In 80 Tagen um die Welt (Around the World in Eighty Days, USA 1956) #Filmfest 431

Filmfest 431 Cinema

Reisen bildet Herzen

In 80 Tagen um die Welt (Originaltitel: Around the World in Eighty Days) ist ein US-amerikanischer AbenteuerSpielfilm aus dem Jahr 1956, der unter der Regie von Michael Anderson entstand. Der von Michael Todd produzierte Monumentalfilm basiert auf dem Roman Reise um die Erde in 80 Tagen von Jules Verne. Der Film wurde unter anderem mit fünf Oscars und zwei Golden Globes prämiert, darunter jeweils in der Kategorie Bester Film. 

Ich mochte den Roman von Jules Verne sehr und fand vieles wieder, in der entsprechend ausführlichen Verfilmung von 1956. Bezüglich des Handlungsablaufs kann man von „werkgetreu“ sprechen. Aber die Atmosphäre ist gegenüber den Schauwerten und den Kurzauftritten unzähliger Stars in den Hintergrund getreten. Ein solches Werk „intim“ zu verfilmen, wäre allerdings auch schwierig gewesen. Mehr dazu in der -> Rezension.

Handlung

1872: Der englische Gentleman Phileas Fogg ist ein scheinbar emotionsloser Mann, der seinen Tagesablauf nach festen Gewohnheiten streng nach der Uhr lebt. Eines Tages wettet er mit einigen anderen Mitgliedern seines Londoner Clubs um 20.000 Pfund, dass er es schafft, in 80 Tagen um die Welt zu reisen. Zusammen mit seinem neuen Diener Passepartout bricht er unverzüglich zur Weltumrundung auf. Zu seinem Unglück findet gleichzeitig in London ein rätselhafter Bankraub statt. Die Polizei hält den nichtsahnenden Fogg aufgrund seiner schnellen Abreise und der von ihm mitgeführten, für die Reise benötigten enormen Bargeldmenge fälschlicherweise für den Räuber. 

Ein Polizeidetektiv heftet sich daraufhin an seine Fersen. Während ihrer Reise, die sie mit Hilfe von GasballonsEisenbahnenSchiffenElefanten usw. durchführen, erleben Fogg und Passepartout allerhand phantastische Abenteuer. Viele Schwierigkeiten und Verzögerungen sind zu meistern, die ihren Zeitplan gefährden. In Indien gelingt es ihnen sogar, eine junge indische Prinzessin, die während einer religiösen Zeremonie geopfert werden soll, zu retten, und sie nehmen sie mit auf ihre weitere Reise. Der jungen Frau gelingt es, Fogg die Augen zu öffnen und die Unsinnigkeit seines bisherigen Lebenswandels zu erkennen, und er verliebt sich in sie. (…)

Rezension / Anni und Tom über „In 80 Tagen um die Welt“

Anni: 
Das ist sicher eines der größten Abenteuer aller Zeiten, zumindest, wenn man nicht auf Elemente von Science-Fiction oder Fantasy zurückgreift. Aber der Film ist auch ziemlich aufgebläht.

Tom: Nicht weniger als fünf Oscars, darunter den für den besten Film des Jahres, erhielt „Around the World in 80 Days“, und das finde ich bemerkenswert …

Anni: Oder bemeckernswert.

Tom: … obwohl die Riesenfilme damals sehr in Mode waren. Im selben Jahr standen „Die zehn Gebote“ von Cecil B. DeMille und das Werk mit dem programmatischen Titel „Giganten“ von George Stevens zur Auswahl, fast alle Filme, die um die Oscars ins Rennen geschickt wurden, waren große Ausstattungsfilme. Trotzdem hat es mich auch überrascht, dass man „80 Tage“ den anderen in vielen Kategorien vorgezogen hat. Bei den darstellerischen Kategorien allerdings nicht, und das wäre auch nicht gerechtfertigt gewesen.

Anni: David Niven ist schon sehr geeignet für die Rolle des Phileas Fogg, den Diener hätten andere sicher auch geben können, aber Shirley MacLaine als indische Prinzessin – da merkt man, dass in Hollywood einfach alles ging. Obwohl sie da schon erkennen lässt, dass sie nicht nur eine puppenhaft ausstaffierte Beigabe ist. Sie hat wenig zu tun, aber kann immer kleine Akzente setzen, die ihr komisches Talent schon durchschimmern lassen. Ich hatte keine Mühe mit den drei Stunden, zu denen die 80 Tage verdichtet sind, aber es dauert ewig, bis das Ganze mehr als eine Art Reiseführer in Bildern wird.

Tom: In meiner Grundschule wurde mal eine Art Weltfilm vorgeführt, der war von Coca Cola erstellt worden und weder die Lehrer noch wie waren so richtig instruiert, dass das ja eigentlich ein Werbefilm ist, in dem die Marke immer wieder schön platziert wird, an dieses Werk hat mich „In 80 Tagen um die Welt“ zuweilen erinnert, freilich ohne Product Placement. Richtig lebendig wird es erst in de amerikanischen Episode, weil da erheblich vom Buch abgewichen wird und die vielen Cameo-Auftritte von US-Filmstars dort am meisten Sinne ergeben, weil ihre Rollen immer auch in Bezug zu den Filmen stehen, für die sie berühmt wurden. Marlene Dietrich in Anspielung auf „Destry Rides Again“ (1939), Frank Sinatra natürlich als Sänger, Buster Keaton in der Eisenbahn als Reminszenz an „Der General“ (1926) und so weiter. Nicht alle Cameos aber waren so deutlich zu erkennen wie die genannten oder Peter Lorre als Schiffs-Steward. Vielleiht hat auch dieses bis dahin wohl größte Star-Ensemble in der Kinogeschichte dazu beigetragen, den Oscar für den besten Film an dieses Werk zu vergeben. Das ist schon alles sehr beeindruckend.

