Der König und ich (The King and I, USA 1956) #Filmfest 436

Filmfest 436 Cinema

Der König und ich ist der Titel eines US-amerikanischen CinemaScope-Films der 20th Century Fox in Farbe von DeLuxe aus dem Jahr 1956. Als Vorlage diente das gleichnamige Musical von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II „The King and I“.

Der Film ist nicht nach dem Roman „Anna und der König von Siam“ entstanden, das 1944 herauskam, sondern nach dem Musical von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II, das 1951 am Broadway Premiere feierte. Demgemäß ist dieser gesellschaftlich durchaus relevante Stoff als Musikfilm umgesetzt worden. In der -> Rezension spüren wir den gelungenen und weniger gelungen Aspekten dieser Herangehensweise nach.

Handlung

Siam 1862. Die englische Witwe Anna Leonowens kommt mit ihrem kleinen Sohn Louis im Hafen von Bangkok an, um als Hauslehrerin die Kinder des Königs von Siam zu unterrichten. Sie wird vom unfreundlichen Premierminister Kralahome empfangen, der sie von oben herab behandelt.

Anna soll mit ihrem Sohn im Palast wohnen, obwohl ihr ein eigenes Haus zugesichert worden war. Sie protestiert dagegen und will sofort zum König, der gerade Audienz abhält. Sie bekommt mit, wie Lun Tha, ein Gesandter von Burma, ein Mädchen als Geschenk übergibt. Es heißt Tuptim und ist in Lun Tha verliebt. Anschließend wird die Audienz für beendet erklärt, was Anna nicht daran hindert, den König entgegen dem Protokoll noch einmal anzusprechen. Er übersieht ihren Fauxpas und erklärt ihr ihre Aufgaben. Er stellt seine Lieblingsfrauen und -kinder vor. Ihre Frage bezüglich eines Hauses übergeht er.

Anna unterrichtet die Frauen und Kinder, wobei sie ihnen Lieder und Geschichten beibringt, die den König an das uneingelöste Versprechen bezüglich eines Hauses erinnern sollen. Und dann entdeckt der König bei Tuptim auch noch das Buch „Onkel Toms Hütte“. Der Premierminister warnt Anna, die Autorität des Königs nicht noch weiter zu untergraben.

Doch dann kommt Annas Stunde. Man erfährt, dass England den König für einen Barbaren hält und Siam zu einem Protektorat machen will. Nach anfänglichem Zögern wendet sich der König ratsuchend an Anna. Sie schlägt vor, den englischen Gesandten einzuladen, um das Gegenteil zu beweisen. Sie bringt allen am Hof europäische Sitten bei, und Tuptim führt mit anderen eine Tanzdarbietung frei nach „Onkel Toms Hütte“ vor. Das Ganze wird ein großer Erfolg, und der König schenkt ihr einen kostbaren Ring.

Im ganzen Trubel konnte Tuptim mit ihrem Lun Tha fliehen, wurde aber wieder gefangen, während er verschwunden blieb. Sie soll ausgepeitscht werden, um sein Versteck zu verraten. Anna greift öffentlich ein und will das verhindern. Sie hat damit die Autorität des Königs in Frage gestellt, dem nichts anderes übrig bleibt, als Tuptim jetzt erst recht auspeitschen zu lassen. Lun Tha wird später tot aufgefunden.

Anna kann den König nicht verstehen und packt zusammen mit Louis ihre Koffer. Sie will zurück nach England. Da wird sie zum König gerufen, der im Sterben liegt. Er dankt ihr für ihre Offenheit in vielen Fragen. Und die Frauen und Kinder des Königs bestürmen sie, in Siam zu bleiben. Sie stimmt zu. Nachfolger seines Vaters wird Kronprinz Chulalongkorn, der als Erstes überholte Rituale der Hofetikette abschafft, getreu Annas Lehren.

Rezension

Bei dem Film war ich aus mehreren Gründen hin- und hergerissen. Einserseits bietet er wunderschöne Szenen wie die Einführung der vielen Königskinder oder „Onkel Toms Hütte“ auf Siamesisch. Andererseits hatte ich schon bei der Betrachtung das Gefühl, das sich beim Nachlesen bestätigte: Der König von Thailand wird aus einer sehr eurozentrischen Sicht betrachtet – von einer Frau, die sich ihrer kulturell überlegenen Position als Engländerin voll bewusst ist. Natürlich ist die Vielehe auch heute nicht gerade unumstritten und die Sklaverei gab es im heutigen Thailand in den 1860er Jahren noch und des Königs Nachfolger, von Anna Leonowens unterrichtet, der als der große Reformer in die Geschichte des Landes einging, hat sie abgeschafft.

