Bullenklatschen – Polizeiruf 110 Episode 329 #Crimetime 963 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #Winkler #MDR #Bullen #Klatschen

Crimetime 963 – Titelfoto © MDR, Steffen Junghans 

Erschossen, nicht geklatscht

In Halle wurde 2012 bereits ein Film über den Mietenwahnsinn gemacht. Also über die sozialen Konflikte, die sich durch Gentrifizierung von Altbauten ergeben. Konnte das ein guter Film werden? In Halle an der Saale? Mit Schmücke und Schneider? In ihrem vorletzten von 50 Fällen? Wir geben Auskunft in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Die junge Polizistin Ilka Grein und ein Kollege werden zu einem Einsatz wegen Ruhestörung gerufen. Die beiden Beamten sind den alkoholisierten Leuten nicht gewachsen und werden von ihnen angegriffen. Als die gerufene Verstärkung eintrifft, finden sie Grein verletzt am Boden liegend und ihren Kollegen Nils Rotter, der zum Verstärkungstrupp gehörte, tot daneben.

Schmücke, Schneider und Lindner nehmen die Ermittlungen auf und befragen die festgenommenen Randalierer, die sich nicht erklären können, wer auf den Polizisten geschossen haben sollte. Die Einschüsse am Tatort, einer alten Werkstatt, deuten auf einen regelrechten Schusswechsel. Alle gefundenen Projektile gehören nur zu Polizeipistolen und Rotter wurde mit der Waffe seiner Kollegin erschossen. Grein kann sich nur noch daran erinnern niedergeschlagen worden zu sein und jemanden auf Rotter schießen gesehen zu haben.

Von allen Randalierern erscheint ein Jürgen Baumann auffällig. Er gehört zu einer autonomen Gruppe und ist vorbestraft wegen gefährlicher Körperverletzung und Landfriedensbruch. Über Fingerabdrücke am Tatort führt auch eine Spur zu Johannes Majewski, der an sich in der JVA eine Freiheitsstrafe wegen eines Gewaltverbrechens zu verbüßen hat, der aber wegen einer guten Sozialprognose auch Freigänger ist. Er bestätigt Baumann an dem Abend gesehen zu haben, selbst aber nur mit seiner Freundin zusammen gewesen zu sein, die ihm sein Alibi bestätigt.

Baumann wird verhört und gibt zu die Polizistin niedergeschlagen zu haben, nachdem sie auf die Angreifer geschossen hätte. Ilka Grein hatte erklärt nur einen Warnschuss abgegeben zu haben, doch bleiben gewisse Ungereimtheiten. Nachdem Schneider sich mit Johannes Majewski näher beschäftigt, findet er Zusammenhänge. Majewski wurde seinerzeit nach einem Raubüberfall von Ilka Grein und Nils Rotter gestellt. Als er eine Waffe zog und auf Rotter schoss, feuerte dieser massiv zurück und traf Majewski lebensgefährlich. Nach seiner Genesung wurde er wegen versuchten Totschlags verurteilt. Somit konzentrieren sich Schmücke und Schneider auf Johannes Majewski, der in Tatortnähe war und einen Grund zur Rache hätte. Er leugnet allerdings, da er kurz vor der Entlassung steht und seine Freiheit nicht so schnell wieder aufs Spiel setzen würde.

Nachdem Ilka Grein von ihren Kollegen gemobbt wird, da sie alle für die Mörderin an Nils Rotter halten, begeht sie Selbstmord und erschießt sich. Für die Kommissare ist der Fall damit nicht gelöst. Sie vernehmen noch einmal Baumann, der sich inzwischen daran erinnern kann, dass ein Mann und eine Frau in die Werkstatt gekommen wären, nachdem er Grein niedergeschlagen hatte. Das führt erneut zu Majewski, der nach massivem Verhör zugibt mit seiner Freundin in den Schusswechsel geraten zu sein. Als er wie vor Jahren erneut Rotter mit der Waffe in der Hand sah und dieser wieder auf ihn zielte, war das für ihn wie ein Alptraum. Es schien sich alles zu wiederholen, und da er befürchten musste erschossen zu werden, nahm er die Pistole der am Boden liegenden Polizistin und hat sich und seine Freundin gegen Rotter verteidigt.

