Angezählt – Tatort 881 #Crimetime 965 #Tatort #Wien #Eisner #Fellner #ORF #angezählt

 Titelfoto © ORF, Petro Domenigg

Bibi, die Bitch und Ivo, der Rächer

Die Handlung in einem Satz (ohne Auflösung): Ein Junge zündet eine Ex-Prostituierte an und hält dem eintreffenden Eisner einen Zettel vor, auf dem steht, dass er strafunmündig ist, derweil Bibi Fellner feststellen muss, dass sie die Angezündete kannte, die kurz nach der Tat im Krankenhaus an ihren Verbrennungen stirbt und ins Visier gerät ziemlich schnell deren früherer Zuhälter Aziz, der vorzeitig aus der  Haft entlassen wurde.

Ob jeder österreichische Tatort besser ist als der vorherige, ist Ansichtssache, aber ebenso, wie man eine Aufwärtsbewegung über Jahre feststellen kann, machen wir hier kurz Halt und ziehen den Hut – vor der darstellerischen Leistung von Adele Neuhauser als Bibi Fellner. Diese Figur ist mit die beste der gegenwärtigen Tatort-Ermittlerszene. Dass sie manchmal unprofessionell ist und überhaupt ein ziemliches Emotionsbündel, stört uns deshalb nicht besonders, weil auch die deutschen Ermittler immer durchgeknallter werden und wir wollen doch gerecht sein. Denn immerhin macht sie eine Therapie, um ihren Kindheitsdämonen auf die Schliche zu kommen, davon sind andere Tatortler, die es mindestens genauso nötig hätten, weit entfernt.

Die Tat des Jungen zu Beginn des Tatorts ist krass, das Ende ist krass, aber einige Tatortfans haben wohl den hohen Bodycount von „Kein Entkommen“ vermisst und „Angezählt“ deshalb weitaus schwächer bewertet. Das ist genau die Haltung, die stumpfe Gewalt verherrlicht, wie sie der bulgarische Klischee-Zuhälter Ilhan Aziz gerne gegen Frauen ausübt. Das ganz Üble an diesem Film ist, dass wir solche Typen in Berlin täglich herumlaufen sehen. Und natürlich glauben sie auch, das dickere Auto ist das Wichtige. Und dass andere keine schönen Frauen bekommen können. Wir sehen sie in der Stadt und müssen manchmal die Lachmuskeln im Zaum halten, man hat sich schnell eine gefangen. Und doch ist es so tragisch für alle, die der Gewalt ausgesetzt sind und nicht in einem einigermaßen rechtssicheren Raum leben, wie wir das von uns behaupten können.

„Angezählt“ ist weder kompliziert noch spektakuläre Action, von wenigen Momenten abgesehen, die dafür um so mehr wirken. Aber die Bedrohung durch minderbemittelte Gewalttäter ist jederzeit spürbar und lässt das Blut hochkochen.

Handlung

Der Hilferuf auf ihrem Handy erreicht Bibi Fellner nicht, weil die Rufnummer anonym ist und sie deshalb das Gespräch wegdrückt. Unmittelbar danach wird die Anruferin, eine bulgarische Ex-Prostituierte, das Opfer eines grausamen Mordanschlages. Als sie auf der Straße stehend eine Zigarette raucht, besprüht sie ein Junge von seinem BMX-Rad aus plötzlich mit einer benzingefüllten Spielzeug-Pumpgun, und die Frau steht sofort in hellen Flammen.

Um einen 12jährigen Jungen zu schützen, versteckt Bibi ihn bei sich.

Schlagartig begreift Bibi Fellner, dass sie von ihrer Vergangenheit eingeholt worden ist, als sie zusammen mit ihrem Partner Moritz Eisner am Tatort vor einem Wiener Bowlingcenter eintrifft. Sie wird kreidebleich, denn aus ihrer Zeit bei der Sitte kennt sie das Opfer, die schwerstverletzte Yulya Bakalova.

Eine Augenzeugin entdeckt unter den Zuschauern den Täter. Doch dieser kleine, unscheinbare Junge hält Chefinspektor Moritz Eisner sofort einen Zettel aus seinem Portemonnaie entgegen: „Ich bin Ivo. Ich bin zwölf Jahre alt. Im Sinn & 74 StGB ist unmündig. Darf nicht strafen.“ Weil er beharrlich schweigt und niemand weiß, wer seine Angehörigen sind, wird er zunächst in einem Heim für sozial geschädigte Kinder untergebracht. Doch von dort flieht er noch in der ersten Nacht.

Der Fall trifft Bibi Fellner mitten ins Herz. Als sie die Nachricht erhält, dass Yulya ihren schweren Verbrennungen erlegen ist, stürzt für sie eine Welt ein, und sie ist wie von Sinnen. Denn sie hatte fest versprochen, Yulya nach ihrer Aussage vor Gericht vor ihren Verfolgern zu beschützen. Aber wer und was hat das Kind dazu gebracht, dieses eiskalt berechnete, perfide Benzin-Attentat zu verüben? Und warum hatte die leibliche Mutter ihren Sohn bei der polizeilichen Befragung verleugnet?