Einerseits ist „Anna und der König“ mit Deborah Kerr und Yul Brynner wundervoll besetzt und sie macht die besserwisserische Engländerin so sympathisch, dass man sie als Identifikationsfigur akzeptiert, weil sie ja auch eine feministische Ader hat, andererseits gibt der russischstämmige Brynner zwar durchaus einen akzeptablen Potentaten und ersetzt die vermutlich wesentlich durchdrungenere Person des echten Königs Mongkut mit einer sehr kraftvollen und expressiven Darstellung, die allerdings tatsächlich eher einen osteuropäischen als einen südostasiatischen Einschlag aufweist.

Einerseits sind die Settings erlesen, das Visuelle tadellos, man merkt, dass „Anna und der König“ oder „Der König und ich“ ein teurer Film ist und natürlich ist er in Cinemascope gedreht, wie es sich für eine Produktion der 20th Century Fox seit 1953 gehörte. Andererseits basiert er nicht direkt auf der Romanvorlage von Anna Leonowens, die Grundlage der ersten Verfilmung des Stoffes mit Irene Dunne und Rex Harrison (1946) war, sondern auf einem Musical von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II. Deren Musicals behandeln zwar oft dramatische Stoffe, haben keineswegs immer ein Happy End, was auch auf die Thailand-Story zutrifft – aber sie leben nun einmal von ihren Smash-Hits. Das war so in „Showboat“ mit „Old Man River“ und „Make Believe“, in „Oklahoma“ mit „Wonderful Morning“ und in „Carousel“, das im selben Jahr verfilmt wurde wie „Anna und der König“ mit „You’ll Never Walk Alone“. In „The King And I“ jedoch gibt es keine einzige Melodie, welche hervorsticht, dabei hätte man das mit einem asiatischen Einschlag gut hinbekommen können. Doch alle übrigen Musicals von Rodgers und Hammerstein spielen in den USA und ihre Heimat erfasst dieses Komponisten / Texterpaar eindeutig besser als Thailand, anders als manche europäischen Opern- und Operettenkomponisten, die sich fremder Länder auf eine sehr anziehende Weise so angenommen haben, dass europäische Orchester- und Vokalmusik einen entsprechend fernöstlichen Touch bekamen. Auch im Bereich der Filmmusik, zunehmend natürlich in den letzten Jahrzehnten, gibt es gute Beispiele für Crossovers, die asiatische Musikstrukturen für von westlichen Traditionen geprägte Ohren so darbieten, dass diese sie nicht als zu fremd empfinden.

„The King And I“ war einer der erfolgreichsten Filme des Jahres 1956 und es ist charakteristisch für das Kino jener Zeit, das unbedingt mit dem Fernsehen konkurrieren wollte, dass drei noch erfolgreichere Werke noch länger und im Ganzen monumentaler waren: „Die Zehn Gebote“, „In 80 Tagen um die Welt“ und „Giganten“. Nachdem ich jetzt alle maßgeblichen Filme des Jahres kenne, verstehe ich umso weniger, dass „In 80 Tagen um die Welt“ so viele Oscars abgeräumt hat. „Anna und der König“ hatte immerhin den besten Hauptdarsteller, mein Favorit aufs Ganze bleibt aber „Giganten“, der immerhin im Fach „Beste Regie“ (George Stevens) erfolgreich war. Fairerweise muss man sagen, er gewann auch den Oscar für die beste Ausstattung, richtigerweise, den besten Ton, was man auch heute noch nachvollziehen kann, denn die im Original dargebotenen Lieder klangen eindeutig besser als der synchronisierte Teil – aber auch für den besten Score, allerdings im Fach Musical. Allerdings, und das belegt meine obigen Ausführungen, war kein einzelnes Lied als bester Song nominiert und das ist für ein Top-Musical des Jahres doch ungewöhnlich. Jedoch, Yul Brynner bewies, dass man auch mit einer Darstellung, die wohl mit der historischen Vorbildperson nicht gerade sensibel umgeht, eine Menge erreichen kann, sofern sie expressiv und lebendig ist.

De Film zeigt Highlights, die aber mehr in den großen, nicht in den persönlichen Szenen angelegt sind, trotz des Dauerduells und der fulminanten Walzerszene, die wohl auch eher wieder den Russen als den Asiaten durchkommen lässt, der Brynner ja wohl auch die Hauptrolle des Dimitrij in „Die Brüder Karamasow“ eingetragen hat. Moralisch ist der Film einerseits hochherzig, vertritt moderne, auch frauenfreundliche Werte, andererseits schimmert britischer Snobismus ganz schön durch, obwohl der Film ja sozusagen eine doppelte Amerikanisierung darstellt, durch die Umwandlung zum Musical und durch die Adaption seitens des Studios 20th Century Fox. Die Briten selbst haben den Stoff auch nie verfilmt und die thailändische Regierung hatte an allen Verfilmungen mehr oder weniger etwas auszusetzen, in erster Linie, weil sie die Figur des Königs als nicht seiner Person gerecht werdend dargestellt empfand.

