Ritt zum Ox-Bow (The Ox-Bow Incident, USA 1942/1943) #Filmfest 435 #Top250 DGR

Filmfest 435 A "Concept IMDb Top 250 of All Time" (52) / "Die große Rezension"

Ritt zum Ox-Bow ist ein US-amerikanischer Western von William A. Wellman aus dem Jahr 1943 über das Thema Lynchjustiz. Er basiert auf dem gleichnamigen Roman von Walter Van Tilburg Clark. (1) Die IMDb weist den Film als Produktionsjahr 1942 aus, weil die früheste Premiere am 4. Dezember 1942 in St. Louis, Missouri, stattfand. Der allgemeine Kinostart in den USA war im April 1943. 

Diese etwas seltsam wirkende Vorgehensweise des produzierenden Studios 20th Century Fox könnte im Inhalt des Films begründet gewesen sein, respektive in seiner Haltung. Wir haben kürzlich „Jesse James“ und „Rache für Jesse James“ rezeniert, die im selben Studio entstanden und eines kann man diesen Film nicht vorwerfen: Dass sie keine Kontroversen riskieren. In diesen Filmen spielte jeweils Henry Fonda eine wichtige bzw. die Hauptrolle, ebenso wie in dem Film, den wir heute besprechen. Bei „Ritt zum Ox-Bow“ bietet sich allerdings noch ein anderer Vergleich an. Welcher das ist und mehr zu diesem Western steht in der -> Rezension.

Handlung (1)

1885: Die zwei Cowboys Gil und Art stranden in einem langweiligen Dorf in Nevada. Im örtlichen Saloon geht es rau zu. Da erscheint ein Mann mit der Botschaft, einige Viehdiebe hätten den Rancher Kinkaid erschossen. Trotz des Einspruches des besonnenen Geschäftsmannes Mr. Davis, der meint, man müsste erst den Sheriff und den Richter zurate ziehen, laufen die Männer des Dorfes nun zusammen, um sich auf die Suche nach den Tätern zu begeben. Der Sheriff ist längst bei Kinkaids Ranch und kann deshalb nicht einschreiten; der wenig durchsetzungsfähige Richter Tyler mahnt die Männer, auf die Rückkehr des Sheriffs zu warten. Als den Männern von einem mexikanischen Ranchgehilfen jedoch zugetragen wird, er habe in der Nähe Männer mit der Herde Kinkaids gesehen, sind sie nicht mehr zu halten. Der vermeintliche frühere Konföderierten-Major Tetley übernimmt das Kommando und zwingt seinen unwilligen Sohn, sich ihnen anzuschließen. Tetley schwingt sich zum Hüter von Recht und Ordnung hoch: „In Texas verlassen wir uns nicht auf die Gerechtigkeit der Gerichte, oder? Nein, darauf warten wir nicht! Wir greifen uns den Mörder schneller als irgendein aufs Honorar versessener Anwalt, der seine Zeit in den Gerichtssälen verpennt! Wir gehen hin und greifen uns den Mann und lassen ihn baumeln!“[1]

Die Männer werden vom Hilfssheriff als Bürgerpatrouille eingeschworen (womit dieser seine Kompetenzen überschreitet). Den etwa 30 Männern schließt sich „Ma“ Jenny Grier an, eine blutrünstige Frau. Auch Gil und Art reiten mit dem lynchwütigen Mob davon, da sie als Ortsfremde sonst um ihr Leben fürchten. Unterwegs hat die Gruppe ein kurzes Aufeinandertreffen mit einer Kutsche, in der sich Gils ehemalige Geliebte Rose Mapen befindet. Frustriert muss der ärmliche Cowboy Gil sehen, dass Rose ihn für den wohlhabenden Geschäftsmann Mr. Swanson verlassen hat.

