Pal Joey, USA 1957 #Filmfest 441

Filmfest 441 Cinema

Ol‘ Blue Eyes and flaming Hair

Pal Joey ist ein US-amerikanisches Filmmusical von George Sidney aus dem Jahr 1957 mit Rita Hayworth, Frank Sinatra und Kim Novak in den Hauptrollen. Als Vorlage diente das gleichnamige BroadwayMusical von John O’Hara mit der Musik von Richard Rodgers und den Liedtexten von Lorenz Hart. Neben dem Standardlied Bewitched, Bothered and Bewildered wurden auch berühmte Songs aus anderen Musicals von Rodgers und Hart für den Film verwendet, wie etwa The Lady Is a Tramp und My Funny Valentine. Der Film, der in den Vereinigten Staaten zu den zehn erfolgreichsten Produktionen des Jahres gehörte, erhielt seinerzeit viel Kritikerlob und festigte Sinatras Ruf als Entertainer.

Ein Musikfilm der 1950er als Neuentdeckung – dass es dazu nach so langer Befassung mit dem Medium, die einmal mit jugendlicher Faszination für die MGM Musik- und Tanzfilme begann, noch einmal kommen würde! Und da ist dieses Feeling wieder, dieses Vertraute: Wunderbare Musiknummern, wenn auch dieses Mal wenig Tanz, große Stars, tolle Dekorationen. Aber warum wir den Film bisher nicht gesehen haben, erklärt sich ganz schlicht. Er stammt nämlich nicht von MGM. Ob er trotzdem eine Show ist, klären wir in der -> Rezension.

Handlung (1)

Nachdem er aus einer Stadt geworfen wurde, weil er der jungen Tochter des Bürgermeisters Avancen gemacht hatte, landet Sänger Joey Evans am Bahnhof von San Francisco. Ohne einen Cent in der Tasche macht er sich auf, um ein neues Engagement in einem Nachtclub zu ergattern. Als er erfährt, dass sein alter Freund Ned Galvin mit seiner Band im „Barbary Coast Club“ auftritt, sieht er seine Chance gekommen. Doch der Besitzer des Lokals, Mike Miggins, ist nicht willig den für seine Unzuverlässigkeit bekannten Joey auf seiner Bühne singen zu lassen. Doch nachdem der Star der Show nicht auftaucht, Joey spontan für ihn einspringt und das Publikum mit seinen flotten Sprüchen und sicheren Gesangseinlagen unterhält, stellt ihn Mike schließlich doch noch ein. Zu den Tänzerinnen des Clubs zählt auch die hübsche Blondine Linda English, auf die Joey sofort ein Auge wirft.

Als Ned mit seiner Band für eine Wohltätigkeitsveranstaltung verpflichtet wird, sind auch Joey und Linda mit von der Partie. Gastgeberin ist die wohlhabende Witwe Vera Simpson, deren Gesicht Joey auf Anhieb bekannt vorkommt. Während der Auktion, die Geld für einen guten Zweck sammelt, fällt Joey wieder ein, woher er Vera kennt: Sie trat einst als Striptease-Tänzerin auf und war berühmt für ihren aufreizenden Schleiertanz. Spontan entschließt sich Joey, seine ehemalige Kollegin zu überrumpeln, indem er frech über das Mikrofon verkündet, dass Vera für den guten Zweck eine ihrer alten Striptanznummern vorführen werde. Angesichts dieser schamlosen Enthüllung ihrer Vergangenheit legt Vera widerwillig einen umjubelten Tanz aufs Parkett. Am Ende des Abends begleiten Joey und Ned Linda zu ihrer Pension, wo Joey bemerkt, dass ein weiteres Zimmer neben dem von Linda noch frei steht. Am nächsten Morgen ist Linda entsetzt, als Joey an die Tür ihres Badezimmers klopft, das sie sich ab sofort mit ihm teilen muss. Obwohl Joey schon nach wenigen Wochen die Mehrheit der Tänzerinnen des Nachtclubs um den Finger gewickelt hat, bleibt Linda ihm gegenüber skeptisch. Um seinen permanenten Avancen ein weiteres Mal auszuweichen, bringt sie Joey dazu, einen kleinen Hund zu kaufen, den er fortan Snuffy nennt. (…)

