Pulverdampf und heiße Lieder (Love Me Tender, USA 1956) #Filmfest 434

Filmfest 434 Cinema

Nicht nur tender, aber auch kein flammender Stern

Pulverdampf und heiße Lieder (Originaltitel: Love Me Tender) ist ein US-amerikanischer Western aus dem Jahr 1956. Er ist der erste von insgesamt 31 Spielfilmen, in denen Elvis Presley als Schauspieler auftrat.

„An Ostern 2018 kamen so viele Cinemascope-Filme der 20th Century Fox aus den 1950ern ins Fernsehen wie wohl noch nie zuvor. Vielleicht gibt es da einen neuen Deal und der ist natürlich eine tolle Sache, denn lange Zeit war das, was bei uns ausgestrahlt wird, von der Großakquise bestimmt, die mit MGM bereits in den 1980ern abgeschlossen wurde. Natürlich nicht ausschließlich, aber eine gewisse Verzerrung war gegeben, denn 20th Century Fox war in den 1950ern das technisch führende, als moderner angesehene Studio, nicht mehr die große Metro. Und sie versuchten, die Nase vorn zu haben bei der Akquise der neuen Superstars wie etwa Marylin Monroe, die ab 1953 für Darryl F. Zanuck arbeitete“, schrieb ich im Entwurf zu diesem Text.

Anlässlich der Veröffentlichung der Rezension kurz nach Ostern 2021 möchte ich hinzufügen: Diese Tendenz hat sich fortgesetzt, in letzter Zeit kamen zum Beispiel bei ARTE einige schön restaurierte, noch ältere Filme der 20th Century Fox zur Aufführung, die wir neben unserer chronologischen Arbeit hin und wieder für das Filmfest besprechen werden; mehr zu „Love Me Tender“ findet sich in der -> Rezension.

Handlung (1)

Das Jahr 1865: Die Brüder Vance, Brett und Ray Reno kämpfen seit vier Jahren im Amerikanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Südstaaten. Sie rauben mit vier anderen Männern ihrer Gruppe bei einem Zugüberfall die Regimentsgelder der Nordstaatler. Als sie zu ihrem Stützpunkt zurückkehren und das Geld ihrem Vorgesetzten geben wollen, müssen sie feststellen, dass der Krieg ohne ihr Wissen schon vor dem Raubüberfall beendet war und sie auf der Seite der Verlierer stehen. Ihre Einheit hat sich bereits aufgelöst und so teilen die sieben das Geld untereinander auf, versprechen jedoch, darüber Stillschweigen zu bewahren.

Die drei Brüder kehren nach Hause zurück. Vor allem Vance freut sich auf seine Verlobte Cathy, die er so schnell wie möglich heiraten will. Auf der Farm angekommen, erfährt er die Wahrheit: Jeder dachte, dass er tot sei, und so hat Cathy vor zwei Monaten den jüngsten Sohn der Familie Reno, den musikalischen Clint, geheiratet. Vance kann vor seinem Bruder den Schock über diese Nachricht verbergen, geht jedoch Cathy die nächsten Tage konsequent aus dem Weg, was diese verletzt. Er plant, die Farm zu verlassen. (…)

Rezension

An Ostern 2018 kamen so viele Cinemascope-Filme der 20th Century Fox aus den 1950ern ins Fernsehen wie wohl noch nie zuvor. Vielleicht gibt es da einen neuen Deal und der ist natürlich eine tolle Sache, denn lange Zeit war das, was bei uns ausgestrahlt wird, von der Großakquise bestimmt, die mit MGM bereits in den 1980ern abgeschlossen wurde. Natürlich nicht ausschließlich, aber eine gewisse Verzerrung war gegeben, denn 20th Century Fox war in den 1950ern das technisch führende, als moderner angesehene Studio, nicht mehr die große Metro. Und sie versuchten, die Nase vorn zu haben bei der Akquise der neuen Superstars wie etwa Marylin Monroe, die ab 1953 für Darryl F. Zanuck arbeitete.