Anni: Aber du merkst, dass sie technisch an die Grenzen gegangen sind, die Verzerrungen sind schon sehr ausgeprägt, es wirkt immer, als würden die Häuser überkippen, und manchmal gibt es Flecken auf der Linse und die Bilder sind auch von der Qualität unterschiedlich und es gibt so offene Continuity-Probleme, etwa beim Stierkampf, das sollen sich die Zuschauer mal selber anschauen, wir wollen ja hier keine Beschreibung technischer Fails in den Mittelpunkt stellen. Natürlich wird viel in Fahrt gefilmt, das war mit dem Riesenequipment, das für den Film sicher notwendig war, eine Herausforderung, würde ich meinen. So, ich habe das Buch nicht gelesen, kommt der Film hin?

Tom: Der Satz vom Ende des britischen Empires, weil eine Frau in einen Londoner Herrenclub gesichtet wird, der steht so sicher nicht drin. Sehr lange her, dass ich das Buch gelesen habe, aber dieser Spruch, geäußert vom unvergleichlichen Robert Morley, ist wohl doch ein Hinweis auf die Entstehungszeit des Films. Indien hat damals schon nicht mehr zum British Empire gehört und in Afrika war die Bewegung in Richtung Unabhängigkeit in vollem Gang. Angefangen hat der Niedergang aber dann wohl doch im Jahr 1872 mit diesem Ereignis im Reformclub. Trotzdem ist das alles natürlich ein toller Imagefilm für Großbritannien und für „Britishness“ als Lebensgefühl.

Anni: Trotzdem gut, dass sie die Inhaltsangabe bei der Wikipedia so verfasst haben, dass ein Endergebnis, nämlich, dass die Prinzessin den steifen Fogg verändert, schon ziemlich vorne steht, denn es dauert erst einmal sehr lange, bis er sich öffnet, und dann geschieht es viel zu plötzlich.

Tom: Ich meine, das ist im Buch ähnlich, dass keine langsame Veränderung stattfindet, sondern am Ende alles recht flott geht, für englische Verhältnisse. In einer deutschen Kritik steht zu lesen, dass aber Menschen wie Fogg, also wie er am Anfang war, die Welt erst nach vorne bringen, weil nur ihre technokratische Disziplin solche Mammutprojekte ermöglicht, die Dinge vorantreibt, dass der Zuschauer aber alles eher durch die Augen des Dieners, der alles andere als perfekt ist und mehrmals die Reise beinahe zum Scheitern bringt, betrachtet. Das ökonomische Prinzip wird gegen die Perspektive des unbedarften, staunenden Kindes gestellt. Doch sinnbildlich hat sich Fogg ja um einen Tag verrechnet und gewinnt dadurch doch noch die Wette. Nach meiner Rechnung hat er allerdings mindestens so viel für die Reise ausgegeben, wie die Wette einbringt. Der Gewinn ist also die indische Prinzessin und ein mit ihr zusammen in Foggs Behausung einkehrendes anderes Weltverständnis. 

Anni: Die phantastischen Romane von Jules Verne sind eben auch philosophisch – naja, in dem Maß wie eben solche Literatur dazu reizt, philosophisch zu werden. Wobei gerade dieser ja nicht so fantastisch ist, Menschen haben zu jener Zeit tatsächlich solche Reisen durchgeführt, wenig später sogar in weniger als 80 Tagen. Aber je realistischer, desto gefährlicher, die Logik betreffend, ich zitiere die Wikipedia-Seite zum Roman: Es ist zwar zutreffend, dass man bei einer Reise um die Erde ostwärts einen Tag „gewinnt“. Allerdings müsste dies, da die Datumsgrenze auch damals schon durch den Pazifischen Ozean verlief, Phileas Fogg spätestens in Amerika aufgefallen sein. Tatsächlich verpasst er aber in New York das fahrplanmäßig abfahrende Dampfschiff, weil er zu spät kommt. Warum er sich dann bei seiner Ankunft in London in Bezug auf das Datum irrt, kann so nicht mehr erklärt werden.

Anni: Wie sagt Fogg so schön über die USA, in denen ein bizarres Wahlkampfspektakel vorgeführt wird und es natürlich hoch hergeht? In diesem unzivilisierten Land muss man für sein Recht selbst sorgen und haut dem Bürgerkriegs-Colonel eins über. Der Film wird zum Ende hin wirklich besser. Deshalb doch 7,5/10.

Tom: Die Faszination, die allein wegen der vielen fremden Länder „In 80 ‚Tagen um die Welt“ für mich einmal hatte, hält sich heute in Grenzen und einen kapitalen Fehler wie „Indien als LAnd der Moscheen und Minarette“ finde ich dann doch etwas derb, zumal das wohl nicht ironisch gemeint war und die Unkenntnis des Sprechers ausdrücken sollte. 7/10 gehen bei mir aber auch noch.

73/100

(1) und kursiv: Wikipedia

© 2021, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

„Cameos“:

 

 

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