Der letzte Wagen (The Last Wagon, USA 1956) #Filmfest 438

Filmfest 438 Cinema

Der letzte Wagen ist ein US-amerikanischer Westernfilm des Regisseurs Delmer Daves (Delmer Lawrence Daves, 1904 – 1977) aus dem Jahr 1956.

Weiße, die bei amerikanischen Ureinwohnern aufwachsen, waren Mitte der 1950er im Western ein Thema. In ungünstigen Fällen kamen dabei rassistische Filme heraus, aber es war auch ein Versuch, sich der Kultur der Native Americans auf eine Weise zu nähern, die das Massenpublikum nicht verschreckte. Aber es geht auch oft um Rache und Selbstjustiz. Ein drittest Thema waren zunehmend Darstellungen von ethnisch gemischten Liebesbeziehungen, die in den 1940ern noch nicht gezeigt wurden. Wir nähern uns dieser Kombination in der -> Rezension.

Handlung (1)

Comanche Todd ist ein Weißer, der bei den Comanchen aufgewachsen ist. Er wurde von Sheriff Bull Harper gefangen genommen, da er dessen drei Brüder ermordet hat. Der Sheriff schließt sich mit seinem Gefangenen einem Treck nach Tucson an. Der Treck wird angeführt von Colonel Normand.

Die Reisenden sind empört über die Behandlung des Gefangenen durch den brutalen Sheriff und empfinden bald mehr Sympathie für den Mörder als für die Hand des Gesetzes. Während einer nächtlichen Pause verschwinden einige Kinder und Jugendliche, um schwimmen zu gehen. Als sie zurückkommen, müssen sie feststellen, dass der Treck von Apachen überfallen worden ist und bis auf Comanche Todd alle ums Leben gekommen sind. Todd wird für die Jugendlichen zum Führer ihres Trecks. Der Mörder ist plötzlich ihre einzige Überlebenschance. Valinda Normand, die Tochter von Colonel Normand, misstraut ihm, Unterstützung bekommt er von den Geschwistern Jenny und Billy. Doch zunächst beginnt die Weiterreise mit einem Schock. Todd verbietet ihnen die Angehörigen zu begraben, da die Gräber für die Indianer ein Hinweis darauf sein würde, dass jemand den Überfall überlebt hat. Unterwegs nach Tucson erleben die Kinder und Jugendlichen weitere gefährliche Begegnungen mit Apachen, die sie jedoch Dank der Erfahrung von Comanche Todd überleben. So wird Todd zum Helden und gewinnt sogar das Vertrauen von Valinda, die er nach einem Schlangenbiss vor dem Tod rettet.

Als sie einen Trupp von Soldaten treffen, scheinen alle gerettet. Nur Todd muss nun wieder das Gesetz fürchten. Er gibt sich als Mr. Putnam aus. Gemeinsam mit den Soldaten kann er einen weiteren Angriff der Apachen abwehren. Bei dem Gefecht wird er jedoch als der gesuchte Mörder entlarvt. Die Soldaten bringen ihn zu General Howard, der ein Urteil über Todd fällen soll. Hier wird Jenny, die sich in Todd verliebt hat, zu seiner Verteidigerin. Comanche Todd eröffnet dem Gericht, dass die Harper-Brüder seine indianische Frau und die beiden Kinder ermordet haben, und er darum an ihnen Rache nahm. Der General spricht ihn frei, worauf der Treck nach Tucson weiterreist. Todd beginnt mit Jenny und Billy ein neues Leben.

Rezension

  • Im folgenden Jahr 1957, würde Regisseur Delmer Daves, Wanderer zwischen den Genres und Hollywood-Routinier, in den Weiten des Westens verbleiben und „3:10 to Yuma“ („Zähl bis drei und bete“) drehen, seinen wohl besten Film, in dem ein Sheriff (Van Heflin) einen Verbrecher (Glenn Ford, sehenswert gegen seine üblichen Rollen besetzt) zu bewachen hat, bis der Zug kommt.

    Es entspinnt sich ein großes, psychologisch augefeiltes Drama zwischen den beiden, der Film ist eine Art Umkehrversion zu „Zwölf Uhr Mittags“ – der Verbrecher ist schon gefangen, aber ob das bis zum Schluss so bleibt, ist sehr spannend.
  • In den 1940ern arbeitete er an berühmten Filme wie „Hollywood Canteen“ und mit Huphrey Bogart und Lauren Bacall in „Dark Passage“, einem guten Film noir, aber nicht dem besten, auch nicht innerhalb der Bogart-Bacall-Kooperation.
  • Tommy Rettig, der Junge in „Der letzte Wagen“ war während der Zeit, in welcher er diesen Film drehte, auch Hauptdarsteller der „Lassie“-Serie und zwei Jahre zuvor in „River of No Return“ mit Marilyn Monroe und James Mitchum im rauen Westen unterwegs.
  • Das Ende von „Der letzte Wagen“ ist bemerkenswert. Ein Weißer, der bei den Indianern gelebt hat, kehrt nicht etwa in die Zivilisation zurück, sondern nimmt eine Weiße und deren Jungen mit in die Wildnis und überzeugt sie davon, dass das große Himmelszelt ein größerer Schatz ist als jeder Besitz und jede formale Sicherheit. Es lag in der Zeit. Auch Kirk Douglas drehte ein Jahr zuvor mit „The Indian Fighter“ einen Film, in dem sich ein Weiter einer „Native American“ annähert und damit eine Chiffre auf die damals noch höchst kritische Sicht auf Liebesverhältnisse zwischen Menschen unterschiedlicher Ethnien.

