Geburtstagskind – Tatort 879 #Crimetime 962 #Tatort #Luzern #Flückiger #Ritschard #SRF #Geburtstagskind

Crimetime 962 – Titelfoto © SRF, Daniel Winkler

Trauer und Tristesse in Luzern

Ein 14jähriges Mädchen kommt ausgerechnet an seinem Geburtstag oder in den ersten Stunden danach zu Tode. Das Feld der Verdächtigen ist ausnehmend klein, trotzdem dauert die Aufklärung 87 Minuten Spielzeit. Da bleibt viel Raum für Charaktere und Stimmungen. Das mit der Atmosphähre hat geklappt, man merkt dem Tatort auch seine Ernsthaftigkeit an. Bei den Charakteren muss man sich entscheiden, ob man sie klischeehaft findet oder nicht.

Wir wollen nicht snobistisch sein, aber es macht wohl einen  Unterschied, ob Dani Levy bei einem Schweizer Tatort Regie führt („Schmutziger Donnerstag“) oder jemand, der hierzulande wenig bekannt ist und viel, sagen wir mal, schweizerischer dreht. Die gute Dokumentarfilmtradition der Nachbarn ist also wie der da, die gab es in „Schmutziger Donnerstag“ nun wirklich nicht zu bewundern. Dafür war der letzte Flückiger manchmal witzig, und bewegte sich auf jener Schnellbahntrasse, die einige Tatorte deutscher Herkunft zuletzt befuhren. Wie es dieses Mal war, steht in der -> Rezension.

Handlung

Im Wald wird die Leiche eines Mädchens gefunden. Es ist die 14jährige Amina Halter. Ihre Familie ist Mitglied in der christlichen Glaubensgemeinschaft «Kreis der Gnade». Der Stiefvater Beat Halter hat seine Frau Ursula mit ihren zwei Töchtern vor Jahren von der Strasse geholt und bei sich aufgenommen. Der leibliche Vater der beiden Mädchen heisst Kaspar Vogt und ist ein Querulant. Am Tag vor Aminas Verschwinden ist er trotz Verbot bei den Halters aufgetaucht und hat Radau gemacht. Reto Flückiger und Liz Ritschard konzentrieren sich bei den Ermittlungen zuerst auf das familiäre Umfeld des toten Kindes. Aber dann erfahren sie, dass Amina schwanger war. Gemäss DNA-Test ist der Vater unbekannt. Wie konnte so etwas in dieser strenggläubigen Gemeinde passieren?

Rezension

Morde an Kindern sind immer sehr speziell, und seit „Es geschah am helllichten Tag“ wissen wir, dass die Schweizer Waldeinsamkeit sich für deren Inszenierung bestens eignet. Trotzdem wär’s uns lieber gewesen, die Kamera hätte nicht so lang auf dem blutverschmierten Gesicht des Opfers verweilt.

Da ist einerseits Reto Flückigers klare Positionierung. Er hält schon deshalb zu dem echten Vater, weil der Ziehvater von Amina, des Opfers, und ihrer kleineren Schwester Julia ein „Sektierer“ ist, der echte Vater bloß ein Junkie, der sein Leben nicht gebacken bekommt und Steine ins Fenster seiner Tochter schmeißt. Das Publikum soll wohl glauben, dass er aufgrund seiner unüberlegten Handlungsweise verdächtig sein könnte. Immerhin hätte der Stein ja auch das Kind treffen können. Die Sekte hingegen tut gar nichts, greift nicht ins Geschehen ein, letztlich basiert alles auf Glauben und Werten.

Niemand fühlt sich in diesem Tatort wohl mit irgendjemandem, die meisten sich nicht einmal in ihrer eigenen Haut. Das schafft ein Gefühl von Unsicherheit, dem man sich durchaus hingeben kann. Reto Flückiger verbrüdert sich mit dem echten Vater der ermordeten Amina – mehr oder weniger – und fährt nur dann aus der ruhigen Haut, wenn es um Sekten geht. Ist da etwas in seiner Biografie, wie bei Liz Ritschard, seiner Kollegin, die „auch ein Problemkind war“, wie sie sagt.

Spannend finden wir es, wie Menschen, die ein wenig oder ein wenig mehr „anders“ sind, in ihrem Umfeld funktionieren, zum Beispiel Beat Halter, der Ziehvater, in dem Sägewerk, in dem er arbeitet. Spät erfahren wir, dass dieses Sägewerk eh ein Sektenbetrieb zu sein scheint und daher eine Harmonie im Glauben herrscht, der Glauben ist natürlich eines von diesen Erlösungsphilosophiedingens, wie bei allen Sekten. In der Tat, es ist unsympathisch, wenn kleine Gruppierungen meinen, sie seien im alleinigen Besitz der Wahrheit und auserwählt und alle anderen von der Erlösung ausgeschlossen. Es wird auch nicht besser, wenn große Gruppen, wie die Weltreligionen, so tendieren. Was für ein Gott wäre dies, der nur eine spezielle Art der Verehrung gutheißen würde? Wir sind alle fehlbar.

Leider spielt „Geburtstagskind“ dies als einen von vielen denkbaren thematischen Ansätzen nicht entfernt aus. Vielmehr wirkt alles hülsenhaft, auch der Glaube. Das muss Ursula Halter, der Mutter der beiden Kinder Amina und Julia, auch aufgegangen sein, als sie am Schluss so allein wirkt, im Haus eines Typs, der nur von Prinzipien redet, aber wohl nicht in der Lage ist, ein echtes Heim für die Menschen zu entwickeln, die er aufgenommen hat. Da ist etwas Kaltes und Einsames, trotz des Hände haltens des Paares, nachdem es von dem Tod der Tochter erfahren hat.

