Der sanfte Tod – Tatort 925 #Crimetime 958 #Tatort #Hannover #Lindholm #NDR #Tod #sanft

Crimetime 958 – Titelfoto © NDR, Christiane Schröder

Es ist ein Standard geworden

In ihrem 22. Fall ermittelt Charlotte Lindholm in der Welt der Lebensmittel und Popstandards-Fans, nähert sich an, ekelt sich, findet einen Menschen mit einem besonderen Merkmal. Wie das? Es wird in der -> Rezension erklärt. Sie stammt, das wollen wir gleich erwähnen, aus dem Jahr 2014 und wurde anlässlich der Erstausstrahlung des Films verfasst. Mittlerweile hat Charlotte Lindholm die Kollegin Anaïs Schmitz zur Seite gestellt bekommen und ging durchs Feuer bzw. nach Göttingen, zumindest das Setting hat sich also verändert.

Handlung

Jan-Peter Landmann ist einer der mächtigsten Fleischfabrikanten im sogenannten Schweinegürtel Niedersachsens. Kurz bevor seine Firma ein neues Wurstprodukt einführt, entgeht er nur knapp einem Mordanschlag.

Sein Chauffeur Karl „Carlito“ Ebert und er hatten vor der tödlichen Fahrt spontan die Plätze getauscht, dadurch überlebt Landmann und „Carlito“ stirbt. Polizeischutz lehnt Firmenchef Landmann ab – auch, weil er Charlotte Lindholm imponieren will, die das örtliche Kriminalkommissariat bei der Aufklärung des Anschlags unterstützt. Der charismatische Familienunternehmer wird von seinen Mitarbeitern verehrt, aber von seinen Konkurrenten gehasst – vorliegende Drohbriefe sprechen eine deutliche Sprache.

Doch als die Mutter des toten Chauffeurs eine hohe Abfindung erhält, wachsen bei Charlotte Lindholm Zweifel, ob der Anschlag tatsächlich Landmann galt. Was wusste der Chauffeur über die kriminellen Herstellungsmethoden im Familienbetrieb? Lindholms Suche nach dem Täter wird mit zweifelhaftem Erfolg unterstützt durch die unerfahrene Kommissarin Bär. Als ein weiterer Anschlag auf Landmann erfolgt, wird klar, dass mehr als ein Leben auf dem Spiel steht.

Rezension

Es gab einmal einen Tatort, der hieß „Kaltes Herz“. Er heißt immer noch so, aber beim Anschauen ist uns der Kragen geplatzt, und zwar alle Lindholm-Tatorte betreffend. Sie haben hohe Einschaltquoten, trotzdem hat die Ermittlerin eine niedrige Bewertung von den Fans beim Tatort-Fundus und in der Rangliste der führenden Tatort-Plattform keinen Fall unter den Top 50, obwohl mitterweile 22 Filme zusammenkommen. Da ist etwas Seltsames. Anfangs fanden wir Charlotte auch super, aber je mehr die Erkenntnis wuchs, wie diese Figur gestrickt ist, desto mehr mussten wir uns abwenden.

Doch jeder Tatort ist neu zu bewerten und wir sind immer bereit, unser Urteil zu revidieren. War das möglich, nach dem Anschauen von „Der sanfte Tod“?

Wir stellen zunächst eine Prämisse auf, die sich aus der überwiegenden Zahl der Lindholm-Tatorte ergibt, die überwiegende Zahl haben wir schon gesehen, meist nachträglich, seit 2011 bei Erstausstrahlung. Die Prämisse ist, kein anderer Tatort ist so standardisiert wie der aus Hannover. Wie dieses enge Korsett zustande kommt, darüber kann man spekulieren,  zum Beispiel in die Richtung, dass die Hauptdartellerin so viel Einfluss auf die Drehbücher hat wie sonst kein Schauspieler am Tatort – allerdings war es nun erneut der NDR war, der mit Tschiller / Schweiger einem weiteren Darsteller so viel Freiraum oder noch mehr gegeben hat. Seltsam ist schon dieser Verlust an Souveränität, den Profis in Kauf nehmen, um der Quote, nicht um der Qualität willen.

Zu den Standards der Linholm-Fälle. Jeder echte Auftritt von Charlotte beinahltet: Messerscharfe Pseudo-Analytik, aber warum nicht, das ist bei vielen weiteren Tatort-Kriminalern nicht anders. Dumme Dorfpolizisten, die sieht man zuweilen auch in anderen Gegenden, in denen die überlegenen LKA-Beamt*innen aufs Land fahren. Aber: In den meisten Fällen nicht so massiv, nicht so deutlich klassistisch angelegt. Wir werden aber die Argumentationslinie, betreffend die Elemente des Lindholm-Auftritts, die wir in „Schwarzes Herz“ zogen, nicht wiederholen, auch nicht das Ergebnis, das wir daraus abgeleitet haben. Wir halten nur fest, diese Herrscherattitüde ist ein Standard.