Rezension

Mit der Columbia, die ihn produziert hat, schlossen die öffentlich-rechtlichen deutschen Sender nicht, wie mit MGM, vor langer Zeit einen großen Vertrag ab, der Tausende von Filmen hierherbrachte. Dass das Gefühl dennoch so bekannt ist, liegt vor allem daran, dass der Film Frank Sinatra zeigt, der vielfach für MGM gearbeitet hat, dass die Choreografie von Hermes Pan stammt, der einige der schönstem Musicals mit Fred Astaire oder das fantastisch designte „Kiss me Kate“ (1953) verantwortete und sicher auch an der Regie des Musicalspezialisten George Sidney, der Frank Sinatra schon einmal in „Anchors Aweigh“ (1945) zusammen mit Gene Kelly vor der Kamera hatte und für MGM „Die drei Musketiere“, den bezüglich seines Rhythmus  und einer Beschwingtheit vielleicht musikalischsten Abenteuerfilm aller Zeiten gemacht hat, ebenso wie „Showboat“ (1951) und den erwähnten „Kiss me Kate“, wie wir gerade nachgesehen haben – keine Überraschung.

Interessant ist auch, dass es keine deutsche Übersetzung des Titels gibt. Damit war „Pal Joey“ einer der ersten US-Filme, die hierzulande in den Verleih kamen und nicht einen dieser dramatisch-nichtssagenden Titel verpasst bekam, die in den 1950ern üblich waren. Dass es wenig Tanz zu sehen gibt, lag auch an einer Wandlung des Publikumsgeschmacks, die auch MGM zu spüren bekam: Eher handlungsorientierte Musicals mit Songs, die ebenfalls zum Inhalt etwas beitragen konnten, waren durchaus noch erfolgreich, aber Musicals, die überwiegend aus Tanznummern bestanden, mit einer stereotypen, knappen Handlung dazwischen, eher nicht mehr. Den Trend dazu hatte MGM mit „The Wizard of Oz“ und „Meet Me in St. Louis“ selbst gesetzt.

Bereits 1941 hatte die Columbia die Filmrechte am Stoff, also am Broadway-Musical, erworben und wollte ihn tatsächlich mit Gene Kelly verfilmen und diesen dafür von MGM ausleihen – und schon damals sollte Rita Hayworth mitmachen, die gerade zum größten Columbia-Star bis dahin avancierte und eine exzellente Tänzerin war. Selbstverständlich sollte sie in diesen jungen Jahren die Linda spielen, nicht die Vera. Allerdings wurde dann auch Kelly zum Superstar und die MGM wollte ihn nicht mehr an andere Studios verleihen. Zudem gab es Probleme damit, das frivole Bühnenstück so zu verfilmen, dass es den Production Code einhielt.

1957 war es dann so weit. Ursprünglich waren für die Rolle der Vera andere, wesentlich ältere Schauspielerinnen als Rita Hayworth vorgesehen, u. a. Marlene Dietrich und sogar Mae West. Hayworth war drei Jahre jünger als Frank Sinatra. Aber dessen Rolle als Pal Joey haben wir auch nicht so interpretiert, dass dieser unbedingt altermäßig unterhalb seiner jung verwitweten Mäzenin angesiedelt sein muss, sondern dass er durchaus ein langjährig aktiver Haudegen im Showgeschäft ist, wie in der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit konnte das Publikum bei der Showgröße Sinatra ohnehin kaum ausblenden.