Tief in der Nacht stoßen die Männer auf das Lager mit den drei Verdächtigen. Es stellt sich heraus, dass sie wirklich mit den Rindern Kinkaids unterwegs sind. Anführer der drei Verdächtigen ist der Rancher Donald Martin. Seine Gehilfen sind ein alter Mann namens Halva Harvey und der Mexikaner Juan Martínez. Obwohl alle drei ihre Unschuld beteuern, werden sie verhaftet und gelten sofort als schuldig. Martin gibt an, die Rinder von Kinkaid gekauft zu haben, kann aber keine Quittung vorweisen. Inzwischen versucht der alte Mann, sein Leben zu retten, indem er den Mexikaner als Mörder beschuldigt. Tetley lässt abstimmen. Gegen die Stimmen von Mr. Davies, Gil, Art und fünf weiteren Männern (darunter Tetleys Sohn und ein Mexikaner) entscheidet die Mehrheit, die drei Männer sofort aufzuhängen. Martin darf noch einen Abschiedsbrief schreiben und der zynische Mexikaner, der schon längst gemerkt hat, dass sie von Anfang an keine Chance gegen das vorgefasste Urteil hatten, legt seine Beichte bei einem Landsmann ab, der sie an einen Priester weiterleiten soll. Tetley zwingt seinen in seinen Augen verweichlichten Sohn dazu, als einer der Henker zu fungieren. Im Morgengrauen werden die drei Beschuldigten gehenkt.

Kurz nach dem Aufbruch wartet der Sheriff schon mit neuen Nachrichten auf sie: Kinkaid wurde nur angeschossen und nicht bestohlen, die wahren Täter sind längst verhaftet. Der Sheriff droht den Mitgliedern der Gruppe, die für die Selbstjustiz stimmten, harte Strafen an. Einer der Männer, die am schnellsten mit dem Lynchurteil waren, tut sich nun mit der Meinung hervor, dass man jetzt eigentlich Tetley lynchen sollte. Als Tetley in seiner Villa ankommt, sperrt er seinen Sohn aus. Dieser klagt nun seinen Vater als machtversessen und grausam an und unfähig, Mitleid zu empfinden. Kurz darauf erschießt sich Tetley. Im Saloon sitzen die an der Selbstjustiz beteiligten Männer schweigend da, sie haben inzwischen Geld für die Witwe gesammelt. Gil liest den anderen Männern aus Martins Abschiedsbrief an seine Frau vor. Den Brief und das Geld wollen Gil und Art nun Martins Frau überbringen.

Rezension

Dass dieser Film in unser Konzept „Top 250“ eingegliedert werden konnte, liegt schlicht daran, dass er noch heute, insbesondere für einen klassischen Western, hochgeschätzt wird. Der Mut und die Konsequenz dieses Films sind außergewöhnlich und die Figuren, die wir hier sehen, führen zum Beispiel zum Italo-Western mit seinen nihilistischen Figuren, also zu einer Neuinterpretation des Genres, deren Spitzenwerke von heutigen Rezipienten ebenfalls sehr gemocht und offenbar als sehr zeitgemäß verstanden wird – in den 2020ern, wohlgemerkt.

Wir wollen aber kein Geheimnis daraus machen, an welches Werk mich dieser Film am meisten erinnert hat: An Fritz Langs „Fury“ aus dem Jahr 1936. Dies war kein Western, aber wir sehen auch hier einen Lynchmob, der einen Unschuldigen sterben sehen will. Der Mob selbst wird etwas anders betrachtet: Mehr als Masse, weniger ausdifferenziert als in dem Western, der sieben Jahre später entstand – und mehr fanatisch-hysterisch, während es in „Ritt zum Ox-Bow“ mehr wirkt, als folge man einer eigenen, überlegenen und grausamen Logik. Beide Filme haben aber den Faschismus in den USA zum Thema. Der Western ist ein guter Resonanzboden für alles, was basically human ist, für das Gute, das Böse, das Feige und das Teuflische, darüber habe ich mehrfach referiert. Dass das Gesetz in „The Ox-Bow Incident“ so schwach repräsentiert ist, nur durch einen Sheriff, der absurderweise gerade den Fall untersucht, der den Mob in Marsch setzt, und daher diesen Marsch nicht verhindern kann, ist perfekt geeignet, um zeigen zu können, was passiert, wenn die Meute nicht durch einen starken Rechtsstaat im Zaum gehalten werden kann.