Die Langsamkeit und der einfache Plot, der auch keine Privatinvolvierungen der Ermittler beinhaltet, hätten aber zu mehr Intensität führen dürfte. Die Tristesse kommt nicht zuletzt auch daher, dass die  Zeit bleiern wirkt, dass man beinahe die allgemeine Qual des Daseins bereits aufgrund dieser Zähigkeit nachempfinden kann, die alles durchdringt. Irgendwie passt das alles aber wieder gut zu Reto Flückiger, der so intensiv und melancholisch schaut und keine Kinder hat, wie wir nun auch definitiv wissen. Die Art, wie ermittelt und befragt wird, ist um Längen realistischer als in vielen deutschen Tatorten, demgemäß ist sie weniger spannend und trickreich.

Wenn man so will, ist dieser Film ein besonders klassischer Whodunnit, der die Auflösung schon früh andeutet. Wir hatten, ebenso wie Flückiger und wohl auch wegen seiner Haltung, das Gefühl, der gestrauchelte Wohnmobilbewohner Kaspar Vogt kann nicht der Mörder seines leiblichen Kindes gewesen sein. So ist er einfach nicht gestrickt. Bleiben nur zwei weitere Verdächtige. Der Ziehvater und ein junger Mann aus dem Sägewerk. Dort hat Amina mal im Büro ausgeholfen (mit 14!) und den jungen Mann kennengelernt, hatte Sex mit ihm und wurde schwanger. Der Junge war’s aber nicht, weil auch ein Problemkind. Dass Liz ihn so mag, weil er offenbar der einzige war, der Amina wirklich kannte, kommt, vor allem relativ gesehen, sehr plötzlich auf und sie ist wirklich sehr nett zu jemandem, der die Beziehung zu dem Mädchen auch einfach so beenden wollte, ohne Grund, allerdings nicht wissend, dass sie ein Kind von ihm bekommen würde – oder nicht, denn der Ziehvater behauptet, sie wollte abtreiben.

So früh schwanger werden, lügen, stehlen, abtreiben wollen – da ging es durch mit dem sonst so ruhig wirkenden und gefestigt im Glauben stehenden Beat (Beat = Der Glückliche) Halter. Da ist seiner Tochter, die abhauen wollte, hinterher, und hat sie umgebracht. Wieso gerade an dem geheimen Platz, den sie mit ihrem Lover besucht hat? Den kannte er doch nicht, oder? Vielleicht hat er sie erst dort gestellt. Wieso gab es dann aber in seinem Auto so viele Blutspuren, wenn er die Leiche des Mädchens nur ein Stück durch den Wald gezogen hat? Sicher nicht von ihm selbst, so blutreich war die Schädelverletzung durch Steinschlag nicht. Und was war nun mit der Opfer-Hotline für sexuellen Missbrauch? Der Junge hat Amina nicht missbraucht, es ging eher von ihr aus, heißt es unwidersprochen, und der Ziehvater hat es auch nicht getan – sondern sie später ermodet. Das sind so Kleinigkeiten.

Finale

Ein Problem bleibt die Synchronisation ins Hochdeutsche. Wir sind sicher, das Reto Flückiger und seine Dialoge mit Liz Ritschard im originalen Schweizerdeutsch viel flüssiger und natürlicher wirken, die Gesten, die Blicke mehr zum sprachlichen Inhalt passen. Es gibt für dieses Problem im Grunde nur eine Lösung: Sie müssen es machen wie in Österreich, wo auch kein Volldialekt gesprochen wird, sondern eine Regionalsprache, die wir hier auch noch gerade verstehen. Bei den Nachrichten auf 3Sat klappt es ja, da müssen sowohl die Ausgaben von „10 nach 10“ aus der Schweiz wie auch die österreichische „ZIB“ nicht synchronisiert werden. Stimmt das wirklich? Bei den Wienern werden auch die Intervies untertitelfrei präsentiert, nicht aber bei den Schweizern, und das hat gute Gründe.

„Geburtagskind“ ist kein schlechter Tatort in dem Sinn, dass etwas Grundsätzliches falsch daran ist, aber er ist angesichts der Thematik eine spur zu nüchtern, er profitiert von Ermittlerfiguren, die immer besser ins Geschäft kommen und leidet daran, dass man die Möglichkeiten, besonders bei der plausiblen Darstellung des Lebens in einer Sekte, nicht augeschöpft hat, dass man also aus ihnen kein dramaturgisches Momentum gewonnen hat. Der Umgang mit einem 19jährigen, der eine 14jährige schwängert, ist erstaunlich moderart (Liz zichards Haltung, s. o.). Alles wirkt ein wenig unverbindlich und auch die Abneigung gegen Sekten, die man durchaus teilen kann, wird durch Flückiger klar vermittelt, aber zumindest nicht durch das Geschehen in diesem Fall hinterlegt. So viele Leute halten sich und ihre Prinzipien für etwas Besseres, zudem kommt das bei Beat Halter erst  zum Ende hin deutlich zum Ausdruck, dass seine Wertfestigkeit negativ dreht. Es bleibt ein Gefühl, dass zwar Manches schön gezeigt, aber zu wenig gesagt wird. 

6,5/10

© 2021, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Tobias Ineichen
Drehbuch Moritz Gerber
Produktion Micheal Steiger
Anita Wasser
Musik Fabian Römer
Kamera Michael Saxer
Schnitt Isabel Meier
Besetzung

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