Damit verknüpft sich ein weiterer, der mittlerweile tief blicken lässt: Jedes Mal wird Lindholm explizit als die schönste Frau weit und breit bezeichnet. Ist es notwendig? Glaubt der Zuschauer es, weil es gesagt wird? Wer sagt es wirklich: Ein Mann? Oder ist es ein Spiegel? Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land? Schneewittchens böse Stiefmutter hat diesen Satz verwendet, und der Spiegel antwortete … wir wissen es. Das sollte man immer bedenken, wenn man mit solchen Tricks operiert.

Man sollte uns, den Zuschauern, endlich überlassen, ob wir das kantige Gesicht der Dartellerin wirklich so schön finden. Aber die Lindholm-Tatorte sind eben absolutistisch, da passt auch diese Behauptung wunderbar ins Bild. Denn es geht ja nicht nur um die Optik, nein, nein. Es geht auch ums Innenleben: Niemand ist morgens so vermutlich laktosefrei joghurtmäßig drauf wie Charlotte, kämpft gegen dumme Männer, für eingeschüchterte Frauen. Dieses Mal. Dass man für eine solche Rolle Bibiana Beglau ausgesucht hat, ist im Grunde auch ein wenig strange. Aber die Arme und wie ihr geholfen wird, das ist eine Schachtelung im üblichen Landei-Szenario, wir werden noch einmal darauf zurückkommen. Ach ja: natürlich müssen Fahrräder zurückgegeben werden, die von einem Verdächtigen kommen, aber mit ihm essen gehen und sich dabei besonders stylen, das geht natürlich. Anschließend dem Mann dann sagen, dass man ihn verabscheut (sinngemäß), das geht auch. Grübel. Grübel? Nö.

Hier ist niemand in Schutz zu nehmen, aber wer sich so ambivalent verhält, hat nicht das Recht, so zu urteilen. Es sei denn, es verbirgt sich dahinter eine Selbstohrfeige: Ich ekle mich vor dir, weil ich mein eigenes Verhalten beschissen finde. Aber darf man so weit interpretieren? Eher nicht. Nein, so hintergründig ist Lindholm nicht gestrickt, denn wär sie’s, dann wäre die Figur nicht so geradezu plump selbstdefinierend und auch mehr als alle anderen ErmittlerInnen im Tatortland selbstgerecht ausgelegt.

Wir bewundern die Drehbuchautoren und Regisseure, die all die Vorgaben für diese Figur einhalten und dennoch vernünftige Krimis schreiben und drehen können. Wie es ausgeht, wenn das nicht gelingt, sehen wir am Beispiel von „Der sanfte Tod“. Der Film ist psychologisch so unglaubwürdig. Vorteil: es ist ganz leicht, die Handlung in jede beliebite Richtung zu treiben. Kritische Anmerkungen zur Handlungslogik, wir geben’s zu, sind eine Art Steckenpferd bei den Rezensionen für den Wahlberliner. Dieses Mal gibt es kaum etwas zu bemängeln, weil die Logik super glatt laufen kann, wenn die psychologischen Grundlagen  eh vernachlässigt werden. Alles geht, wie unwahrscheinlich es auch immer sein mag, dass Menschen sich so verhalten. Unwahrscheinlich ist nicht unlogisch. Schon gar nicht, wenn man sich, wie Charotte Lindholm, alles erlauben darf.

Manchmal bricht das Erstaunen wie ein Blitz in eine schöne Szene hinein. Denn schön gefilmt ist „Der sanfte Tod“, die gute Bildarbeit, das coole Styling, hier durch einige nette, nennen wir sie Beschleunigungsschnitte, unterstützt, ist seit jeher ein Merkmal der Hannover-Tatorte. Wir verstehen noch, dass Landmann, der Großwurstmacher, ein ambivalenter Typ ist, der faszinieren und abstoßen kann, der eine herrische Mutter hat und dadurch nicht schwul wirkt, wie sein Neffe, der ja gar nicht deren Sohn ist, sondern die harte Linie grundsätzlich adaptiert hat, mit einigen Sentimentalitäten garniert. Im Grunde eine gute Figur, ebenso wie die gruselige Mutter. Klischee, gut, aber man kann nicht jede Figur bis ins letzte Detail ausformen, wenn sie zur Atmosphäre, nicht wesentlich zur Handlung beiträgt. Und Heino Ferch tut alles, um diesem Jan-Peter Landmann, Lebensmittelindustrieller, Plastizität zu geben und eine kompakte Ausstrahlung, aber keinen monolithischen Charakter.