Schließlich ist die konkrete Handlung, die wir sehen, eine Fiktion, aber dass es viele Fälle wie den gezeigten gab, ist historisch belegt und wird in Western deshalb immer wieder aufgegriffen – bis zum heutigen Tag. Es ist eine rohe Gesellschaft von wüsten Charakteren, die wir in diesem Film sehen und die in einem ziemlichen Gegensatz zu den Veredelungstendenzen steht, die in den 1950ern zu beobachten war. Letztmalig wurde eine Dorfgemeinschaft so richtig in Fred Zinnemanns legendärem „High Noon“ bloßgestellt, die den Sheriff im Stich lässt, nämlich als eine Horde von Feiglingen, als eine kleine Bande von berüchtigten Banditen anrückt, um mit diesem ein Hühnchen zu rupfen. Selbstverständlich wären die Bewohner des Ortes dazu in der Lage gewesen, mit vereinten Kräften die akute Gefahr abzuwenden, aber sie haben allesamt Ausreden.

Der Aktivismus der Menschen in einem aus guten Gründen nicht genannten Dorf in Nevada ist zwar auf den ersten Blick das genaue Gegenteil: Mörder und Viehdiebe, drei an der Zahl, sollen verfolgt, gestellt und gehängt werden. Doch es ist die andere Seite der Medaille. Ein halber Ort macht sich auf den Weg, um in Überzahl Standgericht zu halten. Sicher, die Indizien sprechen gegen die drei Männer, die man da draußen am Ox-Bow aufgreift, aber sie sind nicht stark genug, um eine so radikale Maßnahme wie das sofortige Aufhängen an einem Baum zu rechtfertigen. Kein Indiz und kein Beweis ist dafür ein Grund, nach zivilisierten Maßstäben, aber wir wissen ja, dass in den USA bis heute anders darüber gedacht wird und wie diese Haltung zur Brutalisierung der Gesellschaft beiträgt. Auch in Europa brechen die Schranken der Zivilisation zunehmend ein, in Deutschland sollen etwa 30 Prozent der Einwohner für die Wiedereinführung der Todesstrafe sein, in Frankreich sogar eine Mehrheit.

Das drückt natürlich auch Hilflosigkeit aus, weil man nicht mehr an die Wurzeln des Verbrechens herankommt, vor allem nicht an den Humus, den eine fehlerhafte Entwicklung der Gesellschaft im Ganzen für die ohnehin vorhandene Tendenz der Menschen zur Gewalt bietet, aber macht es das besser? Keineswegs. Dagegen wirkt das, was die Verfolger der vorgeblichen Viehdiebe und Mörder in „Ritt zum Ox-Bow“ geradezu ritualisiert, wie eine Art von rechtlichem Anschein oder einem Anschein von Recht, der aber nicht mehr ist als ebendies. Einige derer, die mitreiten in der Gruppe der Unguten, zeigen aber auch die ganze Primitivität, die man schlicht als Mordlust bezeichnen muss, sie zeigen nicht einmal den philisterhaften Anschein von Rechtsdurchsetzungswillen. Besonders zwei Personen tun sich dabei hervor und einer davon ist eine Frau. Wenn wir davon reden, dass der Western in den 1960ern, von seiner italienischen Variante gesteuert, aber auch von New Hollywood, zur Entmythologisierung dessen beitrug, was durch ihn erst geschaffen wurde, nämlich die Pionierzeit und die „Fronteer“, dann muss man unbedingt erwähnen, dass „Ritt zum Ox-Bow“ schon 1943 genau das tat. Er zeigt alle Facetten von Niederträchtigkeit, die man sich vorstellen kann, zusammengefasst in einer einzigen Gruppe von Menschen, die vorgeblich der Gerechtigkeit zu Sieg verhelfen wollen. Selbst in einer Kutsche, der man zufällig begegnet, sitzen eher schattige Charaktere.