Rezension / enthält Angaben zur Auflösung

Ja, in dem Moment, als der kleine Ivo den bösen Ilhan erschießt, da war dieses Gefühl da – es kann nur diesen Ausweg geben. Für uns und für alle, die sich durch dieses Arschloch bedroht, provoziert, gedemütigt fühlten. Und doch ist es letztlich keine Erlösung für ein ohnehin traumatisiertes Kind, sondern nur eine neue Erfahrung von Gewalt und deren Wirkung. Die Lösung, dass der Junge damit einen Teil seiner Tat an der Ex-Prostituierten wieder gutgemacht hat, ist etwas zu einfach. Man kann allerdings sagen, dass Bibi das Wiedergutmachen so wohl nicht gemeint hat, sondern in der Form, dass Ivo hilft, den Aziz endlich für länger hinter Gitter zu bringen.

Warum ein solcher Typ vorzeitig entlassen wird, versteht wohl nur die Justizvollzugsanstalt, uns hätt’s aber interessiert, denn dass hier keine gute Führung oder dergleichen in Rede stehen konnten, liegt auf der Hand. Der Kracher ist aber eine andere Tatsache, auf die man erst einmal kommen muss:

Ivo erschießt ja am Ende seinen eigenen Vater. Er weiß nicht, dass der Zuhälter sein Vater ist, aber Bibi weiß es, dass Ivo das lebendige Ergebnis einer Vergewaltigung des Ilhan an Ivos Mutter ist. Und nach diesem kathartischen Erlebnis der unbeabsichtigten Vatertötung ist Bibi in der Lage, endlich ihren eigenen Vater im Altersheim zu besuchen, der ihr seit der Kindheit schwer auf der Seele lastet. Großes Kino für den Kopf, ohne Frage. Alle, die sich mit Vaterkomplexen herumschlagen, sollten zur Polizei gehen und schön abwarten, bis sie eines Tages einen – nein, ein Vatermord ist es strafrechtlich nicht, nur eine Tötung im Notstand – live miterleben können, das hilft mehr als 200 Therapiestunden (in Deutschland wäre die Tat also auch nach § 34 StGB gerechtfertigt, wenn nicht ohnehin Strafunmündigkeit des Jungen nach § 19 StGB vorläge – wenn man so will, eine doppelte juristischen Absicherung der zweiten Tat des Ivo).

Es ist uns schon aufgefallen, dass der Eisner dieses Mal eher assistiert hat als dominiert, aber sie haben mit dem Krassnitzer und der Neuhauser tatsächlich zwei Darsteller, von denen jeder einen Film mühelos tragen kann.

Weniger gelungen fanden wir, dass die Polizisten nicht gepeilt haben, dass der Ivo möglicherweise aus der Kinderschutzeinrichtung abhauen könnte. In dem Moment waren ja alle ruhig und hätten mal nachdenken können. Oder wollte Bibi das etwa? in einem Satz klingt es fast so, als sie dem Eisner erklärt, dass dies kein Gefängnis sei. Aber wie will man traumatisierte Kinder schützen, wenn man nicht bedenkt, dass sie zum Fluchtreflex neigen könnten? Dass sie nicht über die Ratio verfügen, die Chance sofort zu begreifen, die sich ihnen bietet. Und das Haus hat auch nicht den Eindruck gemacht, dass es leichter wäre, rauszukommen als herein. Das ist Quatsch, ein Schutz nach der einen wirkt auch nach der anderen Seite, wenn er gut organisiert ist, mithin fehlt auch das Gefühl für physische Sicherheit, das so arg mitgenommene Kinder haben sollten.

Das Ende war ebenfalls nicht ganz unvorhersehbar, nachdem der böse Ilhan erstmal ins Rollen oder Fahren gekommen ist, und irgendwie war dann doch so etwas wie das Gefühl vorhanden, dass ein so dämlicher Typ, der so roh und unüberlegt eine Polizistin misshandelt und sie gar umbringen will, es niemals so weit bringen wird wie dieser Ilhan. Entweder lässt man das Dritte erledigen, etwa Auftragskiller, die dann aber nur ihren Job machen und sich nicht so gehen lassen, oder man risktiert, dass man in der Stadt, in der man sich ein Unterdrückungssystem mit erpressbaren Frauen aufgebaut hat, keinen Fuß mehr auf den Boden bekommt.

Dass Bibi das Opfer kannte und überhaupt mit der Szene gut in Kontakt ist, erklärt sich aus ihrer Zeit, die sie offensichtlich bei der Sitte verbracht hat, bevor sie zur Mordkommission wechselte und ist so gesehen nicht unlogisch. Da gab es schon mehr an den Haaren herbeigezogene Ermittler-Involvierungen, die den Zuschauer stark ans Geschehen binden sollten.