Die fünfziger Jahre waren eine Zeit des Wandels und Genres wie der Western wurden durch ihn beeinflusst. Ein Jahr vor „Der letzte Wagen“ entstand auch Douglas Sirks Jetztzeit-Kleistadtmelodram „Was der Himmel erlaubt“, in dem immerhin eine Liebe zwishen einer Witwe und einem jüngeren Mann, der recht  unkonventionell denkt und lebt, propagiert wurde. Das war schon was, für damalige Verhältnisse und in diesen Wandel hinein muss man auch das Ende von „Der letzte Wagen“ hineinstellen. Wie auch die Figur „Comanche Tod“. Denn das, was der Mann bei den Comanchen gelernt hat, wird die wenigen Verbliebenen eines Apachen-Überfalls retten. Man bemerke: In US-Filmen, anders als in der kitischigen Welt von Karl May, kommen die Apachen oft nicht sehr gut weg und sie waren in der Tat waren einige ihrer Stammeszweige nicht nur im Sinn der Selbstverteidigung gegen die weißen Eindringlinge  besonders kriegerisch.  Die Weißen errangen letztlich aufgrund ihrer zahlenmäßigen und technischen Überlegenheit den Sieg. Die Comanchen in „Der letzte Wagen“ haben jedoch den Jungen aufgezogen, der zum Retter gegen die Apachen wird – deren Motive, den Treck zu zerstören, aber ebenfalls als Racheakt gegen einen Überfall auf eines ihrer Dörfer dargestellt werden, bei dem viele Frauen und Kinder ums Leben kamen.

Was man sieht oder auch nicht sieht, sondern was nur offscreen stattfindet, ist aber das Gemetzel gegen die überwiegend gottesfürchtigen und aufrechten Siedler. Psychologisch ist der Film tricky, aber das liegt am Drehbuch von James Edward Grant, dessen Arbeit wir gerade wegen des überaus verschwafelten und umständlichen „MacLintock“ fürchten gelernt haben. Es war allerdings auch der Stil der frühen 1960er, in dem die Spannung im Dialogreichtum ziemlich unterging. Trotzdem ist dieser Film auch wegen seiner mangelhaften Konzentration auf die Stringenz der Figuren nervtötend. „Der letzte Wagen“ ist noch viel mehr auf Drama eingestellt, aber auch hier sind Spuren von Unglaubwürdigkeit nicht zu übersehen. Auch die Handlung betreffend: Kaum zu fassen, dass die wenigen Menschen, die nur dadurch überleben, dass sie runter zum See geritten sind, um zu baden, von diesem Massaker etwas weiter oben überhaupt nichts mitbekommen haben sollen. Auch ihre Reaktion, als sie die vielen Toten sehen, ist ziemlich mager. Bis auf die Tatsache, dass einer der Überlebenden ein totes blondes Mädchen an sich drückt, kaum Reaktion.

Diese Schwäche, diese bemerkenswerte Zurückgenommenheit, ist wiederum der Regie anzulasten, vor allem, weil sie alle Figuren mehr oder weniger stark betrifft, die Guten ebenso wie diejenigen, die noch bekehrt werden müssen. Auch die Szenen bis zum Überfall auf den Treck, die Reibereien zwischen dem Sheriff und denen, die den Zug anführen und wie Comanche Todd den Sheriff mit der Axt umbringt, viele Reaktionen sind ein bisschen fragwürdig. Seine größten Momente hat der Film nicht im Plot, sondern in der Liebesbeziehung, die sich zwischen Todd und Jennie aufbaut. Richard Widmark spielt sich hier auf eine Weise nach vorne, die ihn uns nähergebracht hat. Sein immer skeptisch wirkender Ausdruck, seine gegenüber vielen damaligen Darstellern weniger prägnante Erscheinung waren bisher nicht ganz unser Ding, das hat sich auch durch „Warlock“, wo er eine wichtige Rolle spielte, nicht geändert. Aber wie diese Annäherung zwischen seinem Todd und der jungen Frau vom Treck stattfindet, das hat uns berührt und da lässt die Regie erahnen, dass ihr Zweipersonen-Verhältnisse gut liegen und zu viel Personal, in dem Stereotypen untergebracht werden müssen, wie in „Der letzte Wagen“, eher stört. Deswegen wurde wohl auch „3:10 to Yuma“ so gut.

Finale

Der Film ist bereits ganz in der Natur gedreht und, wie alle größeren Filme der 20th-Century-Fox in Cinemascope, die Technik lässt also nichts zu wünschen übrig und man nutzt die Weite des Raums – manchmal. Es gibt Filme, die das Breitwandformat mehr ausspielen, denn das zweite und dritte Drittel von „Der letzte Wagen“ sind von der Handlung kammerspielartig und bieten keine Massenszenen, die man im Bildverhältnis 2,35:1 besonders eindrucksvoll darstellen kann. Neben den Apachen kommt auch die Kavallerie vor, aber sie wird nicht inszeniert wie bei John Ford und in den Mittelpunkt gestellt, vielmehr bleibt der Film bei sich und seiner Botschaft, die im Verlauf immer mehr sichtbar wird. Dass eine Figur wie Comanche Todd, ein Antiheld im Grunde, hier so hervortritt, ist ein weiteres Plus von „Der letzte Wagen“, bei dem sich für uns Stärken und Schwächen ziemlich die Waage halten und daher finden wir, die 7,0/10, welche die IMDb-Nutzer derzeit für den Film als Durchschnittswert aufstellen, treffen es recht gut.

72/100

© 2021 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Delmer Daves
Drehbuch James Edward Grant
Delmer Daves
Gwen Bagni
Produktion William B. Hawks
Musik Lionel Newman
Kamera Wilfred M. Cline
Schnitt Hugh S. Fowler
Besetzung

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