Mit anderen Augen – Polizeiruf 110 Episode 281 #Crimetime 959 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #München #Obermaier #Tauber #BR #Augen #andere

Crimetime 959 - Titelfoto BR

Hellsichtigkeit aufgrund eines Kindheitstraumas

Der 12. Fall von – nicht Richard, sondern Jürgen – Tauber und – nicht Uschi, sondern Jo(hanna) – Obermaier hat uns zwiespältig zurückgelassen. Auf der einen Seite ist er, wie immer, wenn Edgar Selge am Werk ist, gut gespielt und das gesamte Ensemble arbeitet auf hohem Niveau, andererseits sind die besonderen Fähigkeiten des Profilers psychologisch gesehen ein fragwürdiges Konstrukt. Der Täter hingegen bleibt blass und warum er so maßlos grausam mordet, im Dunkeln. Oder? Wir machen uns weitere Gedanken in der -> Rezension.

Handlung

Eine Serie von bestialischen Morden erschüttert die Polizei. Tauber ist sich sicher, dass sie den Ritualtäter bald stellen werden, der sich stets kranke und schwache Frauen auswählt. Er sucht sie in ihren Wohnungen auf, betäubt sie und schlachtet sie regelrecht dahin. Da dem Polizeichef die Aufklärung zu lange dauert, stellt er Obermaier und Tauber den Fallanalytiker Heinrich Zermahlen zur Seite. Tauber ist darüber nicht begeistert und sieht seine Arbeit in Frage gestellt. Zudem macht der Experte einen sehr seltsamen und kauzigen Eindruck auf die beiden Kommissare.

Eine erste Spur führt in den Singleclub „Romantica“, wo das letzte Opfer, Julia Heinz, nachweislich Stammgast war, die anderen beiden Opfer allerdings nicht. Kurz nachdem Tauber sich in dem Lokal umhört und sich mit Rosemarie über Julia unterhält, wird diese in ihrem Wagen umgebracht. Tauber ist entsetzt und vertraut Jo an, dass er die Frau am Vortag kennengelernt hat. Dieser Mord weicht zudem von den anderen ab, da Rosemarie nicht in ihrer Wohnung umgebracht wurde und auch keinen körperlichen Makel hatte, wie die bisherigen Opfer. Auch für Zermahlen ist dies merkwürdig, und er fragt Obermaier nach einem Mordfall aus der Vergangenheit, der ebenfalls nicht mit den letzten Morden in Zusammenhang zu stehen scheint. Dabei interessiert ihn der Tod eines siebenjährigen Jungen, der vor einigen Wochen von einem Baum gestürzt ist. Er lässt sich den Tatort zeigen und scheint sich in das Geschehene der Vergangenheit einzufühlen zu können. Dabei sieht er, dass der Junge einen ersten Mord an einer Obdachlosen beobachtet hat, die allerdings der Polizei noch gar nicht als Opfer gemeldet wurde. Daraufhin wird verstärkt gesucht und mit Hilfe Heinrich Zermahlens seherischen Fähigkeiten wird tatsächlich das halbverweste Opfer gefunden. Während Obermaier von der besonderen Gabe des Profilers überzeugt ist und ihn sogar zu sich zum Essen einlädt, bleibt Tauber skeptisch. Für ihn weiß er einfach zu viel. So nutzt er die Gelegenheit, als Zermahlen bei seiner Kollegin zum Abendessen ist und sieht sich heimlich in dessen Kleinbus um. Dabei entdeckt er eine seltsame Sammlung von Messern. Einen DNA-Analyse, die er in Auftrag gibt, wird allerdings von Zermahlen bemerkt und so sucht dieser das Gespräch mit Tauber. Dabei erzählt er ihm, dass sein Vater sowohl dessen Mutter als auch Schwester erschossen hatte. Nachdem er auch auf ihn geschossen hatte und er daraufhin vier Jahre lang im Koma lag, bekam er diese übersinnliche Begabung, die er jetzt der Polizei zur Verfügung stellt.

Schon am nächsten Tag wird Lotte tot aufgefunden, die Tauber bei seinen Recherchen im Romantica getroffen hatte. Sofort verdächtigt er Fridolin Deller, den er mit Lotte hat tanzen sehen und den er später in der U-Bahn angesprochen hatte. Jedoch gibt es keine Beweise für dessen Schuld und er kann nicht verhaftet werden. So wird er zwar observiert, entzieht sich dieser allerdings sofort. Tauber und Zerrmahlen vermuten, dass Deller sich das nächste Opfer in ihrem Umfeld suchen wird. Es könnte ihre Kollegin Obermaier sein, woraufhin sie sie nicht aus dem Auge lassen wollen. Jo Obermaier bekommt unerwartet einen anonymen Anruf, dass jemand ihre Tochter Christine in der Gewalt hätte. Umgehend fährt sie in das Kino, wo Christine oft arbeitet. Tauber und Zermahlen folgen ihr und können Deller stellen. Dieser flieht und sticht auf seiner Flucht Zermahlen nieder. Tauber verfolgt ihn weiter und erschießt ihn, bevor er das Kino verlassen kann. Zermahlen und Deller erliegen beide ihren Verletzungen.