Nun muss es doch positive Figuren in einem solchen Film geben, oder nicht? Natürlich sind die beiden Cowboys, einer wird ja immerhin von Henry Fonda verkörpert, diejenigen, mit denen man sich als Zuschauer identifizieren soll, denn ohne diese Identifikationsmöglichkeit wäre der Film erst richtig schwer zu verdauen. Das Publikum war von diesem Spiegel ohnehin nicht amüsiert, deshalb war „Der Ritt zum Ox-Bow“ zunächst ein reiner Kritikerfilm, bevor er allgemein immer mehr geschätzt wurde.

Gil ist ein heruntergekommener Loser, der sich nicht gegen das – offensichtliche oder vermeintliche – „Falsche“ und „Schlechte“ behaupten kann. Obwohl sein Verstand klar und sein Herz mehr oder weniger am rechten Fleck ist, ist er in und an der Gesellschaft gescheitert. Er ist Pragmatiker. Es macht für ihn zwar einen Unterschied, ob ein Mann schuldig oder unschuldig ist – aber wenn es um sein eigenes Leben geht, ist auch er, selbst wenn er sich nicht aktiv daran beteiligt und gegen den Lynchmord war, Teil des Mobs. Ritt zum Ox-Bow beeinflusste wohl auch den Klassiker Die zwölf Geschworenen (1957), ebenfalls ein Gerechtigkeitsdrama um Vorverurteilung mit Henry Fonda in der Hauptrolle.[2] Doch während Fondas erfolgreicher Architekt in Die zwölf Geschworenen letztlich die Menschen umstimmen kann, schafft die deutlich passivere Figur des Gil dies nicht.

Es ist immer so eine Sache, wenn die Wikipedia anfängt, selbst interpretatorisch tätig zu werden, anstatt sich auf Zitate versierter Kinofachleute zu verlassen. Gil ist ein einfacher Mann, ebenso wie sein Freund Art und er hat seine Freundin an einen Lackaffen verloren, okay. Insofern ist er ein Loser – aber nicht mehr, als die vielen anderen abgerissenen Gestalten, die man in dem Film sieht, inklusive des seltsamen Majors der früheren Südstaatenarmee, der noch 20 Jahre nach Kriegsende in Uniform reitet, um den Mob kraft der Autorität zu führen, die ihm diese Uniform nach eigener Ansicht verleiht. Und es ist richtig, dass Henry Fondas Figur Gil die anderen nicht überzeugen kann. Aber im entscheidenden Moment versucht er, die selbsternannten Henker an der Ausführung ihrer Tat zu hindern.

Spät, ja, aber warum ist er mitgeritten? Wirklich nur, um sich selbst zu schützen? Dann hätte er sich nicht so kontrovers verhalten dürfen; denn von diesen Fieslingen, mit denen er unterwegs ist, hätte leicht einer darauf kommen können, ihn der Komplizenschaft mit den Viehdieben zu beschuldigen oder mehr zu wissen, als er zugeben will. Immerhin ließe das Zeitschema, das anfangs eröffnet wird, sogar zu, dass Gil und Art selbst den Rancher umgebracht haben könnten. Die logischere Variante für einen Feigling oder zwei Feiglinge wäre gewesen, sich aus dem in diesem Nevada reichlich vorhandenen Staub zu machen, bis die Lage sich geklärt hat. Ich sehe Gil und Art eher als mitreitende Beobachter, wenn auch weniger dezidiert rechtsstaatlich orientiert als den Geschäftsmann Davis, der sich auf den Weg mit den anderen macht, um das Schlimmste vielleicht zu verhindern. Niemand bedroht Gil und Art ernsthaft, denn schon im Saloon erweist sich Ersterer als streitbar und stutzt den Aufwiegler unter den Dörflern körperlich zurecht.