1956 kam dann Elvis Presley hinzu, der in jenem Jahr schlagartig berühmt geworden war und der Film zeigt ihn beim Singen eines seiner ersten großen Hits, „Love Me Tender“. So heißt im Original auch der Film und natürlich ist er ein Vehikel für den jungen Superstar, obwohl dieser nicht die Hauptrolle spielt und ohne Presley wäre das ein solider B-Western geworden. Interessanterweise in der Kombination Stereo-Cinemascope-Schwarzweiß gedreht. Ich mag Schwarzweiß recht gerne, aber bei dem Film hätte sich Farbe angeboten, obwohl die Reduktion wohl schon darauf hinweisen soll, dass es sich um ein Drama handelt. Die vielen Outdoor-Settings, die Menschen im Gestrüpp zeigen und viele Konturen aufweisen, die sich nicht genug gegeneinander abheben, sodass der Film oft flach und etwas klaustrophobisch wirkt, wären in Farbe trotzdem besser rübergekommen. DFlamann hätte man das oft wechselnde Figurentableau auch besser anhand der verschiedenen Farben von Kleidungsstücken optisch nachverfolgen können.

Die erste Hälfte hat mir recht gut gefallen, das Szenario wird stimmig aufgebaut. Psychologisch ist das, was wir sehen, natürlich stark davon abhängig, ob man der Freundin des ältesten Reno-Bruders und dem Jüngsten, gespielt von Elvis Presley, abnimmt, dass sie sich alsbald nach dem vermeintlichen Tod des Älteren schon vermählen und wie die Dinge sich entwickeln, als der Ältere wieder auftaucht. Die Frau erscheint dabei nicht in einem allzu positiven Licht, auch wenn sie sich später loyal verhält, wird aber von Debra Paget routiniert dargestellt, wie der gesamte Cast sich durch eine vernünftige, nicht übertriebene Schauspielkunst auszeichnet. Fraglich ist die Verknüpfung der Story vom gestohlenen Sold der Nordstaaten-Einheit und des Liebesdramas. Im Verlauf wird der Film immer hektischer, was man natürlich auch als ansteigende Spannungskurve deuten kann, aber das Bemühen, die Logik zu wahren, ist so groß, dass es zu Wendungen kommt, die einander immer mehr gleichen und erkennbar vom Ende her geschrieben und passend gemacht worden sind. Prinzipiell nichts dagegen, aber der Rhythmus ist dann vor allem im letzten Drittel doch etwas gestaucht und das Drama kommt sehr abrupt wieder zum Vorschein.

Wie aber verhält es sich mit Elvis Presley? Die Meinungen über seine Schauspielleistung gehen weit auseinander, einige sahen in ihm einen kommenden Filmstar, andere finden ihn steif oder übertrieben in seiner Rolle als jüngster Reno-Bruder. Jedenfalls hat dieser Film seine  Karriere auf der Leinwand nicht abrupt beendet. Bereits ein Jahr später kam mit „Jailhouse Rock“ ein weiterer Streifen, der auf die weiter ansteigende Popularität des King of Rock’n Roll setzte und in den folgenden Jahren gab es immer weitere – vielleicht mit „Flaming Star“, einem weiteren Western, als Höhepunkt, danach flachte es ab und Presley wurde vor allem in bunten Komödien eingesetzt. Ich mochte „Love Me Tender“ nie so gerne wie etwa „Flaming Star“, das nicht nur ein Film, sondern auch ein wundervolles Original-Lied ist und eine Einheit zwischen Filmtitel und Songtitel herstellt; während „Love Me Tender“ in der Version von Presley die im Grunde etwas verschnulzte Variante eines Lieds aus den 1920ern darstellt.