Regie sollte ursprünglich Billy Wilder führen. Bei allem, was Billy Wilder an Genres auf höchstem Niveau inszenieren konnte – als Musical-Regisseur ist er nicht in Erscheinung getreten und George Sidney erschien uns nach dem Ansehen des Films als die richtige Wahl. Mit seinem „The Tender Trap“ (1955), der bei MGM erschien und kein Musikfilm, sondern eine beschwingte Komödie über einen New Yorker Single war, der aber selbstverständlich im Showgeschäft arbeitete, wurde Sinatras tatsächliches Image als Frauenheld und früheres Teenie-Idol erstmalig konsequent filmisch ausgeschlachtet, nachdem er in den 1940ern noch mehr der Sidekick für reine Kinostars wie eben Gene Kelly war (im erwähnten „Anchors Aweigh“ und vor allem in „On the Town“, dem schwungvollen New York-Musical von 1949). Nach seinem legendären Comeback spielte er zunächst ernste Rollen (in „From Here to Eternity“, 1953 als von Vorgesetzten schikanierter Soldat am Vorabend des Zweiten Weltkrieges (Nebendarsteller-Oscar) und in „The Man with the Golden Arm“, 1955, dem ersten Film, der einen Heroinabhängigen als Hauptfigur zeigt, und wie er seine Sucht unter großen Qualen überwindet, Nominierung für den Hauptdarsteller-Oscar).

Dass ein schmächtiges Bürschchen wie Sinatra einen solchen Schlag bei Frauen hatte, ist geradezu beruhigend und seine spektakulären Eroberungen, wie jene der damals als eine der schönsten Frauen Hollywoods geltenden Ava Gardner oder später von Mia Farrow, die jünger war als seine Filmpartnerin Kim Novak in „Pal Joey“, mit der er letztlich von dannen zieht, macht seine Rolle per se glaubwürdig. Und er spielt sie tatsächlich wie ein cooler Entertainer, genau als der Mann, der er tatsächlich war. Er hatte bewiesen, dass er ganz andere Figuren interpretieren konnte und es sich sozusagen verdient, nun sich selbst geben zu dürfen, ohne deswegen als schauspielerisch ähnlich limitiert zu gelten wie Genrehelden, die immer nur ihr eigenes Ego auf die Leinwand brachten (wie etwa John Wayne mit seinen überlebensgroßen Western-Charakteren, der nicht nur figürlich, sondern auch politisch ein Opponent von Demokrat und Kennedy-Mann Frank Sinatra war).

Nach „Pal Joey“ kehrte Sinatra auch erst einmal zum Drama zurück und spielte wieder einen einfachen Soldaten, einen Heimkehrer, in „Some Came Running“ (1958) und wieder bei MGM.

Am meisten hat uns an „Pal Joey“, im Vergleich mit anderen Musicals der 1950er die Frivolität des Films erstaunt. In der Tat, in den 1940ern wäre die Verfilmung kaum möglich gewesen. Unter der Flagge des konservativen Studios MGM vielleicht nicht einmal 1957. Doch die Columbia war nicht nur für den rauen Umgangston bekannt, den Boss Harry Cohn seinen Stars gegenüber pflegte (weshalb Ausleihen von in irgendeiner Form aufmüpfigen Vertragsschauspielern an die Columbia seitens der ganz großen Studios oft als Sanktionen interpretiert wurden), sondern auch dafür, dass man sich hin und wieder etwas mehr erlaubte.