Für ihn als einfachen Mann ohne Rückhalt in der Dorfgemeinschaft ist das weitaus gefährlicher als das, was seine Figur, der Architekt, der als Geschworener Nr. 8 in die Filmgeschiche eingegangen ist, in „Die zwölf Geschworenen“ tut. In diesem legendären Gerichtsfilm versucht er, andere in einem geordneten, großstädtischen Setting von seiner Meinung zu überzeugen, was am Ende funktioniert. Dabei wirkt er zuweilen brillant, wenn er auch kein Rechtskundiger ist, und auch ein wenig elitär, was zwei oder drei eher einfache Typen unter den Geschworenen nicht gerade für ihn und seine Argumente einnimmt. Er riskiert aber diese Aversionen, um die Vernünftigen und Nachdenklichen zuerst auf seine Seite zu ziehen und zu festigen.

Eine solche Vorgehensweise hätte dem Architekten bei aller intellektuellen Kapazität beim Ritt zum Ox-Bow überhaupt nichts genützt, dafür ist der Mob einfach zu rudimentär und zu blutrünstig und Gil nur ein einfacher Mann, der ein eher intiuitiv besseres Rechtsverständnis hat als die übrigen einfachen Männer, die zum Ox-Bow reiten. Einen Vater-Sohn-Konflikt, wie zwischen dem Geschworenen, der sich dem Architekten bis beinahe zum Schluss verweigert und damit um ein Haar die Jury hätte „platzen“ lassen, gib es aber auch in „The Ox-Bow Incident“ schon, eine sehr interessante Parallele. Dieser Umstand beeinflusst die jeweilige Handlung alles andere als unwesentlich, weil er die Motive zweier Männer, die sich als besonders hartherzig bzw. heuchlerisch zeigen, erklärt (in „Die zwölf Geschworenen“, oder andeutet und mindestens in ein Motivbündel integriert, wie im hier zu besprechenden Western aus dem Jahr 1942 / 1943).

Außerdem weisen beide Filme eine gewisse Theaterhaftigkeit auf. „Die zwölf Geschworenen“ spielt auch nur in einem einzigen Raum, lediglich am Ende erlaubt man sich eine kurze Außenszene. „Der Ritte zum Ox-Bow“ hingegen spielt sich in Wirklichkeit in einer Halle auf dem Studiogelände der 20th Century Fox ab, das sieht man deutlich an den gemalten Hintergründen, der fehlenden Raumtiefe und man hört es sogar, wenn Originalgeräusche beibehalten werden. Überwiegend eliminiert die Synchronisierung diese Geräusche allerdings, sodass es kurioserweise vollkommen still im Saloon ist, so still, dass jedes Glas, das auf die Theke gestellt wird, beinahe wirkt wie ein Knall, als Gil und Art eintreten – obwohl man zuvor einen vollbesetzten Tisch mit Kartenspielern sieht. Insgesamt hat man den Lärmpegel der vielen Menschen, die man im Film sieht, in der Synchronisation viel zu sehr rausgenommen, sodass eine Form von Crisp-and-Clear-Eindruck entsteht, der nicht der Stimmung in der Truppe entspricht. Immerhin ließ man das zeitweilige hysterische Lachen der weiblichen Teilnehmerin drin, das dann und wann die Nacht durchdringt, als ihr der Typ, der immer einen Strick mit sich herumträgt und das Hängen nicht abwarten kann, vermutlich zotige Witze erzählt.