Doch wie der Typ Charlottes manchmal schroffe Art hinnimmt, das lässt nur einen Schluss zu: Er mag diesen Typ Frau, weil dieser Typ demjenigen der Mutter ähnelt. Nicht in der Diktion, bewahre, aber bezüglich der dominanten Ausstrahlung. Dafür hat er die Demütigung, wie Charlotte ihn angreift und von dannen schreitet, aber auch verdient – und dass Charlotte ein wenig mit ihm spielt und die Pupillen in die Augenwinkel schiebt. Das auch. Wer alles und alle kaufen will, der hat’s verdient. Das hätte Charlotte doch geich merken können, bei ihrer Art, sich nicht auf gleich einzufühlen, sondern sich von oben auf andere Menschen fallen zu lassen. Oder eben nicht. Was aber nicht geht, ist, dass die professionelle Distanz mal wieder verloren geht, nur, weil eine Frau Lindholm sowieso in der Lage ist, in Sekundenschnelle wieder ebenjenen Abstand herzustellen. Wer nur scheininvolviert ist, darf sich auch zum Schein einlassen. Auch das fügt sich gut ins Schema ein.

Ebenso wie die wirklich gute Volte mit Dorfkommissarin Bär, seit vierzehn Tagen bei der Kripo, gespielt von Bibiana Beglau. Ganz offen: Die Frau hätte eine bessere Rolle verdient, als sich von Charlotte mal so, mal so, aber immer nach Belieben behandeln zu lassen. Wir waren beinahe sprachlos, wie diese Schauspielerin eine so defensive Rolle annimmt, die  zu  ihrer Optik genauso wenig passt wie eine solche Figur zu Maria Furtwängler passen würde. Aber Beglau kriegt es recht gut hin, das verschüchterte Bärchen zu spielen.

Nur – dass die männlichen Kollegen sie mobben, dafür spricht zunächst gar nichts, außerdem ist sie doch erst seit vierzehn Tagen in dem Laden. Und dann macht dieser Dorfpolizist die Frau Bär auch noch vor einer LKA-Beamtin so an. Wie schräg ist das denn? Es ist nur dazu da, zu erklären, warum Linholm mit Bär schonender verfährt als mit vielen Dorfcops in vielen Jahren. Sie hat noch etwas vor. Sie hat vor, dem Pubikum zu erläutern, wie man Männer klein macht, wenn und weil sie sich inkorrekt verhalten. Kein normaler Mensch würde sich in dieser Situation so verhalten wie dieser Polizist, der dazu auch noch mickerig geraten ist. Auch ein Standard: Furtwängler ist nicht die Riesin, als die sie in ihren Tatorten gerne erscheint, weil eher kleine Männer als Mitspieler gecastet werden. Nein, wir verkneifen uns einen Gag, der auf einer Assoziation zum Realen aufgebaut wäre.

Dies jedenfalls ist einer der Momente im Drehbuch, bei denen man sich wirklich fragen muss, was diejenigen, die solche Dialoge verfassen, über die Zuschauer denken. Es kann nichts Gutes sein. Und wir sind noch nicht so verschüchtert wie die Frau Bär, dass wir uns nicht dagegen wehren, wenn wir für unterbelichtet gehalten werden und wirklich jeden Unsinn kaufen sollen, nur, weil er zum Lindholm-Set gehört. Hier: das politische Statement. Erstens für die Frauen.

Zweitens für den Joghurt und gegen die Wurst. Damit ist aber auch alles gesagt. Die Schweine sterben nämlich einen sanften Tod und das Essen, das aus diesen Schweinen gewonnen wird, ist trotzdem so – disgusting. Nicht nach der Logik von Frau Lindholm, wie man bei der einen oder anderen Gelegenheit sieht. Anstatt wieder mal angewidert zu sein, hätte sie geich einen vegetarischen Auflauf bestellen können. Wir sind ja auch keine Fleischfanatiker, aber muss man so ein Aufhebens wegen allem machen? Wenn man Lindholm heißt, offensichtlich schon. So ist das nun mal, wenn man die prätentiöseste Figur unter allen ca. 100 wichtigen Figuren in 21 Tatort-Teams sein will.

