, die sie etwa zwei, drei Jahre zuvor entwickelt haben sollte. Selbst in den USA sind Naturtalente wie dieses nicht an jeder Ecke anzutreffen und ihr Ruhm erscheint berechtigt, soweit es um ihre Fähigkeiten geht.

Einige ihrer Filme sind gut erhältlich, auch „Die kleine Prinzessin“, obwohl ich lieber die OmU auf ARTE angeschaut habe als die drei Minuten längere, in Deutschland notabene erst nach dem Zweiten Weltkrieg durchgeführte synchronisierte Fassung. Was man weggelassen hat? Vielleicht gar nichts, denn schon bei anderen Filmen habe ich festgestellt, dass die Abspielgeschwindigkeit (25 anstatt 24 Bilder in der Sekunde im Original) bei den europäischen Spielzeitangaben häufig eine Rolle spielt, notabene bei einem 90-Minuten-Film ca. 3 Minuten ausmacht. Getestet habe ich das kürzlich anhand der synchronisierten Fassung und dem Original von „A Lady Vanishes“ von Alfred Hitchcock, der im Jahr 1938 entstand. Nach wenigen Minuten ist das Original bereits deutlich hinter der Synchro-Fassung zurück, obwohl nichts geschnitten wurde und die etwas schnelleren Bewegungen kaum wahrnehmbar sind.

Das ist deshalb wichtig, weil „Die kleine Prinzessin“ durchaus einige Szenen enthält, über die man diskutieren kann. In mancher Hinsicht hat man auf den ruppigen Stil von Grimms Märchen zurückgegriffen. Die Eindeutigkeit von Gut und Böse ist ebenso frappierend wie die teilweise etwas skurril anmutenden Figuren und der Klassismus, der die englische Gesellschaft noch heute spiegelt.

Finale

So richtig mitgerissen hat mich „Die kleine Prinzessin“ nicht. Das Verhältnis Vater-Tochter war mir etwas gar zu schmalzig dargestellt und wirkte nicht ganz authentisch. Generell hat Shirley Temple hier zwar eine eigenständige Aura, aber dass ihre Darstellung ein Highlight ist, würde ich nicht behaupten wollen. Das gilt auch für die meisten anderen Figuren. Die recht raue Sprache und die rudimentäre Anlage einiger doch wichtiger Figuren sowie eine Handlungsführung, die man allenfalls als mittelmäßig bezeichnen kann und die recht konstruiert wirkt, beeinflussen den Eindruck von dieserm Werk. Da wollte man zu viel reinpacken: Kriegsgefahr, Wohlstand, Depression und zurück, die Grausamkeit klassischer Märchen, etwas von Charles Dickens. Wenn am Schluss schon die steinalte Königin Victoria auftritt, hätte ich sie, wenn ich Sara gewesen wäre, gefragt, wie es sein kann, dass ein Mädchen, das auch noch das Unglück hatte, gerade seinen Vater zu verlieren, von einem Tag auf den anderen zur Magd degradiert wird, dass sie in einem Land mit einer so gütigen Herrscherin in einer Schule für höhere Töchter zur Kinderarbeit herangezogen wird und ihr nicht die Hand geküsst bzw.  einen Knicks gemacht und den Kuss angedeutet.

Auch, dass die junge Lehrerin Rose und die anderen das so zulassen, wirkt nicht gerade entzückend, aber die Chefin des Lehrbetriebs hat eben alles maximal im Griff. Nun ja. Sicher, es ist hintergründig, kann als sozialer Kommentar gelesen werden; war man doch damals besonders als Frau sehr froh, eine solche Stellung wie die junge Lehrerin bekommen zu können. Auf eine Weise schaut der Realismus der Welt am Beginn des 20. Jahrhunderts hindurch, wird aber durch den Einsatz der letztlich doch sehr taffen und robusten kleinen Shirley Temple, die mittlerweile das Sinnbild für die Selbstheilungskräfte eines Landes geworden war, gekontert.

Mich hat der Film aber auch wegen seiner bedenkenlosen Huldigung an das Militär und des Kriegs als Selbstverständlichkeit, die schon Kindern viel abverlangt, sehr widersprüchlich zurückgelassen und technisch ist er trotz Technicolor nicht perfekt – zum Beispiel stören die häufigen Schwarzblenden, die wirken, als habe man damals das Überblenden in Technicolor noch nicht hinbekommen. Auch der Ton der gesehenen, von Lobster restaurierten Version fällt dann jedes Mal durch Störgeräusche auf – an einer Stelle, als Sara auf einer belebten Straße unterwegs ist, gibt es aber doch eine Überblendung. Dass man den Film nicht zu sehr „hochrestauriert“ hat, auch nicht seine Farben betreffend, ist aber interessant zu sehen. Es weicht von der europäischen, besonders der französischen Methode ab, selbst Stummfilme aus den 1920ern wie neu, nur ohne gesprochene Worte, aussehen zu lassen und z. B. die Kontraste und die Gleichmäßigkeit der Belichtung weit über das damals mögliche Niveau hinaus anzuheben, aller Kratzer zu eliminieren etc.

Immerhin hat mich „Die kleine Prinzessin“ neugierig auf weitere Shirley-Temple-Filme gemacht und das ist ja auch wichtig, denn wer über das Hollywoodkino der 1930er Bescheid wissen will, kommt an ihr nicht vorbei.

62/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursiv ohne Nummerierung: Wikipedia

Produktion Darryl F. Zanuck,
Gene Markey
für 20th Century Fox
Musik Charles Maxwell,
Cyril J. Mockridge,
Herbert W. Spencer,
Samuel Pokrass
Kamera Arthur C. Miller,
William V. Skall
Schnitt Louis R. Loeffler
Besetzung

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