Dramaturgisch gibt es trotz der für ein Filmmusical beachtlichen Spieldauer von 133 Minuten nicht viel auszusetzen. Natürlich hätte man das eine oder andere kürzer fassen können, aber wie die MGM-Tanzmusicals beinhaltet auch „Der König und ich“ ein Art Extravaganza, die eine zweistellige Minutenzahl umfasst. Waren es bei MGM Ballettszenen mit außergewöhnlichen Dekors, ist es hier die Darbietung eines amerikanischen Buches in siamesischer Adaption. Das Musical war als Genre nach wie vor sehr beliebt – lediglich hatten mittlerweile andere Studios den Zeitgeist besser erfasst als MGM, die mit „Always Fair Weather“ 1955 Schiffbruch erlitten. Das Tanzmusical, auch wenn die Nummern handlungstragend waren, wurde durch die Variante abgelöst, die nur noch die Musik in den Vordergrund stellt – mit der „Westside Story“ als berühmte Ausnahme, die ja erst 1960 verfilmt wurde.

„Anna und der König“ hat allerdings auch etwas, das viele der Musicals jener Zeit auszeichnet, einen guten Schuss jener Melodramatik, die generell dem Stil der 1950er entspricht. Nur – in diesem Asien-England-Kulturvergleichsmusical kommt sie viel zu plötzlich. Nichts, rein gar nichts deutet noch fünf Minuten vor dem Ende auf den plötzlichen Tod des Königs hin. Er hätte ja wenigstens nach dem Tanzen etwa im Zustand der Erschöpfungszustand verharren können, für einen Moment vielleicht, aber das ist nicht der Fall. Erst danach wurde mir bewusst, dass ich auf ein solches Ende hätte mit mir selbst wetten müssen, denn dass Anna einfach abreist wäre zu banal gewesen und die Erfüllung einer Liebe zu einem Mann mit unzähligen Frauen und noch mehr Kindern wäre unabhängig von ethnischen und sozialen Schranken nicht denkbar gewesen. Nicht 1956 jedenfalls. Nein, sicher hätte sie ihre Mission auch tränenreich beenden können, ohne dass der König verstorben wäre und das hätte mir wesentlich besser gefallen als jene für einen Film dieser Art sehr abrupte Wendung am Ende. Allerdings, in dieser Hinsicht stimmt wohl doch einiges mit der Historie überein, denn der sehr junge Sohn von König Mongkut wird dann König.

Finale

  • Der König und ich erhielt 1956 in folgenden Sparten den Oscar:

Vieles an dem Film ist schön gemacht, er hat Charme und zuweilen auch Witz, aber es gibt auch einiges, was dagegen spricht, ihn zu einem großen Melodram oder einem Top-Musical zu erklären oder etwa als zukunftsweisend im Sinne des gegenseitigen kulturellen Verständnisses. Freilich kommt bei der Rezeption im Jahr 2018 hinzu, dass die westlichen Werte, die hier vor über 60 Jahren dargestellt wurden, mittlerweile einem massiven Verfall ausgesetzt sind, während elf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die USA noch ein sehr kraftvoll demokratisches Land waren, ungeachtet des auch damals herrschenden Konservativismus und der gerade zu Ende gehenden Kommunistenhetze. Immerhin wird im Film die „Rassenfrage“ angesprochen und wurde „Onkel Toms Hütte“ eine wichtige Rolle zugedacht, aber es wirkt in dieser Welt eben alles viel mehr intakt als heute. Also muss man sich entscheiden, ob man ein solches Werk nur in sein Zeitumfeld stellt und damalige westliche Mainstream-Filme hatten nun einmal die Eigenart, sehr eindeutige Bewertungen vorzunehmen. Aber unter Abwägung aller inhaltlichen und optischen Reize, der Darsteller, der Musik und der politisch-soziokulturellen Aussagen komme ich bei einer nicht schlechten, aber auch nicht überragenden Bewertung heraus.

70/100

© 2021 (Entwurf 2018) Der Wahlberliner, Thomas Hocke.

(1) und kursiv: Wikipedia

Regie Walter Lang
Drehbuch Ernest Lehman
Produktion Charles Brackett
Musik Richard Rodgers,
Alfred Newman,
Ken Darby
Kamera Leon Shamroy
Schnitt Robert L. Simpson
Besetzung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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