Der Junge als Werkzeug eines fiesen Schurken und die Art, wie er die Tötung der jungen Frau ausführt, darf man ohne größeres Nachdenken in den Bereich SF oder Märchen verweisen, schon deshalb, weil die brutalen Typen des wirklichen Lebens einerseits nicht so viel Phantasie haben und andererseits nicht auf einen so wenig zuverlässig zu gestaltenden Hergang für ihre Rache bauen würden.

So gesehen hat die Handlung durchaus Schwächen und spekulative Augenblicke, die wir letzte Woche beim ebenso nüchternen wie konsequent gemachten Berlin-Tatort nicht sahen. Dafür aber werden die Emotionen angesprochen, und das nicht zu knapp. Sicher kommt es ein wenig darauf an, wie man selbst zu Gewalt aller Art steht, wo man wohnt, aber gerade Großstadtmenschen wie wir sollten sich hüten zu sagen, dies alles sei unvorstellbar und die Erpressungssysteme, mit denen Frauen auf Kurs und am Freier gehalten werden, seien konstruiert und wirklichkeitsfremd. Und darum geht es letztlich in diesem Film, wieder ein heißes Eisen anzupacken und – wieder eine Nationalität abzuarbeiten. Das scheint bei den Wienern langsam zur Manie zu werden, dass alle Völker, die in der Stadt leben, mit ihren Problemen durchdekliniert werden, zumindest bei den Tatorten, die tatsächlich in der österreichischen Hauptstadt spielen. In „Kein Entkommen“ waren es die Serben, dieses Mal sind die Bulgaren an der Reihe, auswärts, in Tirol, waren es auch schon die Türken. Mal sehen, was kommt, wenn alle Balkan-Nationalitäten durch sind.

Finale

Es gibt auch einen kurzen Moment mit derbem Humor, als Bibi sich auf ihre Art eines Typs erwehrt, der sie in einem „Anbahnungslokal“ anspricht, das ist ein cineastischer Tatort-Moment gewesen. Der Ausgang der Szene war vorher klar, aber wie sie es löst, die Bitch (O-Ton eines Helfers von Ilhan), das war sehenswert und wir rufen ein Hoch auf die starken Frauen aus und sind so froh, dass wir solche in einer großen Stadt kennenlernen durften, ohne dafür zahlen zu müssen und vielleicht, weil wir nie auf die Idee gekommen wären, uns Nächte – von Liebe kann man nicht sprechen – zu kaufen.

Spaß beiseite, dafür ist das Thema zu ernst. Die Prostitution hat ihre Berechtigung, wenn Kunden und Anbieterinnen auf einer Stufe miteinander verhandeln können und Frauen den Beruf selbstbestimmt ausüben können. Und Zwangssysteme gibt es nicht nur im Bereich der Prostitution. Dort aber sind sie ganz besonders verwerflich, weil sie die körperliche Integrität und damit besonders stark die Würde von Menschen angreifen. Man kann sich denken, dass Typen wie Ilhan geradezu notwendig sind, ebenso wie seine dummen Helfer, um solche System zu etablieren. Denn ohne eine glaubhafte Drohkulisse und die jederzeitige, explosive Gewaltbereitschaft, lassen sich Menschen ja nicht so einschüchtern. Für eine Frau, die trotzdem gegen Ilhan ausgesagt hat, wird ihr Mut nach dessen vorzeitiger Freilassung zum Verhäntnis.

Es ist letztlich Bibi, die dem Tatort das Besondere gibt. Wir sind versucht zu sagen, es ist ihre Meisterleistung, nach bisher schon sehr guten Vorstellungen. Wir haben so genau hingeschaut und keine falsche Geste, keinen fehlintonierten Dialogsatz gefunden. Aber wie sie sich reinschmeißt und was sie über sich ergehen lassen muss, wie sie ihre eigene Geschichte abarbeitet und von ihr eingeholt wird, das ist absolut sehensert. Nicht ganz realistisch für eine Polizisten, die ihren Job behalten will und eben nicht mit Anzeigen konfrontiert werden darf – aber egal, sie wirkt sowas von glaubwürdig als Mensch.

Dafür geben wir was extra und bewerten einen Tatort, der nicht in allen Aspekten mit dem der Vorwoche mithalten kann, genauso hoch: mit 8,5/10. Vielleicht rettet der Herbst noch das Tatortjahr 2013 und wir schicken mal einen Dank nach Wien und zum ORF, weil sie jetzt schon das ihre dazu beigetragen haben.

© 2021, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Chefinspektor Moritz Eisner – Harald Krassnitzer
Major Bibi Fellner – Adele Neuhauser
Yulya Bakalova – Milka Kekic
Ilhan Aziz – Murathan Muslu
Emil Petrow – Zafer Gözütok
Dr. Schneider – Tatjana Alexander
Ernst Rauter – Hubert Kramar
Stefan Slavik – Stefan Puntigam
Ivo Radneva – Abdul Kadir Tuncel
Nora Radneva – Daniela Golpashin
u.a.

Drehbuch – Martin Ambrosch
Regie – Sabine Derflinger
Kamera – Christine A. Maier
Musik – Gerhard Schuller

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