Rezension

Rational ist es nicht zu erfassen, aber Jo Obermaier nimmt es hin und vertraut ihrer Intuition, während der Verstand von Jürgen Tauber sich dagegen sträubt, was der Profiler Zermahlen alles sehen kann. Der Name ist wunderbar sprechend, weil der Mann als Junge zwischen den Mühlsteinen familiärer Gewalt zermahlen wurde und einsam durch die Welt mäandert, aber auf eine sehr hellsichtige Weise. Das Duell zwischen ihm und Tauber ist sicher das Highlight des Films, es ist auch ein Kräftemessen der Darsteller: Wer wirkt am überzeugendsten und hat die größere Präsenz? Die Konkurrenzsituation mag es so in der Realität nicht gegeben haben, aber sie wirkt echt und intensiv. Wir fanden es richtig, dass Tauber überprüfen lässt, ob Zermahlen wirklich in Chicago war und auch einen DNA-Abgleich vornehmen lässt. Einerseits. Andererseits: Wäre das US-Alibi nicht sicher, wäre das für den angestrengten Polizeichef wirklich ein Grund, den Hut zu nehmen, denn es war seine Sache, es vorher verifizieren zu lassen.

Der Profiler lebt in einem Wohnmobil bzw. Campingbus, der Unbehauste, erst im Wald, dann auf einem Parkplatz vor dem Präsidium, das ist okay. Aber der Kern ist: Er muss seine Vergangenheit glänzend aufbereitet haben, sonst würden die schweren Traumen, die sich bei ihm als Kind gebildet hatten, ihn an dieser schrecklichen Arbeit mit schlimmsten Gewaltverbrechen eher hindern, als dss sie zu besonderen Fähigkeiten führen. Es reicht ja nicht, wie diese kurzen, gedankenblitzenden Momente bei Zermahlen suggerieren, Situationen bildlich vor sich zu sehen, man muss auch rational und eingermaßen angstfrei mit diesen Eingebungen umgehen können.

Auf die entscheidende Idee kommt aber Tauber: Nämlich, dass der Täter ihn beobachtet und ihm schaden, sich ihm überlegen fühlen will. Das Muster der narzisstischen Grandiosität, das wir schon in einigen Tatorten gesehen haben, z. B. in einem Kölner Fall, der im Jurastudenten-Milieu spielt oder das bei Faber in Dortmund ein Dauerthema ist, wird hier leider nicht mit einem Hintergrund ausgestattet. Bis zum Schluss wissen wir nicht annähernd, warum der Täter sich auf Tauber kapriziert und – der erste Fall, der Mord Zero, gemäß Diktion im Corona-Zeitalter, fällt ganz aus dem Muster, was Tauber ebenfalls erkennt. Es kommt nicht einmal raus, ob es sich letztlich um einen Vierfach- oder Fünffach-Mörder handelt. Wenn aber keine Regel Gültigkeit hat, was soll ein Profiler da machen?

Kritiker haben geschrieben, der Film würde den Zuschauer sofort in seinen Sog ziehen. Gemeint ist damit wohl, dass das viele Blut, das man ziemlich zu Beginn schon sieht, die Menschen auf jeden Fall wachhalten wird. Man merkt, dass im Jahr 2006, als „Mit anderen Augen“ veröffentlicht wurde, Quentin Tarantino bereits seine Spuren in der Filmwelt hinterlassen hat – nur ist bei ihm immer eine kaum übersehbare Lust an der Ironie und Exploitation von Gewalt zu erkennen, die man nicht mögen muss, die aber ein anderes Mindset darstellt als in einem Film, in dem wir weder erfahren, warum der Mörder so ist, wie er ist, noch ihn als Typ richtig kennenlernen und das Schräge an ihm schön gruselig finden können. Man kann auch sagen, der Film geht nicht den ganzen Weg, sondern konzentriert sich auf ein Duell zwischen Ermittlern, das etwas albern endet. Mit dem Golfball auf dem Holzkreuz. Nun ja. Zum Stil des Films passt das nicht, aber alles, was mit dem Polizeichef zu tun hat, soll ja ein wenig Humor reinbringen.

Finale

Wir mögen die München-Polizeirufe mit Tauber und Obermaier, die teilweise schon ähnlich hohe Qualität aufweisen wie später die Von-Meuffels-Fälle mit Matthias Brandt, bei freilich anderer Tonalität. „Der scharlachrote Engel“ beispielsweise ist ein sehr dichter, packender Film. Die Idee, Edgar Selge eine Behinderung mitzugeben, wird übrigens in „Mit anderen Augen“ ebenfalls wieder integrativ behandelt: Der Mörder konzentriere sich, heißt es, auf Menschen mit Behinderung. Das trifft zwar auf das vierte Opfer nicht zu, auch sonst steht diese These auf wackeligen Beinen, aber dadurch kann dieses Handicap, das Symbol für die Unvollkommenheit der Exekutive im Kampf gegen das Verbrechen, wieder einmal grenzphilosophisch abgehandelt werden.

7/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Buddy Giovinazzo
Drehbuch Christian Limmer
Produktion Tita Korytowski
Musik Fabian Römer
Kamera Roman Nowocien
Schnitt Katja Dringenberg
Besetzung

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