Und nicht nur der Schluss ist ein wenig lächerlich, in dem der nun tote jüngste Reno als Geist noch einmal „Love Me Tender“ singt, ich fand auch seine körperschüttelnde Darstellung, teilweise mit kreischenden Teenies beim Richtfest fürs neue Schulgebäude, dessen Aufbau unter Mitwirkung der Reno-Brüder leider nicht gezeigt wird, etwas albern. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich in den 1860ern kein Mensch beim Singen so bewegt hat und dass es keine Fans gab wie die Mädchen, die man hier sieht. Die Eltern hätten ihnen was anderes erzählt, wenn sie sich so verhalten hätten. Das war eindeutig eine Reminiszenz an Elvis‘ elektrisierende Wirkung in den 1950ern und ein Phänomen, das erstmals bei den Bobbysoxen in den 1940ern und Sängern wie Frank Sinatra zu beobachten gewesen war, und das nicht nur in den USA Kontroversen hervorrief.  Immerhin sorgte Presley dafür, dass der singende Jüngling auch in größer angelegten A-Western der späten 1950er und frühen 1960er eine Art emotionaler Anker eben den statuarischen Hauptdarstellern wurde (Ricky Nelson in „Rio Bravo“, Fabian in „Land der tausend Abenteuer“, Horst Buchholz in ähnlicher Rolle, aber ohne Gesang, in „Die glorreichen Sieben“). Im Prinzip war dies eine von mehreren Varianten, wie dem neuen Jugendkult Rechnung getragen werden sollte, neben vermehrt aufkommenden Filmen, in denen noch nicht so angepasste Jugendliche sogar die Hauptrollen innehatten (Start mit Marlon Brandos „The Wild One“, unvergessen übertriebener Höhepunkt mit James Deans „Denn Sie wissen nicht, was sie tun“).

Nebenbei ist „Love Me Tender“ auch einer jener Filme, die versuchten, den Süden mit dem Norden zu versöhnen, indem er die Menschen im Süden als mutiger, ehrlicher, bravouröser und gefühlsstärker herausstellte als die Nordstaatler, diese geldgierigen Typen, die tatsächlich nach dem Krieg noch den Sold zurückhaben wollen, den die Reno-Brüder und einige andere aus einer Südstaaten-Einheit, als Nordstaatler verkleidet, ebenjenen abgeknöpft haben. Man reagiert hier sehr eindeutig, als Zuschauer: Das Recht ist nicht richtig, sondern die Reno-Jungs hätten es verdient, nach dem zehrenden Krieg mit dem Geld neu anzufangen. Als Entschädigung wäre es gerade richtig gewesen, doch ein Nordstaaten-Major verfolgt unerbittlich sein Ziel, alles wiederzukriegen und nicht nur etwa einen Teil. Möglicherweise gar nicht unrealistisch und vielleicht plausibler als die Lovestory, die für Elvis Presley kein Happy End im Diesseits bereithält.

Finale

Interessant ist es, zu sehen, wie sich in der Alltagskultur der Vereinigten Staaten die neue Musik des Rock’n Roll und das hochdramatisch ausgeformte Westerngenre zusammenfinden um eine nicht gerade harmonische, aber doch unterhaltsame Verbindung einzugehen. Man darf nicht erwarten, große Filmkunst zu sehen, aber das Leinwanddebüt des Jungen, der Presley damals noch war, beinhaltet eine grundsätzlich für ihn passend ausgestaltete Rolle, fordert ihn aber auch und verlangt es ihm ab, dass seine Rollenfigur durch eine Kugel stirbt. Nicht, dass dies im US-Western so selten wäre, aber es ist doch bemerkenswert, einen aufstrebenden  Teenie-Star auf diese Weise sterben zu lassen. Und wer weiß, ob sich die Macher des Streifens nicht dabei ein paar Hintergedanken gemacht haben: Diejenigen emotional an Bord zu bekommen, die sich wirklich wünschten, dieser Typ würde den Abgang machen und aufhören, die Töchter des Hauses mit seinem  Hüftgewackel in Verzückungsschreie zu versetzen. Die Wirklichkeit war aber auch eher gnädig. Nach seinem Aufenthalt als GI in Deutschland im Jahr 1958 gehörte Presley bereits zum Establishment der US-Musikindustrie und hatte den Schrecken verloren, den er auf konservative Eltern in den Jahren 1956-1957 ausgeübt hatte.

62/100

© 2021 (Entwurf 2018) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Robert D. Webb
Drehbuch Robert Buckner
Produktion David Weisbart
für Twentieth Century Fox
Musik Lionel Newman
Kamera Leo Tover
Schnitt Hugh S. Fowler
Besetzung

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