Dass auch er, wie alle anderen Hetzer, am Schluss im Saloon setzt und eine reuige Miene macht, als sich herausgestellt hat, dass der Rancher Kinkaid gar nicht erschossen wurde und die drei mittlerweile Gehänkten damit auch nichts zu tun hatten, das hätte es in späteren Western wohl so nicht gegeben, in denen Schufte immer Schufte bleiben. Ich fand es auch ein wenig seltsam und möglicherweise war es der Zensur geschuldet: Das sündige Dorf kommt zur Besinnung und künftig wird es zivilisierter zugehen. Nur leider zu spät und wer weiß, ob diejenigen, die an der Theke aufgereiht sind, nicht vorwiegend daran denken, dass man sie selbst nun wegen gemeinschaftlich begangenen Mordes an drei Unschudigen zur Verantwortung ziehen könnte, wie der entsetzte Sheriff es zuvor angedeutet hat. 

Die Differenzierung der Figuren betreffend, ist „Ritt zum Ox-Bow“ mindestens so gut wie „Stagecoach“, der drei / vier Jahre zuvor neue Maßstäbe für einen handlungsgetriebenen und gleichermaßen mit interessanten Figuren belebten Western setzte. So rasant ist „Ritt zum Ox-Bow“ nicht ganz und er leidet stellenweise unter der zu geringen Bewegungsfreiheit der Kamera und der berittenen Darsteller im Studio, aber er benötigt auch mehr Dialog, weil es um eine grundlegende ethische Diskussion geht: Barbarische Lynchjustiz, hohe Wahrscheinlichkeit eines Irrtums eingeschlossen, oder ordentliches Gerichtsverfahren nach gründlicher Untersuchung des Falls – ein solches Verfahren hätte im Fall des Schuldspruchs immerhin ebenfalls zur Todesstrafe führen können.

Scharfsichtige Kritiker wie Bosley Crowther von der New York Times interpretierten den Film richtig bzw. blieb weitgehend neutral, was ich wiederum richtig finde, denn die Herrschaft des Mobs ist ein Phänomen, das universell zu unendlichem Leid führte.

„Es ist schwer sich einen kommerziell weniger versprechenden Film vorzustellen. In etwas über einer Stunde untersucht er die meisten der grundlegenden Schwächen der Menschen – Grausamkeit, Blutlust, Brutalität, Kleinmut und falscher Stolz. Aber er hat auch die Moral, rundweg und unablässlich, den Horror einer Mobherrschaft zu zeigen. Und er hat die Tapferkeit von kompromissloser Wahrheit. William Wellman hat beim Film mit einem Realismus Regie geführt, der so scharf und kalt wie ein Messer ist, nach einem Drehbuch von Lamar Trotti, das wunderschön direkt mit Situationen und Wörtern ist. Und eine durchweg exzellente Besetzung spielt den Film brillant. Ritt zum Ox-Bow ist nicht ein Film, der ihren Tag aufhellen oder aufheitern wird. Aber er ist einer, der in Sachen schieres, starkes Drama gegenwärtig schwer zu schlagen ist.“

Bosley Crowther in der New York Times, 10. Mai 1943[5]
 
Vielfach wurde der Film aber offenbar so interpretiert, dass der Autor der Romanvorlage sich später zu einer Richtigstellung veranlasst sah:

Bei seiner Premiere im Mai 1943 war der Film in seiner Art einmalig und etwas komplett neues für das Westerngenre. Doch die USA befanden sich im Krieg mit Japan und Deutschland, weshalb eine solche Anklage gegen faschistische Denkweisen in Amerika beim Publikum schlecht ankam. Doch von Beginn an waren die Kritiker begeistert. Er wurde als „bedeutsamer Augenblick der amerikanischen Kulturgeschichte“ (Manny Farner in The New Republican) gefeiert. Im Vorwort einer späten Auflage der Romanvorlage wies der Autor Walter Van Tilburg Clark darauf hin, dass sein Buch (und später auch der Film) vielfach falsch verstanden wurde. Es war keine Anklage gegen den europäischen Faschismus, sondern gegen den US-amerikanischen.