Rezension

Die Frage ist, ob man akzeptiert, dass der Film quasi unter falschem Titel läuft. Denn der Umgang mit dem sozialen Thema ist so, dass er sich darauf beschränkt, es als Kulisse zu verwenden, und das würden wir zumindest für einen Berliner Krimi als unangemessen empfinden. Wir denken ja auch darüber nach, einen Fall von Mietenwahnsinn zu fiktionalisieren, dann werden wir wesentlich dichter am Thema bleiben. Nur – wer macht sich als Drehbuchautor schon die Mühe, vorher zwei Jahre Feldstudien zu betreiben, wie wir das mittlerweile von uns behaupten können? Also lassen wir mal den provokativen Titel weg und die kolportagehafte Darstellung von Punks, Architekten, Neumietern, die den Schandfleck von einem Haus bzw. dessen jetzige linksalternative Bewohnerschaft weg haben wollen – von dem wir nicht einmal erfahren, ob es besetzt ist. Vermutlich nicht, wir sind in Halle. Ein Milieu, wie es hier gezeigt werden soll, kommt aber meist so zustande.  Und die Musik ist laut. Wir rezensieren heute auch anhand von Kritiken anderer:

„Thomas Gehringer von tittelbach.tv kommt insgesamt zu einer positiven Bewertung und schreibt: „Es wird viel geredet und erläutert, dennoch hält die Inszenierung von Regisseur Thorsten Schmidt […] die Spannung geschickt aufrecht. ‚Bullenklatschen‘ ist sicher kein visuell herausragender Film, auch wenn das Schiff auf der Saale zu Beginn schön gruselig ins trübe Licht gesetzt wird, aber er ist doch ein sorgfältig erzählter Krimi. Die Psychologie der Figuren ist stimmig, das Puzzle passt und wird schlüssig nach und nach zusammengesetzt. Da wird sogar die mühsame Kleinarbeit der Polizei – die Analyse von Geschossprofilen und Fingerabdrücken, die vielen Vernehmungen – nicht langweilig.“[1]

Ja, die Figurenpsychologie fanden wir auch stimmig und sie trägt den Film auch weitgehend. Die Polizist*innen sind gut gespielt und trotz einiger unwahrscheinlicher Elemente wie des Schusses, der sich auf der Wache löst und dass dies von den Kolleg*innen doch recht locker hingenommen wird, ebenso wie heimliches Nachladen ohne korrekte Angabe über den Verbrauch von Munition, das sind solche Elemente, mit denen versucht wird, ein recht verzwicktes Drehbuch im Griff zu behalten. Das zufällige Wiedersehen eines Polizisten mit einem einstigen Opfer, das dieser zum Täter gemacht hat, im Anschluss kam es zu einem Justizirrtum, fanden wir nicht so herausragend unwahrscheinlich – und vor allem: Wie die alte und die neue Situation miteinander verflochten werden und wie sich die wichtige Figur Ilka Grein verhält, das passt schon.

Nicht nur Familien, sondern auch Arbeitswelten, in denen über Jahre hinweg dieselben Menschen eng zusammenarbeiten und Gefühle füreinander entwickeln, können Blackboxen sein. Kritiker, die von zuhause schreiben, mögen das nicht so glaubhaft finden, aber gerade in gefährlichen Jobs, in denen es auf Teamgeist und Vertrauen ankommt, gehen auch die Emotionen schneller hoch. Wenn dabei Fehler passieren, werden sie schon mal vertuscht. Da diese Fehler bei der Polizei große Konsequenzen für Dritte und auch für die Beamt*innen selbst haben können, dürften sie trotzdem nicht so durchrennen, wie das leider auch in der Realität häufig der Fall ist. Alle Figuren sind einzeln recht gut gezeichnet, am wenigsten erschließt sich die Figur Rotter, der Polizist, der zu oft zu schnell feuert und zu Beginn des Films stirbt. Da es im Anschluss zu Rückblenden kommt, hätte man durchaus die Gelegenheit gehabt, ihn etwas griffiger zu machen.

„Die Kritiker der Fernsehzeitschrift TV Spielfilm vergaben eine mittlere Wertung (Daumen zur Seite) und befanden ‚Bullenklatschen‘ sei „Routineknobeln mit den Krimionkeln“.[2]

Auf emotionaler Ebene und besonders, wenn man etwas ältere Schmücke-Schneider-Filme kennt, ist „Bullenklatschen“ sicher kein Routinefall. Es wird dichter rangegangen und die beiden „Krimionkels“ verhalten sich auch anders als üblich, nämlich ernster. Uns hat es vor allem in den echten Routinefällen Mitte der 2000er auch gestört, dass sie, besonders Schmücke, angesichts der dramatischen Verbrechen oft viel zu wohlgelaunt daherkamen, aber das ist gerade hier nicht das Problem, daher wirken sie auch weniger onkelhaft.