Überdrüber geht aber dieses Mal sogar ohne ihre Anwesenheit, wenn auch nicht ohne ihr Statement. Sie gibt kund, dass die Tochter von Landmann sich von diesem abwendet, wenn Lindholm ihr Bescheid steckt, wie ihr Vater sie als Alibi „missbraucht“ hat. Wir schreiben normalerweise keine Anführungszeichen, aber dieses böse Wort geht nicht ohne, denn es suggeriert ja unterschwellig etwas anderes als nur, sich eine Zeugin zu verschaffen für einen bestimmten Moment, in dem eine bestimmte Tat ausgeführt werden sollte. Wer dafür andere dingt, der hat’s aber eh leichter damit, sich unbeteiligt zu geben. Wie eben der Herr Landmann, dessen Tochter sich von ihm abwenden sollte.

Tut sie zunächst und wir sind bass erstaunt, weil zuvor aber auch gar nichts dafür spricht. Ebenso verschoben ist die plötzliche Rückkehr. Beide Verhaltensweisen sind so voneinander abgesondert, dass man den Eindruck hat, eine Marionette vor sich zu sehen, die blitzschnell in jede Richtung manipuliert, mit unsichtbaren Fädern gesteuert werden kann. Das ist Figurenmissbrauch. Ohne Anführungszeichen.

Fazit

Die Standards haben wir einigermaßen durch und dabei einige Aspekte des 925. Tatorts abgehandelt. Die Kriminalstory ist schnell bewertet: Durchschnitt. Unterer Durchschnitt sogar, was die Lindholm-interne Innovation angeht.

Aber das kann Charlotte Lindholm gut: Uns so von der Handlung ablenken, dass wir Mühe haben, deren Banalität zu bemerken. Und wieder einmal – die Unglaubwürdigkeit. Auch in Form von Genmais. Der Genmais. Wo soll der denn stehen? Sicher nicht auf einem normalen Feld, sicher nicht in Deutschland. Das neue Konservierungsverfahren für Würste, das so schrecklich gefährlich ist. Nicht, dass die Lebensmittelkontrolle in Deutschland fehlerlos wäre, aber in so grundsätzlichen Fragen wird natürlich schon getestet und bewertet, und das nicht nur auf nationaler, sondern auf europäischer Ebene. Es geht ja auch um den Export, Frau Landmann sen. denkt in einer Szene daran. Und dann diese Erpressung durch den Chauffeuer, dessen Ausschalten, die Familie, zu der er gehört: Alles Fetzen aus Wirtschaftskrimis und Mafiafilmen, ohne Liebe in den Raum geschmissen. Ein ohnehin vorbestrafter Sicherheitsschef, der sich als Möder „missbrauchen“ lässt, jetzt wieder mit „“, weil er sowas von treu ergeben ist, dass er zum Schein gefeuert wird. Ein privater Sicherheitsdienst, der von der Polizei als Personenschutzmannschaft eingesetzt wird. Ein Renault R5 aus den 1980ern als Dienstwagen. Dass man bulgarischen ungelernten Arbeitern mit Englisch (nicht bei-) kommt. Usw.

Der Anfang war vielversprechend, aber im Verlauf hatten wir bei „Der sanfte Tod“ so viele Déjavus, dass wir schon vorher ahnten, was Charlotte als nächstes tun oder sagen wird. Sinngemäß natürlich, eine 1:1-Kopgie bereits in älteren Tatorten verwendeter Sätze wagt man bisher nicht. Der Zuschauer findet sich jedoch auf bekanntem Terrain wieder, und wenn man bekommt, was man erwartet, ist das in diesen Zeiten auch nicht das Schlechteste. Ein wenig Lebensmittel- und sonstige Küchenphilosophie und -psychologie obenauf.

Ach ja, das Format war echtes 1,85:1, das ist ja doch auch eine Tatort-Innovation. Dadurch wirkt alles noch gediegener, was wir sehen, jedoch, es enthebt uns nicht des Schmerzes über den mageren und überaus standardisierten Inhalt und über Charlotte Linholms wenig erfreulichen Charakter.

5/10

© 2021, 2016, 2014 Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung
Hauptkommissarin Charlotte Lindholm – Maria Furtwängler
Clemens Müller – Marko Dyrlich
Jan-Peter Landmann – Heino Ferch
Kommissarin Bär – Bibiana Beglau
Martin Landmann – Sebastian Weber
Rita Landmann – Tatja Seibt
Stella Landmann – Ricarda Zimmerer
von Keller – Robert Dölle
u.a.

Drehbuch – Alexander Adolph
Regie – Alexander Adolph
Kamera – Jutta Pohlmann
Musik – Christoph Kaiser, Julian Maas

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