Was man heute dazu sagen kann? Selbstverständlich war der Faschismus in Deutschland von besonders grausamer Ausprägung und sind seine Verbrechen einzigartig. Die USA hingegen haben als Land, in dem solche Filme immerhin gedreht werden durften und das damit zur Zeit des New Deal und sogar noch während des Krieges, als die Reihen zu schließen waren, seine demokratische Substanz bewies, ihren Anspruch, die Dinge benennen zu dürfen, weitgehend verloren. Zwischen etwas hohl wirkender Political Correctness und offenem Rassismus scheintes kaum noch Zwischentöne zu geben und der nunmehr abzulösende Präsident zeigt selbst deutliche faschistische Neigungen. Die Filme aus dem Land der geistig offenbar keineswegs unbegrenzten Möglichkeiten hingegen hypen mit ihren auf Comic Strips basierenden Retter-Szenarien das Übermenschentum und die Absenz demokratischer Strukturen in Universen aller Art wie niemals zuvor in seiner Geschichte.

Finale

The early versions of the script included the suicide of „Gerald Tetley“ and that the film was to end with the reappearance of „Rose Mapen“ and her husband in the saloon rather than with „Gil“ and „Art“ leaving to take the letter to „Martin’s“ wife. The contents of Martin’s letter are not revealed in the book, but director William A. Wellman thought that it was important to make them explicit and had Lamar Trotti compose the letter. (…) The Hays Office–the industry’s censors–initially was reluctant to approve the script because of its suggestion that the sheriff condoned the lynchings. The treatment of the lynchings and the characterization of those participating were discussed by the PCA and the studio at great length, and in a June 9, 1942 letter, PCA director Joseph Breen advised studio public relations head Jason S. Joy that the script would be approved if: „Major Tetley’s“ suicide is retained, „thus constituting a punishment for the ring-leader of the lynching party;“ there is an indication that the whole gang will be arrested; the character of „Gil“ is rewritten to make him less callous and more active in trying to stop the lynchings; and „Davies'“ denunciation of the killings is retained. (2)

Diese Angaben aus der IMDb finde ich deshalb interessant, weil sie einiges erklären: Zum Beispiel das Auftreten von Rose, das im Film ziemlich in der Luft hängt, wäre sinnvoller gewesen, wenn sie am Ende wieder in der unbenannten Stadt aufgetaucht wäre. Hingegen stärkt es die Unschuldsvermutung zugunsten der drei Gehänkten, was in dem letztlich vorgelesenen Brief steht. Ob es ethisch nun einwandfrei ist, das zu tun, nachdem der Verfasser tot ist und ihm das Vorlesen nichts mehr nützen kann? Eher nicht, in dem Fall hätte die Rettung von dessen Leben wohl doch höher gewogen als das Briefgeheimnis. Als Major Tetley die Tür zu einem Raum in seinem Haus hinter sich schließt, kann man sich sehr wohl vorstellen, dass er Selbstmord begeht, es wird nur nicht eindeutig gezeigt. Ein paar Wackler hat das Drehbuch schon, auch bedingt durch die Umschreibungen, die man für notwendig erachtete, um den Film besser verständlich zu machen oder um der Zensur gerecht zu werden. Dennoch bleibt „Der Ritt zum Ox-Bow“ ein herausragender Film nicht nur seines Genres.

87/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursiv, außer wenn mit anderen Nummern verbunden: Wikipedia
(2) IMDb

Regie William A. Wellman
Drehbuch Lamar Trotti
Produktion Lamar Trotti für
20th Century Fox
Musik Cyril J. Mockridge
Kamera Arthur C. Miller
Schnitt Allen McNeil
Besetzung

 

Regie William A. Wellman
Drehbuch Lamar Trotti
Produktion Lamar Trotti für
20th Century Fox
Musik Cyril J. Mockridge
Kamera Arthur C. Miller
Schnitt Allen McNeil
Besetzung

 

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