Wir haben noch nie einen Film aus der Zeit bis 1957 gesehen, in dem fast jeder Satz eine sexuelle und nach heutigen Maßstäben zwar nicht offene, aber eindeutige Anspielung darstellt – im Verlauf des Films verliert sich dieses Element etwas und die Romanze zwischen Joey und Linda tritt in den Vordergrund, aber insgesamt ist die Sprache gepfeffert und man hat das in der deutsche Synchronisation auch in etwa beibehalten, was ebenfalls nicht selbstverständlich war, in dieser konservativen Zeit. Die Geschichte von dem Mann, der sich von einer reichen Frau emanzipiert, ist nicht gerade neu, Ähnliches gab es im Künstlermilieu beispielsweise schon in „Ein Amerikaner in Paris“ (1951) und in der Hollywoodgeschichte. Die Liebe siegt eben gegenüber dem Geld, und mag’s auch noch so unehrlich sein, es wirkt charmant, wenn es so flüssig inszeniert ist wie hier und von Stars getragen wird, die ihre Rollen ausfüllen. Kim Novak wird immer ein wenig von der Kritik gebasht, und mit Frank Sinatra und Rita Hayworth konnte sie sicher nicht ganz mithalten, aber sie macht ihre Sache gut, schließlich spielt sie eine Unschuld vom Lande und keinen Zirkusgaul, dem das Showbusiness sitzt wie einer der Maßanzüge, die Sinatra trägt und die seine Figur ein wenig aufpolstern. Schön wird auch die Stadt San Francisco im Film verwendet, die Barbary Coast, die ein wenig Sankt-Pauli-Feeling vermittelt und die pittoreske Topografie mit der Bucht und dem Golden Gate werden verwendet. Das Musical-Original spielt übrigens in Chicago.

Ein großes Plus des Films ist der Einbau hervorragender Songs wie „Bewitched und Bewildered“ und „My Funny Valentine“, die nicht für das als Vorlage dienende Bühnenmusical verwendet wurden, weil sie nicht von Lorenz Hart und Richard Rodgers stammten, welche das Musical verfassten. Die Zahl der Bühnennummern wurde für den Film fast auf die Hälfte gekürzt und vier Songs sind in der Show nicht zu  hören gewesen. Auch aus dieser Verfahrensweise erklärt sich, dass dies kein Tanzfilm mehr ist, sondern auf Sinatra als Sänger zugeschnitten. Er konnte allerdings auch steppen, wie man in den Filmen mit Gene Kelly sieht. Viele Kinostars hatten damals eine heute beinahe abenteuerlich amutende Komplettausbildung, wenn auch mit unterschiedlicher Akzentuierung; so sangen etwa die überwiegend als Tänzer bekannten Fred Astaire und Gene Kelly die Songs in ihren Musicals selbst, obwohl sie beide keine Stimmwunder sind.

Für Kim Novak hatte das Spiel in „Pal Joey“ und in San Francisco Nachwirkungen. Möglicherweise hat Alfred Hitchcock sie aufgrund dieses Films für ihre wohl schönste und anspruchsvollste Rolle in „Vertigo“ (1958) engagiert, der ebenfalls in Frisco angesiedelt ist und in dem die Stadt noch schöner ins Bild gesetzt wird, und etwas wie einen Eigenpersönlichkeit gewinnt.

Finale

Sprachlich mag der Film schlüpfrig sein, aber am Ende stimmt die Moral. Damit es nicht zu viele Irritationen gibt, hat man aus der im Bühnenstück verheirateten Vera eine Witwe gemacht und Joey und Linda am Ende ein Paar werden lassen, auch diese klassische Hollywood-Wendung gibt es in der Vorlage nicht. Die Dialoge sind aber nicht nur anspielungsreich, sondern auch witzig, in der deutschen Übersetzung finden sich einige Redewendungen, von denen wir nicht vermutet hätten, dass sie 1957 schon in Gebrauch waren. Eine kleine Szene mit Joey und dem Hund, die zu den nicht ganz stubenreinen gehört, hat man in der von uns gesehenen Version wieder eingefügt oder sie war in der französischen Variante des Films, die auf ARTE immer zeitgleich mit der deutschen ausgestrahlt wird, ohnehin enthalten und ist zu bemerken an der fehlenden Übersetzung. Der kleine, weiße Yorkshire-Terrier hat vielleicht eine etwas undankbare Rolle, aber er ist im Finale dabei.

74/100

© 2021, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie George Sidney
Drehbuch Dorothy Kingsley
Produktion Fred Kohlmar
Musik Richard Rodgers,
Lorenz Hart,
George Duning
Kamera Harold Lipstein
Schnitt Viola Lawrence,
Jerome Thoms
Besetzung

 

 

 

 

 

 

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