„Spiegel Online wertet sehr negativ und findet: „Die sonst betont drolligen Cop-Oldies Schmücke und Schneider geben sich […] betont grimmig. (Nicht schlimm, ihre Witze zündeten sowieso nie.)“ Des Weiteren wird „das Prinzip Zufall […] in Halle wieder überstrapaziert.“ Insgesamt würde das Einschalten nicht lohnen.[3]

Hier handelt es sich um den Schnellcheck, nicht um eine der Rezensionen, die von Christian Buß verantwortet / gezeichnet werden, darin steht auch: Wie blutig ist die neue Folge? Überhaupt nicht. Statt Kunstblut zu verspritzen sprühte man hier lieber ordentlich Farben in die Haare der Hausbesetzer-Punks. So also stellt sich der MDR linksradikalen Widerstand vor: Occupy als Kinderfasching.“

Tatorte und Polizeirufe haben keine Folgen, sie sind Reihen, keine Serien. Und zumindest in Berlin spielt die Punkszene beim linken Widerstand und in der Hausbesetzerszene tatsächlich eine wichtige Rolle. Die aber hat man in dem Film eben kaum ausgeleuchtet, insofern stimmt es, dass es mehr ums Kolorit oder ums Colorieren ging als um den Widerstand. Dass die Witze von Schmücke und Schneider nie zündeten – sehen wir differenziert. Das Publikum wird’s eh anders gesehen haben, sonst wären die beiden nicht die Ermittler gewesen, die nach der Wende am meisten zum Einsatz kamen. Außerdem verschweigen alle Rezensionen den modernisierenden Einfluss, den die Aufnahme von Nora Winkler ins Team mit sich brachte – etwa zu dem Zeitpunkt wurde auch das Filming bei den Hallenser Polizeirufen moderner. Das gilt auch für „Bullenklatschen“, es ist aber richtig, dass vor allem der Anfang visuell schön gemacht ist und es dann nachlässt. Auch dieses Schicksal teilen übrigens viele Tatorte und Polizeirufe, weil auf die Bilder, welche die Zuschauer als erste zu sehen bekommen, besonders viel Wert gelegt wird – ähnlich den berühmten fünfzehn ersten Zeilen in einem Roman: Wer  beim Probelesen des Anfangs nicht „reingezogen wird“, wird den Roman nicht kaufen. Selbstverständlich ist das modellhaft und gilt in erster Linie für Unterhaltungsliteratur und so muss man diese Ausführungen auch in Bezug auf Filme betrachten.

„Auch Heike Hupertz von der FAZ sieht das ähnlich und schreibt: „Die Ermittlungsweise von Schmücke, Schneider und Lindner ist so naturalistisch langatmig wie eh und je. An ‚Bullenklatschen‘ ist das Aufregendste der Titel. […] Jede Aktualität wird verschenkt, stattdessen konzentriert sich der Film auf die Beziehungen der Polizisten untereinander. […] Auch die visuelle Gestaltung trägt nun wieder zum Eindruck des Hausbackenen bei. So kann man einen durchaus gelungenen Aufbruch [der in den beiden letzten Folgen absolut gelungen war] auch mit voller Absicht verschenken.“[4]

So unterschiedlich kann man eben Filme wahrnehmen. Wir fanden den Naturalismus angesichts der heute speziell in Tatorten üblichen Art und Weise, die Ermittlungsarbeit komplett hintenrunterfallen zu lassen, eher als wohltuend. Weniger gelungen hingegen die vielen künstlichen Wendungen, die Schusswaffen betreffend: Sie dienten aber immerhin einem guten Zweck. Nämlich, den Krimi frei von Füllmaterial zu halten; es gibt nur eine einzige Szene, die nicht dem Fall gewidmet ist. Die Geburtstagsfeier für Nora Winkler auf ebenjenem seltsamen Schiff, das in der erwähnten Eingangsszene so wirkt, als würde es ein verwunschener Tatort werden.

Finale

Negativ: Die nur anskizzierte Thematik „Bullenklatschen“, die nicht mit sozialem und politischem Hintergrund gefüllt wird, die allzu verschlungene Gestaltung der Schusswaffenverwendung. Positiv: Die ernsthafte und konzentrierte Ermittlungsarbeit und die Figurenpsychologie, das, was sich zwischenmenschlich abspielt. In den letzten Szenen hat uns der Film sogar berührt und das kam bisher bei Schmücke-Schneider-Polizeirufen selten vor. Und nicht nur die Vorgänger wie „Ein todsicherer Plan“, die der Kritik überwiegend gut gfallen haben, sondern auch die Nr. 329 ist deutlich flotter gefilmt als die Vor-Lindner-Fälle aus Halle.

7,5/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kursiv: Zitiert nach der Wikipedia

Regie Thorsten Schmidt
Drehbuch Matthias Herbert
Produktion Peter Gust,
Pawel Reinhardt
Musik Andreas Koslik
Kamera Ralph Netzer
Schnitt Simone Klier
Besetzung

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